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Autor: Oliver Demont
Illustrationen: Mauro Mazzara
Freitag, 15. Mai 2020

Seelsorgerin Barbara Oberholzer organisiert auch mal Kreuzworträtsel und Zigaretten für Spital­patientinnen. Ihre Visiten sind ein Highlight für die Kranken, die sonst keinen Besuch empfangen dürfen.

Barbara Oberholzer, Seelsorgerin

Covid-19 kam schleichend. Zuerst haben wir noch Sprüche geklopft in den Spitalgängen. Dann erreichten uns die Bilder aus der Lombardei und wir wussten: Horror. So was will niemand erleben. Die Stimmung im Seel­sorgeteam, in der Pflege und auch unter den Patientinnen und Patienten war angespannt. Alle warteten darauf, dass der angekündigte Sturm über uns hereinbrach. Das war Anfang März und die Situation plötzlich todernst.

Eine Task-Force bestimmt seither, wo es langgeht. Die Klarheit ist nötig, damit überhaupt in kurzer Zeit die Stationen für Patienten mit akuten Covid-19-Symptomen eröffnet werden konnten und alle wissen, was zu tun ist. Die Spitalseelsorge geht dabei im Takt mit dem laufenden Betrieb. Es ist nicht selbstverständlich, dass unsere Chefin in der Task-Force ist. Wir Seelsorgerinnen sind ja von der Kirche angestellt, und nicht vom Spital. Von diesem besteht somit keine Pflicht, uns da einzubinden. Dass wir es trotzdem sind, hängt wohl mit der langjährigen, von grossem Vertrauen geprägten Zusammenarbeit zusammen. Immer wieder spüre ich, dass unsere Arbeit von der Pflege, von der Ärzteschaft und der Direktion sehr geschätzt wird. Diskussionen darüber, dass wir ins Home-Office gehen sollten, gab es nie. Für mich war aber auch immer klar: Wenn die Seelsorge in solch einer Situation nicht präsent ist, wann ist sie es dann?

Eine grosse Not brachte nicht nur der Virus, sondern auch das seit dem 13. März in Kraft getretene Besuchsverbot. Von einem Tag auf den anderen durften auch schwerstkranke Patienten ihre Angehörigen nicht mehr sehen, ausser sie lagen bereits im Sterben. Über lange Zeit krank und verängstigt im Spitalbett zu liegen und zu wissen, dass der Partner, die Mutter, Freunde oder Kinder nicht zu Besuch kommen dürfen, ist schrecklich.

Plötzlich ist da niemand mehr, der tröstet, vom Leben draussen erzählt, die Hand hält oder einen umarmt. Ich versuche, so gut das geht, diese Lücke zu füllen. Natürlich halte auch ich mich strikt an alle Regeln. Aber da ein Schwatz oder dort ein ernsthaftes Gespräch kann grosse Erleichterung bringen. Einmal machte ich in einem Patientenzimmer Modeschau mit verschiedenen Spitalkitteln, das war lustig. Und manchmal organisiere ich auch einfach nur Zigis und Kreuzworträtsel vom Kiosk. Die Leute äussern viel Dankbarkeit. Sie finden es schön, dass die Kirche so etwas tut.

Auf der Covid-19-Intensivstation mit den schweren Krankheitsverläufen besteht eine sehr enge Zusammenarbeit zwischen der zuständigen Seelsorgerin und dem Behandlungsteam. Sie darf dort ein und aus gehen und hält den Kontakt zu den Angehörigen. Ich war verantwortlich für eine normale Covid-Station mit weniger dramatischen Fällen. Bis auf eine Person haben sich in der Zwischenzeit alle meine Patientinnen und Patienten vom Virus erholt und konnten das Spital verlassen.

Maske und Schutzbrille tragen, dauernd die Hände desinfizieren, Abstand halten und natürlich keine Hände schütteln: das macht was mit einem. Mit den Patientinnen sowieso. Nicht wenige fürchten sich davor, dass sie im Spital mit dem Virus angesteckt werden. Spitäler sind eh nicht die gesundesten Orte. Darum scheint mir das Besuchsverbot im Spital auch richtig, zum Schutze aller, selbst wenn es leidvolle Konsequenzen mit sich bringt. Bei Alters-, Pflege- und Behinderteninstitutionen frage ich mich aber, ob dieses Besuchsverbot nicht zu hart umsetzt wird. Ich begleitete einen Vater, dessen schwerbehinderter Sohn in einem Heim an Covid-19 erkrankte.

Besuche im Heim, wo der Sohn lebte, blieben ihm verwehrt. Im Gespräch erzählte er mir von seiner Angst, dass sein Sohn, gesundheitlich in schlechter Verfassung, den Virus nicht überlebt – und er ihn nie mehr sehen würde. Als ich den Vater eine Woche später erneut traf, war sein Sohn tot. Das muss man sich mal vorstellen: Er starb ganz alleine und nun steht seine Urne daheim. Die Eltern bleiben zurück mit quälenden Fragen. Wie sehr hatte ihr Kind gelitten? Fühlte es sich von ihnen im Stich gelassen? Mich hat das beelendet. Wenn sogar in einem grossen Akutspital wie dem Unispital die Angehörigen unter entsprechenden Schutzmassnahmen vor dem Tod kommen dürfen, weshalb dort nicht?

