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Autor: Oliver Demont
Bild: Marcus Höhn
Freitag, 04. Oktober 2019

Frau Lewitscharoff, in Ihrem neuen Buch, Von oben, blickt ein Verstorbener vom Himmel über Berlin auf das Leben hinab. Als unsichtbarer Beobachter ist er als einziger vor Ort, als ein Mann zu Tode geprügelt wird oder eine Frau sich vom Dach stürzt. Der Tod ist allgegenwärtig, trotzdem ist das Buch auch unfassbar lustig und komisch. Woher kommt Ihr unbeschwerter Umgang mit dem Tod?

So unbeschwert ist er nicht. Mein Mann ist vor drei Monaten gestorben. Ich fürchte den Tod durchaus. Zugleich bin ich von ihm fasziniert. Literatur, die vom Jenseits handelt, hat mich schon immer angezogen. Nicht umsonst bin ich eine Dante-begeisterte Dame.

Dann mögen Sie die Vorstellung von Himmel und Hölle?

Ja, das ist das Geniale an Dante. Er verbindet das Göttliche mit dem Allzumenschlichen. Dieses Komödiantische, das vom Derben bis zum Erhabenen reicht, hat es mir angetan. Leider kann ich dem verehrten Dante nicht das Wasser reichen, erst recht nicht in Form seiner wunderbaren Terzinen. In meinem Buch wollte ich aber ebenfalls die Perspektive nach oben, ins Universum, bis zu einem gewissen Grade wahren. Das war nicht immer einfach.

Warum?

Weil heute selbst religiöse Menschen, also auch ich, wissen, dass Himmel und Hölle in so festumrissen deutbarer Form vermutlich nicht existieren. Das war zu Zeiten von Dante noch anders. Ich befinde mich aber in der Gegenwart und weiss, dass es im All schwarze Löcher und explodierende Sterne gibt. Ich müsste schon sehr an einem naiven Kinderglauben hängen, um mir die hergebrachten Jenseitsvorstellungen vorschwindeln zu können.

Und doch landet der Erzähler am Ende des Buches vor einer Art Jüngsten Gericht.

Ich wollte, dass er seine Fehler und Sünden, die er zu Lebzeiten beging, plastisch vorgeführt bekommt. Dafür erlebt er nochmals Episoden aus seiner Vergangenheit und trifft Freunde und Menschen, die einmal sein Leben gekreuzt haben.

Die Szene, wo er als unsichtbarer Beiwohner alte Freunde beobachtet und hört, wie sie so über ihn reden, ist bitter. Die gehen hart mit ihm ins Gericht. Er sei ein Schwätzer gewesen, ein Besserwisser. Das alles kriegt er mit.

So sollte es auch sein.

Glauben Sie tatsächlich, dass die Fehler oder Sünden eines Menschen in einem Jüngsten Gericht verhandelt werden?

Ich hoffe es, aber präzise ist es im Buch nicht ausgeführt. Dennoch weise ich auf das Sündenregister meines Erzählers hin. In dem Zwischenreich, wo er sich befindet, erhält er Aufschluss über sein Leben und somit auch über die Seiten seiner Person, die er verdrängt hat.

Ihr Mann ist kürzlich verstorben. Wussten Sie während des Schreibens, dass sein Tod naht?

Nein, überhaupt nicht. Klar, es zeigten sich Alterserscheinungen, er war ja viel älter als ich. Aber ein bisschen abbauen heisst noch nicht gleich sterben. Mich hat eher in Panik versetzt, dass ich ihm in einer Notsituation nicht hätte helfen können. Seit ich an multipler Sklerose erkrankt bin, schwindet meine Kraft. Aber vielleicht war im Schreiben immer auch ein Angstkeim enthalten, dass ich verlassen werden könnte. Ich musste ja damit rechnen, dass mein Mann vor mir stirbt. Der Tod als Generalthema hängt aber schon viel länger über meinem Leben. Ich war elf, als sich mein Vater in seiner Arztpraxis erhängte. Meine Mutter fand ihn mit dem Strick um den Hals.

Wie geht man als Kind mit so etwas um?

