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Autor: David Sarasin
Bilder: Ruben Hollinger
Freitag, 20. April 2018

Zum Verständnis, warum das Interview in der Du-Form geführt wurde: David Sarasin ist der Göttibub von Dietrich Pestalozzi. Als Kind hat er mit dessen Sohn Matthias im Garten des Hauses in Dietikon ZH gespielt.

Matthias, du führst in der neunten Generation die Pestalozzi-Gruppe, ein Unternehmen mit 300 Mitarbeitenden und 150 Millionen Franken Umsatz. Vor fünf Jahren hat dir dein Vater Dietrich die Geschäftsführung übertragen. Wie hat er dich auf diese Aufgabe vorbereitet?

Matthias Sorgfältig und früh. Bereits zehn Jahre vor der tatsächlichen Übergabe hat er damit begonnen, mit uns Kindern über das Geschäft zu reden. Ich war damals noch im Physikstudium.

Dietrich, mit vier Kindern hattest du vier potenzielle Nachfolger. Warum sitzt heute dein Sohn Matthias hier?

Dietrich Wir diskutierten in der Familie über einen sehr langen Zeitraum hinweg immer wieder die Frage, wer die Verantwortung auf sich nehmen will, ein Unternehmen dieser Grösse zu führen. Irgendwann war es dann für alle klar, dass es Matthias sein soll. Die anderen Kinder hatten andere berufliche Interessen.

Das klingt harmonisch. Lief das wirklich ganz ohne Missgunst?

Dietrich Ja. Wohl aber auch, weil mir sehr daran gelegen war, dass alle Kinder gleichberechtigt in diesem Prozess involviert sind und über die gleichen Informationen verfügen.

Welche Informationen meinst du?

Dietrich Mir war es sehr wichtig, dass alle den tatsächlichen Wert der Firma kennen. Dafür liessen wir die einzelnen Firmenteile bewerten. Am Ende waren alle Kinder mit der getroffenen finanziellen Regelung einverstanden. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Ohne die Bescheidenheit und Zurückhaltung aller Beteiligten würde es die Firma nicht mehr geben. Hätte jemand auf Maximalforderungen gepocht, hätte die Firma nicht überleben können.

Du erwähnst das so deutlich. Warum?

Dietrich Weil es zeigt, dass wir als Familie über ein Bewusstsein verfügen, dass materielle Güter relativ sind. Ins Grab lässt sich nichts mitnehmen. Meiner Frau und mir war es wichtig, dass wir unseren Kindern den Umgang mit Geld vorleben.

Dietrich Pestalozzi

Ihr habt euch also nie irgendwelche luxuriösen Freuden gegönnt?

Dietrich Nein, eine Yacht oder ein Schloss am Mittelmeer entspricht nicht unseren Werten. Wir waren eine völlig normale Familie, in der alle im Haushalt mithelfen mussten. Und wünschte sich ein Kind einen Computer, musste es zuerst das Zehnfingersystem beherrschen. Unseren Kindern wollten wir mitgeben, dass der Mammon nicht Lebensmaxime sein kann.

Du bist immer offen dazu gestanden, dass du als protestantischer Christ ein Unternehmen führst. Warum?

Dietrich Warum nicht? Ich will noch immer nicht ganz begreifen, warum auch heute ein Outing als christlicher Unternehmer Aufmerksamkeit erzeugt. In der Schweiz fühlen sich rund 70 Prozent der Menschen dem Christentum zugehörig. Unter den Unternehmern zähle ich zur Mehrheit. Aber zurück zur Frage: Ich habe meinen Glauben nie bewusst zur Schau gestellt, das entspricht nicht meiner Art. Trotzdem war er in meinem Berufsleben immer präsent. Ich kann den Unternehmer und den Christen in mir nicht auseinanderdividieren.

Wo zeigt sich das im Geschäft?

Dietrich Wir versuchen, die Angestellten fair zu behandeln und unsere Verantwortung gegenüber den Kunden, den Lieferanten, Geschäftspartnern und der Umwelt wahrzunehmen. Christliche Vorstellungen und Überzeugungen haben mein Handeln im Arbeitsalltag sicherlich geprägt.

Was heisst das konkret?

Dietrich Von Paulus gibt es eine Liste mit den sogenannten Früchten des Geistes: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung. Ich habe versucht, diese Begriffe in den Firmenalltag hineinzuübersetzen. Natürlich geht das nicht eins zu eins, es gilt sie zu interpretieren. Liebe wird dann zu Empathie oder Langmut zu massvollem Handeln.

