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Autor: Tom Kroll
Autor: Oliver Demont
Illustration: Jannis Pätzold
Freitag, 19. März 2021

Geboren 1994

«Meine Grossmutter wohnt in Nigeria in Lagos. Mit ihr zu telefonieren fühlt sich an wie eine lange Umarmung.»

Seit einem Jahr leben wir in einer Pandemie …

… und seit einem Jahr bin ich selten gut gelaunt. Dabei war mein Leben vor Corona mal ein ziemlich guter Tanz. Heute stehe ich in einer hässlichen Pose herum und warte auf das, was kommt. Ich wurde zum Stillstand gezwungen.

Wie meinst du das?

Schon vor Ausbruch wollte ich in eine andere Stadt oder in ein anderes Land ziehen und dann als Lehrer arbeiten. Rio oder Lissabon, vielleicht auch Lagos. Dort lebt meine Grossmutter und ein Teil meiner Familie.

Nun sitzt du in Berlin.

Und sehe die immer gleichen Strassenzüge. In meinem Viertel kenne ich mittlerweile jeden Kioskbesitzer, und ich wohne schon lange mit den gleichen Menschen zusammen. Ich fühle mich eingesperrt.

Du klingst frustriert.

Ich kann meine Situation nicht beschönigen.

Neulich hast du mir erzählt, dass du deinen Frust an deinen Mitbewohnern auslässt.

Corona hat mich dünnhäutig gemacht.

Du meintest, dass du gemein zu ihnen bist.

Was heisst schon gemein. Es gibt keine direkten Konfrontationen. Sie sind mir in meinem Alltag am nächsten und bekommen meine Laune ab. Es ärgert mich, dass ich es nicht schaffe, nett zu ihnen zu sein.

Wie muss ich mir dein Verhalten vorstellen?

Wenn sie etwas vorschlagen, bin ich konsequent dagegen. Erzählen sie mir von ihren Zukunftsplänen, dann höre ich zwar zu, mag mich aber nicht für sie freuen. Ich merke, dass ich ihre Leben bewerte, und das nicht in einem guten Sinne. Eigentlich sind sie meine Freunde.

Was unterscheidet dich von ihnen?

Für den einen Mitbewohner geht es nur noch darum, welche Möbel er sich mit seiner Freundin kaufen wird und wann sie zusammenziehen werden. Ich dagegen träume davon, dass sich etwas radikal in meinem Leben verändert. Mir fehlt jemand, der mich versteht und mit dem ich meine Gedanken teilen kann. Ein Mensch, der für das gleiche brennt wie ich.

Beneidest du vielleicht auch Leute mit überschaubaren Zielen?

Gute Frage. Wenn ich wählen könnte, dann wäre ich lieber der Typ, der glücklich sein kann, wenn er das Nest gebaut hat. Derjenige, der noch in seiner Heimatstadt wohnt. Das ist doch idyllisch – Happy End. Ich stattdessen bekomme Beklemmungen, wenn ich zu lange an einem Ort oder zu lange mit einer Frau zusammen bin. Aber es gibt auch Gutes zu berichten, so wie du das möchtest.

Ich bin gespannt.

Vor ein paar Monaten habe ich meinen kleinen Neffen besucht. Wir spielten gemeinsam auf dem Boden und ich spürte: Mir tat das gut. Ich konnte mich richtig fallenlassen. Das war aber auch nur so, weil ich wusste: Ich komme da wieder raus.

Was glaubst du, warum sich das so gut angefühlt hat?

Ich fühlte mich in meiner Rolle als spassiger Onkel gebraucht. Und ich fühlte mich auch nicht mehr so allein. Neulich gab es noch so einen schönen Moment. Ich telefonierte mit meiner Grossmutter in Lagos. Mantraartig sagte sie immer wieder: «I love you, I love you, I love you.» Auch wenn uns 7000 Kilo­meter trennten, so fühlte sich das wie eine lange Umarmung an. Wir telefonieren nun öfters.