Gar nicht. Zunächst war sein Tod einfach nur ein Schlachthieb, der mein bürgerliches Elternhaus entzweischlug. Mein Bruder war damals bereits ausgezogen, und so war ich mit meiner ungeliebten Mutter alleine. Da nun das Gehalt meines Vaters entfiel, musste sie plötzlich Geld verdienen. Ihr neuer Job als Arzneimittelvertreterin war hart. Das hatte zur Folge, dass ich als Her­anwachsende oft tagelang alleine war. Ich war so durch den Wind, dass ich mit dreizehn Jahren anfing, LSD zu konsumieren. In dieser Zeit reifte in mir eine grossartige Phantastik, was das Totsein anbelangt. Eine ängstliche, eine bedrohliche und eine schöne zugleich.

Mit dreizehn konsumierten Sie eines der stärksten Halluzinogene?

Ja, ich hatte ältere Freunde. Und da war eben auch keine Mutter, die mich überwachte.

Aber LSD ist schon heftig.

Ja, das ist sehr gefährlich, keine Frage. Es wirkt nicht wie Haschisch, das nach ein paar Stündchen vorbei ist. LSD haut ordentlich rein. Sie kriegen die Wirkung fast 24 Stunden nicht weg und können sich gegen das, was Sie erleben, nicht wehren. Es war aber auch eine andere Zeit. In den 60er Jahren war LSD einfach eine wunderbare, seinsvergrössernde Droge. Dass die Leute reihenweise aus dem Fenster gesprungen sind oder schwere Hirnschäden davon bekamen, wusste man noch nicht.

Warum erzählen Sie uns das?

Weil ich der Droge viel verdanke. Sie befördert Sensorien, die verschwunden sind, weil wir sie im Alltag nicht mehr brauchen. Meine bewegliche Phantasie ist wohl auch eine Art LSD-Geflunkere. Noch wichtiger ist aber: LSD hat mich schriftstellerisch für das Totenreich vorbereitet.

Eine Droge als Trittbrett für den Sprung in die Transzendenz?

Gewissermassen. Meine Erfahrungen waren einfach sagenhaft gut. Einmal, das werde ich nie vergessen, da war ich an einer grossen Sause an der Kunstakademie. Es gab LSD en gros. Ich hatte ein bisschen davon geladen und fuhr mit der letzten Stras­senbahn heim, auf einen Hügel am südlichen Stadtrand von Stuttgart. Die Nacht war sternenbesät, und ich sass mit zwei anderen in der Bahn, als sich diese aus den Gleisen erhob und ich draussen vor dem Fenster meinen toten Vater und meine tote Grossmutter sah. Beide in schönster Gestalt, beide winkten mir zu. Es war das absolute Glück. Ich weiss nicht mehr, was die beiden gesagt haben. Aber es schien, dass sie mich behüten. Ist das nicht toll?

So begeistert, wie Sie davon erzählen, glauben wir Ihnen das sofort. Nehmen Sie heute noch LSD?

Ich habe Gott sei Dank früh wieder aufgehört. Bereits nach vier-, fünfmal war Schluss. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es gefährlich ist. Geblieben ist aber meine Neigung, mich nach oben zu wenden.

Ihre Bücher haben einen auffallend positiven Bezug zu Religion. Sie selbst bezeichnen sich als gläubig.

Das hat biografische Gründe. Die liebste Person meines frühen Lebens war meine sehr fromme, schwäbische Grossmutter, die mir auf meinem LSD-Trip zugewunken hatte. Sie war Pietistin. Aber nicht von der harten, sondern von der gnädigen Sorte. Eine einfache, nicht sehr gebildete Frau, das zwölfte von zwölf Bauernkindern. Sie war unglaublich hilfsbereit und hatte diese einfache Frömmigkeit, die aber sehr intensiv und schön war. Immer wieder erzählte sie mir von Engeln oder sang wunderschöne Kirchenlieder. Ich war ein frommes Kind. Wir hatten damals einen Rauhhaardackel, der durfte abends eigentlich nicht mit ins Bett. Ich erlaubte es ihm trotzdem, um mit ihm zusammen zu beten.

Ein betender Hund?

