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Autor: Oliver Demont
Freitag, 01. November 2019

Herr Schenker, seit über einem Jahr gehen weltweit Millionen von Schülerinnen und Studenten für das Klima auf die Strasse. Wären Sie als Jugendlicher auch mitmarschiert?

Schwierige Frage. – Ich denke schon.

Sie zögern.

Ja. Demonstrationen und grosse Bewegungen sind nicht so meins. Als Jugendlicher engagierte ich mich im Jugendorchester und in der Pfarrei-Jugendgruppe, wo wir einiges auf die Beine stellten. Bei den Auseinandersetzungen um den Badener Kulturraum in den achtziger Jahren blieb ich aber lieber im Hintergrund. Ich griff jedoch oft zur Fotokamera und dokumentierte das Geschehen. ­Dabei sein und trotzdem Distanz wahren: das war meine Art, Sympathien für ein Anliegen auszudrücken. Die Klimajugend beobachte ich aber genau. Sie ist aussergewöhnlich.

Was ist an ihr speziell?

Sie will die Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen. Darin unterscheidet sie sich von früheren Bewegungen. Beim Globuskrawall 1968 und bei den Zürcher Jugendunruhen 1980 war die Botschaft: Nehmt unsere Kultur und unser Leben ernst. Die jungen Menschen forderten Jugendräume, kritisierten die Hochkultur und den Überwachungsstaat. Sie wiesen aber auch auf Missstände wie Drogenelend und Wohnungsnot hin. Es war eine Rebellion gegen die Vätergeneration und deren Werte. Anders die Klimajugend. Bei ihren Demonstrationen in Baden und im schottischen Küstenort Ullapool sah ich Grosseltern, die mit der Enkelgeneration für eine bessere Zukunft mitmarschierten.

Heute geht also die ganze Familie für ein Anliegen auf die Strasse?

Zumindest sind es längst nicht nur Jugendliche. Das hat auch mit dem Anliegen zu tun. Klimaschutz ist kein jugendspezifisches Thema, es interessiert alle. Das wissen wir mit Sicherheit seit den letzten Wahlen. Trotzdem ist es die Jugend, die seit einem Jahr auf die Strasse geht und sagt: Eure Ignoranz nehmen wir nicht mehr hin, es muss sich etwas ändern, sonst wird die Menschheit brutal dafür zahlen. Die Jugend ist in diesem Punkt vernünftiger als die Erwachsenen.

Greta Thunberg, Gründerin der Klimabewegung Fridays for Future, wird heftig im Internet verunglimpft, und auch die honorige Neue Zürcher Zeitung kritisiert sie ungewohnt scharf. Wie schafft es eine Jugendliche, zu solch einer Reizfigur zu werden?

Weil man an ihr nicht mehr vorbeikommt: Vom verloren dasitzenden Mädchen vor dem Parlament in Stockholm zur Rednerin vor dem Uno-Klimagipfel in New York, wo sie unmissverständlich forderte: «Tut endlich was!» Das junge Mädchen Greta aus dem Sommer 2018 konnte man noch belächeln. Bei der jungen Frau Greta Thunberg ein Jahr später geht das nicht mehr.

Man muss sie also ernst nehmen.

Genau. Und mit ihrer Beharrlichkeit, Eloquenz und all den Fridays-for-Future-Jugendlichen, die sich hinter ihr versammelt haben, ist sie schlicht zu relevant geworden, als dass sie die Politik und andere Entscheidungsträger ignorieren könnten. Die Erwachsenenwelt hat ein Stück weit die Kontrolle und Deutung über das Thema an eine 16jährige verloren. Das sorgt für Ärger, Wut und Häme. Nur so lassen sich Äusserungen wie die eines Rolf Knie verstehen. Bei Facebook nannte er sie «Greta Dummberg» und spottete über ihre Naivität.

Das Internet ist voll von Bildern, die Greta Thunberg als Heilige zeigen. Die Rede ist von einer Greta-Religion und Jünger, die ihr blind folgen. Warum wird dieser Vergleich gezogen?

Das ist tatsächlich seltsam, fordert doch die Bewegung etwas, was nicht das typische Merkmal von religiösen Bewegungen ist: sich auf Naturwissenschaft und Vernunft zu berufen. Greta glaubt an eine objektive Erkennbarkeit der Wahrheit durch die Wissenschaft. Sie kann nichts dafür, dass sie immer wieder wie eine Heilige verehrt wird. Roger Federer übrigens auch nicht – nur ihn zieht deswegen niemand ins Lächerliche.

Aber haben Gretas Auftritte nicht etwas Missionarisches?