In den vergangenen Wochen erinnerte ich mich immer wieder an meine Grossmutter. Sie hatte Jahrgang 1901. Als ich klein war, erzählte sie mir häufig von früheren Krankheitswellen, Polio, Tuberkulose, Typhus oder Diphterie. Als Jugendliche erkrankte sie selbst an Tuberkulose. Unter solch ständigen Bedrohungen wuchs sie also auf, ebenso ihre Kinder. Impfstoff und Antibiotika gab es nicht. Und doch waren ihre Erzählungen erfüllt von prallem Leben. Was ich damit sagen will: Was die Menschen früher konnten, das können wir heute auch – trotz der momentanen Gefahr nicht aufhören zu leben. Arbeiten, lieben, fröhlich sein. Klar, Händeschütteln und Küssli wird es lange Zeit nicht mehr geben und wir müssen auch weiterhin wachsam sein. Aber wir werden wieder zurückfinden zur Leichtigkeit und Schönheit des Lebens. Daran glaube ich.

Aufgezeichnet von Oliver Demont.

Die Philosophin Carola Meier-Seethaler kann der Coronakrise auch Gutes abgewinnen. Trotzdem vermisst die 93jährige Besuche ihrer Töchter und Enkel. Nun freut sie sich, dass die Kontaktsperre ein Ende hat.

Carola Meier-Seethaler, Philosophin

Mit Neugier habe ich heute morgen Ihren Anruf erwartet. Weil meine Stimme mich nach längerem Reden nun öfters im Stich lässt, habe ich mich mit Sprechübungen darauf vorbereitet. Abgesehen davon verlaufen meine Tage seit den Corona-Bestimmungen in getakteten Bahnen. Um halb sieben stehe ich auf, es folgt die Morgentoilette, dann bereite ich mir mein Frühstück in meinem Appartement zu. Später setze ich mich in den Lesesessel, gehe die Zeitungen durch oder arbeite an Texten, bis meine Augen müde werden.

Um viertel vor eins dann das gemeinsame Mittagessen im Speisesaal mit anderen Bewohnern und Bewohnerinnen der Altersresidenz im Osten Berns. Dies gestaltet sich zurzeit ziemlich anders als üblich: Aus Hygienegründen essen wir in drei Schichten. Dabei sitzen wir so weit auseinander, dass wir uns nur fast schreiend unterhalten können – in unserem Alter sind die meisten ja schwerhörig. Und seit wir nur noch zu dritt den Lift in die Gemeinschaftsräume benutzen dürfen, ist Warten angesagt. Wir nehmen das Anstehen mit Humor und rufen uns gegenseitig zu, genug Abstand zu halten.

Die ersten Wochen im Lockdown setzten mir kaum zu. Im Gegenteil. Endlich fand ich Zeit, meinen Nachlass zu ordnen und mich von Dingen zu trennen, die ich längst nicht mehr brauche, wie aufwendiges Kochgeschirr, Fischbesteck, nie getragene Schuhe. Wie viel Unnützes selbst in zwei Zimmern Platz findet!

Auch wenn ich als Philosophin mein Leben lang darüber nachgedacht habe, führte mir das Entrümpeln den verschwenderischen Lebensstil, den unsere kapitalistische Gesellschaft pflegt, noch einmal richtig vor Augen. Ohnehin beschäftigt mich dieser Tage die politische Grosswetterlage. Gerade verfasse ich einen Essay für meine feministische Mitstreiterin Alice Schwarzer über eine fairere Aufteilung der Care-Arbeit unter den Geschlechtern. Ein aktuelles Thema, jetzt, wo viele im Home-Office sind und zusätzliche Kinderbetreuung anfällt. Auch mit meinem Münchner Dichterfreund Hans Krieger korrespondiere ich über den Zustand der Welt. Wir schreiben uns Mut und Zuversicht zu.

Nachmittags mache ich oft einen kurzen Spaziergang in der Nachbarschaft. Weil ich Gleichgewichtsstörungen habe, bewege ich mich innerhalb der Residenz mit dem Rollator. Im Freien gehe ich bedächtig an einem Stock. Bewegung und ein bisschen frische Luft tun mir gut.

Gezwungenermassen war ich seit Wochen alleine unterwegs. Meine jüngere Tochter, die hier in Bern lebt, sah ich gerade noch einmal die Woche für ein kurzes Gespräch. Sie erwartete mich jeweils mit erbetenen Einkäufen vor dem Garteneingang der Residenz, zwischen uns drei Meter Distanz. Dabei bin ich als gebürtige Münchnerin ein geselliger Mensch. Vor Corona habe ich gerne Bekannte aus der Residenz oder meine Lieben zum Kaffee oder zu einer Partie Scrabble eingeladen.

Vor zwei Wochen wurden wir in Kenntnis gesetzt, dass jemand aus dem Mitarbeiterteam des Hauses positiv auf Covid-19 getestet wurde. Man führte bei allen Bewohnerinnen und Betreuern Tests durch, die in näherem Kontakt mit der betreffenden Person gestanden hatten. Niemand hat sich angesteckt. Ich selbst habe vor dem Virus keine Angst. Ausser Schwindel­gefühlen bei tiefem Blutdruck bin ich gesund. Und sollte es zum Schlimmsten kommen, bin ich darauf vorbereitet. Das Thema Sterben ist mir vertraut.