Ich hielt ihm die Pfoten zusammen und sprach das Gebet. Der Dackel mochte es vermutlich nicht sonderlich. Aber ich wollte, dass auch er am Heil teilhat.

Trotz religiöser Prägung wurden Sie als Jugendliche Trotzkistin.

Linke Ideen waren damals sehr angesagt, meine religiöse Seite weniger. Ich war dann auch in einer Jugendgruppe der antiautoritären Studentenbewegung, begriff aber relativ rasch, dass ich da fremd war. Die festgebackenen Ideologien zerlösten sich in den späteren Jugendjahren.

Die Religion aber, die blieb. 1973 sind Sie von Stuttgart nach Westberlin gezogen und haben Religionswissenschaften studiert.

Da war eine Art Restglauben, sonst hätte ich wohl kaum Reli­gionswissenschaften gewählt. Ich bin übrigens auch nie aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Ganz im Gegensatz zu vielen Freunden katholischerseits, die nur zornig auf die Institution waren und dann ausgetreten sind. Wenn ich so meinen Freundeskreis durchgehe, dann sind die meisten um mich herum ­eigentlich areligiös. Ich bin da eine Seltenheit.

Wo äussert sich Ihr Glaube im Alltag?

Früher litt ich immer mal wieder an Migräne, und da wurden mir meine Sünden brühwarm vorgeführt. Während ich so vor mich herlitt, kam immer zum Vorschein, wen ich beleidigt und über wen ich kesse Sprüche gemacht hatte. Ein Art Minigericht vor dem Tod. Die Schmerzen liessen ein wenig nach, wenn ich die Händchen faltete und um Vergebung bat.

Gibt es die eine grosse Sünde, die Sie zu Lebzeiten nicht mehr loswerden?

Ich neige zu Überheblichkeit. Daher mein Lästermaul. Man merkt mir das aber nicht so schnell an.

Eine Kostprobe, bitte!

Ich kann hart in meinem Urteil sein: «Mon Dieu, der kennt dieses Buch nicht? Der weiss nicht, wer Balthus war? Was für ein Schwachkopf!» Das denke ich auch heute immer wieder mal, aber die Hochphase meiner Überheblichkeit hatte ich in jungen Jahren.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Ich hatte den Kopf schon absolut oben, hielt mich im Geiste für überlegen. Auf der anderen Seite fand ich mich eher hässlich. Rückblickend weiss ich: Beides stimmte nicht. Wenn ich Fotos von früher anschaue, dann sehe ich, ich war gar nicht hässlich, aber geistig allen voraus sicher auch nicht. Meine Selbstwahrnehmung war aus dem Lot. Aber das ist doch bei allen so. Jeder hat seine blinden Flecken.

Zurück zu Ihrem Vater. Er litt bis zu seinem Tod jahrelang an Depressionen. Wer Sie erlebt, weiss, dass Sie alles andere als schwermütig sind. Was hat Sie davor bewahrt, nach seinem Suizid nicht auch depressiv zu werden?

Keine Ahnung. Mein Vater hat mir gereicht. Depressive Menschen meide ich. Sie sind unglaubliche Energiefresser, wenn auch subtile. Die schmausen regelrecht an der Lebenskraft von anderen. Ich habe eine Abneigung gegen Depressive entwickelt.

Eine Depression ist ja keine Wahl, die man trifft.

Ich sage auch nicht, dass depressive Menschen schuld sind. Aber die Gewalt, die von ihnen ausgeht, ist riesig. Mein Vater ist das beste Beispiel. Er war Arzt, sehr angesehen in der Gesellschaft, sah gut aus, hatte eine Frau, die ihm sehr entgegenkam, zwei nette Kinder und verdiente gut. Also richtig gut. Der hatte keinen äusseren Grund, sich zu töten. Wie er in den letzten drei Jahren vor seinem Tod seine Familie lahmgelegt hat, das ist wirklich unbeschreiblich. Das ganze Haus war infiltriert von der Rücksichtnahme gegenüber meinem Vater. Alles wurde verbarrikadiert von einem Egomanen, der nur noch in sich selber eingesogen war. Die Gewalt gegenüber meiner Mutter wirkte doppelt und dreifach, weil sie ihn erhängt aufgefunden hat. Das müssen Sie sich wirklich mal vorstellen: Ein Arzt mit Zugriff auf Medikamente wählt den Strick und hinterlässt seiner Frau dieses Bild.