Das lässt sich nicht so klar sagen, denn das Bild von ihr ist auch eines, das die Medien geschaffen haben. Greta Thunberg wirkt wie eine alttestamentliche Prophetin im Internetzeitalter: von der stummen Zeichenhandlung in der Öffentlichkeit in Stockholm bis zur Strafpredigt vor den Mächtigen in New York.

Greta und ihre Mitstreiter sind nicht die ersten, die vor dem Klimawandel warnen. Greenpeace, die Grünen oder Leute wie Al Gore fordern seit Jahrzehnten, dass sich etwas ändern muss.

Das wurde aber von den Menschen mehr als Begleitmusik wahrgenommen. Bestenfalls zahlten die Umweltbewussten für den Flug oder das Mobilityauto eine CO2-Kompensation an eine grüne Ablassagentur – ich eingeschlossen. Eine Dringlichkeit wie heute gab es aber noch nie. Es sind Jugendliche und junge Erwachsene, welche die grüne Welle am Wahlsonntag verantworten.

Ich finde es herablassend, wenn Erwachsene den Jugendlichen wider­sprüchliches Verhalten vorwerfen. Die Generation Easy Jet, das sind Leute wie Sie und ich.
Dominik Schenker

Die gleiche Bewegung steigt für ein Wochenende in den Flieger, um in Barcelona bei Primark ein T-Shirt für 1.50 Euro zu kaufen. Wie geht das zusammen?

Ich finde es herablassend, wenn Erwachsene den Jugendlichen widersprüchliches Verhalten vorwerfen. Längst nicht alle steigen in den Flieger nach Barcelona. Soviel ich weiss, waren es auch nicht Jugendliche, die Billig-Airlines gegründet haben oder den Welthandel so organisierten, dass er für viele Menschen fatale Folgen hat. Die Generation Easy Jet, das sind Leute wie Sie und ich.

Erwachsene neigen dazu, adoleszente Menschen für nicht ganz zurechnungsfähig zu halten. Warum ist das so?

Weil wir es uns erlauben können? Es sind ja die Erwachsenen, die bestimmen, was Jugendliche sind und was sie sollen und dürfen. Jugendliche haben wenig Lobby und können sich kaum organisiert gegen diese Zuschreibungen wehren. Dafür dauert die Jugendzeit einfach zu wenig lange. Und bis sie das realisiert haben, sind sie so alt, dass sie selbst erstaunlich schnell mit Vorurteilen auf die nachkommende Generation blicken.

Ist eine fehlende Lobby tatsächlich der einzige Grund?

Nein, natürlich nicht. Das ist auch der Adoleszenz geschuldet. Körper und Kopf transformieren sich. Ab 12 weitet sich der Horizont massiv. Jugendliche entdecken die Welt und werden dabei von einem gewaltigen Erfahrungsrausch geflutet – und das alles zum ersten Mal. Der Wunsch, in dieses Chaos zumindest ein bisschen Ordnung zu bringen, ist gross, und deshalb ist es auch verständlich, dass Jugendliche manchmal mit ihrem Schwarzweissdenken übersteuern. Das ist aber nicht nur schlecht: Es sorgt ­für die nötige Dringlichkeit, die es immer wieder braucht. Wir können nicht alles dem erwachsenen Verdrängen überlassen.

Sie sprechen immer wieder von der Jugend. Lässt sich diese so einfach auf einen Nenner bringen?

Jugend ist heute ein Containerwort für die Vielfalt an Realitäten junger Menschen. Noch vor hundert Jahren koppelten die Mediziner den Begriff an die Geschlechtsreife. Heute wird die Jugend als eine Lebensphase des Lernens und der Sozialisation definiert. Wann sie einsetzt und endet, darüber herrscht weder in der Wissenschaft noch in der Gesellschaft Einigkeit. Die Definitionen reichen von 16 bis 20 bis zu 12 bis 25. Klar ist aber auch, dass es die Jugend als solches nicht gibt, oder besser gesagt nicht mehr. Seit der 68er Bewegung löst sie sich als eine relativ klar umrissene soziale Gruppe auf, die sich mit spezifischen Themen gegenüber den Erwachsenen durchsetzen will. Das zeigt die Klimabewegung oder auch ein Indie-Rock-Konzert gut: Da sind längst nicht nur Jugendliche dabei.

Im Gegensatz zur Kurzlebigkeit der Jugendsprache hält sich der Begriff hartnäckig.

Das hat damit zu tun, dass sich die Jugendlichen erstaunlich gut mit dem Begriff identifizieren. Im Wort Jugend steckt der Mythos von früheren Jugendgenerationen, ebenso auch eine grosse Portion Verklärung, Sehnsucht und Hoffnung, die Erwachsene den jungen Menschen zuschreiben. Ich mag den Begriff, gerade weil er so unscharf und schillernd ist.

