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Autor: Oliver Demont
Freitag, 07. Juli 2017

Eine Mehrheit in der Schweiz glaubt, dass, wenn durch eine aufgestochene Nespressokapsel warmes Wasser sickert, unten Espresso in die Tasse tropft. Für ein Land, in dem seit 89 Jahren eine Manufaktur steht, die laut New York Times die beste Espressomaschine auf der ganzen Welt produziert, ist das natürlich ein bisschen traurig.

Wobei wir bereits beim Problem sind: Entscheidend bei der Zubereitung des maximal 30 Milliliter umfassenden Heissgetränks ist, dass der richtige Kaffee auf die richtige Maschine trifft. Letztere muss fähig sein, den frisch gemahlenen Bohnen mit viel Druck die idealen Extrakte und eine haselnussbraune Crema abzuringen. In ihrer Anlage ist eine kapselverarbeitende Plastikmaschine jedoch unfähig, einen halbwegs anständigen Druck zu erzeugen. Das Resultat: ein warmes Mokka-Wässerchen mit hellbeigem Schaumteppich, das im Schweizer Volksmund als Espresso durchgeht. Aber auch wenn dieses Erzeugnis einem Espresso überraschend nahekommt – es hat bis auf den gemeinsamen Inhaltsstoff wenig mit dem Original gemein.

Was tun? Versuche, sich dieser speziellen Form der Kaffeezubereitung eingehend zu widmen, sind aufwendig. Nur schon die Anschaffung von tauglichem Material wie Maschine und Mühle kann gut und gerne einige tausend Franken kosten. Und selbst damit ist die Möglichkeit des Scheiterns gross. Auch wenn das Laien nicht glauben mögen: Das Wissen, das man benötigt, um einen perfekten Espresso zu schaffen, ist schier endlos. Röstgrad, Mahlgrad, Pulvermenge, Pressung, Wassertemperatur, Wasserhärte, Durchlaufzeit, Pumpendruck – alles steht in Interaktion miteinander. Ein Absolvent der exklusiven Slow-Food-Universität im Piemont und profunder Kenner der italienischen Feinkost sagte einmal voller Demut: «Wenn ich einen Espresso trinke, dann muss er perfekt sein. Allerdings bilde ich mir nicht ein, meinen Ansprüchen gerecht werden zu können – nicht einmal mit der Hilfe der besten Maschine.»

Darum nochmals die Frage: Was tun? Mit dem Zug erreichen Sie ab Zürich oder Bern in nur dreieinhalb Stunden das Espresso-Epizentrum Mailand, wo das Getränk zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfunden wurde. Im Stehen an der Bar konsumiert, kostet er 1 Euro.