In Ihrem Denken muss solch ein Verhalten eine Sünde sein.

Nicht die Depression ist eine Sünde, aber die Wirkung auf andere. Da kommen hochgradig narzisstische Züge zum Vorschein.

«Ich werfe der evangelischen Kirche vor, dass sie sich von den Vorstellungen des Abgestraft-werden-Könnens vollkommen gelöst hat.» Sibylle Lewitscharoff

Ich sehe aber auch das Leid von Depressiven, denn als allererstes ist es ein furchtbarer Zusammenfall in sich selbst. Es gibt nichts Schlimmeres, als immer in sich selbst gefangen zu sein. Wir sind ja gesellige Wesen, auch mein Vater war das einmal. Und wer gesellig ist, der nimmt ständig Impulse auf, die das Leben bereichern. Depressive tun das Gegenteil: Verscheuchen alles, was um sie herum vorgeht.

In früheren Interviews machen Sie sich stark für das Purgatorium, also das Fegefeuer. Daran glaubt doch heute niemand mehr.

Ich finde es eine wunderbare Erfindung, um zwischen Hölle und Himmel zu verhandeln. Es ist ein Zwischenreich – und entspricht deshalb der menschlichen Situation so gut: Wir sind nicht ganz schlecht, aber auch nicht ganz gut. Diese Schwankmasse auszuschliessen halte ich für einen grossen Fehler. Meiner Kirche werfe ich vor, dass sie sich von den Vorstellungen des Abgestraft-werden-Könnens vollkommen gelöst hat.

Was soll an dieser angsteinflössenden Lehre gut sein?

Sagen wir es so: Ich würde der Religion sofort abschwören, sollten alle Menschen unmittelbar nach dem Tod auf direktem Weg in den Himmel kommen. Es wäre entsetzlich, wenn es nicht wenigstens im Jenseits eine Strafe gäbe. Nicht wegen einem kleinen Diebstahl oder einer anderen lässlichen Sünde. Ich spreche von den grossen Verbrechen in der Geschichte der Menschheit. Das ist gerade in Deutschland nach dem Faschismus eine haarige Angelegenheit. Plötzlich waren auch alle Massenmörder grossen Stils erlösungsfähig. Was für eine Verwahrlosung im Denken und in der ethischen Haltung! Schwere Sünden als solche zu erkennen und auf sie zu weisen ist von grosser Bedeutung. Wenn wir das nicht tun, dann verdammen wir die Religion zur Harmlosigkeit.

Wie stellen Sie sich die Strafe im Fegefeuer denn vor?

Ich finde toll, was Dante ersonnen hat, dieses durchaus noch strafbewehrte Zwischenreich. Aber vermutlich werden die Strafen anders sein, nicht ins seiend-nichtseiende Fleisch reissend. Mir schwebt eine gleissende Strafe vor, welche die Existenz durchdringt: als würde ein glühender, extrem schmerzhafter Stempel auf das seelische Gebilde gedrückt. In diesem Brandmal müssen alle Sünden noch einmal lodern und ins Bewusstsein einschlagen.

Wie wäre das Strafmass von Hitler im Vergleich zu einem, der in der Wut jemanden erschlagen hat?

Bei Totschlag kann ich mir durchaus vorstellen, dass auch höhererseits die Absolution erteilt wird. Bei Hitler wünsche ich mir, dass er ganz einfach die Schmerzen verspürt, die er Millionen von Vergasten angetan hat. Und zwar so lange spürt, bis jeder Schmerz wirklich in ihm gewohnt hat. Und dann kann man ihn von mir aus vollkommen erlösen. Aber das wird Jahrhunderte, wenn nicht gar ewig dauern.

Was würden Sie einem Menschen im Spitalbett sagen, der nicht in Ruhe sterben kann, weil er sich so sehr vor dem Jüngsten Gericht fürchtet?

