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Bilder: Michel Gilgen
Freitag, 04. Mai 2018

Ein Februarmorgen im Spital Zollikerberg. Das «Schwerpunktspital im Grünen», wie sich das Haus auf seiner Website nennt, verfügt über eine Klinik für Innere Medizin, eine für Chirurgie und eine für Frauen. Stefan Morgenthalers Einsatzgebiet umfasst etwas über 200 Betten. Heute steht er zum erstenmal am Bett von Frau E. Die Dreissigjährige hat sich bei einem Autounfall das Knie gebrochen. Als er sich als reformierter Seelsorger vorstellt, stutzt sie leicht. Doch die Zurückhaltung weicht schnell. Sie sei an ihrem Arbeitsplatz gerade mit einem grossen Projekt betraut worden, erzählt sie. Dass sie bereits jetzt ausfällt, mache ihr zu schaffen. Morgenthaler hört aufmerksam zu, fragt nach. Dabei wird klar, dass die Firma im Grunde viel Verständnis für ihre Situation zeigt.

Wer Morgenthaler zuhört, kann lernen: wie man unaufdringlich und zugleich aufrichtig mit einem Menschen ins Gespräch kommt. Zwanzig Minuten später verabschiedet er sich von Frau E. In ihrem Gesicht ist so etwas wie Zuversicht auszumachen.

Seit zehn Jahren arbeitet Stefan Morgenthaler zwei Tage die Woche hier im Spital, unweit von Zürichs Stadtgrenze. Zwei weitere Tage leistet er Seelsorge im Waidspital in der Stadt Zürich. Dazu kommen Einsätze bei Notfällen. Hier in Zollikon teilt er sich mit einer Kollegin eine knappe Vollzeitstelle, und an drei Tagen ist auch ein katholischer Seelsorger anwesend. Wie die meisten Kollegen an den anderen Schweizer Spitälern erhält Morgenthaler seinen Lohn von der Landeskirche. Das Spital stellt ihm die nötige Infrastruktur zur Verfügung, so auch ein Büro.

Hier druckt sich Stefan Morgenthaler wie an jedem Arbeitstag die Patientenliste aus. Sie gibt ihm Auskunft über Neuzugänge, Aufenthaltsdauer und Konfession. Längst nicht alle Patienten kann Morgenthaler besuchen. Priorität haben die, welche ihm von der Pflege oder der Ärzteschaft gemeldet werden – egal welcher Religion oder Konfession sie angehören. Bleibt dann noch Zeit für spontane Besuche, bevorzuge er Patienten, die auf dem Eintrittsformular «reformiert» angekreuzt haben.

Für Frau A. ist heute ein besonderer Tag. Sie darf das Spital verlassen. Die siebzigjährige Witwe hat eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Insgesamt fünfzehn Mal musste sie sich am Rücken operieren lassen. Einmal, vor zwei Jahren, fiel sie für mehrere Tage ins Koma. Pfarrer Morgenthaler besucht die Frau nicht zum erstenmal. Offensichtlich freut sie sich über den Besuch des Pfarrers in ihrem Zimmer. «Ich hatte immer einen Bezug zu Gott, obwohl ich aus der Kirche ausgetreten bin», sagt die ehemalige Krankenschwester.

Er achte darauf, wie lange jemand schon im Spital sei oder ob er unmittelbar vor einer Operation stehe, sagt Morgenthaler. Ein wichtiges Indiz sei auch, ob jemand verwitwet sei. «Oft sind das alte Menschen, die ihren Partner bereits in einem Spital verloren haben. Wenn sie dann selber im Spital liegen, kommt das wieder hoch.»

Die Vorstellung von einem Pfarrer, der mit der Bibel in der Hand an den Spitalbetten Seelen rettet, hat mit der heutigen Spitalseelsorge nur wenig zu tun. Morgenthaler schätzt, dass es in neunzig Prozent der Gespräche nicht um religiöse Fragen geht, sondern um alltägliche Sorgen. Dann sei es die Aufgabe des Seelsorgers, Patienten aus ihren kreisenden Gedanken zu befreien. Auf Gott und den Glauben kommt Morgenthaler deshalb nur zu sprechen, wenn er von Seiten des Patienten den Wunsch danach spüre. «Das kommt meist von allein.

Ich muss da gar nicht auf religiös machen», sagt er. Trotzdem ist er sich bewusst, dass in den Köpfen der Leute teilweise noch ein falsches Bild vom reformierten Seelsorger herumgeistere. «Vor allem bei älteren Menschen gibt es manchmal noch diese Angst: der will jetzt bei mir missionieren.» Bei den Jungen seien diese Vorurteile kaum da. «Oh, ein Pfarrer!» sei oft die Reaktion von jungen Menschen, die sonst kaum Berührungspunkte mit der Kirche hätten. «Ihre neugierige Haltung führt zu spannenden Gesprächen.»

