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Autorin: Petra Bahr
Freitag, 16. April 2021

«Ich kann nicht aus meiner Haut.» Es ist dieses Eingeständnis nach einem Wutausbruch, der alle, die es betrifft, kalt erwischt. So kannten wir ihn gar nicht, ihn, der Unbehagen mit Ironie und Ärger mit Schweigen parierte. «Dieses Virus verändert mich, ohne dass ich infiziert bin.» Diese Szene ist exemplarisch für das, was viele berichten. «Müde» scheint die Kurzform der Krisenbefindlichkeit zu sein, eine Erschöpfung, die nicht mit Schlaf zu bekämpfen ist.

Diese Müdigkeit schlägt oft in Reizbarkeit, ja kindliche Quengeligkeit um, die bei Erwachsenen manchmal komisch, oft aber tragisch oder verzweifelt wirkt. Als wären andere Handlungsoptionen verschwunden: Disziplin, Distanz durch Höflichkeit, freundliche Nachfragen, Humor. Je weniger Menschen sich physisch auf die Füsse treten können, weil sie sich gar nicht mehr begegnen, desto mehr scheinen sie sich aneinander zu reiben.

Die Kränkungsbereitschaft steigt proportional zur Dauer dieser Katastrophe in Slow Motion. Dabei spielt Haut eine besondere Rolle, als Metapher, aber auch als physische Reaktionswand. Die Haut wird rauh und wund, fürs ständige Händewaschen braucht es kein Kinderlied und kein Vaterunser mehr, es ist Routine geworden wie die Suche nach einer Fettcreme gegen die roten Stellen. «Dünnhäutig» sind wir geworden.

Das grösste Organ des Menschen, diese Grenze zwischen Ich und Welt, scheint nicht mehr intakt. Sie bricht auf, ist porös, lässt Dinge und Worte und Stimmungen durch, vor denen sie eigentlich schützen müsste. Diese Schutzfunktion im übertragenen Sinne sichert auch das Soziale. Zarte Berührungen, die Nackenhaare, die sich aufstellen, die Nervenbahnen unter der Haut sind die Seismografen unserer Beziehungen.

Vielleicht kommt es nicht von ungefähr, dass ein Bild, das so stark die Leiblichkeit des Menschseins betont, zu einem Gleichnis für die Beschreibung dieser Unfähigkeit wird, das Soziale auf Abstand gestalten zu können, wo Hautkontakt, auch der beiläufige, zur Mangelerfahrung wird. Eine digitale Sitzung kann viel – und wo wären wir ohne diese Möglichkeit? –, aber Haut und Nase bleiben ohne Reiz.

Sie sind auf Dauer abgestellt. Manchmal, in den Nachtphasen der Pandemie, fürchte ich, dass wir es verlernen, soziale Wesen zu bleiben. Die Vorstellung, im Foyer eines Konzerts eng an eng zu stehen und mit einem Glas über dem Kopf durch ein Meer von Körpern zur Freundin vorzudringen, mit einem «Pardon, darf ich mal durch»-Satz auf den Lippen Schultern zu berühren, Aftershave und Parfümwehen zu streifen, um sich dann herzlich in den Armen zu liegen, die Wärme am Hals der Freundin zu spüren – eine vage Erinnerung.

«Hinter vielen Konflikten, die plötzlich heiss werden, stecken oft alte Verletzungen. Wutausbrüche erweisen sich als hilfloser Schrei des Gesehenwerdenwollens. Menschen beschreiben, wie ihnen der Sinn ihrer Tätigkeit abhanden kommt.» Petra Bahr

Alte Verletzungen unter dünner Haut

Aber was macht eigentlich so dünnhäutig? Ist es die Ungewissheit? Die eigene Existenz im Dauerwartezimmer, die Zukunftsplanungen schwerer werden lässt? Oder ist es der viel grössere gesellschaftliche Horizont, das zerstörte Selbstbild von Staaten wie die Schweiz oder Deutschland als gut organisierte Maschinen des Pragmatismus und des sozialen Ausgleichs? Die Erfahrung des Nichtstunkönnens, die besonders den Aktiven zusetzt? Hinter vielen Konflikten, die plötzlich heiss werden, stecken oft alte Verletzungen.

Manche Wutausbrüche erweisen sich als hilfloser Schrei des Gesehenwerdenwollens, auch in der Kirche. Menschen, die zwanzig Jahre mit Leidenschaft eine Aufgabe wahrgenommen haben, beschreiben, wie ihnen der Sinn ihrer Tätigkeit abhanden kommt. «Nur noch Arbeit, die schönen Dinge fehlen, die Geselligkeit, die Feste, die Erfolge.» Sich da noch mit Haut und Haaren einer Sache verschreiben – nicht einfach.