Bevor mein Mann vor 33 Jahren starb, war er lange Jahre schwer krank. Wir gehörten zu den ersten Mitgliedern bei Exit, eine Zeitlang war ich im Beirat der Sterbehilfeorganisation. Mein Mann verstarb dann überraschend an einem Asthmaanfall. Jedenfalls bin ich zutiefst davon überzeugt, dass es ein Recht auf Sterben gibt – und einen richtigen Zeitpunkt dazu. Für Wochen im künstlichen Koma an ein Beatmungsgerät angeschlossen sein, ohne Aussicht, jemals wieder voll funktionsfähig aufzuwachen? Das lehne ich ab.

Sollte ich schwer am Coronavirus erkranken, möchte ich auf keinen Fall auf eine Intensivstation verlegt werden. Mein Hausarzt weiss Bescheid. Bei ihm bin ich in guten Händen, er kennt sich in der palliativen Medizin bestens aus und würde mich sogar in meiner Wohnung bis zum Tod begleiten.

Viel mehr als mein Sterben beschäftigt mich die Ungewissheit, wie lange die Einschränkungen bestehen bleiben. Täglich ändern die Prognosen. Experten warnen, dass wir uns auf eine zweite oder dritte Welle gefasst machen müssen. Meine anfängliche Gelassenheit ist einer gewissen Ungeduld gewichen. Ich werde nicht mehr lange leben. Mich bedrückte zusehends der Gedanke, dass die noch mögliche gemeinsame Zeit mit meinen Töchtern und den Enkeln dahinschwindet.

Ich dachte darüber nach, lieber eine Ansteckung in Kauf zu nehmen, als auf lange Sicht ohne Kontakt zu meinen Lieben dahinleben zu müssen. Mir war aber stets bewusst, dass diese Überlegung müssig ist: Als Bewohnerin einer Altersresidenz darf ich keine Risiken eingehen – mein Verhalten hat ja auch Konsequenzen für meine Mitbewohnerinnen.

Glücklicherweise wurde nun eben bekannt, dass ab sofort Besuche von Angehörigen unter gewissen Bedingungen wieder möglich sind. So kann ich in dem Restaurant, das mit unserer Einrichtung verbunden ist, in einem speziell reservierten Teil mit meiner Familie zusammen essen.

Doch meiner positiven Lebenseinstellung kann Corona nichts anhaben. Schon immer zog ich das Engagement für eine Besserung der Dinge der Resignation vor. Mit Hoffnung blicke ich auf die jüngere Generation. Da melden sich Studenten, um in Spitälern auszuhelfen, oder Schülerinnen kaufen für Senioren ein. Wunderbar! Und endlich kriegen auch neoliberale Politiker zu spüren, was sie mit ihrer Kaputtsparerei anrichten. Ohne Pflegende, Ärztinnen und Lehrer ist unsere Gesellschaft nichts. Diese Ausnahmesituation bietet die Chance für einen echten Wendepunkt!

«Ich träume davon, dass sich durch die Krise in Politik und Wirtschaft endlich was ändert. Ob ich das selbst noch miterlebe, ist letztlich nicht so wichtig.» Carola Meier-Seethaler, Philosophin

Vor Jahren habe ich ein Buch verfasst über das, was ich unter a-theistischer Spiritualität verstehe. Ich bin überzeugt davon, dass alles Lebendige miteinander verbunden ist, ganz ohne dogmatischen Gott. Die Coronakrise bringt diese all­umfassende tiefe Bezogenheit an die Oberfläche, sie weckt in den Menschen ein Sensorium für einander und für den Planeten. Nun träume ich davon, dass sich endlich auch in der Politik und am wirtschaftlichen System Grundsätzliches ändert. Ob ich das selber noch miterlebe oder nicht, ist letztlich gar nicht so wichtig. Alleine die Vorstellung stimmt mich zuversichtlich.

Aufgezeichnet von Susanne Leuenberger.

Barbara Dürst * hört sich bei der Dargebotenen Hand die Sorgen fremder Menschen im Lockdown an. Manchmal vernimmt sie Geschichten, bei denen sie auch etwas schmunzeln muss – trotz allem.

Barbara Dürst *

Eine Frau fährt stundenlang im Auto durch die Gegend, weil sie es in den eigenen vier Wänden nicht mehr aushält. Ein alter Mann verzweifelt daran, seine Tochter und die Enkel nicht sehen zu können. Ein anderer, dass ihn seit Tagen niemand mehr anruft. Am Ende einer Telefonschicht bei der Dargebotenen Hand kann ich die Geschichten, die ich in den letzten fünf Stunden gehört habe, kaum mehr auseinanderhalten. Schicksale, Stimmen und Klagen vermischen sich. Ich mache diese freiwillige Arbeit nun seit etwas mehr als zwei Jahren. Was mich daran reizt? Am Leben anderer Anteil zu nehmen, ich höre gerne zu.

Seit Corona wählen eindeutig mehr Menschen die 143. Vor allem tagsüber erreichen uns mehr Anrufe, die Leute sind ja jetzt einfach zuhause. Deshalb haben wir die Tagesdienste verdoppelt. Zurzeit übernehme ich etwa fünf Schichten im Monat, sonst sind es drei. Viele sagen mir am Telefon, dass sie sich zum ersten Mal bei uns melden. Auch jüngere, die seit Tagen oder gar Wochen ihre Wohnung nicht mehr verlassen haben, rufen an.

Was selbst mich ein bisschen überrascht: Häusliche Gewalt ist nicht öfter ein Thema als sonst, auch wenn in den Medien viel darüber zu lesen war. Im Durchschnitt dauert ein Gespräch zwischen 20 und 30 Minuten, es kann aber auch länger sein. Nur wenn einer nur noch «liiret», klemme ich ab. Mein Ziel ist klar: Ich möchte gemeinsam mit den Leuten an einen Punkt kommen, an dem sie wieder mit ein bisschen Zuversicht den eingeschränkten Alltag in Zeiten von Corona bewältigen können.