Es sei selten, dass er bei seinen Besuchen auf harte Ablehnung stosse – selbst bei konfessionslosen oder atheistischen Patienten nicht. Und wenn er doch einmal mit grosser Bestimmtheit aus dem Zimmer verwiesen wird? «Dann verabschiede ich mich und gehe.» Alles andere bringe nichts und wäre respektlos. Meist sei es aber Irritation, Unsicherheit oder Misstrauen, was sein Besuch zu Beginn auslöse. Dann versuche er die Gründe zu erfahren.

Zurück in seinem Büro die Frage, weshalb er Seelsorger wurde. Morgenthaler schmunzelt. «Es mag seltsam klingen, aber ich wollte bereits als Primarschüler Seelsorger werden.» Der gebürtige Luzerner wuchs in einer kirchlich engagierten Familie auf. Mit zwanzig begann er das Theologiestudium, es folgten das Vikariat und die ersten Stellvertretungen in der Spitalseelsorge. Daneben sammelte er Erfahrungen in anderen Jobs, etwa im Nachtdienst des Heilsarmee-Männerheims nahe der Zürcher Langstrasse. Morgenthaler erinnert sich, dass er bereits als Kind ein Gefühl für die Ängste und Sorgen der anderen hatte. Ein «Sensorium fürs Helfen», wie er es nennt. So habe er zum Beispiel auf Velotouren im Cevi-Lager die Zurückgebliebenen ermuntert, nicht aufzugeben. Und in der Klassenlager-Disco habe er jeweils jene Mädchen zum Tanz aufgefordert, mit denen niemand tanzen wollte.

In den letzten Jahrzehnten hat sich das Berufsbild der Seelsorge stark gewandelt. Früher war es noch mehrheitlich der Gemeindepfarrer, der ans Spitalbett kam. Heute muss, wer in der Spitalseelsorge tätig sein will, neben dem Theologiestudium eine anspruchsvolle Zusatzausbildung vorweisen können. Ein Trend, der weitergehen wird. Die Zeiten, als der Pfarrer einzig im Austausch mit den Patienten stand und mit dem restlichen Spitalbetrieb nichts zu tun hatte, sind längst vorbei.

Immer wieder wird Morgenthaler von Pflegenden und Ärzten freundlich gegrüsst: auf dem Gang, in der Cafeteria, in den Zimmern. Manchmal entspinnt sich auch ein kurzes Gespräch  oder ein kollegialer Austausch. Er ist nicht nur an den wöchentlichen Rapporten auf den Pflegestationen dabei, er steht auch sonst in ständigem Kontakt mit dem Pflegepersonal. Die Seelsorgenden seien regelrechte Brückenbauer zwischen den Patienten und dem Personal, sagt die Leiterin der Privatstation. Das sei zudem hilfreich bei Konflikten zwischen Patienten und dem Pflegedienst.

Dass dies so ist, hat auch mit der Rolle des Spitalseelsorgers zu tun: Er ist mittendrin – und doch nicht ganz. «Wir gehören formal nicht zum eigentlichen Team, erhalten aber dennoch die Informationen», sagt Morgenthaler. Diese Position hilft auch, wenn es einmal zu einem Konflikt zwischen einem Patienten und der Pflege kommt. Die Arbeit der Seelsorgenden sei für das Pflegepersonal eine Entlastung, sagt die Stationsleiterin. Ohne sie müsste die spirituelle Betreuung der Patienten zu einem grossen Teil durch die Pflegenden wahrgenommen werden – was je nach Auslastung nicht immer geht. Die Seelsorger sind aber auch da, wenn Spitalmitarbeitende mit ihrer Arbeit hadern. Beispielsweise wenn ein Kind tot zur Welt kommt und die Eltern der Hebamme Vorwürfe machen.

Die eigenen Abgründe kennen

Es ist Mittag geworden. Einmal in der Woche treffen sich alle Seelsorgerinnen und Seelsorger zu einer Meditation. Der Gebetsraum mit dem bunten Glasfenster und dem Kreuz an der Wand ist für alle im Haus Tag und Nacht zugänglich. Eine Mitarbeiterin des Spitals und eine Schwester des benachbarten Diakoniewerks lassen sich ebenfalls auf den Meditationskissen nieder. Dann lässt der katholische Seelsorger auf seinem Handy einen Gong ertönen, der zum gesammelten Schweigen lädt.