Manchmal können Zorn und Resignation auch als gefährliche Mischung von innen vergiften. Gleichzeitig steigt die Sehnsucht nach mehr Solidarität, nach sozialen Bindungen, in denen Menschen sich ohne Wenn und Aber gesehen und geliebt wissen. Doch als zornige Forderung an die anderen formuliert, wirkt es wie ein Dementi an den eigenen Beitrag dazu. Appelle helfen nicht, wenn ich bei jeder Meinungsverschiedenheit aus der Haut zu fahren drohe. Dass andere Menschen mir unter die Haut gehen, ihre Geschichten, ihre Erfahrungen, das ist ja für Bindungen nachgerade grundlegend. Kann es sein, dass dieses Paradox, das in der Pandemieprävention liegt, einen Knoten erzeugt, der Beziehungen jeder Art unter Verdacht stellt?

Wenn die Liebe zu den Nächsten im Abstand liegt, weil der eigene Atem, dieses physische Zeichen des Lebendigseins, eine Gefahr sein kann, entwickelt sich auch ein paradoxes Verhältnis zur Nähe, besonders dann, wenn diese Nähe auch Fremdheit markiert. Die anderen bleiben anders, als ich mir das wünsche. Der Kopf kriegt das hin. Aber der Rest von mir arbeitet sich an diesem verqueren Verhältnis dauerhaft ab. Nähe ohne physische Nähe, ohne Hautkontakt, in einer digitalen Geisterwelt, ist auf Dauer nur die Simulation einer menschlichen Erfahrung. Das wertet Digitalität keineswegs ab, beschreibt vielmehr das Vakuum, das entsteht, wenn die Haut unberührt bleibt. Sie wird dünn und allergisch.

«Der Gekreuzigte auf dem Isenheimer Altar leidet. Seine Haut ist nicht edel, theologisch eingehegt, sondern rauh und physisch spürbar. Ein Mensch leidet. Keine Verklärung, keine Idealisierung.» Petra Bahr

Schierer Schmerz

Es gibt ein Bild der Passion, das mich berührt, weil es die Haut zum Thema macht: der Isenheimer Altar von Matthias Grünewald in Colmar, nur eine Zugstunde von Basel entfernt. Wer im Museum nah an den Gekreuzigten herangeht, wer dem Bild buchstäblich auf die Pelle rückt, entdeckt den Unterschied zu vielen anderen Passionsbildern dieser Zeit: Es ist die Struktur der Haut des geschundenen Christuskörpers.

Der Maler hat in Vorstudien die Haut von Kranken im Isenheimer Spital mit der Präzision eines Arztes erkundet und dem Gefolterten Pusteln, Schrunden, Falten und Eiterbeulen gemalt. Fast fühlt man als Betrachterin die Erhebungen und die Wunden unter den Fingerspitzen.

Die Zeitgenossen waren frappiert, angeekelt und erschrocken. Der Gottessohn am Kreuz brauchte makellose Haut, eine angedeutete Seitennarbe müsste doch genügen. Seine Passion sollte abstrakter sein, transzendenter, durchscheinender auf das Versprechen der Auferweckung dahinter, als wäre diese Realität doch nicht so ernst gemeint. Doch der Maler malt den Schrecken der Passion auf die Haut. Sie wird zum Organ der Verzweiflung, des Leidens, des Todes.

Auf diese Weise leidet nicht die Idee eines Menschen, in dem Gott sich zeigt. Es leidet ein Mensch. Seine Haut ist wie ein Tattoo der Passion. Sie ist nicht edel, theologisch eingehegt, sondern rauh und physisch spürbar. Deshalb geht mir dieses Bild unter die Haut. Es nimmt die leibliche Dimension des Leidens ernst, dazu die seelische Not, die auf die Haut gezeichnet ist. Keine Verklärung, keine Idealisierung. Schierer Schmerz. So macht dieser Tod trotzdem keinen Sinn, ist nicht leichter theologisch verkraftbar, bleibt als Anklage wie als Trost. Aber das Mitleiden Gottes, das in den Passionsmusiken bisweilen so süsslich wirkt, wird hier roh und körperlich, nacktes Fleisch.

Das ist für das menschliche Auge nur schwer erträglich. Doch gerade diese Schonungslosigkeit der Passionsanschauung hilft mir, meine Dünnhäutigkeit auszuhalten, die Sehnsucht nach Berührung und das Aus-der-Haut-Fahren bei nichtigen Anlässen. Wenn ich das Bild betrachte, denke ich schon nach kurzer Zeit nicht mehr an meine eigenen wunden Stellen. Es fällt mir leichter, nach denen zu fragen, deren Haut blutet und eitert, deren Verzweiflung und Not wirklich zum Himmel schreit – und zu mir.

Die Publizistin Petra Bahr ist Regionalbischöfin im Sprengel Hannover der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover und Mitglied des Deutschen Ethikrats.