Das ist schwer zu sagen. Manche Menschen haben eine Vita, in der sie als Kind von Grosseltern und Eltern verängstigt wurden. Andere haben vielleicht zu Recht Angst.

Sie pflegen einen unbeschwerten Umgang mit Begriffen wie Sünde oder Hölle und fallen damit ziemlich aus der Zeit. Ausser im rechtskatholischen oder evangelikalen Lager kommt das heute kaum mehr jemandem über die Lippen.

Ich halte nichts von gewalttätigen Überfällen auf die Gemeinde im Stile eines Abraham a Santa Clara. Der Barockprediger donnerte mit stechendem Blick von der Kanzel herab und wies auf den Sündenpfuhl der Welt. Das ist schrecklich. Schrecklich sind aber auch diese seifigen Gut-tu-Predigten, in denen wir uns alle ganz liebhaben. Da frage ich mich: Wenn alles vage bleibt, was soll dann überhaupt das Versprechen auf Erlösung? Wer von der Sünde keine Vorstellung hat, der muss auch nicht in die Kirche eilen.

Wie trägt eine Pfarrerin die Sünde in den Kirchenraum, ohne dass die wenigen, die noch da sind, gleich rausrennen?

Warum nicht eine kluge Wanderung dazwischen, bei der die Strafe nicht verabsäumt wird, aber auch die Erlösung wiederum in Worten gefeiert kann? Mir fehlt der christliche Kosmos und der Wortstoff dafür. Es gibt Namen und Bilder weder für das Schreckliche, noch für das Schöne, für das Erhebende, für das in Gottes schützender Hand Geborgene. Das müsste man wieder aufrufen können. Das ist aber die Aufgabe der Theologen und nicht der Literaten.

Wenn heute in der Predigt von der Apokalypse die Rede ist, dann geht es mit grosser Wahrscheinlichkeit ums Klima. Ist das Überleben des Planeten nicht wichtiger als das Jüngste Gericht?

Als politischer Mensch bin ich sofort bei Ihnen. Aber ich habe es in Predigten nicht gerne, wenn sie vom Klimaschutz handeln, auf eine Weise, wie ich sie jedem Zeitungsartikel entnehmen kann. Religion hat noch ein anderes Agens als das unmittelbar politische. Die Kirche darf das Heilige nicht unter Wert verkaufen. Es ist ein mieser Gedanke, wenn die Kirche glaubt, auf den Klimazug aufspringen zu müssen, um damit Gläubige zu gewinnen. Das Gegenteil ist der Fall: Indem man sich immer mehr anpasst, verschwindet der Unterschied. Ich brauche keine ­Kirche, um umweltbewusst zu sein.

Ihre Dresdner Rede vor fünf Jahren hat Ihnen viel Kritik eingebracht. Darin haben Sie Kinder, die unter Zuhilfenahme der modernen Reproduktionsmedizin zur Welt gekommen sind, als «Halbwesen» bezeichnet, als «zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weissnichtswas»…

… ich habe mich entschuldigt für mein dummes Geschwätz in manchen Sätzen, aber es nützt nichts. Ich werde wohl ewig ­darauf angesprochen werden.

Diese Rede ist wie ein Fusspilz, sie kehrt immer wieder in Ihr Leben zurück. Was hat Sie da geritten, einen solchen Ton anzuschlagen?

Ich habe den Fehler begangen, mich zu bösartig und niedermachend über Menschen auszulassen, die nichts dafür können, dass sie so auf der Welt sind. Das waren aggressive und feindliche Sätze von mir – und sie tun mir aufrichtig leid. Vermutlich waren es tiefenpsychologische Gründe, die dazu geführt haben. Mein Vater war Gynäkologe.

«Ich lehne es ab, mit medizinischer Hilfe Kinder zu zeugen. Diese Selbstermächtigung grenzt an das Göttliche. Das finde ich keinen schönen Schöpfungs­gedanken, tut mir leid.»

Sibylle Lewitscharoff

Ein homosexuelles Paar möchte ein Kind bekommen und wählt dafür die Möglichkeit einer Leihmutterschaft in den USA. Was stört Sie daran?

