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Autor: David Sarasin
Freitag, 07. Juli 2017

Es gibt diesen Spruch: «Kennst du Olten?» – «Aber klar doch, da bin ich auch schon durchgefah­ren.» Das Klischee ist bekannt, es hat aber einen wahren Kern: Olten ist eine Durchfahrtsstadt. Vielleicht die typischste aller Schweizer Durchfahrtsstädte. Rund 300 000 Menschen rollen täglich in 1100 Zügen durch Olten. «Früecher hets öppis golte, Olte / Hüt wott niemer meh holte in Olte» singen Stiller Has in Walliselle. Und es stimmt schon: Man kennt Olten zwar aus Staumeldungen oder Bahnhofsdurchsagen, von Autobahnschildern oder aus Witzen, nur eben aussteigen tut hier niemand.

Sollte man aber. Und tat ich erst kürzlich wieder. Warum? fragen Freunde erstaunt. Weil Olten eine schmucke Alt­stadt hat. Weil die Autoren Alex Capus und Pedro Lenz hier im «Flügelrad» wirten. Und weil sich im gefühlten Zentrum der Schweiz, je 30 Minuten von Bern, Basel und Zürich entfernt, leicht jene unaufgeregte Kleinstadt­atmosphäre finden lässt, die in Ortschaften in der Agglo­meration zu verschwinden droht. Olten ist eben noch bei sich, könnte man sagen.

Typisch zu sehen eben am «Rathskeller» inmitten der Altstadt, nur 10 Minuten vom Bahnhof entfernt. «Hier treffen Politiker auf Junkies, Direktorinnen auf Bauarbei­ter», erklärt einer am Stammtisch, als ich mich alleine danebensetze. Der Schriftsteller Alex Capus sagte: «Wer zwei Abende im ‹Rathskeller› verbringt und sich nicht allzu dumm anstellt, ist danach ein Oltner.» Eine Offen­heit, falls sie denn so stimmt, die zumindest in den Zür­cher Bars etwa so unvorstellbar ist wie Zwingli an einer Schaumparty. Als Grund für diese Oltner Eigenart nann­te Capus den fehlenden Standesdünkel der Oltner. Die Ortschaft war einst die Untertanenstadt Solothurns.

Das Heterogene, das Bescheidene, das Undünkelhafte, es sind die stärksten Trümpfe dieser Provinzstadt. Der Oltener «Chöbu» hält sie alle in der Hinterhand, ohne damit anzugeben. Bei einem grossen Drei Tannen und einem Hamburger im Stübli lässt sich das alles mit Blick auf die Aare genüsslich erleben. Und natürlich gibt es hier in diesem dunklen, mit allerlei altertümlichen Waf­fen und Wimpeln behangenen Lokal auch noch ein grosszügiges Fumoir. Man sollte sich für den Olten­ Besuch deshalb schon etwas Zeit einplanen, und wer weiss, vielleicht wird man irgendwann wirklich zum Oltner. Oder zumindest ein Ehrenbürger Oltens. Ich für mich würde es mir wünschen.