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Freitag, 15. September 2017

Frau Zenger, Sie schreiben über die schwierige Beziehung zu Ihrer Mutter und den langen Weg zur Vergebung. Das braucht Mut.

Ich gebe zu, ich habe mit mir gerungen. Aber mir war klar, dass das eine zentrale Erfahrung war: Ich habe vergeben gelernt. Das war ein Prozess, es war Arbeit, es bedeutete, mich mit meiner Geschichte auseinanderzusetzen.

Was ist das Wichtigste, das Sie dabei gelernt haben?

Die Konfrontation mit meiner Geschichte hat vieles bei mir in Gang gebracht. Im Grunde öffnete sich ein Tor für einen neuen Zugang zu mir selber: Ich lernte, mich wahrzunehmen, meine Verletzungen zu erkennen. Leben an und für sich ist verletzend. Das anzunehmen änderte alles.

Inwiefern?

Es verhalf mir zu einem nüchternen, ehrlichen Umgang mit anderen und mit mir. Ich lernte über mich zu reden, zu benennen, was mir wehgetan hat, und ich erkannte auch, dass ich selber verletze. Das ist der erste Schritt zum Verzeihen. Damit das klar ist: Ich spreche hier nicht von schlimmer Gewalt. Ich bin wohlbehütet aufgewachsen, da war viel mehr Gutes als Schlechtes. Es sind die kleinen Dinge, die in jeder Familie passieren, die einen dann aber doch irgendwie am Leben hindern können. In meinem Fall verunmöglichten sie mir, eine Beziehung zu meiner Mutter zu haben.

Hat das Aufschreiben nochmals etwas ausgelöst?

Ja, ich musste diesen ganzen Prozess erneut reflektieren. Ich fragte mich: Wie schreibe ich das auf, dass es für Aussenstehende Sinn ergibt? Die theologische Deutung kam erst im Moment des Schreibens hinzu. Eine persönliche Erfahrung für andere verständlich zu machen ist etwas anderes, als Tagebuch zu schreiben.

Haben Sie Ihrer Mutter erzählt, dass Sie über sich und sie schreiben?

Nein, ich habe ihr nichts gesagt. Ich vertraue fest darauf, dass sie es nicht als Blossstellung verstehen würde. Unsere Geschichte ist exemplarisch für viele Menschen. Ich stehe dazu und hadere nicht mehr damit. Diesen Weg haben wir beide hinter uns. Auch wenn wir sehr unterschiedlich mit der Erfahrung umgehen.

Wie meinen Sie das?

Analytisches Reflektieren ist nicht so ihre Art. Ich bin in einer Bauernfamilie aufgewachsen. Für das Bodenständige, das meine Mutter mir mitgegeben hat, bin ich sehr dankbar. Heute treffen wir uns auf einer Herzensebene.

Sie sind als Bauerntochter Theologin geworden. Ein ungewöhnlicher Weg.

Ich wurde religiös sozialisiert, besuchte die Sonntagsschule und wurde konfirmiert. Aber da war immer schon mehr. Für mich war das Mystische wichtig. Seit ich mich zurückerinnern kann, hatte ich diese tiefe Sehnsucht in mir. Ich glaube, ich bin damit geboren.

Was für eine Sehnsucht?

Ich fühlte mich mit etwas verbunden, das über mich hinausgeht. Ich habe diese Präsenz – Gott – immer gespürt. Es ist etwas Tiefes, das von innen kommt.

Haben Sie nie an Gott gezweifelt?

Es war für mich nie eine Frage, ob es Gott gibt. Auch nicht in meiner Jugend. Ich hatte einen guten Konfpfarrer und konnte viele Fragen stellen. Da war ein Verlangen – wie kann ich mehr von dieser Grösse erfahren? Es ging mir dabei vielmehr um eine Erfahrung als um etwas Rationales, das man im Kopf für wahr oder unwahr halten kann.

Hat Ihre Familie Ihren Wunsch, Theologin zu werden unterstützt?

Zunächst war schon Feuer im Dach. Es war in meiner Familie nicht üblich, an die Uni zu gehen. Mein Werdegang führte dann auch übers Lehrerseminar. Heute sind meine Eltern stolz auf mich. Als ich ordiniert wurde, sagte meine Mutter zu mir: «Ich kann viel von dir lernen.» Das hat mich berührt.

Auch als reformierte Theologin sind Sie einen speziellen Weg gegangen. Heute arbeiten Sie als geistliche Begleiterin im jesuitischen Lassalle-Haus. Wie kam es dazu?

Mich verbindet eine lange Geschichte mit der jesuitischen Tradition. Als ich in Bern zu studieren begann, erlebte ich eine Krise. Das Studium war anders als erwartet. Die alten Sprachen, die Kirchengeschichte, das kam mir so theoretisch und trocken vor. Mir fehlte der spirituelle Zugang. In dieser Zeit zog ich mich oft in Klöster zurück. Ich suchte die Stille, das Karge, die Kontemplation. An einem Unifest begegnete ich dem katholischen Hochschulseelsorger. Er war Jesuit und nahm meine spirituelle Suche ernst. So ging ich bald im katholischen Studententreff ein und aus und kam mit ignatianischen Exerzitien in Berührung.

Was haben die Katholiken, was die Reformierten nicht haben?

