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Freitag, 14. August 2020

Ob auf den Gemälden von Caravaggio, in Kinderbibeln oder im Hollywoodfilm: im kulturellen Gedächtnis der Weltgemeinschaft hat sich das Bild von Jesus als Mann mit hellem Haar und rosig-blasser Haut festgesetzt. Dass der historische Jesus – aus Galiläa stammend, dem Gebiet des heutigen Palästina – tatsächlich wie ein durchschnittlicher Nordeuropäer ausgesehen hat, ist jedoch eher unwahrscheinlich.

Viel eher schufen weisse Künstler Christus nach ihrem eigenen Ebenbild. Allzu oft ging diese Darstellung im Laufe der Geschichte Hand in Hand mit Rassismus, Unterdrückung und Überlegenheitsdenken. Seit den jüngsten Ereignissen um die Tötung schwarzer Menschen durch Polizeibeamte in den USA ist die Repräsentation von Jesus als weissem Mann in den Fokus gerückt. So wurde der Ruf nach einem Bildersturm laut: Der amerikanische Black-Lives-Matter-Aktivist und ehemalige Pastor Shaun King forderte dazu auf, weisse Jesusstatuen und -bildnisse niederzureissen.

Geradezu ikonischen Status hat hingegen das Gemälde «A last supper» der britischen Künstlerin Lorna May Wadsworth aus dem Jahr 2009 erlangt. Sie adaptierte da Vincis berühmtes «Abendmahl» – mit einem entscheidenden Detail, das sie variierte: Jesus in der Mitte der Tafel ist ein Schwarzer, und auch zwei andere Teilnehmer der Tischrunde sind People of Color. Seit Juli dieses Jahres schmückt das Bild den Altarraum der bedeutenden St. Albans Cathedral nördlich von London. Auch andere Kirchen, Schulen und öffentliche Einrichtungen auf der ganzen Welt interessieren sich für eine Kopie, die ein aktuelleres, vielfältigeres Bild der menschlichen Gemeinschaft zeichnet, als es da Vincis Tableau einst tat.

Gerade kursieren in den Medien mehr und mehr historische wie zeitgenössische Bilder, die Jesus als Nichtweissen zeigen. Zeit, ihn und die Heilige Familie ohne Filter kennenzulernen.

Bild: Alamy Stock Photos

Ein junger Römer

Niemand weiss, wie der Messias wirklich ausgesehen hat, denn die Evangelisten schweigen sich über das Aussehen ihres Meisters aus. Auch fehlen Bilder und Darstellungen aus jener Zeit. Das mag damit zusammenhängen, dass Menschenbilder dem Judentum damals – ähnlich dem Islam der Gegenwart – als verwerflich galten. Eine der frühesten Darstellungen entstand um etwa 250 nach Christus und wurde in den Katakomben Roms entdeckt. Die Wandmalerei zeigt Jesus als bartlosen Hirten unter Tieren und nimmt dabei Bezug auf das biblische Motiv des guten Hirten. Sein Teint ist eher dunkel, das Haar schwarz, und er trägt Tunika – kurz: ein ganz normaler Römer. Ab dem 4. Jahrhundert wurde der Heiland dann aber zumeist mit heller Haut dargestellt, in Anlehnung an den griechischen Gott Zeus, dem Schönheitsideal der aufstrebenden Kirche. Die Tradition, Jesus dem idealen Selbstbild anzugleichen, hält sich bis heute.

Bild: Alamy Stock Photos

Schwarzer Jesus, weisses Schaf

Auch die zeitgenössische Jesusstatue eines unbekannten Künstlers aus dem südafrikanischen Stellenbosch greift auf das Motiv des guten Hirten zurück. Im Johannesevangelium 10,1 wird Christus mit einem gütigen Schäfer verglichen, der sogar sein Leben für seine Tiere aufs Spiel setzt.

