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Freitag, 18. März 2016

Station V

Meistens verläuft der European Song Contest, gelinde gesagt, ziemlich unspektakulär. 2014 war das anders. Dem Anblick der Siegerin Conchita Wurst auf der Bühne in Kopenhagen konnte sich kaum jemand entziehen. Sie war anders als andere Travestiefiguren. An ihr war nichts Aufgetakeltes, nichts von dem Parodistischen, das Dragqueens sonst oft an sich haben. Mit ihrem Körper wäre sie einfach als Frau durchgegangen, als sehr schöne sogar. Ihr sorgfältig getrimmter Bart setzte der Illusion geschlechtlicher Eindeutigkeit aber ein Ende – und erteilte heterosexuellem Begehren eine Absage. Menschenrechtlerinnen und Schwulenaktivisten feierten Wurst als Ikone eines säkularen, liberalen Westens. Russische Patriarchen und Evangelikale hingegen erkannten in Conchita, der Dragqueen aus dem österreichischen Salzkammergut, den Untergang des christlichen Abendlandes.

Wer nun die bärtige Frau für eine frivole Laune der Popkultur hält und «Gotteslästerung» schreit, der unterschätzt die Phantasie des mittelalterlichen Heiligenkosmos. Und zwar gründlich. Denn neben der heiligen Kümmernis, der bärtigen Frau am Kreuz, nimmt sich Conchita sogar recht harmlos aus.

Heute ist Kümmernis zwar fast vergessen, im 14. Jahrhundert aber war sie in ganz Mitteleuropa präsent. Besonders Frauen, die unglücklich verheiratet waren, wandten sich in schweren Stunden an sie. Ehefrauen, die männliche Gewalt zu erdulden hatten, spendete sie Trost, und denen, die keine Kinder kriegen konnten, schenkte sie Hoffnung. Doch auch Gefangenen, Soldaten und Menschen auf dem Sterbebett war sie eine Stütze.

Kümmernis war Kult, im wahrsten Sinne des Wortes, und dies, obwohl sie es nie in den Rang einer offiziellen katholischen Heiligen schaffte. Kümmernis-­Kreuze hingen an Klosterwänden in Tirol, man fand sie in den Nischen kleiner Kapellen in Bayern und in Oberitalien, rheinische Gebetbücher illustrierten ihren Tod. Im Wallis, im Fribourgischen, in Graubünden und der Zentralschweiz erinnerten Wandgemälde und Votivbilder in Kirchen an ihr Martyrium. Auch wenn sie am Kreuz nicht sonderlich zu leiden schien. Dazu später mehr.

Lange wurde sie von Rom geduldet, erst in den 1960er Jahren sagte der Vatikan der falschen Heiligen den Kampf an. Die Spuren des Kümmernis-Kultes sind heute aus den meisten katholischen Gotteshäusern und Klöstern getilgt, und unter den Protestanten hatte sie seit je einen schweren Stand.

Umso mehr erstaunt, dass Kümmernis bis heute auf der Südseite des Kirchturms der reformierten Kirche St. Arbogast in Oberwinterthur, unterhalb des Zifferblattes, auf einem Wandrelief prangt. Wer ihre Geschichte nicht kennt, könnte sie glatt für einen Mann halten, einen etwas seltsamen Jesus am Kreuz. Vielleicht hat ja genau diese Ähnlichkeit sie vor dem Bildersturm gerettet: Ihr Backenbart ist lang, der Körper im goldverzierten Gewand formlos.

Auch den Katholiken wurde Kümmernis irgendwann suspekt. Das zweite Vatikanische Konzil erklärte ihre Verehrung für ungültig.

Der aufrechte Rumpf, der am oberen Ende in ein gekröntes Haupt mündet, bildet mit den ausgestreckten Armen die Form eines Kreuzes, die Handflächen zeigen keine Spur von Verletzung. Nur die langen Haare sind Hinweis auf ihr weibliches Geschlecht.

Die Winterthurer Kümmernis kommt ziemlich androgyn daher, auf Darstellungen andernorts verleiht ihr dichtes Gesichtshaar etwas geradezu Tierisches. Manchmal aber beteten die Gläubigen zu einer Kümmernis, die schöner und weiblicher nicht sein könnte. Besonders reizvoll leidet sie etwa an einem Tiroler Holzkreuz aus dem 18. Jahrhundert in der Friedhofskapelle in Axams – ihre schmale Hüfte ist von einem goldenen Korsett umschlossen, ihr braunes lockiges Haar geschmückt, der Bart getrimmt, die niedergeschlagenen Augen sind geschlossen, ihr kleiner Mund ist in Verzückung leicht geöffnet. Die schmachtende Märtyrerin im Dirndl.