Geboren 1938

«Was aus diesem Stück Holz wird, das weiss ich nicht. Ist auch nicht wichtig.»

Danke, dass du dir Zeit nimmst.

Die nehme ich mir gerne. Ich habe ja viel Zeit.

Dabei heisst es, dass gerade für ältere Menschen die Pandemie schwierig sei, im Sinne von: Corona zwackt von den bereits schon wenigen Lebensjahren nochmals ein oder zwei Jahre weg.

Ich verstehe, was du meinst. Aber das habe ich mir noch nie überlegt.

Das kann ich fast nicht glauben.

Natürlich habe ich mir schon überlegt, wie viel Zeit mir noch bleibt. Aber nicht abzüglich Corona. So eine Vorstellung von Zeit hat man wohl nur, wenn man jünger ist. Dann könnte ich mir genauso gut überlegen, wie viel Zeit mir bleibt – minus der Zeit als potenzieller Pflegefall. Wäre mein Leben ein Film, so läuft gerade der Abspann. Ich hoffe natürlich trotzdem, dass da noch ganz viele Namen über die Leinwand laufen werden.

Von 1 bis 10, wie fit bist du?

Wenn 10 sehr fit wäre, dann 6 bis 7. Wenn ich mich aber vergleiche mit meinem 50jährigen Ich, dann wäre es eine 3. Aber ich will nicht klagen. Es geht mir gut.

Deine Frau ist vor zwölf Jahren gestorben. Wie sieht ein durchschnittlicher Tag von dir aus?

Ich geniesse die Zeit, höre fast immer Radio, lese Zeitungen und Bücher, schaue Fernsehen, auch viel Mist.

Beispielsweise?

«Deutschland sucht den Superstar ». Teilweise sind da sehr grosse Talente zu sehen. Mich stört nur, wie hart diese jungen Menschen von der Jury kritisiert werden.

Das ist einer der Gründe, weshalb so viele Menschen diese Sendung schauen.

Ich weiss. Vielleicht sollte ich deswegen auch nicht mehr einschalten. Es ist nicht gut, wenn Menschen vor so vielen Menschen kaputtgemacht werden.

Wie hat Corona deinen Alltag verändert?

Nicht gross. Ich ging früher gerne fein essen ins Restaurant. Jetzt muss ich halt mehr selbst kochen. Weite Reisen unternehme ich schon seit Jahren nicht mehr. Meine Neugier auf fremde Orte hat nachgelassen. Ich war einmal in Mailand. Der Verkehr und die Hektik waren mir zu viel. Sowas brauche ich nicht mehr. Dafür habe ich nach Jahrzehnten wieder angefangen, mit Holz zu arbeiten. Ich schnitze, schlage und feile Figuren aller Art.

Was ist dein Lieblingsmotiv?

Ich habe kein Lieblingsmotiv. Deine Fragen sind aber interessant.

Warum?

Weil sie so zielgerichtet sind: Das Optimieren der letzten Lebensjahre in Coronazeiten, das Schaffen eines Motivs aus Holz. Messbare Ziele verfolge ich keine mehr. Wozu auch? Viel lieber versuche ich etwas und schaue, wo es mich hintreibt oder wie sich etwas anfühlt.

Wohin hat es dich getrieben bei deiner letzten Arbeit am Holz?

Ich versuchte mich an einer Kugel. Das ist wahnsinnig schwierig ohne spezielle Hilfsmittel.

Hast du am Ende eine Kugel in den Händen gehalten?

Ja. Sie war aber alles andere als perfekt und ziemlich klein. Auf der Suche nach der richtigen Form habe ich ein bisschen zu viel an der Kugel herumgefeilt. Dabei wurde mir bewusst, wie schön ihr geometrischer Körper ist.

Geboren 1970

«Hallo, ist da jemand? Mein Mann ist nun wieder zuhause. Auf dem Weg zum Albispass in Zeiten von Corona.»

