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Collage: Jannis Pätzold
Freitag, 18. Oktober 2019

Wir modernen Menschen sind auf ein glückliches Leben geeicht. Man könnte regelrecht von einem Glücksimperativ sprechen, von der Erwartung, ja sogar von der Pflicht, glücklich zu werden. Rund um die Uhr werden wir dazu angehalten – dauerhaft beschallt durch Glücksaufforderungen und von bildhaften Suggestionen geradezu in Geiselhaft genommen –, in dieser Angelegenheit nicht zu verzagen. Wir sollten nach einem möglichst erfüllten Dasein streben, uns ständig um unsere Lebensqualität sorgen. Uns wird ans Herz gelegt, dass guter Rat und sorgfältige Planung zu diesem Ziel führen werden. Auf dem Weg zum Glück stehen wir uns höchstens selbst im Wege.

Was «Glück» eigentlich ist und woraus es besteht, bleibt jedoch meistens unbeantwortet.

Sind wir glücklich, wenn wir euphorisch gestimmt sind und von Hochgefühlen übermannt? Falls das so wäre, bliebe das Glück auf einzelne Momente beschränkt. Es wäre von kurzer Dauer.

Oder kann man Glück quantifizieren und seine Bestandteile gleichsam einsammeln? Diese optimistische Version stellt in Aussicht, dass es Strategien zur Glücksrealisierung gibt. Eine Glückspädagogik wäre demnach wünschenswert. Ist individuelles Glück in einer unglücklichen Gesellschaft vorstellbar? Das würde vom Einzelnen Erhebliches verlangen – Durchhalte­vermögen, Resilienz, Unabhängigkeit und Charakterstärke.

Bedeutet Glück vielmehr die Realisierung all dessen, was wir verlangen, und ist dieses Verlangen – je nach Person – ein jeweils anderes Verlangen? Oder existieren eventuell Massstäbe des Glücks, die davon unabhängig sind?

Offenbar ist das Glück ziemlich vage, weshalb der Glücks­imperativ, wenn wir nicht äusserst vorsichtig sind, schnurstracks ins Unglück führt – in die permanente Enttäuschung, in die traurige Kunst der Selbstüberforderung, in die Entfremdung von sich selbst.

Am Verlangen scheitern

«Glück» verbinden wir heute vor allem mit Empfindungen von Lust und Genuss. Es ist hedonistischer Natur. Glück muss man mit anderen Worten fühlen und erfahren. Es ist sinnlich in seiner Art, sensorisch. Das leuchtet zunächst unmittelbar ein, aber diese Auffassung hat dennoch ihre Tücken. Wir befinden uns nämlich kaum längere Zeit in einem solchen Zustand. Lust und Genuss sind in aller Regel von kurzer Dauer, manchmal sogar bloss augenblicksgebunden. Falls wir uns also mit dieser Glücksauffassung begnügten, bestünde Glück lediglich aus einzelnen Momenten. Unser Leben über längere Zeit als glücklich zu bezeichnen wäre dann kaum möglich.

Darüber hinaus ist die Rückbindung von Glück an Lust und Genuss auch in anderer Hinsicht problematisch: Auch wenn ich meinen Beruf liebe und glücklich darüber bin, ihn gewählt zu haben, bedeutet das längst nicht, dass ich während meiner beruflichen Tätigkeit immer Lust und Genuss erfahre. Oftmals ist die Ausübung des Berufs mit Mühen und Schwernissen verbunden. Aber diese vermögen – vorausgesetzt, sie nehmen nicht überhand – meine positive Einstellung zum Beruf nicht grundsätzlich zu verändern.

Und vorausgesetzt, ich hätte ein Mittel gefunden, mich ständig glücklich zu fühlen, wäre längst nicht gewährleistet, dass ich auch wirklich glücklich bin. Wir wollen unser Glück nicht bloss geschenkt bekommen, es passiv entgegennehmen oder es einkaufen, denn wir wollen etwas tun, damit wir glücklich sind, einen eigenen, aktiven Beitrag zu unserem Glück leisten.

Vielleicht sollten wir uns auf eine andere Auffassung konzentrieren. Wäre es möglich, dass Glück aus der Befriedigung unserer Verlangen besteht? Reicht es nicht aus, dass meine Verlangen befriedigt werden, damit ich glücklich bin? Wenn ich bekomme, was ich will und was ich mir wünsche, bin ich dann nicht glücklich? Auch hier lautet die Antwort leider «Nein». Es gibt jede Menge Verlangen, die uns geradeaus ins Unglück führen. Es gibt Dinge, die wir zwar wollen, aber die wir besser nicht wollen sollten.

