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Illustration: Jannis Pätzold
Freitag, 11. September 2020

Leckereien aller Art, beste Gesundheit, keine mühselige Arbeit mehr – und tanzende Jungfrauen auf allen Wiesen: Im Jahr 1819 herrschte im kleinen Ort Korntal in Württemberg eine vorfreudige Stimmung. In wenigen Jahren, genauer gesagt am 18. Juni 1836, würde das göttliche Friedensreich auf Erden Wirklichkeit werden. Zweimal tausend Jahre sollte dieses himmlische Zeitalter am Beginn der Apokalypse währen, bevor der Heiland am Ende aller Tage persönlich erscheinen würde. So hatte es der deutsche Pietist Johann Albrecht Bengel 1740 berechnet. Und daran glaubten die pietistischen Siedler, die sich wenige Jahre vor der angekündigten Apokalypse in Korntal niederliessen.

Es verstand sich von selbst, dass viele der 68 tiefreligiösen Familien der neugegründeten Brüdergemeinde auf feste Fundamente für ihre Häuser verzichteten. Doch wie es sich für Protestanten gehört, blieben sie trotz Aussicht auf das baldige Zurücklehnen arbeitsam. Im neuerrichteten Institutsgarten, in den Betsälen, im Waisenhaus und in den Internaten vergegenwärtigten sich die frommen Siedler das Motto ihres Gründers Gottlieb Wilhelm Hoffmann: «Wir warten, beten und bereiten uns, wie wenn der Herr morgen käme; aber wir bauen, pflanzen und wirken auf Erden, wie wenn es noch tausend Jahre so fortginge.» Und weil es sich nicht geziemt hätte, dem Heiland verschuldet gegenüberzutreten, brachte die notorisch klamme Gemeinde ihre Finanzen pünktlich zur Endzeit 1836 in Ordnung. Bis heute ist die Finanzlage von Korntal einigermassen robust.

Das Schlaraffenland liess allerdings auf sich warten, und auch der Heiland schaute nicht vorbei. Dafür ist der Antichrist in Korntal erschienen. Zumindest tanzte er auf dem Platten­teller eines Teenagers. Der Zwölfjährige, der Anfang der 1990er Jahre der Stimme Satans in der Württemberger Pampa lauschte, war ich. Ich verfiel dem Heavy Metal zuerst als Hörer, mit vierzehn gründete ich dann meine erste Band. Die Behäbigkeit und Langeweile meiner Heimat verlangten geradezu nach einem Verstärker oder Verzerrer.

Der Pietismus in Korntal war während meiner gesamten Kindheit und Jugend präsent. Zwar waren meine Eltern nie Teil der Brüdergemeinde, doch die Pietisten waren im Kleinstadtleben nicht zu übersehen. Da waren ihre Gemeindehäuser, da waren die gesetzten Männer, die nicht die neueste Mode trugen, und ihre Frauen, deren Pullover länger und weiter waren als die der anderen Mütter. Die frömmeren meiner Schulkameraden blieben unauffällig, still und freundlich. Über ihren Glauben redeten wir nie. Doch immer wieder gaben Familien der Brüdergemeinde Hab und Gut in Korntal auf und wanderten mit ihren Kindern nach Israel aus. Man sagt, dass sie dort noch immer auf die Endzeit warten. Der Traum vom apokalyptischen Schlaraffenland hat sich gehalten.

Mit all dem konnte ich nichts anfangen. Meine Freunde und ich hockten nachts zu Death Metal aus dem Kofferradio ums Lagerfeuer im Wald, wir gründeten eine Band namens Pigster, begannen eigene Songs zu schreiben und Konzerte zu geben. Bald schon standen wir, gemessen an den provinziellen Verhältnissen und unserem jungen Alter, auf ganz beachtlichen Bühnen. Die Haare konnten gar nicht schnell genug wachsen, um unserer neuen Identität Ausdruck zu verleihen. Amüsant ist, dass ich meine ersten Hardrock- und Metal-Platten ausgerechnet beim Pfarrerssohn der evangelischen Konkurrenzkirche zur Brüdergemeinde hörte, darunter Guns n’ Roses’ «Appetite for Destruction» und Helloweens «Keeper of the Seven Keys Part I».