Ein Kaffee mit dir, und ich kehrte immer zuversichtlich in die Welt zurück. Du denkst in Lösungen, bist den Menschen zugewandt und hast Humor. Kann dich überhaupt irgendetwas umhauen?

Natürlich, auch mir geht es nicht immer super. Aber es ist schon so: Ich kann ziemlich gut in den Überlebensmodus umschalten. Dann funktioniere ich einfach.

Wann war dies das letzte Mal der Fall?

Das war noch vor Corona. Die Pandemie selbst war für mich insgesamt eine gute Zeit.

Warum?

Mein Mann war die zwei Jahre vor Corona psychisch sehr angeschlagen. Als dann der erste Lockdown kam, begann sich sein Zustand zu verbessern. Seither geht es bergauf mit ihm – und auch mit mir.

Corona brachte dir deinen Mann zurück.

Ja, das lässt sich so sagen. Da war wieder ein Gegenüber, mit dem ich reden konnte. In den Jahren zuvor war das nicht der Fall. Zu Beginn erzählte ich ihm noch, was mich beschäftigt, doch da kam nichts. Es war, als würde ich in ein schwarzes Loch sprechen. Seine Krankheit hatte mich einsam gemacht. Irgendwann sagte ich fast nichts mehr. Ich wollte ihn nicht noch zusätzlich belasten.

Und das ist heute völlig anders?

Ja. Nun interessiert er sich wieder für mich, für uns. Manchmal überfordert mich das auch, weil ich mich daran gewöhnt hatte, alles mit mir selbst auszumachen. Bin ich wieder einmal wortkarg, dann fällt ihm das auf und er spricht mich darauf an. Zu spüren, dass bei ihm wieder jemand zuhause ist, macht mich glücklich.

Was denkst du: Gab es einen Zusammenhang zwischen dem Runterfahren der Gesellschaft und seiner Besserung?

Ich weiss nicht. Kein Zufall war es aber, dass ich gleich zu Beginn des Lockdowns ein starkes Bedürfnis nach Ruhe und Erholung verspürte. Damals schlief ich regelmässig zwölf Stunden jede Nacht.

Hast du eine Erklärung dafür?

Mein Alltag war plötzlich frei von Pendlerei, Meetings und Apéros. Meinem Mann ging es besser. Das war der Moment, in dem mein Körper nach zwei belastenden Jahren Ruhe ein­forderte. Plötzlich hatte ich Zeit für mich und später auch für unsere Beziehung. Corona hat uns gerettet. Diese Zeit machte es möglich, dass wir uns in aller Ruhe wieder aneinander gewöhnen konnten.

Was wird aus dieser Zeit bleiben?

Für mich persönlich? Die Erkenntnis, dass es Dinge gibt, die so viel grösser sind als wir selbst. Auch will ich selektiver werden bei meinen Engagements. Projekte abgeben, nicht mehr so viel unterwegs sein. Viele Meetings können problemlos online stattfinden. Das schafft auch mehr Zeit für Freude und Beziehungen. Wer in dieser Zeit gelernt hat dafür zu sorgen, dass sein Kopf gesund bleibt, hat viel verstanden vom Leben.

Geboren 1955

«Wir kommen und wir gehen, es geht immer weiter. Ich weiss noch, als ich deine Schwester bekommen habe. Da hat sich etwas bei mir verändert. Dann kamst du, und jetzt ist wieder ein neues Kind da.»

Du bist heute Oma geworden!

Ja, ja, ja, ach Tom, es ist so schön. Aber bitte nenne mich nicht so.

Wie?

Oma.

Warum?

Ich heisse Petra. Oma hört sich nach Altersheim an – und dort bin ich gerade erst heil herausgekommen.

Du warst Pflegerin, vor zwei Wochen etwa hattest du deinen letzten Arbeitstag.

Gott sei Dank.