«Corona ist auf traurige Weise ein Gleichmacher. Fast alle, die anrufen, leiden am Alleinsein und unter der Ohnmacht der Isolation.» Barbara Dürst *

Eine Frau, die seit Jahren regelmässig bei uns anruft, sagte mir neulich: Endlich geht es mal allen so, wie es mir immer geht. Corona ist tatsächlich auf eine traurige Art und Weise ein Gleichmacher. Fast alle leiden in irgendeiner Form am Alleinsein und an der Ohnmacht in der Isolation. Das geht auch mir als Zuhörerin so. Wie die meisten Menschen verlasse ich mein Haus ausser für den Einkauf und die Telefondienste kaum. Fällt mir zuhause die Decke auf den Kopf, gehe ich in den Wald. Zu sehen und zu riechen, wie alles wächst und blüht, hat für mich etwas Tröstliches. Das Leben geht weiter.

Oft sind es einfache Dinge, die in einem Gespräch helfen können. Beispielsweise, wenn Menschen erkennen, dass auch andere gerade sehr einsam sind und darunter leiden – und es sinnvoll ist, sich in Selbstisolation zu begeben: Das Ganze hat ja ein Ziel und hoffentlich auch ein Ende. Manchmal gebe ich auch einen Ratschlag. So war es bei einer schweren Asthmatikerin, die von ihrem Balkon aus zuschauen musste, wie Familien, Kinder und junge Paare an einem sonnigen Sonntagnachmittag draussen unterwegs waren. Als Risikopatientin traute sie sich nicht aus ihrer Wohnung. Sie fühlte sich wie abgeschnitten. Ihr riet ich: Warum gehen Sie nicht abends raus, wenn die Strassen leer sind?

Zurzeit höre ich in den Beratungen auch «gwundrige» Sachen. Letzte Woche rief mich ein Mann an, der überzeugt war, der Staat habe den Virus verbreitet. Der Bundesrat wolle uns kon­trollieren und wir seien bloss Marionetten. Ich konnte kaum was sagen ausser «hmm» und «okay», er redete ohne Punkt und Komma. Steigert sich wer am Telefon in etwas rein, dann versuche ich mich bemerkbar zu machen. Nur so ist es überhaupt möglich, Druck aus der Situation zu nehmen und den Menschen ein Stück weit runterzuholen. Dem Mann sagte ich dann: Hören Sie, ich kann Ihre Bedenken und Ängste verstehen, doch kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Regierung uns alle gezielt krank macht.

Es wäre illusorisch zu glauben, dass ich den Mann von seinen Vorstellungen befreien kann – aber meine Überzeugung ist, dass jeder Mensch Aufmerksamkeit verdient. Egal wie verrückt sich manche Geschichten anhören, ich nehme die Anruferinnen und Anrufer und ihre Bedenken ernst. Das Telefon aufgehängt habe ich nur einmal, als eine Frau mich zum dritten Mal in Folge anrief und sich über Männer beklagte. Sie wurde jedesmal aufgebrachter. Als sie auf meine Bitte, mit dem Fluchen aufzuhören, nicht einging, beendete ich den Anruf.

Die Sorgen der anderen am Ende einer Schicht nicht mit nach Hause zu nehmen gelingt mir meistens gut. Die Autofahrt von der Beratungsstelle nach Hause aufs Land hilft mir, wieder zu mir zu finden und anzukommen. Kilometer für Kilometer. Ich lebe mit meinem Mann und den beiden erwachsenen Söhnen unter einem Dach, die Tochter ist bereits ausgezogen.

Eigentlich sollte meine Arbeit zuhause kein Thema sein, denn trotz Anonymität der Hilfesuchenden unterliege ich der Schweigepflicht. Ab und an gebe ich am Frühstückstisch trotzdem ein «Müsterli» zum besten – immer verfremdet natürlich. Die Story mit Corona und dem Bundesrat war so eines, das ich nicht für mich behalten konnte.

Jetzt, wo sich so viele alleine fühlen, bin ich sehr dankbar, eine Familie zu haben. Auch wenn wir uns im Moment immer wieder mal aufs «Gäder» gehen. Man hockt halt einfach viel aufeinander, mein Mann und der jüngere Sohn arbeiten im Home-Office. Ich weiss oft nicht, wo ich mich da noch aufhalten soll. Für den Dienst komme ich immer auf die Beratungsstelle. Sorgen, dabei zu erkranken, mache ich mir keine. Das Telefonzimmer habe ich für mich ganz allein. Und, ehrlich, die Stunden ausser Haus sind für mich eine willkommene Abwechslung zum häuslichen Einerlei.

Auch heute morgen, als ich in mein Auto stieg, war ich gespannt auf den Telefondienst. Jedesmal erwarten mich andere Geschichten. Die Anonymität ermöglicht eine grosse Offenheit. Sie schützt mich und die Menschen, die anrufen. Klar, es bleibt bei einer Momentaufnahme, einem einmaligen Einblick von zwanzig Minuten in das Leben anderer. Wie ihr Leben nach Corona weitergeht, werde ich nie erfahren. Schön ist aber, wenn jemand zum Abschied danke sagt.

Aufgezeichnet von Susanne Leuenberger.

