Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Freitag, 18. März 2016

Station VII

Heute morgen fuhr ich am Haus vorbei, in dem ich meine grosse Liebe kennenlernte. Nur dass da jetzt kein Haus mehr ist, sondern ein Loch. Lange Zeit lag da nur Brachland. Jetzt hebt man das Fundament aus für ein neues Gebäude, den Dimensionen nach zu schliessen wird es etwas Grosses.

Man sagt, heutzutage sei Liebe nicht mehr, was sie einmal gewesen ist. Einst ein Garten für Romantiker, sei sie heute ein Marktplatz, auf dem wir Individualisten unsere Vorzüge feilbieten, dabei dem gnadenlosen Wettbewerb ausgesetzt. Die sozialen Medien haben nicht nur unseren Aktionsradius unendlich erweitert, sondern damit auch die Konkurrenz. Die Frage ist, ob das die Liebe selbst verändert. Oder nur die Bedingung ihrer Möglichkeit.

Mit 24 Jahren lernte ich in dem grossen Haus meine grosse Liebe kennen. Im Haus wohnten Musiker, Künstler und Taugenichtse, und es war immer voller Menschen. Ich war gerade zum ersten Mal von einem Mann, nennen wir ihn Z, verlassen worden, mit dem ich mein Leben hatte verbringen wollen. Ein Jahr lang durch einen Sumpf des Unglücks, und als ich in dem Haus zu verkehren begann, hatte ich mich gerade erst aufgerappelt. Ich war voller Angst und Zweifel an der Liebe, aber ich konnte mich nicht dagegen wehren.

Ich hatte kein konkretes Ziel, was ich vom Leben wollte. Nicht unbedingt einen Mann, nicht unbedingt Kinder. Liebe macht verletzlich, und ich wollte nicht wieder verletzt werden. Aber ich wollte lieben. An der Uni studierte ich Philosophie und deutsche Literatur, und ich lernte, dass Liebe als Passion, diese grossartige Erfindung der bürgerlichen Romantik, nur im Defizit ihren Ausdruck findet. Wenn das Objekt der Liebe abwesend oder unerreichbar ist, artikuliert der Liebende stammelnd Worte für seine Gefühle. Das sind meine Aufzeichnungen aus dieser Zeit.

«Ich komme eben zurück aus New York und realisiere, was im letzten Jahr passiert ist. Jetzt ist es so leicht, ohne Z zu sein. Vor einem Jahr noch graute mir allein vor der Vorstellung, und dieses Grauen habe ich gelebt. Jeden Tag, jede Minute, jeden Atemzug. Ich fürchtete nichts mehr, als dass er mir gleichgültig werden würde, auch wenn das das einzige Heilmittel gegen meinen Schmerz gewesen wäre.»

«Heute war ein wunderbarer Maitag. Ich war bei X in der WG. Oder besser im Garten. Von den Jungs hat niemand Lust, sich um Gemüse und Unkraut zu kümmern, also tue ich das. Ich habe Tomaten und Zucchetti gepflanzt. Die Sonne schien am wolkigen Himmel, und die Wärme drückte etwas. Nach dem Mittagessen half ich X, sein Zimmer zu streichen. Ich muss immer wieder lachen, wenn er in meiner Nähe ist, scheinbar grundlos. Ich frage mich, was die Leute von mir denken. Und auch den Garten pflege ich vor allem, um einen Vorwand zu haben, X sehen zu können. Er ist komisch, reserviert. Ich weiss nicht, was er von mir will.»

«Heute ging es im Kant-Seminar um Lust und Unlust. Und ich kann nur an meine eigene, persönliche Lust denken. Wie erniedrigend. Wieso kann ich mich nicht mit wichtigeren Fragen beschäftigen, als wen ich küssen und mit wem ich ins Bett möchte und wie das sein würde, ob gut oder schlecht oder komisch, und wie das dann weitergehen würde und wie es enden würde und wo ich dann wieder stehen würde. Am selben Punkt. Und ich will ja gar nicht. Ich nehme an, dass ich verloren bin. Denn obschon ich die verheerenden Mechanismen meiner verräterischen Psyche eingesehen habe, kann ich mich nicht dagegen wehren.»

«Warten. Noch eine Zigarette rauchen und warten, dass X anruft. Der Grosse, Ewigabwesende. Wenn ich nicht wüsste, dass all die Worte, die ich gerne schreiben würde, schon in meinen früheren Tagebüchern stehen, dann würde ich mich jetzt darüber auslassen, wie hübsch er ist und was mich an ihm fasziniert. Aber es führt zu nichts. Habe ich nicht immer so empfunden, wenn ich verliebt war? Und war es nicht immer ein Trugschluss, eine Art Wahnsinn? Wäre es nicht klüger, es einfach sein zu lassen? Aber ich kann nicht. Ich kann nichts tun, ausser ihm einen weiteren Brief zu schreiben und mich lächerlich zu machen.»