Weisst du, ich habe einige Bekannte gefragt, ob sie mit mir über Zuversichtliches sprechen wollen. Die meisten haben abgewunken. Hätte ich dich an deinem letzten Arbeitstag gefragt, du hättest wohl auch gleich wieder aufgelegt.

Glück und Albtraum lagen bei mir tatsächlich eng beieinander.

Bei euch in der Abteilung des Pflegeheims ist das Virus ausgebrochen.

Auf einmal ging es los. Ich arbeitete im Erdgeschoss, als es über uns im 1. Stock losging. Einige Bewohner waren zwar bereits geimpft, wir Pflegerinnen aber noch nicht.

Und irgendwann war es bei dir.

Als der erste Bewohner positiv getestet wurde, hat mich mein Chef nach Hause geschickt. Ich bin ja auch nicht mehr so jung, hatte nur noch wenige Wochen bis zur Pension, und du weisst, dass ich rauche.

Hattest du Angst?

Ja, sehr. Ich malte mir schon aus, dass deine Schwester schwanger im Spital liegt und ich auf der Intensivstation mit Corona. Die Vorstellung, in die Kiste zu springen, ohne mein erstes Enkelkind im Arm halten zu können, hat mich in Panik versetzt.

Und dann kam ein Anruf, der dich noch mehr besorgt machte.

Eine Kollegin war dran und fragte mich, ob ich mit Herrn Sowieso Kontakt hatte. Ich bejahte, denn ich hatte ihn einen Tag zuvor gewaschen. Der Herr Sowieso, der hatte es nun. Ich habe ständig in mich hineingehorcht, ob ich krank werde. Dann wurde ich geimpft. Ich hatte mein Leben zurückbekommen.

Jetzt bist du eine geimpfte Rentnerin mit Enkelkind.

Das stimmt. Die Kiste muss noch etwas auf mich warten. Aber als ich die ersten Fotos von der kleinen Anna sah, dachte ich tatsächlich: Ich bin die Nächste.

Macht dich das traurig?

Traurig nicht, aber man macht sich schon so seine Gedanken. Ich schaue öfters zurück. Weisst du, wer bald seinen hundertsten Geburtstag feiern würde?

Wer?

Mein Papa, dein Opa. Das klingt jetzt abgedroschen, aber wir kommen und wir gehen. Es geht immer weiter. Ich weiss noch, als ich deine Schwester bekommen habe. Als sie in meinen Armen lag, da hat sich bei mir etwas verändert. Auf einmal war etwas wichtiger als ich selbst oder meine Eltern. Später kamst dann du und jetzt ist wieder ein neues Kind da.

Du hast nie bereut, uns bekommen zu haben?

Nein. Aber was anderes könnte ich jetzt ja auch nicht sagen, oder?

Ich wäre nur ein bisschen beleidigt.

Was ist denn der Sinn im Leben? Die Arbeit war es bei mir jedenfalls nicht. Aber das ist vielleicht auch eine Generationenfrage. Ich will nicht sagen, dass es unbedingt Kinder sind. Ich hatte ja auch ein Leben vor euch, das ich genossen habe. Das danach fand ich aber ebenso gut. Und jetzt kommt nochmals ein Leben. Ich freue mich sehr darauf.

Geboren 1956

«Das Bild stammt von einer mir lieben Künstlerin. Es hängt an einem prominenten Platz in meiner Wohnung und zeigt eine Stimmung am Zürichsee. Ob die Sonne auf­ oder untergeht, ist nicht klar – wie passend für meine Zeit im Lockdown.»

Hoi, wie geht es dir?

Ganz gut. Morgen fahre ich ins Spital für die zweite Impfung, da ich zur Risikogruppe zähle. Damit endet ein aussergewöhnlicher Abschnitt in meinem Leben.

Das klingt, als wäre es die letzte Folge einer Netflix-Serie.