Es geht mir nicht um das homosexuelle Paar, sondern um eine viel grundsätzlichere Frage: Was bedeutet diese Selbstermächtigung, durch medizinische Hilfe Kinder auf die Welt zu bringen, für die Menschheit? Bereits in der Antike konnte man den Tod frei wählen. Aber dass man nun auch die Entstehung des Lebens in die eigene Hand nimmt, das ist etwas vollkommen Neues in der Geschichte. Und das finde ich bedenklich.

Der medizinische Fortschritt ist nicht aufzuhalten.

Wohl nicht.

Was ist eigentlich der Kern Ihrer Kritik?

Mich stört der Allmachtsrausch. Bei der Pränataldiagnostik oder bei der Leihmutterschaft wird den Eltern unglaublich viel aufgebürdet. Wenn sie nicht durch Zufall, sondern durch die Fortpflanzungsmedizin ein Kind bekommen, dann sind sie in einer Weise für ein Geschöpf verantwortlich, die an das Göttliche grenzt.

Wir spielen also Gott?

Zumindest trägt es Züge davon, wenn Eltern bestimmen, ob es ein Junge oder ein Mädchen sein soll oder, im Extremfall, ob der Spross mit stahlblauen Augen auf die Welt kommen wird. Oder ich kann mir den Samenspender mit Hintergrund Einstein oder Opernsänger aussuchen. Dieser Zuchtgedanke, der widert mich an.

Selbst wenn die Eltern sich ein Genie erhoffen, heisst das ja nicht, dass am Ende ein Übermensch mit IQ 200 dabei rauskommt. Gottlob ist da auch der Zufall mit im Spiel.

Das stimmt.

Unabhängig von Ihren Bedenken wachsen gerade viele Kinder heran, die aus Leihmutterschaften stammen. Von Unglück keine Spur.

Wenn Sie meinen. Hätte ich solch ein Kind in meiner Umgebung, ich würde ihm meine Zuneigung nicht verweigern. So ideologisch gepolt bin ich nun wirklich nicht. Aber ich bin auch ein Kind meiner Zeit. Die Homosexuellenbewegung der 70er Jahre stand für Freiheit, die Schwulen von damals waren gewitzt, nicht familienhörig gepolt. Heute turnen sie mit ihrem Nachwuchs auf dem Sofa rum und geben sich angepasst. Wobei ich im nachhinein auch sagen muss, dass ich begeistert gewesen wäre, wenn ich auf meine schreckliche Mutter hätte verzichten können und bei einem liebevollen schwulen Paar aufgewachsen wäre.

Ein liebevolles Zuhause ist also doch das Wichtigste?

Natürlich, aber das ist nicht der Punkt. Ich mag einfach diese ganze Künstlichkeit bei der Entstehung nicht. Es tut mir leid, aber ich finde das keinen schönen Schöpfungsgedanken.

Überhöhen Sie da nicht die natürliche Zeugung? Wie viele Kinder sind hinter einem Festzelt oder auf der Rückbank eines Autos entstanden?

Womöglich sitze ich da einer romantischen Vorstellung auf. Vielleicht bin ich im Alter von 65 Jahren auch zu alt, um die neue Welt zu verstehen. Die Jungen haben das Recht, die Gesellschaft anders zu gestalten. Und ehrlich gesagt wird mir das ganze Thema langsam zuwider.

Die Schweiz ist ein Hotspot für Menschen, die selbstbestimmt aus dem Leben scheiden möchten, beispielsweise, weil sie an einer unheilbaren Krankheit leiden. Können Sie sich vorstellen, assistiert ins Jenseits zu treten?

Ja. Das kann ich mir vorstellen.

Diese Antwort von Ihnen zu hören überrascht.

Das ist auch erst mit meiner Krankheit gekommen. Davor war ich gegenüber Sterbehilfe skeptischer. Wie bereits erwähnt, leide ich an multipler Sklerose. Die Diagnose erhielt ich vor neun Jahren. Am Anfang brauchte ich weder Stock noch Rollator. Heute fällt mir das Laufen schwer, ohne Unterstützung falle ich hin. Ich kann mir vorstellen, wie mein Zustand im Endstadium sein kann. Und das ist so furchtbar, dass mich die nackte Angst packt.

