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Freitag, 18. März 2016

Station II

Frida Kahlos Welt betrat ich 1997, in der Fondation Pierre Gianadda in Martigny. Dort sah ich zum ersten Mal überhaupt ihre Bilder im Original. Der Surrealist André Breton hatte ihre Bilder einmal «Bomben mit einer Schleife darum» genannt. Dabei malte Kahlo nicht aus Freude oder aus Begabung. Kahlo malte, um zu überleben.

Das, was sie auf Holz, Metall oder Hartfaserplatte brachte, war nicht Traum, sondern Wirklichkeit – und die war heftig. Der Schmerz bildete eine Konstante in ihrem Leben. Die Kinderlähmung liess sie seit ihrer Kindheit hinken. Dann, als Heranwachsende, der nächste Schicksalsschlag: ein Verkehrsunfall, der ihre Wirbelsäule so stark verletzte, dass sie sich zum lebenslangen Tragen von Korsetts gezwungen sah. Die Folgen des Unfalls waren ungeheure Schmerzen. Noch während ihrer Genesung begann sie zu malen.

Frida Kahlo war klug und traurig und schön. Sie schmückte ihr Haar mit Bändern, trug schweren, präkolumbianischen Schmuck und farbige, traditionelle Kleider. Sie kleide sich jeden Tag für das Paradies, soll sie einmal gesagt haben. Ihr Leiden und ihren Schmerz konnte sie dennoch nie unter den wallenden Kleidern verbergen.

Auf dem Bild «Die gebrochene Säule» von 1944 malte sie sich nackt mit aufgerissenem Thorax. In seinem Innern ihr verletztes Rückgrat, eine mehrfach gebrochene ionische Säule. Zusammengehalten wird der Körper von einem Stahlkorsett.

Du siehst diese Frau und möchtest ihre Tränen, ihren Körper, ihre Brüste berühren.

Ihr Körper ist eine klaffende Wunde, du möchtest sie mit deinen Händen schliessen.

Ihr Gesicht, ihre Arme, sogar das Tuch, das ihre Scham bedeckt, sind mit Nägeln gespickt. Einzeln möchtest du jeden davon aus ihrem Fleisch ziehen.

Aber ihr Blick weist dich ab und sagt dir: Ich bin zerbrochen. Für mich gibt es keine Erlösung, vielleicht nicht einmal mehr die Sehnsucht danach.

Im Alltag versuchte Kahlo die Blicke von ihrem Korsett, ihrem Bein, ihrer Versehrtheit abzulenken. In ihren Portraits legte sie dagegen alles offen. Sie zeigte ihr Leiden, ihre Ängste, ihre verzweifelte Liebe. In ihnen gibt es keine Zukunft, nur eine schmerzhafte Gegenwart. Schonungslos übertrug sie mit Pinseln, fein wie Wimpern, ihr Leid auf die Bildfläche. Lange vor dem Selfie hatte sich Frida Kahlo mit ihren Portraits in Selbstdarstellung geübt.

Kahlo ist Allgemeingut geworden, das sich in den Museumsshops bestens verkauft. Wahrscheinlich hätte sie über den Hype der Gringos gelacht.

Der bekannte Freskenmaler Diego Rivera erkannte Kahlos Talent, ihre Kraft, ihre Leidenschaft. Er bewunderte sie, ihm gehörte ihre ganze Liebe. Kahlo hatte die Heirat später als ihren zweiten grossen Unfall im Leben bezeichnet.

Nach der Trennung von Rivera malte sie sich mit abgeschnittenem Haar, Dornenhalsband und aufgerissenem Herzen.

Kahlo gelangen radikale Momentaufnahmen der Selbsterkenntnis. Dass sie sich darauf zutiefst verletzt und zerbrochen zeigt, macht sie schön. Es war ihr Pakt mit dem Leiden, dieses in Schönheit zu verwandeln.

Bereits zu Lebzeiten fand Kahlos Kunst Anerkennung. Nach ihrem Tod wurde sie zur Ikone der Frauenbewegung: Nie zuvor hatte eine Frau ihren Schmerz und ihre Gefühle so unerschrocken dargestellt.

Im neuen Jahrtausend gehört sie, die nur sich selbst gehörte, allen. Man begegnet ihr auf Kalenderblättern, auf Tassen, Kerzen, Zündholzschachteln. Kahlo ist Allgemeingut geworden, das sich in den Museumsshops dieser Welt bestens verkauft. Wahrscheinlich hätte sie über diesen Hype der Gringos gelacht.

Gegen Ende ihres Lebens liess sie auf ihren Bildern ihr markantes Gesicht mit den geschwungenen Brauen verschwinden. Zerklüftete Landschaften und Stillleben treten nun an seine Stelle. Nach der Amputation ihres rechten Fusses hatte sie keine Kraft mehr. Sie redet nicht vom Tod. Dafür hinterliess sie in ihrem Tagebuch diese Zeile: «Fröhlich warte ich darauf, das Haus zu verlassen, und hoffe, nie wiederzukommen.»

Wenig später starb Frida Kahlo. Sie wurde 47 Jahre alt.

Frida Kahlos Welt bleibt. Ihr sichtbar gewordener Schmerz, diese ungeheure Schönheit, lässt mich nicht mehr los.

Claudia Buhlmann ist Pfarrerin in der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Münchenbuchsee–Moosseedorf BE.