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Autorin: Maria Becker
Freitag, 18. März 2016

Station I

Jüdische Friedhöfe haben Ewigkeitsanspruch, ihre Gräber dürfen nicht geräumt werden. Das Alter dieser Friedhöfe bringt es mit sich, dass der Besucher auf eine faszinierende Ansammlung von Grabsteinsymbolen trifft. So sind auf alten Gräbern Kannen, Bienen, Mohnkapseln zu sehen, oder aber zwei Hände mit gespreizten Fingern. Letztere sind ein Hinweis darauf, dass es sich um ein Priestergrab handeln muss. Die Hände zeigen den Segen, den der Tote über die Lebenden – und somit auch über den Besucher am Grab – spricht.

Das Motiv der Hände beschränkt sich nicht auf die jüdische oder christliche Geschichte. Als wichtigstes Organ des Menschen zum «Verrichten äusserer Werke» ist die Hand in fast allen Mythen und Religionen präsent. Sie heilt, sie zerstört und sie berührt – und schafft dadurch Nähe. In einigen semitischen Sprachen bezeichnet das Wort für «Hand» auch «Macht». Vom Segen der Hände am Priestergrab geht somit auch Macht aus, ebenso wie von der Hand, die weist, oder der Hand, die ins Leben ruft.

Eines der bekanntesten Motive des Christentums ist die Hand des Schöpfers. Sie symbolisiert nichts weniger als die Erschaffung der Welt durch Gott und ist deshalb auch oft in Paradiesdarstellungen zu finden. Für die Kirchenväter war die Hand das Zeichen des inkarnierten «Logos», des ordnenden Geistes. Durch diesen wurden die Erde, die Tiere und die Menschen erschaffen, «ein jedes nach seiner Art», wie das Buch Genesis erzählt.

Auch die strafende Hand Gottes ist im Paradies gegenwärtig. Adam und Eva werden durch sie vertrieben, und die Schlange vom Baum der Erkenntnis steht von da an unter dem Fluch Gottes. Von der Hand Gottes geht somit eine unwiderrufliche Macht aus: Sie teilt die Wellen des Roten Meeres und zeigt Abraham an, dass er Isaak nicht töten soll. Eines der unheimlichsten biblischen Bilder ist die schreibende Hand im Palast des babylonischen Königs Belsazar. Sie kündet die Zerstörung seines Reiches an – und den Tod des Herrschers. Das Menetekel ist seither zum Inbegriff eines drohenden Untergangs geworden.

Die Darstellung der Schöpferhand und des Segens findet sich in vielen Religionen. Es gibt aber auch ein Handmotiv, das ausschliesslich der christlichen Symbolik vorbehalten ist: die stigmatisierte Hand. Seinen Ursprung hat es in den Wunden des gekreuzigten Christus und stammt aus der neutestamentlichen Zeit. Die Stigmata, also die Nagelmale an den Händen und Füssen Christi und in gewissem Sinn auch die Seitenwunde, stehen für das Leiden. Die Wundmale sind aber auch ein Zeichen des Auserwähltseins. So werden sie in einem Brief des Apostels Paulus als Merkmal Christi gedeutet. Aber erst im Heiligenkult des Mittelalters hatte das Stigma als Symbol seinen grossen Moment. So soll Franz von Assisi der erste gewesen sein, an dessen Händen und Füssen Stigmata auftraten. Die Wundmale stehen fortan für Gottesnähe.

Nicht von jeher wurden die Stigmata positiv – also als eine göttliche Auserwählung – gedeutet. So bezeichnete das aus dem Griechischen kommende Wort «Stigma» in der Antike eine Markierung, die in die Stirn oder die Hand geschnitten oder aufgebrannt wurde. Es war ein Zeichen, das den Träger in einem negativen Sinne auswies: als Person, die wegen Verrats oder Verbrechen bestraft worden war, oder als Sklave. Die Menschen wurden dadurch rituell für unrein erklärt und für ihre Umgebung kenntlich gemacht. Der ursprüngliche Sinn des Wortes «Stigma» kommt dem sehr nahe, was wir heute umgangssprachlich als «Stigmatisierung» betrachten: Krankheit, Behinderung, Armut. Auch Flüchtlinge führen das Wort sehr präzise an seinen Ursprung zurück: Viele von ihnen weisen Merkmale von Stigmatisierung – körperlich wie gesellschaftlich – auf.

Auch die Stigmata am Leib Christi waren ursprünglich ein Zeichen der Bestrafung. Dass sie als Zeichen der Passion zum Inbegriff des Auserwähltseins werden konnten, verdankt sich einer ganz neuen Interpretation durch das Ostergeschehen: Das Leiden war der Weg zum Heil und zur Auferstehung. Stigmatisierte Heilige trugen ihre Wunden als Zeichen göttlicher Gnade. Durch Gebet, Askese oder tätige Nächstenliebe waren sie in den Stand der Gnade gelangt und manchmal auch fähig, das Wunder, das ihnen geschehen war, an andere Personen weiterzugeben und selber Wunder zu wirken.

Das Stigma war also in der christlichen Überlieferung vom Zeichen der Strafe zum Merkmal der Gnade geworden. Diese Deutung existiert bis heute.

Die Flüchtlinge führen das Wort «Stigma» präzise an seinen Ursprung zurück: Viele weisen Merkmale von Stigmatisierung – körperlich wie gesellschaftlich – auf.

Mit dem erweiterten Kunstbegriff der 1960er und 70er Jahre inszenierten Künstlerinnen und Künstler wie Marina Abramović, Günter Brus und Valie Export ihren Körper in der Öffentlichkeit, um seine Verletzbarkeit und Verfügbarkeit zu demonstrieren.

So zerschnitt Export ihre Finger mit einem Teppichmesser, um Verletzungen ihrer Kindheit sichtbar zu machen. Ihren Schmerz beschrieb sie danach als «Energie des Widerstands». Die französische Künstlerin Orlan wiederum setzte ihr Gesicht unzähligen Operationen aus und verwies damit auf die Verfügbarkeit des Körpers als Material. Und Regina José Galindo, eine Künstlerin aus Guatemala, ritzte sich 2005 das Schimpfwort «Perra», Hündin, in die Haut, um die sexuelle Gewalt in ihrer Heimat zum Ausdruck zu bringen.

In der Verwundbarkeit des Körpers wird die Bedürftigkeit nach Segen sichtbar. In dieser doppelten Bedeutung wird das Leiden zum Kennzeichen des Menschseins. So auch bei Abramović: Es ist ein Symbol der Strafe, erlittener Gewalt, aber auch ein Zeichen für Auserwähltheit. Die Künstlerin offenbart dadurch ihr Leiden an der Gesellschaft. Ihre Mission erinnert an das Märtyrertum der mittelalterlichen Heiligen, denn in der körperlichen Verwundbarkeit klingt auch eine Form des Segens an. In Abramovićs Deutung wird das Leiden somit zum Kennzeichen eines jeden Menschen. Es ist die Hand, die Nähe, Verletzung und Segen eint.

Maria Becker ist Kunsthistorikerin und Autorin. Sie lebt in Basel.