Zum Genuss verdammt

Was heisst hier «besser»? Es heisst: Wir müssen uns über unsere Verlangen und ihre Folgen und Auswirkungen aufklären. Wir benötigen informierte Verlangen, aufgeklärte Wünsche. Wir sollten wissen, was es für Folgen hat, wenn wir nach etwas verlangen und es uns wünschen. Die sofortige oder schnelle Befriedigung eines Verlangens steht nicht selten einer eher langfristigen Befriedigung eines anderen Wunsches im Wege. Aber mehr noch: Die Erfüllung eines Verlangens hat oft zur Folge, dass ich nach Neuem verlange.

Ich befinde mich dann in einer Kaskade von Verlangen, verliere irgendwann die Orientierung – und bin dann ein unglücklicher Gefangener meiner Wünsche. Und zuletzt: Es ist gar nicht leicht, zu wissen, was wir wirklich verlangen. Wir passen unsere Verlangen oft den Umständen oder den Angeboten an. Wir wählen dann nicht etwas, weil wir danach verlangen, sondern wir verlangen danach, weil es augenscheinlich leicht zu haben ist.

Trotz diesen Schwierigkeiten mit dem Glück halten wir hartnäckig an ihm fest. Warum eigentlich? Warum sind wir so glücksbesessen? Warum gelingt es uns nicht, etwas mehr an Glücksgelassenheit zu realisieren?

Der Soziologe Hartmut Rosa hat in diesem Zusammenhang eine interessante Diagnose gestellt. Wir Modernen, so Rosa, verfügen nicht länger wie unsere Vorfahren über die Vorstellung der Ewigkeit, über die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod. Uns ist es nicht länger vergönnt, darauf zu hoffen, dass Dinge, die wir im Leben verpasst haben oder nicht realisieren konnten, in der Ewigkeit kompensiert werden. Dieses Tor ist nun verschlossen. Und deshalb bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere Lebenszeit zu füllen, getrieben von einer anhaltenden Versäumnisangst. Wir müssen das Leben geniessen, es «in all seinen Zügen, Höhen und Tiefen und seiner Komplexität auskosten», wie Rosa schreibt.

Um das zu realisieren, sollten wir keine Zeit verlieren. «Beschleunigung», so Rosa weiter, sei «ein funktionales Äquivalent für die Verheissung der Ewigkeit.» Angesichts der verschwundenen Ewigkeit können wir uns ein langsameres Leben offenbar nicht mehr leisten. Mit Beschleunigung, damit das Leben durch Genusssättigung gefüllt werde, reagieren wir letzten Endes auf das Problem des Todes.

Mit dieser Diagnose geht selbstverständlich nicht die Empfehlung einher, wieder ewigkeitsgläubig zu werden. Das lässt sich auf Knopfdruck nicht realisieren. Wohl aber bietet Rosas Diagnose uns ein interessantes Erklärungsmodell an, das uns dabei hilft, unsere kollektive Versäumnisangst zu verstehen. Wir wissen nun, weshalb wir unaufhaltsam und in einem rasenden Tempo auf Glück aus sind – auf Genuss, Lust und auf die Befriedigung unserer Verlangen. Aber wir sind auch hier auf bestem Wege, getrieben durch unsere Versäumnisangst, das Glück selber zu versäumen. Wir tappen von einem Fallstrick in den nächsten.

Vielleicht hilft es, auf die Frage des Glücks nicht länger unmittelbar zuzusteuern. Wir sollten den Gedanken riskieren, dass Glück nicht das Wichtigste sei im Leben, jedenfalls nicht dasjenige Glück, das wir uns bisher näher angeschaut haben: der Genuss, die Lust, die Befriedigung unserer Wünsche und Verlangen.

Könnte es sein, dass unserem Glücksstreben ein missliches oder zumindest ein fragwürdiges Bild über das menschliche Leben zugrunde liegt? Unter Umständen ist eine andere Sicht möglich, eine realistischere und eine würdigere. In seinem überaus wichtigen, dem amerikanischen Rassismus gewidmeten Essay Vor dem Kreuz, den James Baldwin erstmals im Jahre 1962 veröffentlichte, rief dieser zu einer Konfrontation mit der Wirklichkeit des Lebens auf, mit der «Tatsache», so Baldwin, «dass das Leben tragisch ist».