Das sind aber nicht zwingend christliche, sondern allgemein gültige Werte.

Dietrich Woher sie bei einem Menschen stammen, das ist natürlich individuell. Ich persönlich leite sie aus meinem Glauben ab.

Matthias Ich würde unseren Erfolg nicht alleine auf christliche Werte zurückführen. Da spielen noch ganze viele andere Faktoren mit.

Ich würde unseren Erfolg nicht alleine auf christliche Werte zurückführen. Da spielen noch ganze viele andere Faktoren mit. Matthias Pestalozzi

Dietrich Einverstanden. Dass die Firma seit 255 Jahren existiert und noch immer in Familienbesitz ist, das hat noch viele andere Gründe, die nichts mit dem Glauben zu tun haben.

Der Firma eilt ein guter Ruf voraus. Sogar linke und eher wirtschaftskritische Kreise attestieren euch, dass ihr ein soziales Unternehmen seid.

Matthias Wir haben tatsächlich ein gutes Image. Aber auch wir müssen Geld verdienen, um zu überleben. Das erfordert doch auch immer Entscheidungen, die nicht für alle angenehm sind.

Kündigungen?

Dietrich Die gibt es natürlich auch bei uns. Wir sind keine Wohltätigkeitsorganisation, sondern eine Firma mit Konkurrenten um uns herum. Aber oftmals haben wir für Mitarbeitende interne Lösungen gesucht oder waren behilflich bei der externen Stellensuche. Wir tragen Verantwortung für unsere 300 Beschäftigten. Würden wir aber Entscheide einzig nach dem Gebot der Nächstenliebe treffen, dann gäbe es uns längst nicht mehr.

Matthias Ich würde unser Credo so formulieren: Wir denken tendenziell mittelfristig. Flauten in einem Geschäftsjahr haben nicht gleich Kündigungen zur Folge. Wir geben den Mitarbeitern und der Situation länger als üblich eine Chance. Wird in anderen Unternehmen bereits nach einem Quartal Bilanz gezogen, ist unser Horizont länger. Diese Strategie beinhaltet auch das Risiko, dass wir vielleicht zu lange warten. Aber bis jetzt ist sie aufgegangen.

Matthias Pestalozzi

Ihr seid in der metallverarbeitenden Industrie tätig. Ist der Werkplatz Schweiz mit seinen hohen Lohnkosten nicht ein hartes Pflaster dafür?

Dietrich Das sogenannte Massengeschäft wurde für uns Ende der achtziger Jahre immer uninteressanter, weil gewisse Konkurrenten stark expandierten. Da war auch viel Kapital im Spiel. Wir begannen uns dann auf ein paar wenige Geschäftsfelder zu spezialisieren. Das hatte zur Folge, dass wir die Belegschaft von 600 auf 240 Mitarbeiter verkleinern mussten. Auf dieser Basis konnten wir uns ab der Jahrtausendwende wieder solide entwickeln.

Matthias Wir können uns wohl längerfristig nicht dem Trend entziehen, dass je länger, je mehr in der Schweiz nur noch das produziert wird, was viel Know-how braucht. Und das sind meistens kleine, filigrane Teile. Für uns ist das ein Problem, weil unsere Infrastruktur darauf ausgerichtet ist, Tonnagen zu bewegen.

Gibt es eigentlich eine Verbindung zwischen Glauben und Erfolg?

Dietrich Ich bin dankbar für die wirtschaftliche Situation im Unternehmen. Aber dass der Erfolg wie ein Segen vom Himmel über uns herabgeregnet oder wir irgendwie von oben beschenkt werden, daran glaube ich nicht. Erfolgreiches Wirtschaften hat viel mit harter Arbeit zu tun.

Ich bin dankbar für die wirtschaftliche Situation im Unternehmen. Aber dass der Erfolg wie ein Segen vom Himmel über uns herabregnet oder wir irgendwie von oben beschenkt werden, daran glaube ich nicht. Dietrich Pestalozzi

Matthias Vielleicht gibt es gewisse Werte, die in einem protestantisch geprägten Umfeld eher zum Tragen kommen als woanders. Werte wie Vertrauen, Respekt, Fairness oder Ehrlichkeit. Das wirkt sicher auch heute noch. Das Teilen einer Kultur und damit verbundener Werte kann das Wirtschaften mit Geschäftspartnern entscheidend erleichtern.

Zum Beispiel?