* Barabara Dürst heisst in Wirklichkeit anders. Zur Wahrung der Anonymität wurde ihr Name geändert.

Lichtinstallation «Curriculum Vitae» des Kunstschaffenden Donat Fritschy

Lotfi Rezgani will nur eines: heim nach Tunesien zu seiner Familie. Wegen Corona steckt er in nun in einem Asylzentrum fest und erlebt gerade den seltsamsten Ramadan seines Lebens.

Lotfi Rezgani

Wenn ich morgens die Augen öffne, bin ich mir oft nicht sicher, ob das, was ich sehe, nicht bloss ein schlechter Traum ist. Die Betondecke, die durch­gelegenen Kajütenbetten, die drei Männer, mit denen ich das Zimmer teile – c’est trop bizarre. Am liebsten würde ich gleich wieder einschlafen, aber meistens gelingt das nicht.

Wegen Corona stecke ich hier fest. Seit sechs Wochen bin ich im Asyl-Erstaufnahmezentrum am Rand von Basel und warte nur darauf, endlich nach Hause fliegen zu können. Zu meiner Familie in Tunesien. Ich lebe mit meiner Frau, meinen beiden Kindern und meinen Eltern in meiner Heimatstadt Kairouan im Norden des Landes.

Die Tage im Heim gleichen einander: aufstehen, im Esssaal dünnen Kaffee aus der Kanne holen, die Jacke überziehen, draussen eine erste Zigarette rauchen und die Füsse vertreten im nahen Wald. Später die Busfahrt in Richtung Stadt. Dort setze ich mich an den Fluss in die Sonne oder drehe eine Runde. Die Stunden sind lang, die Cafés geschlossen. Die 21 Franken, die wir pro Woche erhalten, reichen gerade einmal für Zigaretten und den Bus. Meistens sind wir zusammen unterwegs. Es hat hier im Asylzentrum Algerier, Syrerinnen, Iraker – wir verstehen uns.

Anfangs waren wir zu zwölft in den Schlafsälen. Doch wegen Corona-Sicherheitsmassnahmen sind wir nur noch vier. Wohin die anderen verlegt wurden, weiss ich nicht. Auch die Essensausgabe wurde angepasst: Kreuze mit Klebestreifen auf den Esstischen markieren nun, wo man sich hinsetzen darf. Kreuz, zwei Meter, Kreuz, zwei Meter.

«Mehr als der Virus machen machen mir die Sinnlosigkeit, das Warten und die langen Tage draussen zu schaffen. Nachts liege ich wach und denke darüber nach, wie das gekommen ist. C’est trop bizarre.» Lotfi Rezgani

Der Virus hat seinen Weg trotzdem ins Zentrum gefunden. Mehrere Bewohnerinnen und Bewohner wurden positiv getestet. Man brachte sie in ein spezielles Quarantäneheim. Selber zu erkranken macht mir keine Angst. Mehr zu schaffen machen mir die Sinnlosigkeit, das Warten, die langen Tage draussen. Und das Essen. Das Prinzip begreift man rasch: Gibt es mittags Reis, gibt es abends Pasta, gibt es mittags Pasta, gibt es abends Reis.

Oft liege ich nachts wach und gehe in Gedanken durch, wie es kam, dass ich hier gelandet bin. Das Ganze ist verrückt, trop bizarre. Denn ich bin kein Asylsuchender – ich wollte überhaupt gar nie in die Schweiz. Alles, was ich will, ist: so schnell wie möglich zu meiner Familie. Mein Vater ist Diabetiker und im Begriff zu erblinden, mein Sohn Badr, er ist erst zwei, erhielt vor kurzem die Diagnose Asthmatiker.

Als meine Frau mir das Arztzeugnis schickte, war ich bereits seit einem halben Jahr in Frankreich. Ich arbeitete an der Côte d’Azur. Tagsüber auf dem Bau, nachts als Türsteher vor einer Bar. Dazwischen drei Stunden Schlaf. So mache ich das seit Jahren: In Frankreich oder Italien so viel arbeiten wie möglich, dann zurück zur Familie. Von den 1300 Euro, die ich im Monat verdiene, schicke ich alles, was ich nicht für Zimmermiete, Zigaretten und Essen ausgebe, meiner Frau.

Als ich erfuhr, dass der kleine Badr ernsthaft krank ist, kaufte ich ihm für 126 Euro in einer Apotheke in Paris ein Atemgerät und schickte es ihm nach Hause. Und auch ich wollte so rasch wie möglich zurückkehren. Doch dann kam Corona. Ein Flughafen nach dem anderen machte dicht. Charles de Gaulle, Nizza, Rom, Madrid. Dann hörte ich: Von Zürich aus kannst du noch fliegen. Und so stieg ich am 3. März in den TGV.

Die Ankunft in der Schweiz werde ich nie vergessen. Männer in Zivil kamen im Zug auf mich zu. Sie zeigten mir ihre Ausweise: «Fremden­polizei» stand darauf, ich reichte ihnen mein Billett. Sie meinten nur, das seien nicht die Papiere, die sie sehen wollten. Sie durchsuchten mich, legten mir Handschellen an und brachten mich auf den Polizeiposten. Das Ersparte, rund 3000 Euro, das ich auf mir trug, nahmen sie mir ab.