«Gestern war ich bei X, das Haus war voll. Wir arbeiteten, strichen, polierten Böden, wir rauchten und tranken, und irgendwann kochten wir etwas, und es tauchten noch mehr Freunde auf, und wir sprachen natürlich über das Haus und wie genial das Ganze sei, und wir hörten Musik, in diesem Haus wird immer Musik gehört. Wir assen und rauchten und redeten und hörten Musik. Um etwa 23 Uhr hatte ich genug und wollte gehen. Ich ging in die Küche, um meine Sachen zu holen, und X kam zu mir. Ich sagte ihm: ‹Ich gehe jetzt.› Er sagte nichts. Ich fragte ihn, ob er mitkommen wolle. Fehler. Er sagte Nein, aber er tat etwas Seltsames. Er legte mir mit ausgestrecktem Arm die Hand auf den Kopf. Die Geste kam unerwartet und war komisch. Ich fühlte mich kontrolliert. Da zog er seine Hand zurück. Was war das? Ein Versuch? Ich reagierte wie immer und versuchte so zu tun, als ob nichts wäre. ‹Also, ich geh dann›, sagte ich und blickte ebenfalls weg, und schliesslich küssten wir uns zum Abschied auf den Mund. Er hat weiche Lippen. Ich ging ins Wohnzimmer, um mich von den andern zu verabschieden, und ich dachte, alle müssten mir alles ansehen können. Ich muss knallrot gewesen sein, aber wieder tat ich, als ob nichts wäre.»

«Also, ich geh dann», sagte ich und blickte ebenfalls weg, und schliesslich küssten wir uns zum Abschied auf den Mund.

«Was immer Liebe ist, sie macht einen lächerlich. Man richtet seine Aufmerksamkeit auf einen Mittelpunkt, den es doch gar nicht gibt: Wie und wann sehe ich ihn wieder?

Hat er die Hand nur aus Mitleid mit mir ausgestreckt, weil ich in seinen Augen rettungslos in ihn verliebt, also verloren bin? War er einfach nett, und es steckt nichts dahinter? Soll ich ihn zum Essen einladen? Warum ruft er nicht an? Sehe ich ihn heute? Oder morgen? All diese Fragen. Und dann tue ich nichts von dem, was ich tun möchte, versuche im Gegenteil mich zu distanzieren, um ihm die Gelegenheit zu geben, auf mich zuzukommen. Wie hätte ich reagieren sollen, als er mich berührte? Ich tat einfach nichts und sah ihn an. Dann lief ich davon. Gestern lief ich ebenfalls davon. Was hätte ich tun sollen? Ihn ebenfalls berühren? Nichts ist schrecklicher als die Vorstellung, ich könnte jemandem lästig sein. Aber ich will, ich muss, ich kann nicht anders. Eine lächerliche Figur.»

«Ich bin in den Bergen mit X. Die Zeit ist unbestimmt, es stehen ein paar Wolken am Himmel, es könnte Mittag sein. Wir könnten mit unseren Fahrrädern zum See hinauffahren, X könnte zur Tür hereinkommen, und wir könnten Sex haben, ich könnte dabei schwanger werden, oder wir könnten auch zu Mittag essen. Oder nichts von alledem, alles könnte auch erst morgen geschehen, oder morgen könnte es auch regnen. Wieso macht einem der Verlauf der Zeit Angst? Alles ist vergänglich, auch die Liebe.»

«Ich finde keine Worte für das, was ich mit X habe. Oftmals schweigen wir uns einfach an. Wir schlafen zusammen, und dann liegen wir da und sehen uns an, ab und zu lacht der eine oder andere, lächelt, wir küssen uns und schweigen. Gestern jedoch brachte ich nach langem Schweigen drei Worte zusammen. ‹Liebe ist seltsam›, sagte ich. Ich erwog, ihn zu fragen, ob er glaube, im Paradies sei es auch so schön. Dann fragte ich mich, wie man in dieser Welt überhaupt auf so einen Gedanken kommen könne. Eben. Liebe ist seltsam.»

Irgendwann mussten alle aus dem grossen Haus ausziehen, dann wurde es abgerissen, und lange Zeit passierte nichts auf diesem Stück Land. Ich zog mit X zusammen. Bis dahin war die Liebe die grosse Frage meines Lebens gewesen, die mich vorantrieb und an der ich litt, weil ich keine Antwort hatte. Sie war eine kosmische Kraft, mit der sich nicht diskutieren liess. In X fand ich meine Antwort. In dieser Zeit hörte ich auf, Tagebuch zu schreiben. Der Raum, in dem ich die Liebe zu ergründen versucht hatte, in dem ich Passion, Rausch und Verzweiflung gelebt hatte, füllte sich an mit gelebten Erfahrungen. Das gemeinsame Erwachen am Morgen, Pläne für den Alltag und Pläne für die Zukunft schmieden, einander pflegen, wenn man krank ist, streiten, sich versöhnen, die Liebe neu definieren. Wir gründeten eine Familie, wir lebten uns auseinander, wir trennten uns. Die Liebe ist immer noch da, aber sie ist eine andere geworden.

Das ist die der Liebe eigene Dramaturgie. Sosehr sich das Verhalten bei der Partnersuche, die Bereitschaft, sich zu binden, die Erwartungen aneinander sich in den letzten Dekaden verändert haben, die Dramaturgie der Liebe bleibt gleich. Die grossen Gefühle, die jeder Verliebte kennt, verwandeln sich. Mancher leidet daran, dass er nicht mehr so empfindet, und sehnt sich zurück. Dabei liegt die wahre Schönheit der Liebe darin, sie zu verschenken.

«Wie Flipperkugeln werden wir auf eine Reise geschickt, von der wir höchstens wissen, dass sie enden wird. Doch wozu? Ich wähle Worte aus und versuche das, was mir durch die Hände fliesst wie Sand, zu fassen, ihm einen Namen zu geben. Ich gebe ihm den Namen dessen, den ich liebe.»

Die Autorin Michèle Binswanger hat in Basel Philosophie und Germanistik studiert und arbeitet zurzeit für den Tages-Anzeiger. 2010 wurde sie als Journalistin des Jahres ausgezeichnet.