Dietrich Ich erinnere mich, dass ich einmal einem Tessiner Unternehmer per Telefon ein Bohrwerk für 300 000 Franken verkauft habe. Wir haben geliefert, er hat gezahlt. Unsere Art von Wirtschaften bringt solche Vorteile.

Matthias Ich erlebte diese Art unlängst in den Ferien. Wir waren als Familie in Schweden, wo wir ein Haus gemietet hatten. Dem Vermieter überreichte ich dafür in einem Umschlag bar etwas mehr als 1000 Franken. Erstaunlich war, dass er ihn nicht öffnete, um nachzuzählen. Da schwang ein Vertrauen mit, das wir oft auch in unserem Arbeitsalltag erleben.

Worauf gründet dieses Vertrauen?

Matthias Das ist schwierig zu formulieren. Vielleicht spielt eine protestantische Arbeitsethik mit hinein, die nicht unbedingt mit gelebtem Glauben, sondern mit einer gewachsenen Tradition und einem christlich geprägten Umfeld zusammenhängt.

Aufgewachsen in Oberrieden ZH, studierte Dietrich Pestalozzi an der Universität St.Gallen Wirtschaft. Seit 1977 zusammen mit Dieter Burckhardt Teilhaber der Aktiengesellschaft Pestalozzi+Co., ab 2000 ist er alleiniger Firmeninhaber. Sohn Matthias wird 2011 Teilhaber. Drei Jahre später übergibt er nach vierzig Jahren operativer Verantwortung die Geschäftsführung Matthias, engagiert sich weiterhin als Präsident des Verwaltungsrates. 2014 verleiht ihm die Internationale Martin Luther-Stiftung die renommierte Luther-Rose. Der Preis zeichnet Menschen aus, die sich in Leben und Beruf für die reformatorische Tradition von Freiheit und Verantwortung für das Gemeinwohl einsetzen. Dietrich Pestalozzi ist verheiratet mit der langjährigen Zürcher Kirchenrätin und heutigen Brot-für-alle-Präsidentin Jeanne Pestalozzi. Sie haben eine Tochter und drei Söhne. dem

Apropos gelebter Glaube: Würdet ihr eure Belegschaft zu einem Gottesdienst oder in einen Betkreis einladen, so wie das andere christliche Unternehmen tun?

Matthias Nein, das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.

Dietrich Meiner Meinung nach gehört das auch nicht in einen Unternehmensalltag, sondern in die Freizeit der Menschen.

Immer wieder beklagen Kirchenvertreter den Auszug der Eliten aus der Kirche. Menschen in Führungsverantwortung wollen ihr Know-how kaum mehr in die Kirche einbringen. Ist das eine bedauerliche Entwicklung?

Dietrich Zunächst ist das schade, denn dadurch kommen die Kirchen immer weniger mit Wissen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik in Berührung. Auch hätten solche Leute viel Führungserfahrung zu bieten. Die Kirche ist da aber keine Ausnahme. Die Eliten nutzen auch das Militär immer weniger als Netzwerk. Ein Offiziersrang ist heute keine Sicherheit mehr für eine Karriere, im Gegenteil. Das ist aber nicht bedauerlich, sondern der Lauf der Zeit. Ich sehe im Bedeutungsverlust der Kirchen auch viele Chancen, selbst wenn sich am Horizont noch keine Lösungen abzeichnen.

Aufgewachsen in Dietikon, studierte Matthias Pestalozzi an der ETH Zürich Physik. Nach seinem Studium arbeitete er sechs Jahre bei einem Versicherungskonzern im Bereich Anlagestrategien. Danach Einstieg in das Familienunternehmen, das er seit 2014 in der neunten Generation führt und dessen Inhaber er mittlerweile ist. Zusammen mit seinem Vater Dietrich ist er auch Inhaber der Aktiengesellschaft. Er lebt mit seiner Frau und den vier Kindern in Dietikon. Dort hat die Firma ihren Sitz. dem

Ende des 19.Jahrhunderts ist von eurem Vorgänger Friedrich Otto Pestalozzi ein Zitat überliefert, in dem er über seinen Vater gesagt haben soll: «Er war ein freundlicher Mann, aufrecht in Statur, Wahrhaftigkeit und sittlich-religiösen Grundsätzen, konservativ ohne Engherzigkeit und wahrhaft sozial gesinnt. Was ihm fehlte, war der Trieb zum rücksichtslosen Geldverdienen.» Matthias, lässt sich Ähnliches auch über Dietrich sagen?

