Der Mensch, der sich immer mehr wie ein Fremder im eigenen Leben fühlt: Hartmut Rosas Blick auf die Gegenwart hätte ihn schon längst zum Pessimisten machen müssen. Doch anstatt sich mit dem Scheitern abzufinden, sucht er nach Wegen aus der modernen Malaise. So treibt ihn die Frage um, wie die Gesellschaft der Unruhe und dem Gefühl der Beziehungslosigkeit entkommen kann. Rosas Antwort: Die Menschen müssen wieder in Berührung mit der Welt kommen, die sie umgibt. Dabei spricht er von einem Leben in «Resonanz».
Seine Gesellschaftsdiagnosen finden auch unter Theologen Beachtung. Unlängst diskutierte er an den Studientagen der Universität Fribourg mit dem Theologen Miroslav Wolf und dem Regisseur Wim Wenders darüber, wie ein gutes Leben gelingt und ob Tradition und religiöse Erfahrungen dazu beitragen können. Auch privat hat Rosa keine Berührungsängste mit Religion und Kirche: Am Wochenende pendelt der Professor Hunderte von Kilometern in sein Heimatdorf im Schwarzwald, um im Gottesdienst Orgel zu spielen. Hier schaue er als Hobby-Astronom nachts auch oft in die Sterne, sagt er beim Treffen. Das beruhige ihn.
Herr Rosa, was lernen Sie über das Leben auf der Erde, wenn Sie nachts in die Sterne schauen?
Ehrlich gesagt, nichts. Aber es ist doch interessant, dass es noch immer die Idee gibt, dass unser Charakter mit dem Universum in Verbindung steht.
Sie meinen die Sternzeichen?
Ja, überall findet man heute noch Horoskope, dabei gibt es keine valide naturwissenschaftliche Erklärung, warum die Sterne auf unser Verhalten Einfluss haben sollten.
Wie erklären Sie sich das?
Horoskope stiften offenbar irgendwie einen Sinn. Es ist ein beruhigender Gedanke: Mein Innerstes, mein Schicksal, mein Leben steht in einem Zusammenhang mit dem, was der Philosoph Karl Jaspers «das Umgreifende» nennt.
Hartmut Rosa, geboren 1965 in Lörrach bei Basel, ist Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt. In seiner Arbeit analysiert er die soziale Beschleunigung unserer Zeit und ist damit einem Paradoxon auf der Spur: «Obwohl wir mit immer besseren technischen Mitteln immer mehr Zeit gewinnen, haben wir doch das Gefühl, immer weniger Zeit zu haben», sagt er. Dabei warnt er, dass die Entschleunigung des Einzelnen das gesellschaftliche Tempo nicht bremsen werde. Für seine engagierte Gesellschaftsphilosophie wurden ihm 2018 der Erich-Fromm-Preis sowie der Paul-Watzlawick-Ring verliehen. dem
Für einen Soziologieprofessor klingt das überraschend theologisch.
Als ich meine Resonanztheorie entwickelte, habe ich schnell gemerkt, dass vieles in meiner Theorie in der Theologie bereits vorgedacht ist.
Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Aus meiner sozialphilosophischen Perspektive kann ich natürlich keinen Gott annehmen. Persönlich schon. Ich komme aus einem katholischen Milieu und bin irgendwann in der evangelischen Kirche gelandet. Ich spiele gerne Kirchenlieder auf der Orgel. Es zieht mich immer wieder in die Kirche. Aber am Ende halte ich es mit dem Soziologen Bruno Latour: Wenn man von einem Gläubigen wissen will, was er glaubt, ist das der Tod der religiösen Erfahrung.
Weil man es nicht benennen kann?
Weil Religion für mich weniger ein Zustand ist als vielmehr eine Art der Beziehung. Übrigens eine besonders resonanzfördernde Beziehung.
Was verstehen Sie unter Resonanz?
Die Idee stammt eigentlich aus der Akustik. Zwei Dinge geraten miteinander in Schwingung, sie antworten sich mit ihrem jeweils eigenen Klangkörper. Auf Menschen bezogen meine ich damit den Moment, wenn etwas zu uns durchdringt und uns erreicht. Es geht um eine Haltung des Hörens und Antwortens. Beide Seiten berühren sich, und es gibt die Chance auf eine Veränderung auf beiden Seiten. Dazu müssen wir aber zulassen, dass wir das Ergebnis nicht immer kontrollieren können. Zu Resonanz gehört die Unverfügbarkeit.
Wir haben die Dinge doch aber lieber unter Kontrolle, als ihnen ausgeliefert zu sein.
Die Moderne setzt in der Tat auf das Gegenteil von Unverfügbarkeit, auf Aneignung und Besitz. Das tötet in meinen Augen das soziale Leben und beendet die Lebendigkeit, die das Leben eigentlich ausmacht.
Liegt das am Menschen oder am System?
Das kann man nur schwer trennen. Die Moderne ist von stummen Weltverhältnissen gekennzeichnet. Das heisst, wir bewegen uns in einer Gesellschaft, in der alles immer und ständig optimiert werden muss. Das ist auch ein struktureller Zwang. Wir wollen immer mehr Dinge unter Kontrolle bringen, um sie uns verfügbar zu halten. Bis dahin fühlen wir uns wie souveräne Subjekte. Dadurch erleben wir die Welt nicht mehr als lebendig, sondern als permanente Herausforderung. Wer die Welt ständig nur kontrollieren will, der kann die Stimme der Welt nicht mehr vernehmen. Dann ist man auf sich selbst zurückgeworfen. Wem die Welt verstummt, dem wird sie nichtssagend und leer.
Aber woran liegt das?
Wir fühlen uns für unser Glück heute massgeblich selbst verantwortlich, und diese Eigenverantwortung lässt sich unbegrenzt steigern.
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