Nur dass unklar ist, in welcher Staffel wir uns befinden. Die Impfung wird für mich hoffentlich ein Abschluss sein.

Wie hast du den ersten Lockdown erlebt?

Ich fand ihn aufregend. Eine Gesellschaft, die in so kurzer Zeit komplett heruntergefahren wird, das erlebt man nicht alle Tage. Vier Wochen verbrachte ich ganz alleine in meiner Wohnung. Nur für Waldspaziergänge und für Essenseinkäufe ging ich raus. In meiner Stadt fühlte es sich ein bisschen so an, als wären feindlich gesinnte Ausserirdische gelandet und nun müssten wir Menschen uns möglichst diskret verhalten.

Eine unangenehme Vorstellung.

Mir war klar, dass dieses Virus grosses Unheil bringen wird. Trotzdem fühlte ich mich in meinem Alleinsein aufgehoben. Im zweiten Lockdown war dieses Gefühl dann weg. Ich kämpfte mit dem Alltag und die kleinsten Aufgaben überforderten mich. Am Ende des Tages war ich jeweils nudelfertig. Und dann war da auch diese Traurigkeit, die sich über mein ganzes Wesen legte. Phasenweise fühlte ich mich schrecklich einsam. Das hat sich aber wieder gelegt.

Ging die Einsamkeit, wie sie kam?

Ich würde eher sagen, dass sie seit meiner Kindheit in meinem Leben ist, aber sie sich nur noch selten in der angstmachenden Form äussert.

Ist das dieser vielzitierte Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein?

Möglich. Ich weiss nur, dass es für mich als Bub sehr schwierig war, dieses Gefühl auszuhalten. Mit kindlicher Frömmigkeit wandte ich mich an das, was ich mir im Himmel erhoffte. Ich betete viel und tauchte in eine transzendente Welt ein, die auch meine Einsamkeit linderte. Diese Erfahrung trägt mich bis heute durchs Leben.

Du hast dich im vergangenen Jahr von deinem langjährigen Partner getrennt und lebst alleine. Hast du mit diesen Lebensumständen im vergangenen Jahr gehadert?

Zuerst: Wir haben uns nicht getrennt. Dafür ist meine Liebe zu ihm einfach zu gross. Es ist mir aber gelungen, gewisse Erwartungen endgültig loszulassen. Das wird unsere Beziehung verändern – aber nicht trennen.

Wäre das auch ohne Corona passiert?

Schwierige Frage. Im stressigen Alltag vor Corona habe ich meine Bedürfnisse immer wieder hintan gestellt. Plötzlich hatte ich Zeit, und es fiel mir wie Schuppen von den Augen, dass wir uns gewisse Dinge nicht geben können, selbst wenn wir das möchten. Aber du hast ja die Frage nach dem Hadern gestellt.

Genau.

Natürlich dachte ich im vergangenen November oder Dezember auch mal: Jetzt bist du ganz allein, hast keine Kinder und Enkelkinder. Da kommt eine gewisse Wehmut auf. Mehr aber auch nicht.

Ich stelle mir das traurig vor: Sich in Zeiten von Corona ganz alleine dieser Situation bewusst zu werden.

Ich möchte kein Mitleid und hadere nicht. Meine Freunde, meine Eltern und Geschwister sind mir nahe, und ich werde geliebt. Was will man mehr? – Kennst du das Lied «Anthem» von Leonhard Cohen?

Nein.

Das musst du unbedingt mal hören. Darin singt Cohen: «Läute die Glocken, die noch klingen. Vergiss deine wohlfeilen Gaben. Da ist ein Riss, ein Riss in allem. Das ist der Spalt, durch den das Licht einfällt.» Diese Hoffnung hat mich bisher durch jede Krise getragen.

Geboren 1972

«Damals auf dem Dach der Wiener Secession. Ich stand mit Freunden unter der aus Lorbeerranken geformten Kuppel und schaute in den Himmel. Sommerabende wie diese werden bald wieder kommen.»