Seit Jahrzehnten beschäftigen Sie sich mit Jugendarbeit. Seit wann gibt es die eigentlich?

Das Angebot entstand Ende des 19. Jahrhunderts. Kinder und Jugendliche mussten damals unter prekären Bedingungen in Fabriken arbeiten, was verheerende Auswirkungen auf ihre Gesundheit hatte. Die Folge war ein Verbot der Kinderarbeit, womit sich ein neues Problem ergab: Während die Eltern 16 Stunden und mehr an der Werkbank standen, blieb der Nachwuchs unbetreut. Von Jugend war noch keine Rede. Für diese Gruppe von Heranwachsenden gab es noch keine Bezeichnung. Nun nahmen sich religiöse Erziehungsvereine der jungen Männer und später auch Frauen an. Sie vermittelten ihnen ihre bürgerlichen ­Vorstellungen von guter Lebensführung.

Was heisst das?

Diese Arbeiterkinder hatten auch etwas Wildes. Sie sollten deshalb diszipliniert werden, sich waschen und beten. Das waren die ersten Formen von Jugendarbeit.

150 Jahre später stehen die Kinder nicht mehr verschmutzt in den Hinterhöfen — und trotzdem bieten Gemeinden und Städte Freizeitprogramme an. Warum?

Anders als früher geht es heute natürlich nicht mehr um Disziplinierung. Jugendarbeit ist aber auch kein beliebiges Freizeitprogramm. Ihr Ziel ist es vielmehr, zu ermöglichen, dass junge Menschen ihren Platz in der Gesellschaft einnehmen können und diesen auch selbst gestalten. Das kann in der Jugendarbeit einer Stadt sein, in einem Jugendkulturhaus stattfinden oder bei einem Tanzprojekt. Wichtig ist einzig, dass die Kinder und Jugendlichen im Zentrum stehen – und dass es nicht um Kontrolle und Manipulation gehen darf.

Zu den grössten Anbietern von Jugendarbeit zählen bis heute die Kirchen und ihre Verbände.

Bis in die achtziger Jahre überliessen die politischen Gemeinden den Kirchen die Jugendarbeit. Diese wiederum hatten sie bis in die sechziger Jahre an ihre Verbände delegiert. Heute machen bei Jubla, Cevi und dem konfessionell geprägten Teil der Pfadfinderbewegung rund 60000 Kinder und Jugendliche mit. Im Vergleich mit anderen Ländern ist das eine beeindruckend grosse Zahl, Tendenz steigend.

Viele Eltern schreckt die Nähe zur Kirche ab. Sie befürchten, dass ihre Kinder religiös manipuliert werden. Verstehen Sie diese Sorgen?

Klar, aber es gilt zu unterscheiden: Grosse Verbände wie Cevi oder Jubla bekehren keine Kinder. Anders die Angebote von Freikirchen und religiösen Bewegungen. Die Übernahme einer bestimmten Glaubensvorstellung steht bei ihnen im Zentrum.

Vor drei Jahren haben christliche Kinder- und Jugendverbände gemeinsam eine Charta ausgearbeitet. Wer diese unterzeichnet, verpflichtet sich, auf Bekehrungen zu verzichten. Sollte das nicht selbstverständlich sein?

Das ist es eben genau nicht, sonst gäbe es ja diese Charta nicht. Sie ist eine Orientierungshilfe für Eltern, Jugendliche und Geldgeber. Ich habe aber auch Respekt vor Verbänden, die so ehrlich sind und sagen: Diese Charta widerspricht unseren Überzeugungen, und deshalb verzichten wir auch auf die Ausbildungsgelder für Leiterinnen und Leiter, die an das Unterzeichnen der Charta gekoppelt sind.

Kritiker der Charta sagen, kirchliche Jugendarbeit müsse zwingend von Jesus und der Bibel sprechen, sonst mache sie sich überflüssig. Was halten Sie davon?

Das ist eine Frage der theologischen Position. Ich frage mich einfach, warum beim Kirchenkaffee nicht daselbe gefordert wird. Hier reicht es, wenn die Seniorinnen und Senioren bei Kaffee und Kuchen sitzen, und es wird nicht nach Jesus und einem Glaubensbekenntnis gefragt. Bei Jugendlichen ist es anders. Da reicht es plötzlich nicht mehr, wenn sie bei Cola und Spaghetti im Zelt eine gute Zeit miteinander verbringen.

Warum tun sich gewisse Kirchenleute so schwer, Jugendliche nicht missionieren zu wollen?