Was im Alltag oftmals nach banaler Erkenntnis klingt, ist für die Seelsorger in Spitälern und Heimen existenziell: die eigene Mitte finden. Denn der Beruf zehrt. «Als Seelsorger ist man immer ein bisschen Klagemauer», sagt Morgenthaler. Sich vom täglichen Leid abzugrenzen sei ein Dauerprozess, der nicht immer gleich gelinge. Zu viel Abgrenzung sei aber auch nicht gut: «Das Distanznehmen darf nicht auf Kosten der Empathie gehen.» Schaffen tut dies nur, wer zu sich schaut. Morgenthaler sucht dafür täglich die Stille, geht in die Natur oder reist für eine Auszeit in ein Kloster. Zudem unternehme er viel mit seinen Kindern, begleite sie an Fussballspiele oder gehe mit ihnen skaten. Oder aber er lässt seine Modellautos fahren – sein liebstes Hobby. «All dies ist meine Burnout-Prophylaxe», sagt Morgenthaler.

Was im Alltag nach banaler Erkenntnis klingt, ist für den Spitalseelsorger existenziell: die eigene Mitte finden. «Das ist meine Burnout-Prophylaxe», sagt Morgenthaler.

Die Auseinandersetzung als Seelsorger mit den eigenen existenziellen Herausforderungen und Abgründen sei aber auch für die Arbeit unerlässlich: Nur so lasse sich dem Patienten das glaubwürdige Signal aussenden, dass man dem Umgang mit ihrem Leiden und dem Sterben überhaupt gewachsen sei. Es gab aber auch im Leben des Seelsorgers Morgenthaler Situationen, in denen er an seine Grenzen kam.

Einen seiner schwierigsten Einsätze erlebte er vor fünf Jahren. Damals war ein Mädchen in einem Sommerlager tödlich verunfallt.

Morgenthaler war auf Pikett, als ihn die Eltern ins Kinderspital baten, um das hirntote Mädchen zu taufen. Eine Extremsituation, in der keine Worte mehr halfen, wie Morgenthaler sagt. «In solchen Fällen ist es oft hilfreicher, gemeinsam zu schweigen oder ein schlichtes Ritual durchzuführen.» Man müsse als Seelsorger ein Gespür dafür entwickeln, was helfe. Das könnten Berührungen sein, das Summen eines Lieds, manchmal auch ein Gebet.

Dass die Spitäler Seelsorge heute als selbstverständlichen Teil einer umfassenden Betreuung verstehen, ist nicht zuletzt dem Siegeszug der Palliative Care zu verdanken. Das Konzept wurde massgeblich von der Begründerin der Hospizbewegung Cicely Saunders mitgeprägt. Für Saunders war klar, dass bei der Versorgung schwerkranker Menschen nicht nur medizinische, sondern auch psychische und spirituelle Aspekte zu berücksichtigen seien.

Eine für die damalige Zeit revolutionäre Einsicht. Bis in die neunziger Jahre war die Medizin fast ausschliesslich auf das Somatische fixiert. Mit dem Aufkommen von Palliative Care entdeckte man plötzlich: Ach so, Spiritualität ist ja auch ein Teil der Gesundheitsversorgung. Diese Haltung prägt die Arbeit von Stefan Morgenthaler: «Zuerst sehe ich im Patienten einen Menschen, nicht einen Krankheitsfall.»

Draussen im Flur sagt Morgenthaler, er bedaure manchmal, dass sein Beruf immer wieder unterschätzt werde. «Viele denken, Seelsorge sei einfach ein bisschen am Krankenbett zu sitzen und über Gott und die Welt zu plaudern.» Dass dabei viel Wissen und Erfahrung nötig sei, das ist für Aussenstehende kaum erkennbar. Welche Merkliste würde er einem Berufseinsteiger mitgeben, damit ein Seelsorgegespräch gelingt? So leicht lasse sich das nicht sagen, sagt Morgenthaler. Weiter sei es nicht seine Art, anderen ungefragt Ratschläge zu erteilen. Er erinnere sich aber bei seiner Arbeit immer wieder an folgende Punkte:

  • Ich bin als Seelsorger verantwortlich dafür, dass das Gespräch nicht unangenehm oder peinlich wird.
  • Offen sein für das, was geschieht. Das können die Worte des Gegenübers sein, aber auch seine Körpersprache.
  • Interesse ist gut, Neugier schlecht. Darum: Niemals Löcher in den Bauch fragen.
  • Die eigenen Grenzen kennen. Nach fünf Gesprächen ist die Luft draussen. Das sechste Gespräch bleiben lassen.
  • Keine Show abziehen, nichts erzwingen wollen.
  • Wirklich niemals Löcher in den Bauch fragen.
  • Wissen, dass ein Gespräch auch einmal abstürzen kann.
  • Sich selbst nicht zu wichtig nehmen.