Doch wer war Kümmernis? Und was brachte sie ans Kreuz? Im Grunde genommen die Liebe, wenn auch keine gewöhnliche. Doch der Reihe nach. Die Legenden erzählen davon, dass Kümmernis die Tochter eines Heidenkönigs gewesen sei. Sie war ausserdem sehr schön, und so erstaunt es nicht, dass viele Männer um Kümmernis warben. Und es kam, wie es kommen musste: Eines Tages beschloss ihr Vater, sie mit einem Prinzen zu vermählen. Doch Kümmernis gefiel diese Vorstellung ganz und gar nicht, denn sie war heimliche Christin, und ihr Herz, das hatte sie längst einem anderen versprochen: Jesus alleine solle es gehören. Also betete sie zu Christus und flehte ihn an, er möge sie vor der Ehe verschonen. Jesus hörte ihre Bitten, und auf sein Geheiss wuchs Kümmernis ein Bart. Dieser liess sie männlich aussehen – und machte sie dadurch auch zum Ebenbild ihres Angebeteten. Wie zu erwarten, verging dem Prinzen beim Anblick der neuen Kümmernis die Lust. Er nahm Reissaus und ward nie mehr gesehen. Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende, denn der König erkannte am Bart den Glauben seiner Tochter. Und er wurde sehr zornig. Ihr Ungehorsam erzürnte ihn so sehr, dass er sich nicht anders zu helfen wusste, als Kümmernis, seine eigene Tochter, ans Kreuz zu nageln. Wenn sie schon Christin sei, so solle sie Christus auch gänzlich gleich werden. Wie ihr himmlischer Herr, so solle auch sie büssen, leiden und sterben. Und so starb Kümmernis am Kreuz. Ihr Ziel hatte sie aber doch erreicht: Der Bart rettete sie vor der Ehe mit dem Heiden, und im christusgleichen Tod gab sie sich Jesus Christus zur Frau.

Fortan war Kümmernis Kult. Doch obwohl sie vielerorts Verehrerinnen fand und vielen Frauen half, es hilft alles nichts: So schön ihre Geschichte ist, für Kunsthistoriker ist die gekreuzigte Frau ein Missverständnis. Die Figur der haarigen Heiligen entstand im 14. Jahrhundert, vermutlich durch die Verwechslung mit einer hochmittelalterlichen Christusdarstellung aus dem toskanischen Lucca, das sich als Motiv in ganz Europa verbreitete. Das hölzerne Kreuz zeigt Jesus als Sieger, er trägt das goldverzierte Gewand, das lange Haar und den Bart eines Hohepriesters. Sein Haupt ziert eine Krone, nur leicht neigt es sich zur Seite, in seinem offenen Blick keine Spur von Leiden. Jesus von Lucca schwebt als der Überwinder des Todes siegesgewiss vor dem Kreuz. Und dann eben dieses kleine Detail: Der Figur ist ein weiblicher Brustansatz zugefügt.

Die Legende einer Mannfrau, ein verweiblichter Jesus – was soll dieses heilige Gender-Bender? Im Wechsel von geschlechtlichen Merkmalen ein Zeichen für Gottesnähe zu erkennen ist uns heute doch ziemlich fremd geworden. Das Überschreiten irdischer Geschlechterordnungen war im Heiligenkosmos allerdings lange nichts Ungewöhnliches. In der allegorischen Sprache des Mittelalters war sie Ausdruck für die Überwindung aller Grenzen und Teilungen. Sie war ein Hinweis auf das ewige Sein in Jesus Christus, das schon Paulus im Brief an die Galater verkündete: «Es gibt weder Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr seid alle ‹einer› in Christus Jesus.»

So beschrieb die englische Mystikerin Juliana von Norwich in ihren «Offenbarungen der göttlichen Liebe» ihre Visionen von Jesus als Mutter. Juliana sehnte sich nach einer Verschmelzung mit dem Körper von Christus. In einer ekstatischen Schau drang sie über die offene Wunde an seiner Seite in seinen Körper ein. Juliana wurde so zum Bräutigam Christi.

Aber nicht nur für Juliana und Kümmernis war die «Vermännlichung» Endziel ihrer Askese. Auch der heiligen Paula von Avila und St. Galla aus Rom wuchsen einst Bärte, und der Körper der heiligen Agnes soll gar vollständig von langen Haaren überwuchert gewesen sein.

Bis ins 20. Jahrhundert blieb Kümmernis in katholischen Gegenden Europas Kult. Zeitweise soll sie dabei gar der Mutter Gottes den Platz im Herzen der Gläubigen streitig gemacht haben. Doch mit der Aufklärung begann das Denken in Allegorien mehr und mehr der Eindeutigkeit der Vernunft zu weichen, und auch den Katholiken wurde Kümmernis irgendwann suspekt. Das zweite Vatikanische Konzil erklärte ihre Verehrung 1963 für ungültig. Votivbilder mit ihrem Konterfei wurden zerstört, Wandgemälde übermalt, und ihre Statuen und Ölgemälde verschwanden in Abstellkammern und Klostergewölben. Als die Kunsthistorikerin Ilse Friesen in den 1990er Jahren die Geschichte der heiligen Kümmernis schrieb, glich ihre Recherche der Spurensuche einer Detektivin.

Und heute? Die katholische Kirche hat Kümmernis aus ihrem Universum verstossen, doch Sorgen um ihren Verbleib braucht man sich keine zu machen. Feministinnen und LGBTI-Aktivisten (lesbisch, schwul, bi-, trans-, intersexuell) haben sie in neuerer Zeit wiederentdeckt und mit offenen Armen in ihren Reihen empfangen. Heute ist sie Schutzpatronin für Menschen, die von einem Leben jenseits von gängigen Geschlechterordnungen träumen. Die Website einer amerikanischen Schwulen- und Lesbenorganisation führt sie als eine von fünfzehn «transvestite saints» auf. Kümmernis ist viel zu schön, als dass man sie einfach vergessen könnte. Conchita Wurst will sie freilich nicht gekannt haben.

Susanne Leuenberger ist Redaktorin bei bref.