Matthias Das Zitat ist natürlich mit sehr viel Pathos aufgeladen. Aber im Kern hat das tatsächlich was. Was mich erstaunt: der Ausspruch ist mehr als 100 Jahre alt und trifft zu einem gewissen Grad immer noch zu. Zum Beispiel fehlt meinem Vater der sogenannte Trieb zum rücksichtslosen Geldverdienen, was natürlich zu begrüssen ist. Detaillierter kann ich aber nicht auf das Zitat eingehen, da mein Vater auch hier sitzt. (lacht)

Meinem Vater fehlt der sogenannte Trieb zum rücksichtslosen Geldverdienen, was natürlich zu begrüssen ist. Matthias Pestalozzi

Matthias, wie würdest du den Führungsstil deines Vaters denn beschreiben?

Matthias «Massvoll» trifft es sicher gut. Mein Vater setzt das Notwendige konsequent um, geht aber nie zu weit. Dafür bringt man ihm im Gegenzug auch Vertrauen entgegen. Das gilt für die Angestellten wie für die Kunden.

Leute von ausserhalb sind oft erstaunt über das Vertrauensverhältnis, das bei uns in der Firma vorherrscht.

Was machst du anders als dein Vater?

Matthias Da müsstest du jetzt meine Mitarbeiter fragen.

Ein Arbeiter, der unter euch beiden gearbeitet hat, meinte, du seist mehr businessorientiert und weniger Patron als dein Vater. Was sagst du dazu?

Matthias Das bringt mich zum Schmunzeln. Sagt man das wirklich? – In der Tendenz hat das sicher was. Ich befasse mich tatsächlich stärker mit den Details einzelner Geschäfte, als dies mein Vater getan hat. Das sagen mir auch die Angestellten. So verfüge ich von meiner Ausbildung her über vertiefte Kenntnisse in der Informatik. Ich knie mich deshalb auch thematisch stärker in dieses Thema hinein. Aber zurück zur Frage: Ein Patron, was ist damit überhaupt gemeint?

Dietrich Ich interpretiere das so, dass ich mich immer sehr für die Angestellten interessierte und oft mit ihnen gesprochen habe. Das wirkte wohl patronal. Doch war das bei mir auch nicht immer gleich. Zu Beginn meiner Karriere war ich zurückhaltender. Erst mit der Zeit lernte ich, besser auf Leute zuzugehen. Ich finde aber, du bist ebenfalls gut darin.

Matthias In bin vom Typ her sicher eher zurückhaltend und stelle mich nicht so gerne in den Mittelpunkt. Ich mache es zwar, denn es gehört dazu, aber ich suche es nicht.

Die Firma Pestalozzi nahm im frühen 20.Jahrhundert eine Pionierrolle ein: Als erste Firma in Zürich führte sie den freien Samstagnachmittag ein. 1932 gründete sie — 53 Jahre vor dem Bundesgesetz über die berufliche Altersvorsorge — ihre Pensionskasse. In welchem sozialen Bereich ist Pestalozzi heute weiter als andere?

Matthias Es gibt sicher ein paar kleine Sachen, für die wir gelobt werden, aber eine Pioniertat, wie sie unsere Vorväter vollbracht hatten, gibt es heute nicht mehr.

Dietrich Die Lehrlingsausbildung etwa ist für uns sehr zentral. Wir bieten 20 Lehrlingen eine Stelle. In unserer Branche tun wir da vielleicht etwas mehr als andere.

Matthias Aber ausserordentlich viel ist das nicht. Und auch im Vaterschaftsurlaub sind wir im branchenüblichen Bereich. Ebenso bei den Löhnen.

Die Pestalozzi-Gruppe mit Sitz in Dietikon gehört zu den schweizweit wichtigsten Anbietern in den Bereichen Stahltechnik, Haustechnik und Gebäudehülle. Sie beliefert 6500 Kunden im Baugewerbe und in der metallverarbeitenden Industrie. Das Unternehmen beschäftigt rund 300 Mitarbeiter, darunter 20 Lehrlinge. 2017 erzielte die Firma einen Umsatz von 150 Millionen Franken. Zum ersten Mal erwähnt wurde sie im Jahr 1793. ds

Ihr verantwortet nicht nur ein Unternehmen, sondern auch den Fortbestand einer langen Familientradition. Fühlt sich das nicht auch manchmal so an, als würde man ein Korsett tragen?

