Anjas Mailbox

Ist ein Nahtoderlebnis bloss eine Kuriosität – oder eine persönliche Zeitenwende?

Rasend schnell seien Bilder ihres bisherigen Lebens an ihnen vorbeigezogen, sagen manche der Personen, die von einem Nahtoderlebnis berichten. Andere erzählen von einem Licht, das sie gesehen haben (Bild: Anja Niederhauser).

Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Dienstag, 26. Mai 2026

Vielen Dank, lieber Leser, für Deine Frage. Sie bringt uns zu einem der grossen Mysterien, die die Menschheit seit je beschäftigen: der Frage, ob nach dem Tod ein Leben möglich ist.

Was genau ist ein Nahtoderlebnis? In der Forschungsliteratur wird es folgendermassen definiert: Eine intensive, umstrittene psychologische Erfahrung, charakterisiert durch einen atypischen Zustand des Bewusstseins, der während einer Episode von Bewusstseinsverlust auftritt, normalerweise unter lebensbedrohlichen Bedingungen, zum Beispiel bei einem Herzstillstand.

Häufig handelt es sich dabei um ein Erlebnis, das im Nachhinein als positiv empfunden wird. Wer davon berichtet, erzählt von Licht und einem Tunnel, in den man hineingeht, oder davon, dass das ganze bisherige Leben rasend schnell an einem vorbeizieht. Für viele Menschen leitet sich daraus die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod ab.

Als Psychologin finde ich den Gedanken, dass es nach dem Tod weitergeht, insofern spannend, als er unserer Identität ein Kontinuum in die Zukunft ermöglicht. Ich denke, dass es für viele Menschen entlastend ist, nicht an ein jähes Ende im Nichts denken zu müssen.

In der Trauer kann es tröstlich sein, wenn wir uns vorstellen, der verstorbene Mensch sei an einem friedlichen Ort gut aufgehoben. Das meine ich nicht in einem spirituellen, sondern in einem psychologischen Sinn. Wenn wir den oder die Verstorbene innerlich verorten können, an einem sicheren Ort glauben und gleichzeitig mit ihm oder ihr in eine innere Verbindung gehen können, kann sich das positiv auf den Trauerprozess auswirken.

Als Theologin ist es mir wichtig, zu betonen, dass die Liebe stärker ist als der Tod – dies kann man als eine Aussage in Bezug auf das Auferstehungsgeschehen an Ostern verstehen, aber auch als Hoffnung darauf, dass es mit dem Tod nicht einfach zu Ende ist, sondern wir in einen Frieden eingehen können, der uns nah an unseren Ursprung oder sogar in ihn hineinführt. Gleichzeitig können wir mit den Menschen verbunden bleiben, die wir lieben.

Ich hoffe und glaube, dass eine Verbundenheit bestehen bleiben kann vom Hier zum Drüben und umgekehrt, wenn wir das wollen und pflegen.

 

Ich schreibe dies aus einem Vertrauen und einer Hoffnung heraus. Wissen tue ich nichts. Was das Ganze umso spannender macht und seit jeher eine der Quellen für menschliche Spekulationen ist. Verschiedene Religionen haben ausgeklügelte Systeme dazu entworfen, die teilweise kurios anmuten. Es sind Konstrukte, die man entweder historisch oder auch poetisch lesen kann – als literarische Erzeugnisse, die uns in unserer Vorstellungswelt beflügeln können. Auch Nahtodereignisse könnten und können so gelesen werden.

Hier kommt meine Kritik am Phänomen Nahtoderlebnis: In einer Zeit, in der man meint, alles erforschen zu können, versucht man sich auch dem Drüben auf diese Art anzunähern. Man meint, man hätte es mit Berichten von Menschen zu tun, die vom Tod ins Leben zurückgekehrt sind. Doch diese Menschen, so lautet ein verbreitetes Gegenargument, waren meist nur für kurze Zeit «tot», sie hatten einen Herzstillstand erlitten, keinen Hirntod, sonst hätten sie nicht wiederbelebt werden können.

Es handelt sich dabei also nicht um einen Tod, der endgültig ist, und von dem jemand zurückgekommen ist. Der «Nahtod» kann und muss wörtlich genommen werden.

Ist es vielleicht unsere Angst, dass nach dem Leben nichts mehr ist, wir nicht mehr sein werden, die uns anstachelt, auf ein Jenseits zu hoffen? Und helfen uns Schilderungen von Nahtoderlebnissen, diese Angst zu lindern? Ja, vielleicht.

Auch ich fürchte, mit dem Tod sei alles vorbei und all das, was ich hier erlebt habe, sei zu Ende. Ohne Erinnerungen, ohne Liebe. All das, was mich ausmacht: weg. Ja, das macht mir Angst, das gebe ich zu. Ich will vertrauen auf ein Danach, auf einen Frieden (der einem Nichts vielleicht gar nicht so unähnlich ist, wer weiss das schon), auf das Licht. So halte ich mir den Tod vom Leib, der vom Drüben herüberschwappen könnte mit seinem töteligen Atem und Macht über mich gewänne. Das will ich nicht.

Indem ich an ein Kontinuum glaube, an die Liebe, die uns verbinden kann, sage ich Nein zur Auslöschung und zum Tod, damit er nicht beginnt, über das Leben zu herrschen. Es ist eine bewusste Absage, kein naives Schönreden.

Die Hoffnung an ein Danach im Drüben wirkt in mein Leben hinein, hier und jetzt. Mit oder ohne Berichte von anderen.

Herzlich!

Anja

Zum Weiterlesen

Georges Haldas: Vor der grossen Abfahrt (Avant le grand départ) Limmatverlag, 2024.

Die Gedichte aus dem Nachlass des schweizerisch-griechischen Lyrikers sind eine Auseinandersetzung mit den Themen des Alterns, mit Abschied und Tod. Haldas macht dies auf eine heitere Weise, in einer feinen, manchmal schon fast transparent anmutenden Sprache.

Hier können Sie Ihre Frage einreichen:

E-Mail an anja@brefmagazin.ch