Woran denkst du, wenn du an Corona denkst?

Dass ich solche Fragen nicht mehr hören mag. Alles wurde gesagt, jedes Gefühl bis ins letzte durchdekliniert. Darum ist auch dieses Gespräch überflüssig.

Komm schon, sei ein bisschen konstruktiver.

Zwingst du mich jetzt auch noch zu Zuversicht?

Nein, natürlich nicht. Aber ich kenne dich als einen, der schwierige Situationen mit Humor und Gelassenheit meistert.

Die Pandemie sprengt alles Bisherige, zumindest für uns Schweizer ohne Kriege in der jüngeren Geschichte. Früher, ohne Kinder, da wäre ich abgehauen, nach Sri Lanka oder so. Heute sitze ich mit meiner Familie in der Wohnung und muss zuschauen, wie sich alles verändert – selbst wenn sich nichts verändert.

Wie meinst du das?

Im Alltag spüre ich nichts. Ich lebe noch, die Partnerin und die Kinder ebenfalls. Doch dieses Virus verändert uns. Es ist wie älter werden: Erst wenn du ein Foto in der Hand hältst, dass dich mit dreissig zeigt, verstehst du: Wow, da ging was.

Was ging bei dir in diesem Jahr?

Meine Unbeschwertheit kam mir ein bisschen abhanden, und manchmal beschleichen mich Ängste, selbst wenn mein Job sicher ist. Zudem bedrückt es mich, dass unsere Kinder seit einem Jahr in dieser sorgenvollen Corona-Erwachsenenwelt heranwachsen müssen. All diese Angst-Scheren in den Köpfen verändern unser Handeln. Viele sagen ja, dass Kinder nicht viel davon spüren. Ich mag das nicht so recht glauben.

Ist das Kritik an den Massnahmen?

Nein, überhaupt nicht. Gerade heute sah ich in der Migros einen Mann, der auf seiner Maske einen Zettel mit « SLAVE » angebracht hatte. Ein privilegierter Mensch in der Schweiz, der sich als Sklave sieht – wie absurd ist das denn ? Die Überforderung gewisser Menschen treibt seltsame Blüten. Trotzdem verstehe ich sie ein Stück weit. Ich werde manchmal auch unruhig, wenn ich mir überlege: Was, wenn bereits irgendwo eine Virusmutation heranwächst, der ein Impfstoff nichts anhaben kann?

Warum hältst du dich nicht an zuversichtlichere Szenarien?

Du mit deiner Zuversicht! Ich sehe durchaus auch die guten Seiten dieser schlechten Situation. So weiss ich heute sehr viel besser, was für mein Leben wesentlich ist. Freundschaften bewusst pflegen, die Stille im Wald, solche Dinge.

Warum lachst du?

Weil es so klingt, als hätte Corona all diesen seichten Lebensweisheiten-Büchern Leben eingehaucht. Aber es ist schon so: Wir Menschen fragen uns heute viel mehr, was unser Leben mit Sinn füllt. Vielleicht machen uns diese Überlegungen am Ende sogar zu besseren Menschen.

Wie wirst du in Zukunft ein besserer Mensch sein?

Ich will mehr Zeit mit Menschen verbringen, die ich gerne habe. Mir wurde bewusst, wie sehr ich auf die Menschen um mich herum angewiesen bin, damit es mir gutgeht. Wir müssen uns unbedingt sehen, wenn du das nächste Mal in der Stadt bist.

Das machen wir!

Sehr gut! Jetzt ist mir noch etwas eingefallen, was mich zuversichtlich stimmt.

Ja?

Das Schicksal der Wirtin oder des Reisebüroinhabers geht uns nahe. Vielleicht bleibt uns dieses neu entdeckte Mitgefühl für Menschen in Not noch ein bisschen länger erhalten – und auch dann noch, wenn es sich nicht um Schweizer handelt?