Mein Gepäck mit Geschenken für meine Kinder blieb im Zug liegen. Im Büro angelangt, unterzeichnete ich Dokumente, die ich nicht verstand, und bekam eine Adresse, wo ich schlafen könnte. Die Nacht verbrachte ich draussen, ohne Geld, ohne Papiere, denn niemand öffnete die Tür, als ich nach Mitternacht bei der Unterkunft klingelte. Tags darauf wies man mich in ein Heim, dann in ein anderes, dann in ein noch anderes. Das Geld und meine Koffer sah ich nie mehr. Es dauerte Tage, bis ich begriff, dass man mich für einen Asylsuchenden hielt. Und nochmals eine Weile, bis die Behörden verstanden, dass ich nur weg will von hier. Corona zwingt mich nun zum Warten.

Seit Ramadan-Beginn vor einigen Tagen versuche ich zu fasten. Kein Essen und kein Trinken bis nach Sonnenuntergang um halb neun. Hätte ich nicht dich getroffen, um dir meine Geschichte zu erzählen, würde ich jetzt schlafen, damit der Tag rascher vergeht. Anfangs waren wir 80, nun sind wir noch 32, die im Heim fasten. In dieser Situation durchzuhalten ist schwierig.

Abends verteilen wir uns zum Gebet in den Schlafsälen und im Aufenthaltsraum, danach brechen wir das Fasten mit Milch, Datteln und Brot. Alles in Distanz zueinander. Wäre kein Corona, so würden wir in einer Moschee feiern und das Essen spendiert bekommen, nun müssen wir uns selber darum kümmern. Jeder und jede, die fastet, steuert täglich fünf Franken bei.

Ich habe in der Schweiz erfahren, was es heisst, keine Papiere zu besitzen. Man hat mich verhaftet, mir mein ganzes Erspartes genommen, und auf den Strassen werde ich fast täglich von der Polizei angehalten. Wenn ich abends nur fünf Minuten zu spät ins Zentrum zurückkehre, bekomme ich kein Geld für die nächsten Tage. Ohne die richtigen Ausweise sind Respekt und Rechte Mangelware.

Ich habe aber auch Schweizerinnen getroffen, die Freunde wurden. Gleich draussen vor dem Heim begegnete ich beim Spazieren einer jungen Frau, Anna. Sie gehört zu einer Gruppe, die Asylsuchenden hilft. Anna und ihre Freunde haben mir eine Schweizer Handynummer besorgt und fragen nach, wie es mir geht. Und einige Muslime geben uns Geld oder bringen gefüllte Teigtaschen, Hummus und Baklava vorbei, damit wir trotz allem ein anständiges Fastenbrechen feiern können.

Übermorgen werde ich von Genf aus nach Tunesien zurückfliegen können. Inshallah. Doch das Warten wird auch nach meiner Ankunft weitergehen. Vierzehn Tage Quarantäne in einem Hotelzimmer stehen mir bevor. Erst dann werde ich meine Frau und meine Tochter Sahar und Badr wiedersehen. Ich hoffe, das Atemgerät hilft ihm beim Atmen. Und wenn Gott will, werden wir zusammen sein für das Fest am Ende des Ramadan.

Eines Tages werde ich auf diese Tage zurückblicken und meinen beiden Kindern erzählen, wie das damals war, diese zwei Monate wegen Corona in der Schweiz. Mashallah, eine Geschichte, bizarr wie ein Traum.

Aufgezeichnet von Susanne Leuenberger.

Lotfi Rezgani konnte tatsächlich nach Tunesien zurückkehren. Zur Zeit der Drucklegung befand er sich noch in Quarantäne.

Der Sozialdiakon Michael Hofmann macht Musikvideos zum mitsingen – so will er seine Kirchgemeinde trotz Social Distancing zusammenhalten. Die gemeinsamen Proben mit dem Damenchor vermisst er trotzdem.

Michael Hofmann, Sozialdiakon der Reformierten Kirchgemeinde Oberwil-Therwil-Ettingen BL

Als Sozialdiakon bin ich das soziale Schmiermittel meiner Kirchgemeinde. Egal, ob ich mit Freiwilligen den wöchentlichen Mittagstisch organisiere oder die Seniorengruppe am Klavier begleite: Menschen zusammenbringen steht im Zentrum meiner Arbeit. Corona hat sie komplett auf den Kopf gestellt. Auch Treffen in kleineren Gruppen oder mit Abstand sind tabu, denn mein Zielpublikum zählt mehrheitlich zur Risikogruppe.

Das ist besonders beim Güggelchörli der Fall. Er besteht aus Damen bis 95 Jahre und mir. Vor Corona sangen wir an unseren Treffen eine Stunde gemeinsam Lieder und sassen dann noch bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen zusammen. Zwei bis drei Dutzend Frauen kamen jeweils. Dass wir bis auf weiteres nicht mehr zusammenfinden können, fehlt mir und den Frauen enorm.

Ein Todesfall im Chörli hat mir vor Augen geführt, wie einschneidend die verordnete Isolation für unsere Gemeinschaft ist. Die Frau wurde 89 Jahre alt. Sie starb nicht am Coronavirus, sondern aus anderen Gründen. Alles ging sehr rasch. Da wir uns nicht mehr treffen konnten, haben die Frauen vom Tod ihrer Freundin aus der Zeitung erfahren. Sie war überall im Dorf sehr beliebt, aber niemand durfte sie mehr besuchen. Bis heute fand keine Abdankung statt, die Frauen müssen alleine mit dem Verlust umgehen. Dabei wäre ein gemeinsamer Abschied für die Zurückgebliebenen so wichtig. Gerade für ältere Menschen fällt heute vieles weg, woraus sie Kraft schöpfen.

