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Autor: Oliver Demont
Freitag, 07. Juli 2017

lch mochte die Frau bereits als Bub in den 80ern. Die Sendungen, in denen sie ihre Auftritte hatte, trugen Namen wie Melodien für Millionen oder Die Stargala. Adrett gekleidet stand sie jeweils mit ihrer teer-schwarzen Playmobil-Frisur auf der Bühne, führte das Kabelmikrofon an ihren Mund heran und legte los. Zeigte die Kamera einzig ihr Gesicht, konnte ich sehen, was ich zuvor bei einem Menschen so noch nie gesehen hatte: wie weit sich ein Mund öffnen lässt.

Meine Erinnerungen an die Momente, als Mireille Mathieu im Fernsehen Hinter den Kulissen von Paris oder An einem Sonntag in Avignon sang, sind schön. Vielleicht auch, weil meine Mutter wirklich immer spontan mitsang und sich im Fernsehzimmer eine Fröhlichkeit ausbreitete, die selbst dann anhielt, wenn sie Bügelarbeit verrichtete.

In meinen Jugendjahren verschwand Mireille aus meinem Gedächtnis. Als junger Erwachsener war mir klar, dass ihre Musik nicht mit dem Geschmack vereinbar war, den ich anstrebte. Ich kaufte trotzdem eine CD mit ihren grössten Hits.

Zehn Jahre später sitze ich mit meiner Mutter im Friedrichstadt-Palast in Berlin-Mitte und warte. Das Licht geht aus, der Scheinwerferkegel setzt ein, und da steht sie: Mireille Mathieu, inzwischen 68 Jahre alt, sonst aber alles wie immer. In den kommenden zwei Stunden wird sie auf Schuhen mit hohen Absätzen von Bühnenrand zu Bühnenrand gehen, dabei ihre Schlager singen und nach jedem Stück so viele Blumen entgegennehmen, dass ein Assistent diese hinter die Bühne bringen muss. Auch wird sie drei Mal an diesem Abend ihr Kleid wechseln, sich höflich und wiederkehrend beim Publikum für das Kommen bedanken und eines ihrer Lieder in acht Sprachen interpretieren.

Ein Konzert von Mireille Mathieu besuchen, das ist eine Reise in die frühe TV-Unterhaltungsindustrie und die Befriedigung der Sehnsucht nach Ländern und ihren Kulturen, die im damaligen Europa nicht zum Spottpreis angeflogen werden konnten. Im Falle von Mireille Mathieu ist es aber auch eine letzte Möglichkeit, einem Star alter Schule bei der Arbeit zuzuschauen. Vor einigen Jahren begleitete ein Journalist Mireille Mathieu bei einem ihrer Fernsehauftritte in die Künstlergarderobe. Nach dem Auftritt in der ersten Hälfte der Show musste sie dort deren Ende abwarten, um am Schluss nochmals vor die Kamera zu treten. Als der Journalist sie nach einer Stunde Wartezeit fragte, warum sie sich partout nicht setzen wolle, antwortete sie: «Weil ich nicht möchte, dass mein Kleid zerknittert.» Mehr Haltung geht nicht.