Der augenscheinliche Farbkontrast, mit dem die Statue spielt, verweist womöglich auf die lange Zeit der Rassentrennung und Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung während der Apartheid. Viele weisse Afrikaaner, die sich als überlegene Gruppe ansahen, waren als Nachkommen niederländischer Einwanderer stramme Calvinisten. Um die Rassentrennung zu untermauern, beriefen sie sich nicht selten auf die Bibel. So deuteten sie den Aufruf im Buch Deuteronomium 23,3, keine Bastarde in der Versammlung zu dulden, als Anweisung, schwarze Menschen aus Kirchen und auch anderen öffentlichen Gebäuden zu verbannen. Die autoritäre, selbsterklärte Vorherrschaft der weissen, europäischstämmigen Bevölkerung fand erst 1994 ein Ende.

Die hölzerne Statue ist neueren Ursprungs: In ihr finden der schwarze Jesus und das weisse Schaf hoffnungsvoll zusammen.

Bild: Alamy Stock Photos

Die geheimnisvolle Jungfrau

Wer sich auf die Suche nach schwarzen Darstellungen der Heiligen Familie macht, muss nicht in die Ferne schweifen. Mit ihrem sanften Blick und dem milden Lächeln übt die Schwarze Madonna von Einsiedeln seit Jahrhunderten eine Faszination auf ihre Betrachterinnen aus. Die Jungfrau mit dem Kind im Strahlenkranz findet sich in der Gnadenkapelle. Eine Urkunde aus dem 12. Jahrhundert sollte einst belegen, dass Jesus Christus höchstpersönlich diese geweiht hatte. Auch wenn sich das Schreiben wenig überraschend als Fälschung herausstellte, wurde die Madonna zu einem bedeutenden Wallfahrtsziel. Weder die Reformation noch Napoleons Truppen konnten der Jungfrau mit dem Kind etwas anhaben. Als Hausierer verkleidete Ordensbrüder brachten die Statue 1798 vor der Zerstörung durch die Franzosen in Sicherheit und bauten kurz danach die Gnadenkapelle
wieder auf.

Die Ursprünge der dunklen Erscheinung der Maria liegen allerdings im verborgenen. Ein Restaurator mutmasste in einem Arbeitsbericht aus dem 17. Jahrhundert, dass Rauch und Russ der Kerzen, die Tag und Nacht in der Kapelle brennen, die ehemals helle Figur erschwarzen liessen. Ihrer Beliebtheit tut der schwarze Teint keinen Abbruch. Im Gegenteil: Die Muttergottes gilt als wundertätig. So soll sie etwa im Jahr 1658 einer erblindeten Frau auf Durchreise das Augenlicht zurückgegeben haben. Das Pikante daran: Die geheilte Besucherin war reformiert – und soll es trotz Wunder geblieben sein. Auch heute suchen nicht nur Katholikinnen die Madonna auf. Sogar Buddhistinnen, Hindus und Muslime zollen der dunklen Mutter mit dem schwarzen Kind mittlerweile ihren Respekt.

Bild: BBC

Jesus, faktisch

Wie sah Christus denn wirklich aus? War er weiss, war er schwarz? Auch die Wissenschaft mischte sich in neuerer Zeit in die Debatte. So versuchten Forschende wiederholt, dem wirklichen Äusseren des historischen Jesus auf die Spur zu kommen. Vermutlich sei er um die 166 Zentimeter gross gewesen, habe eine olivfarbenbraune Haut, braunschwarzes Haar und braune Augen gehabt, schreibt die Bibelhistorikerin Joan E. Taylor in dem Buch «What did Jesus look like?». Sein Aussehen würde wohl dem eines heutigen irakischen Juden ähneln. Auch der Anthropologe Richard Neave hat das mögliche Aussehen von Jesus erforscht – mit forensischen Methoden: Für den britischen Sender BBC rekonstruierte er 2001 das Gesicht eines galiläischen Mannes. Dafür verwendete er einen ausgegrabenen Schädel aus der Region und Zeit, in der Jesus lebte. Ob der Heiland aber wirklich so aussah? Und ob es eine Rolle spielt? Mit der Frage, wie Jesus dargestellt werden kann, ohne Menschen aufgrund ihres eigenen Aussehens auszugrenzen, hat das historische Antlitz von Jesus zumindest wenig zu tun.