Wer davon ausgeht, dass der defizitär geborene Mensch nur in den Himmel kommt, wenn er zu Lebzeiten Gott erkennt und verehrt, wird die anderen auch auf diesen Weg führen wollen. So kann man natürlich denken, aber es ist ein Trugschluss zu glauben, mit der Rede von Jesus und der Bibel die kirchlichen Nachwuchslücken schliessen zu können.

Warum sind Sie sich da so sicher?

Rund fünf Prozent der Jugendlichen ist für diese Art empfänglich – und selbst bei denen heisst das noch lange nicht, dass sie sich ein Leben lang mit dieser religiösen Position verbunden fühlen. Es kann auch nur eine wichtige Phase im Jugendalter sein, von der man sich später distanziert. Religiosität ist ja nichts Statisches, sie verändert sich meist im Laufe eines Lebens – ähnlich wie der Musikgeschmack oder politische Einstellungen.

Sie sagten, dass sich von Angeboten mit hochreligiösem Inhalt nur wenige Jugendliche angesprochen fühlen. Wer all die Celebrations und Worships kennt, der weiss: Die Hallen sind voll.

Ja, aber gemessen an der Gesamtzahl der Jugendlichen bewegt sich das eher im Promille- denn im Prozentbereich. Das sind letztlich Spartenangebote. Nur weil die Medien gerne über solche Orte berichten, muss sich da nichts Neues und Grosses ereignen. Auch müssen die Landeskirchen nicht das Gefühl haben, gerade einen Megatrend zu verschlafen. Sie sollten lieber stolz sein, was in der kirchlichen Jugendarbeit alles geleistet wird.

Worauf genau sollen die Kirchen stolz sein?

Die Jugendarbeit, so wie sie heute von vielen Städten und Gemeinden angeboten wird, ist in den Kirchen entstanden. Sie sind also Pionierinnen der offenen Jugendarbeit. Und bis heute bieten die Kirchen Kindern und Jugendlichen den Raum, wichtige Erfahrungen zu sammeln: respektvoll miteinander umzugehen und sich gegenseitig zu unterstützen.

Aber braucht es dafür auch heute noch die Kirchen?

Tatsächlich unterscheiden sich ihre Tätigkeiten nicht wesentlich von ihrem säkularen Pendant. Der Unterschied liegt in der Motivation: Kirchliche Jugendarbeit will aus einer christlichen Haltung heraus etwas für die jungen Menschen tun – und dies ganz ohne Hintergedanken oder Rekrutierungsabsichten. Theologisch gesprochen ereignet sich Gott zwischen den Menschen und manifestiert sich in der Hilfe. Die Erfahrung zeigt: Wer in der Cevi oder im Jugendraum der Kirche gute Erfahrungen gemacht hat, fühlt sich später meist irgendwie mit der Kirche verbunden.

Wenn Jugendliche Fragen zu Jesus haben, dann soll man um Gottes willen mit ihnen darüber sprechen. Es gibt kaum mehr Orte, wo dies auf eine gute Art und Weise überhaupt möglich ist.

Dominik Schenker

Eigentlich erstaunlich, dass dies einem Angebot gelingt, dass keine Ziele verfolgt. Das Tun ist also wichtiger, als über Gott und Jesus zu sprechen?

Wenn Jugendliche solche Fragen haben, dann soll man um Gottes willen mit ihnen darüber sprechen. Es gibt kaum mehr Orte, wo das auf eine gute Art und Weise überhaupt möglich ist. Der Kern von Kirche ist aber nicht das Darüberreden. Eine Leiterin hat mir einmal gesagt: «Wir sind die Regenrinne vom Dorf. Bei uns können alle mitmachen. Du musst nicht Fussball spielen können, nicht singen und nicht turnen. Es reicht, einfach da zu sein, so wie du bist.»

Dominik Schenker: Organisierte Freiheit. Jugendarbeit der katholischen Kirche in der Deutschschweiz. Ein Handbuch. TVZ, Zürich 2017; 312 Seiten, 36 Franken.

Oliver Demont ist Redaktionsleiter bei bref.
Der Fotograf Roshan Adhihetty lebt in Zürich.

Dominik Schenker studierte Theologie, Philosophie und Klinische Psychologie in Zürich und Freiburg. Nach einer Forschungsassistenz am Departement für Erziehungs­wissenschaften war er zehn Jahre Co-Leiter einer sprachregionalen Fachstelle für kirchliche Jugendarbeit und später selbständiger Berater. Heute arbeitet er an der Hochschule für Soziale Arbeit in Olten im Bereich Sozialmanagement, wo er Organisationen, Kirchen und Gemeinden berät. Schenker lebt mit seiner Familie in Untersiggenthal im Kanton Aargau. Die Erziehungsarbeit der beiden Kinder — heute junge Erwachsene — teilte er sich mit seiner Frau. dem