Matthias Ich empfinde die Verantwortung nicht als etwas Beklemmendes. Im Gegenteil: Ich habe selber grosse Freude an unserer Geschichte. Aber klar gibt es auch Dinge, die mich einschränken. So beobachten die Leute in Dietikon durchaus, was ich mache. Daran musste ich mich erst gewöhnen.

Inwiefern beobachten sie dich?

Matthias Wenn ich vor zehn Jahren nach Amerika gegangen wäre, hätte das keinen Menschen interessiert. Wenn ich es heute tun würde, wäre das Gesprächsthema in der Stadt. Das ist schon ein Druck, mit dem man lebt. Auch die Mitarbeiter schauen genau, was du machst. Wenn du einen Witz reisst, wird da oft ganz viel hineininterpretiert. Das schränkt einen in gewissen Bereichen natürlich ein.

Dietrich Korsett ist ein zu hartes Wort. Das Familienunternehmen ist für mich Teil von etwas, das ich ins Leben mitbekommen habe. Es gehört, wenn man so will, zu meinem Schicksal und ist eine Verantwortung fürs Leben. Man kann nicht vom einen Tag auf den anderen wieder aussteigen. Ich trage diese Verantwortung aber gerne.

Dietrich, ist dir damals die Entscheidung, den Betrieb zu übernehmen, schwergefallen?

Dietrich Ich wusste tatsächlich lange nicht, ob es das richtige für mich sei. Irgendwann gegen Ende meines Wirtschaftstudiums in St. Gallen sah ich es aber als Chance an, in einem Betrieb zu arbeiten, in dem ich sehr viel bewirken kann – und dessen Namen ich dazu noch trage.

Welchen Beruf hättest du ohne Familienunternehmen ergriffen?

Dietrich Ich wäre wohl Lehrer, Pfarrer oder Musiker geworden. Deren Wirkungsfelder waren immer Teil unserer Familienkultur. Das alles konnte ich zum Glück weiterhin in meiner Freizeit betreiben. Und zu einem gewissen Teil auch in der Firma anwenden.

Ich erinnere mich, dass ich bereits als Heranwachsender an theologischen Fragen interessiert war. Die darin behandelten Themen bewegten mich innerlich stark. Dietrich Pestalozzi

Du bist in der Freizeit der Theologie nachgegangen?

Dietrich Ja. Ich erinnere mich, dass ich bereits als Heranwachsender an theologischen Fragen interessiert war. Die darin behandelten Themen bewegten mich innerlich stark. Als Student hatte ich dann meine religiöse Sturm-und-Drang-Zeit und war Mitglied einer Bibelgruppe.

Diese Phase endete mit dem Umzug nach Zürich. Der Landeskirche und der Theologie blieb ich aber verbunden.

Woher rührt dein Interesse für Theologie?

Dietrich Religion und Theologie waren in unserer Familie immer irgendwie da. Mein Urgrossvater, ein frommer Mann, sass in der Fraumünster-Kirchenpflege. Mein Grossvater wiederum war mit Karl Barth befreundet und bewegte sich in den religiössozialen Kreisen. Meine Grossmutter hat mir früh Geschichten aus der Bibel vorgelesen. Und als Jugendlicher besuchte ich nach der Konfirmation die Junge Kirche. Das war die damalige reformierte Jugendorganisation. Der Pfarrer liess uns dort bei der Predigtvorbereitung teilhaben. All dies hat sicherlich mein Interesse für Theologie geformt.

Welchen Stellenwert hatte Religion in der Erziehung deiner Kinder?

Dietrich Wir beteten mit ihnen vor dem Zubettgehen oder sangen ein Lied. Sie besuchten auch den Religionsunterricht. Es war wohl das, was man heute als eine «normale kirchliche Sozialisation» bezeichnet. Wir forcierten nichts, der Glaube war in einer entspannten Form präsent.

Matthias, du hast wie deine Eltern vier Kinder. Planst du bereits die Zukunft des Unternehmens?

Matthias Nein, überhaupt nicht. Mein ältester Sohn ist 19, das hat also noch etwas Zeit. Vier Kinder zu haben ist bei einem Familienunternehmen ein Vorteil. Der Druck auf das einzelne Kind fällt da etwas ab, jeder kann frei wählen. Anders beim Einzelkind. Das begreift früh: Entweder du übernimmst, oder mit dir endet eine langjährige Firmengeschichte.

David Sarasin ist Redaktor beim Tages-Anzeiger und freier Autor. Er lebt in Zürich.