Ist ein Suizid nicht ein Eingriff in die höhere Ordnung?

Natürlich, es ist Selbstmord. Was soll es sonst sein? Aber es ist ein grosser Unterschied, ob das ein Familienvater tut oder ein alter Mensch, der keine Verantwortung mehr für andere trägt.

Steht Ihr Mann eigentlich gerade vor dem Jüngsten Gericht?

Da habe ich Zweifel, er war ja nicht religiös. Fritz fand es zwar interessant, dass mich religiöse Fragen so beschäftigt haben, aber für ihn hatten sie keine Bedeutung. Doch was mache ich mit einem guten Kerl wie ihm, der nicht in ein klassisches religiöses Korsett passt? Mein Mann war ein feinherziger Mensch. Er hatte klar den besseren Charakter als ich.

Geht es nach Ihrer Vorstellung, hätte er als nicht-religiöser Mensch ziemlich schlechte Karten im Jenseits.

Die Vorstellung ist natürlich schrecklich, dass mein geliebter Fritz jetzt in einer Hölle à la Dante hockt, nur weil er nicht religiös war. Das bekomme ich nicht zusammen. Trotzdem muss ich an meinem Kosmos und an meinen Vorstellungen festhalten. Ich hause lieber in dem mir Gegebenen – und das ist die Frömmigkeit meiner Grossmutter. Sie lagert als schön behauster Rest in mir, und ich bin froh um dieses Erbe.

Wie soll Ihre Beerdigung aussehen?

Ich hätte sie gerne religiös, selbstverständlich. Und nicht in den Ofen! Meine gescheite Theologen-Freundin als Pfarrerin wäre nicht schlecht. Es muss nicht opulent sein, aber bitte auch nicht bloss fünf Leute am Grab. Ich werde richtig Geld hinterlassen, damit man die Leute toll einladen kann. Mir ist wichtig, dass alle flott bewirtet werden und es nachher lustig wird.

Und dann werden Sie im Jenseits auf Ihren Mann treffen?

Ich wünsche es mir sehr, kann aber nicht so recht daran glauben. Aber falls doch: Es gibt auch noch andere Wunschkandidaten, die ich gerne treffen möchte.

Wäre Ihr Vater dabei?

Da bin ich mir nicht sicher. Aber bestimmt die Grossmutter. Dann unbedingt der Dackel meiner Kindheit und ebenfalls der Berner Sennenhund, den ich eine Zeitlang hatte. Ein Prachtstück. Franz Kafka bitte auch. Und natürlich meine Freunde. Sie alle würde ich ungern vermissen.

Sie wirken gerade glücklich.

Auch wenn das kindlich klingen mag: Für mich ist das Paradies wirklich. Ich möchte neben einem Löwen schlummern. Ich möchte, dass Tiere und Pflanzen in einer schönen Geneigtheit zueinander wesen und niemand fürchten muss, vom anderen aufgefressen zu werden.

Sibylle Lewitscharoff: Von oben. Suhrkamp, Berlin 2019; 240 Seiten; 37.90 Franken.

Oliver Demont ist Redaktionsleiter bei bref.
Susanne Leuenberger ist bref-Redaktorin.
Der Fotograf Marcus Höhn lebt in Berlin. Das Bildmaterial von Sibylle Lewitscharoff stammt aus dem Jahr 2012.

Geboren 1954 in Stuttgart als Tochter eines bulgarischen Vaters und einer deutschen Mutter, studierte Sibylle Lewitscharoff Religionswissenschaften in Berlin. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst als Buchhalterin in einer Werbeagentur und veröffentlichte Radiofeatures, Hörspiele und Essays. Ab Mitte der 90er Jahre begann sie Romane zu schreiben. Für die Erzählung Pong erhielt sie 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis, später folgten auch der Preis der Leipziger Buchmesse, der Kleist-Preis und der Georg-Büchner-Preis. Lewitscharoff ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Berliner Akademie der Künste. Bis auf längere Aufenthalte in Buenos Aires und Paris lebt sie seit über vierzig Jahren in Berlin. dem