Ich will da nichts gegeneinander ausspielen. Für mich hat das Katholische diesen Schatz an mystischen Traditionen, was meine Erfahrungen zugänglich machte. Zudem schätze ich die liturgische Sensibilität. Spirituelle Erfahrungen sind aber im Grunde von der Konfession losgelöst. Der Geist weht, wo er will.

Trotzdem — hätten Sie nicht besser katholische Theologie studiert?

Nein, gar nicht. Es gibt viele Aspekte am Katholizismus, die mir nicht behagen, etwa das allzu Ausgeschmückte im Ritus, das Hochkirchliche und Hierarchische. Da habe ich es mehr mit der protestantischen Schlichtheit. Und nach wie vor sind bei den Katholiken Frauen im Priesteramt nicht vorgesehen. Das ist inakzeptabel für mich, die Gleichberechtigung ist zentral.

Also katholisch im Herzen und reformiert im Kopf?

Mich verbindet sehr viel mit der reformierten Liebe zum Wort. Diese sorgfältige Auslegung der biblischen Schrift. Das Schlichte. Wenn das mit der spirituellen Dimension zusammenkommt, stimmt das für mich. Das verbindet mich mit den Jesuiten.

Sie sind die erste reformierte Pfarrerin im Lassalle-Haus.

Reformierte Kursleiter gibt es seit Gründung des Hauses. Aber ich bin die erste Pfarrerin, die hier lebt und arbeitet und dem Lassalle-Haus gemeinsam mit den Jesuiten ein Gesicht gibt. Ich halte hier im Turnus Sonntagsgottesdienste mit Abendmahl – eine wunderbare Geste zum Reformationsgedenken. Dass ich heute als geistliche Begleiterin und Pfarrerin arbeite, hat aber nicht primär mit meinem Reformiertsein zu tun. Mich verbindet eine langjährige Freundschaft mit dem Lassalle-Haus. Christian Rutishauser, der das Zentrum lange Jahre leitete und heute Provinzial ist, war mein geistlicher Begleiter. Er hat mich gefördert.

Lassen Sie uns nochmals zur Vergebung zurückkommen. Wie wichtig ist sie in Ihrer Arbeit als geistliche Begleiterin?

Vergebung ist zentral. Viele Menschen kommen in einer Krise zu mir, sehnen sich nach Sinn in ihrem Leben, suchen nach Gott. Wer sich auf den Prozess einlässt, kommt unweigerlich mit Verletzung und Schuld in Berührung. Dann geht es darum, mit seiner Geschichte Frieden zu schliessen.

Das klingt, als ob Sie therapeutische Arbeit machen. Was unterscheidet geistliche Begleitung von Psychotherapie?

Viele Menschen, die zu mir kommen, haben Erfahrung mit Psychotherapien. Es sind zwei Wege, die sich ergänzen. Aber die geistliche Begleitung geht über das Zwischenmenschliche hinaus. Für mich ist da eine Dimension mehr. Es geht ja um die Beziehung zu Gott, das Verankertsein in Gott. Als geistliche Begleiterin gehe ich ein Stück Weg mit, um diese Beziehung zu vertiefen, damit sie im Alltag tragen kann. Es ist nicht einfach nur eine nützliche Vorstellung, die meiner Psyche hilft. Ich bin überzeugt, der Heilige Geist wirkt auf seine Art.

Fehlt der säkularen Psychotherapie die christliche Vergebung?

Ich bin keine Psychologin und will das Therapeutische in keiner Weise schmälern. Vergebung ist auch nicht nur etwas Christliches – sie ist im Christentum allerdings elementar. Gott hat uns als verwundbare und Wunden schlagende Menschen erschaffen. Wir sind von Anfang an mit unseren Schwächen angenommen. Es ist unsere Aufgabe, uns selber so annehmen zu lernen.

Kann ein Mensch vergeben, wenn er Gott nicht hat?

Diese Frage kann ich nicht für alle beantworten. Ich will nicht ausschliessen, dass jemand auch aus der Kraft der menschlichen Liebe heraus vergeben kann. Aber in meinem Erleben kam von Gott die Kraft, dass ich vergeben konnte. Dieses Dritte, dieses Grössere, das Gott ist, hat mir das Loslassen ermöglicht. Das ist der Punkt. In dem Moment, wo ich einen Schmerz hergebe, bin ich grösser als ich selbst. Ohne diese Erfahrung, die ich mit Gott verbinde, mit seiner Liebe zu mir, zu uns Menschen, hätte ich das nicht geschafft.

Gibt es auf der Welt Dinge, die nicht vergeben werden können?

Nein, ich glaube nicht. Ich begegnete Menschen, die unfassbar schlimme Dinge erlebt haben, las von Menschen, die den Holocaust überstanden. Und doch haben sie es geschafft, all dieses Abscheuliche und Abgründige hinter sich zu lassen. Dass es möglich ist, trotz diesen schlimmsten Erfahrungen zu Vergebung zu finden, berührt mich immer wieder. Ich glaube, das ist in diesem Fall die einzige Möglichkeit, menschlich zu überleben. Vergeben ermöglicht einen Neuanfang. Ja, vergeben heisst neu anfangen können. Und diese Möglichkeit steht für mich im Zentrum des Glaubens.

Susanne Leuenberger ist Redaktorin bei bref.