Nun suche ich nach anderen Wegen, unsere Gemeinde zusammenzuhalten. Ich telefoniere unglaublich viel, bin aber auch per Whatsapp mit den Leuten in Kontakt. Da ich und meine Kolleginnen und Kollegen aber unmöglich alle erreichen können, sind wir daran, ein Telefonnetzwerk aufzubauen. Möglichst niemand soll aus dem sozialen Netz fallen. Und dann sind da auch noch meine Youtube-Videos, die ich für das Güggelchörli jede Woche produziere.

Darin singe und spiele ich am Keybord Lieder, die wir früher gemeinsam gesungen haben. Von «Es Burebüebli» über «Marmor, Stein und Eisen bricht» bis zu «My Bonnie Lies over the Ocean» habe ich alles im Repertoire. Die Musik soll fröhliche Erinnerungen hervorrufen. In solch einem Clip habe ich auch an die verstorbene Frau gedacht, dazu spielte ich «Dona Nobis Pacem». Die Videos kommen an.

Ich weiss von einigen, dass sie sich extra mittwochs um halb drei hinsetzen, den Computer oder das Handy anmachen und daheim mitsingen. Natürlich spiele ich in den Filmchen auch ein bisschen den Showmaster. Diese Rolle wurde mir in die Wiege gelegt, hängt aber auch mit meinen Ausbildungen zusammen. Ich habe Religionspädagogik studiert und liess mich zum Musiktherapeuten ausbilden.

Wie es weitergeht? Ich weiss es nicht. Was ich aber beobachte: Die Sicht der Menschen auf die Situation hat sich verändert. Als es Anfang März mit dem Virus losging, war die Stimmung noch so: Alles klar, schwierige Zeit, wir halten uns an die Regeln, aber im Juni geht es auf Kreuzfahrt! Jetzt dämmert es auch den grössten Optimisten, dass diese Sache länger dauert. Ältere Menschen können wohl erst aufatmen, wenn ein Impfstoff da ist.

Die Seniorenferien im September mussten wir absagen. Alle hatten Verständnis für den Entscheid, aber für einige ist es eine grosse Enttäuschung – die Reise gehörte zu den Highlights ihres Jahres. Klar, es gibt auch die Gelassenen, die mir sagten: «Michael, es ist, wie es ist. Das geht wieder vorbei, und sollte ich daran sterben, dann ist es so.» Viele Telefongespräche haben aber die anfängliche Leichtigkeit verloren.

Sie sind existenzieller. Kürzlich fragte mich ein Mann: «Was, wenn ich sterbe und meine Kinder und Enkelkinder vorher nicht mehr sehe?» Wer am Ende des Lebens steht, führt ganz andere Zeitrechnungen. Die Situation überfordert viele Seelen, sie kommen nicht mehr mit und laufen Gefahr zu verkümmern. Seltsam und zugleich schön ist für viele ältere Menschen auch, was sich draussen vor ihrer Haustür abspielt: Es herrscht kaum Hektik, und die Natur zeigt sich unter blauem Himmel in ihrer ganzen Pracht.

Ich arbeite nun seit dem 11. März von zuhause aus. Da meine Frau einen sogenannten systemrelevanten Beruf in einer Klinik hat, bin ich es, der jeden Morgen unsere drei Kinder betreut. In diese Tage packe ich dann auch noch mein ganzes Arbeitspensum rein. Nach zwei Monaten spüre ich immer wieder einmal Erschöpfung. Die Situation fordert mich. Ich bin aber nicht alleine damit; anderen Berufskolleginnen und -kollegen geht es gleich. Wir schaffen das. Nur schon, weil ich für die Menschen in der Kirchgemeinde da sein will. Meine Aufgabe ist es aber auch, dafür zu sorgen, dass mein Lämplein an bleibt.

Aufgezeichnet von Oliver Demont.

Michael Hofmann ist Sozialdiakon der Reformierten Kirchgemeinde Oberwil-Therwil-Ettingen BL.

Ärztin Dana Goebel ist fast ein wenig stolz auf ihre suchtkranken Patienten, die nun beim Betteln am Zürcher Hauptbahnhof eine Maske tragen und Abstand wahren.

Dana Goebel, Ärztin

Als es mit Corona richtig losging, habe ich allen im Sune-Egge einen Mundschutz draufgedrückt und gesagt: Ab jetzt wird aufeinander aufgepasst, wir sind hier eine Gemeinschaft, ich erwarte von allen entsprechendes Benehmen. Gebetsmühlenartig erklärte ich dann unseren Patientinnen und Patienten immer wieder, warum wir derzeit nicht jeden testen, warum Abstandhalten so wichtig ist und warum man sich im Speisesaal nur an die markierten Plätze setzen darf. Alle haben wirklich gut mitgemacht.

Wir sind ein kleines Akutspital für Patienten aus dem Sucht- und Obdachlosenmilieu nahe dem Zürcher Hauptbahnhof. Die Infrastruktur im Haus ist sehr limitiert. So teilen sich beispielsweise dreissig Patienten mit dem Personal einen einzigen Fahrstuhl, in den gerade mal drei Leute reinpassen. Dementsprechend schwierig ist es bis heute, Hygienemassnahmen umzusetzen.