Bei Stefan Morgenthaler stehen an diesem Nachmittag noch zwei weitere Besuche an. Manchmal verspürt er eine Art Schwellenangst, wenn er eine Patientin zum erstenmal besucht. Dann greift er auf etwas zurück, das er sein «Türklinkenritual» nennt. «Ich warte kurz vor der Türschwelle, atme tief durch und sammle mich. Erst dann trete ich ein.»

Frau S. hat das Gespräch mit dem Seelsorger von sich aus gesucht. Die bald Neunzigjährige muss nach einer Operation am kommenden Tag in die Reha. Nun plagen sie viele kleine Sorgen, zum Beispiel ob sie morgen früh rechtzeitig aufwache. Weiter erzählt sie, dass sie von einer Bekannten mit dem Auto abgeholt werde und nun Angst habe, auf der Fahrt zu sterben. Das wäre doch eine riesige Belastung für ihre Bekannte.

Morgenthaler ver – sucht behutsam, ihr die Ängste zu nehmen. Sie mache einen guten Eindruck, die Wahrscheinlichkeit, dass auf der Fahrt etwas passiere, sei sehr gering, sagt der Seelsorger. Am Ende des langen Gesprächs erzählt Morgenthaler der Frau eine Geschichte aus Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer. Jim sei eines Tages in die Wüste geraten und habe am Horizont einen bedrohlichen Riesen gesehen. Doch je näher er dem Riesen kam, umso kleiner wurde der. Mit den Sorgen verhalte es sich gleich.

Loslassen, Finger um Finger

Es ist später Nachmittag am Zollikerberg, der Arbeitstag von Stefan Morgenthaler neigt sich seinem Ende zu. Mit dem Warenlift geht’s nun ins Untergeschoss. Dort befindet sich der Aufbahrungsraum, unmittelbar neben der Entsorgung und dem technischen Dienst. Begleitet Morgenthaler Angehörige hierher, dann bereitet er sie auf diese doch eher unwirtliche Umgebung vor. «Heute würde man wohl eine Aufbahrungshalle nicht mehr an diesem Ort planen», sagt er. Die toten Körper aus dem Kühlraum zu schaffen und die Angehörigen beim Abschied zu begleiten – auch das gehört zur Arbeit des Seelsorgers. Heute ist der Kühlraum leer. Nur auf einem Tisch in der Ecke stehen zwei Kindersärge, bunt bemalte Holzschatullen.

«Herr, lass deine Augen offen stehen über dieses Haus Nacht und Tag.» Das Zitat wurde in grossen Lettern in die Steinwand des Spitalfoyers gemeisselt. Ginge es nach Morgenthaler, würde er noch Worte von Matthäus hinzufügen: «Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht.» Das Pflichtenheft eines Spitalseelsorgers in einem Satz.

Tage später berichtet Morgenthaler am Telefon von einer Situation, die ihn sehr berührt habe. So wurde er zu einem sterbenden Patienten gerufen. Als er an sein Bett kam, wälzte sich der Mann unruhig, streifte seine Kleider ab. Er hatte offenbar grosse Angst vor dem Sterben. Auf die Worte des Seelsorgers reagierte er bereits nicht mehr. Dann bemerkte Morgenthaler, dass der Mann Berührungen wahrnahm und seinen Händedruck erwiderte. «Vor mir lag dieser grosse und korpulente Mann, hilflos wie ein Säugling, und drückte meine Hand.» Morgenthaler leitete ihn beim Atmen an. Einatmen. – Ausatmen. – Einatmen. – Ausatmen. Gemeinsam fanden sie einen Rhythmus. Die Stimmung im Raum wurde zusehends ruhig. Wenig später starb der Mann. Als Stefan Morgenthaler die Hand des Verstorbenen von seiner löste, musste er dessen Finger einzeln lösen, so stark hielten sie seine Hand.

Heimito Nollé ist Redaktor bei bref.

Stefan Morgenthaler (44) wuchs in einer kirchlich engagierten Familie im Kanton Luzern auf. Schon als Primarschüler hatte er den Wunsch, Seelsorger zu werden. Nach dem Theologiestudium und dem Vikariat übernahm Morgenthaler erste Vertretungen in der Spitalseelsorge, unter anderem am Berner Inselspital. Daneben absolvierte er ein Praktikum bei einer Suchtberatungsstelle und arbeitete im Nachtdienst des Männerheims der Heilsarmee. Seit 2007 ist Morgenthaler in einem Pensum von 50Prozent Seelsorger am Spital Zollikerberg ZH und in einem 40-Prozent-Pensum am Zürcher Stadtspital Waid tätig. Morgenthaler ist verheiratet und hat zwei Kinder. dem