Der Verkennung dieser Tatsache geschuldet sei eine falsche Sicht auf das, was im Leben wirklich wichtig sei und was dem Leben einen Sinn zu verleihen vermag: «Das Leben ist tragisch, weil die Erde sich dreht und die Sonne unerbittlich auf- und untergeht und eines Tages, für jeden von uns, ein letztes, ein allerletztes Mal untergehen wird. Vielleicht liegt die Wurzel unserer Misere, der menschlichen Misere darin, dass wir die ganze Schönheit unseres Lebens opfern, uns von Totems, Tabus, Kreuzen, Blutopfern, Kirchtürmen, Moscheen, Rassen, Armeen, Flaggen und Nationen einsperren lassen, um die Tatsache des Todes zu leugnen, die einzige Tatsache, die wir haben.

Mir scheint, wir sollten uns an der Tatsache des Todes erfreuen – ja, sollten beschliessen, unseren Tod zu verdienen, indem wir uns mit Leidenschaft dem Rätsel des Lebens stellen. Wir tragen Verantwortung für das Leben: Es ist das kleine Signalfeuer in der beängstigenden Dunkelheit, aus der wir kommen und in die wir zurückkehren werden. Diese Reise müssen wir so würdevoll wie möglich unternehmen, und zwar um deren willen, die nach uns kommen.»

Das Leben nach dem Tod wird so zum Leben derer, die nach unserem Tod noch da sind und kommen werden. Vielleicht besteht unser Glück darin, verantwortlich dafür sein zu dürfen, dass die Späteren nicht unglücklich werden müssen. Oder wie es Baldwin so schön ausdrückt, die Lebensreise «so würdevoll wie möglich zu unternehmen». Das ist tatsächlich etwas anderes, als das eigene Glück voranzustellen und das Leben auf dieses direkt auszurichten. Wir sollten bescheidenere Glückssucher werden, und dann lässt uns das Glück – auch das eigene – vielleicht nicht im Stich.

Durch Zufall glücklich

In seinen berühmten geschichtsphilosophischen Thesen des Jahres 1940 geht Walter Benjamin – wenige Monate vor seiner Selbsttötung auf der Flucht vor den Nazis – auf ein Bild von Paul Klee ein, das den «Angelus Novus» zeigt. Dieser Engel der Geschichte, der «das Antlitz der Vergangenheit zugewendet» hat, nimmt mehr wahr als derjenige, der fortschrittsberauscht auf die Zukunft setzt: «Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füsse schleudert.»

Aus einer solchen Lage heraus vermag nur eine Erlösung zu retten, ein Setzen auf das Messianische, das nicht am Ende der Geschichte wartet, sondern diese unterbricht und augenblicklich beendet. Das Glück fällt uns zu.

Die Permanenz des Unglücks hat also nicht ganz das letzte Wort. Es bleibt die Möglichkeit des sich einstellenden Glücks, wobei die Betonung unzweideutig auf der Möglichkeit des Glücks liegt. Da bleibt der Gedanke fern, wir Menschen seien glücksbegabte Wesen, die – vorausgesetzt, sie verhielten sich klug und bedacht – die Bedingungen eines glücklichen Lebens gleichsam in eigenen Händen hielten. Noch ferner liegt die Vorstellung, wir hätten eine Art Recht auf Glück. Jedoch abwesend ist dieses keineswegs.

An dieser Stelle nimmt Franz Kafka nun eine folgenreiche sprachliche Modifikation vor. Er schreibt im Oktober des Jahres 1921 in seinem Tagebuch: «Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie beim richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie. Das ist das Wesen der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft.»

Dass hier die Rede ist von der «Herrlichkeit des Lebens», die da «bereit liegt», und nicht vom Glück, weist auf eine Veränderung der Perspektive hin: Die «Herrlichkeit» ist eine Gabe, die das Leben für uns bereithält, eine mögliche Gabe jedenfalls. Es sind also nicht wir, die über diese «Herrlichkeit» befinden. Sie stellt sich ein, wenn wir auf richtige Worte für sie stossen. Zauberei nennt Kafka diese Kunst der richtigen Wortfindung. Es gilt, mittels des richtigen Wortes zu rufen, und nicht zu schaffen.

Das Glück lässt sich nicht erzwingen: Es kann mittels des richtigen Wortes nicht geschaffen werden. Es zu rufen heisst aber nicht, nichts mehr zu tun. Denn wenn wir weiterhin etwas tun, sind wir keine Getriebenen mehr. Unserem Tun könnte der Entschluss zugrunde liegen, ein Leben in Verantwortung und Würde führen zu wollen, damit unser Glück dem der Kommenden nicht im Wege steht.

Jean-Pierre Wils ist Theologe und Ethiker. Er lehrt an der Radboud-Universität Nijmegen.

Dieser Text entstand für deutschlandfunk.de/essay-und-diskurs und wurde am 21. April 2019 in einer längeren Hörfassung unter dem Titel Der Glücksimperativ — ein Fallstrick? gesendet.