Nach einigen Jahren NGO-Arbeit als Ärztin in Entwicklungs­ländern bin ich es jedoch gewohnt, pragmatische Lösungen zu finden. So auch hier. Wir hatten bis heute nur einige wenige positive Fälle im Haus und haben darauf sehr rasch reagiert, getestet und isoliert. Allen geht es heute wieder gut. Was sich in unserem Fall bisher sagen lässt: Werden die Hygienemassnahmen eingehalten, ist die Ansteckungsgefahr vergleichsweise gering.

Es ist schon komisch und rührend zugleich: Obwohl alle meine Patientinnen und Patienten mit ihrem Lebensstil realistisch betrachtet alles dafür tun, früh zu sterben, sind sie bei Corona sehr besorgt um ihre Gesundheit. Als ich bei einem Verdachtsfall das Zimmer einer Patientin mit Schutzkleidung und FFP3-Maske betrat, um einen Abstrich zu machen, begann die Frau zu weinen und sagte: «Ich will nicht sterben, Frau Doktor!» Ich antwortete ihr: «Daran werden Sie nicht sterben, versprochen!» Ansonsten ist bei uns alles wie immer.

Es bleibt trotz dem Chaos noch genug Zeit für Spass und Gespräche über den Alltag auf der Strasse. Das Portemonnaie der Passanten sitze in dieser Zeit etwas lockerer, wurde mir berichtet. Aber auch, dass viele während des Schnorrens eine Maske tragen und versuchen Abstand zu halten. Ihr geradezu vernünftiges Verhalten macht mich glatt ein bisschen stolz.

Ich bin in der ehemaligen DDR, genauer in Dresden, auf­gewachsen und kam 2014 zum Ende meiner Facharztausbildung in die Schweiz. Ab 2017 war ich Oberärztin im Internistischen Dienst an der Psychiatrischen Uniklinik in Zürich, und nun bin ich seit einem Jahr ärztliche Leiterin des Sozialwerks Pfarrer Sieber. Ich arbeite wahnsinnig gerne mit Suchtpatienten und den Ärmsten der Gesellschaft.

Warum das so ist? Vielleicht liegt das an meiner Biografie: Aufgewachsen im sozialistischen Plattenbau als Arbeiterkind, bin ich einerseits wohl umfeldbedingt recht einfach strukturiert, aber andererseits – wohl genetisch de­terminiert – doch recht schlau. Das ist vermutlich auch der Grund, weshalb ich mich, trotz meiner medizinischen Karriere, im klassischen Akademikerumfeld nie ganz wohlfühle. Meinen Patientinnen und Patienten muss ich diesbezüglich nichts vormachen. Ich kann so sein, wie ich bin.

Das Schöne am Sune-Egge ist, dass mich morgens meine Patienten als erstes fragen: «Frau Doktor, wie geht es Ihnen?» So was ist mir bisher in keinem anderen Spital passiert. Klar sind die Menschen auf Substanzen, und für die Droge, die über allem steht, würden sie – platt gesagt – sogar ihre Mutter verkaufen. Aber wenn aus ihnen nicht die Sucht spricht, sondern der Mensch, dann merkt man rasch, dass sie, so pathetisch das klingen mag, ganz empfindsame und liebesbedürftige Seelen sind.

Für uns als Behandlungsteam heisst das: Liebe lässt sich nun mal nicht auf Rezept verschreiben, sondern verlangt eine Haltung im Umgang mit unseren Patientinnen und Patienten. Meine Biografie und die Erfahrungen meiner Patienten haben mich gelehrt, dass das Leben unverhofft Abzweigungen nehmen kann – gute wie schlechte. Und dass kein Mensch, egal wie gebildet oder sozial abgesichert, gefeit ist, abzustürzen, und dann eine Hand braucht, die ihn hält. Dieses Gefühl trage ich in mir. Aber zurück zum Corona­virus, das mich persönlich nicht sehr ängstigt. Wenn wir uns auch in Zukunft an ein paar Hygieneregeln halten, dann passt das.

Ein heikler Moment war, als die meisten Fixerstüblis vorübergehend schliessen mussten. Wäre dann auch noch ein Ausgangsverbot verordnet worden, wäre das für die Sucht­kranken zu einem echten Problem geworden. Für sie sind die Drogen essenziell – wie Atmen und Essen, sie müssen sie irgendwo konsumieren können. Als dann die Ausgangssperre vom Tisch war, wusste ich, dass es gut kommt.

«Für meine Patienten ist der Heroinkonsum wie Atmen und Essen. Sie müssen es konsumieren können. Von daher bin ich froh, dass es kein Ausgehverbot gab.» Dana Goebel

Was mich in dieser Zeit beeindruckt hat: wie pragmatisch das Sieber-Sozialwerk auf Corona reagiert hat. Muss man sonst mit viel Zeitaufwand jede und jeden für eine Sache gewinnen, gab es dieses Mal von der Geschäftsleitung ein einstimmiges und unkompliziertes «Go». So wurde der wegen Corona geschlossene Notschlaf-Pfuusbus mit seinen engen Platzverhältnissen ganz unbürokratisch in ein grosses Zelt umgewandelt. Darin finden jetzt Obdachlose Unterschlupf – nun aber unter Einhaltung der Hygienemassnahmen. Ich hoffe, dass wir diese unbürokratische Arbeitsweise in die Nach-Coronazeit retten können. Denn schlanke Prozesse führen zu mehr Zeit. Und mehr Zeit heisst in unserem Fall: mehr Menschlichkeit und mehr Liebe.

Aufgezeichnet von Oliver Demont.

Mauro Mazzara lebt und arbeitet als Illustrator in der Nähe von Mailand.