Mit glühenden Ohren lauschte ich den Texten und übersetzte sie. Manche von ihnen erinnern mich heute an maximal verkürzte Wiedergaben der Thesen des Politphilo­sophen Eric Voegelin zur Säkularisierung: «Wir haben unsere früheren Götter verjagt / Kontrollieren unsere Tage / Wir haben bessere Götter erschaffen / mit ihnen kontrollieren wir nun unseren Weg.» So heisst es im Song «Twilight of the Gods» der Band Helloween.

Zuckriges Leben, harter Metal

Mich zog die düster-brutale Wucht des Metal an, die anders als der Punk nicht mit politischem Aktivismus verbunden war. Gerade das, was manche als eskapistisch abtun, war für mich das eigentlich befreiende. Ich fand darin eine Gegenwelt, die sich mit den dunklen Seiten der Existenz auseinandersetzte, ohne dass ich mich gleich positionieren, ein Bekenntnis ablegen oder mich mit irgendeiner politischen Bewegung zu identifizieren brauchte. In den Songs, die ich hörte, ging es um Mythos, Macht, Krieg, Korruption, aber auch um Selbstermächtigung und Zusammenhalt – grosse Themen, die mein jugendliches Pathos ansprachen.

Bis heute fasziniert mich am Metal, dass er das Dunkle und Abseitige nicht verdrängt. Vielmehr steht er den weit­gehend befriedeten westlichen Wohlstandsgesellschaften der Nachkriegszeit wie ein Mahnmal gegenüber. Mit seinem Hang zum Extremen ist er ein popkultureller Nachhall des «Zeit­alters der Extreme», wie der Historiker Eric Hobsbawm das 20. Jahrhundert mit seinen beiden Weltkriegen bezeichnete.

Je zuckriger das Leben in den liberalkapitalistischen Demokratien wurde, desto härter und extremer wurde Metal. Als wollte er die Menschen daran erinnern, wie das Leben auch sein könnte. So heisst es in einem Song der Death-Metal-Band Morgoth: «Tief unter der Oberfläche eures gebildeten Bewusstseins / Bewegt sich ein Biest, das nach Rissen und Wunden sucht / So als ob Rasse weiterexistiert / Jeden Tag sehen wir den Rückschritt / Alle Menschen sind so krank / In einer Festung von Aggression / die den Tod verkündet / Jede Kultur und jede Rasse / Macht uns unsicher / Wenn wir Ärger haben / Ist das Gesetz ausser Kraft.»

Jugendliches Resilienztraining

Als Teenager hörte ich den Song, der damals noch auf MTV im Mittagsprogramm lief, in Endlosschleife. Bis heute geht er mir alle paar Tage durch den Kopf.

Im Rückblick scheint mir, dass meine Jugend mich gut für Krisen vorbereitet hat. Ich absolvierte quasi ein ästhetisches Resilienztraining, konfrontierte mich Metal doch unablässig mit Tod, Ungerechtigkeit und Zivilisationsbruch, mit dem Irrationalen und Mythischen. Metal-Fans sind nicht naiv. Sie sind im Grunde auf alles vorbereitet.

«Pandemien gehören zum Standardrepertoire des Metal. Corona? Wer vom Virus überrascht wurde, hat wohl ein paar Metal-Alben zu wenig gehört.»

Jörg Scheller

Aus ihrer Musik wissen sie, dass das Eis der Zivilisation dünn ist. Auch Pandemien gehören zum Standardrepertoire des Metal. Corona? Wer vom Virus überrascht wurde, hat wohl ein paar Metal-Alben zu wenig gehört. Ich würde sogar sagen, dass im Metal all das fortlebt, was Fortschrittsoptimisten für überwunden halten: der Krieg, der Hass, der Wahnsinn, der Horror, die Seuchen.

Und natürlich wimmelt es im Metal von religiösen Symbolen und Narrativen. In einer Zeit, in der sich die Kirchen leeren, hat er sich ohne Absicht zu einem Archiv der Religion entwickelt. Analogien zwischen Heavy Metal und Katholizismus oder Heavy Metal und gotischer Sakralarchitektur wurden in der Forschung immer wieder gezogen. Persönlich nehme ich heute auch einige Analogien zwischen Heavy Metal und dem Pietismus meiner Heimatstadt wahr.

Da wären beispielsweise der Eigensinn und die Tendenz, sich immer wieder in neuen Nischen zu formieren, ohne sich ganz vom Mainstream loszusagen. Die Korntaler Pietisten waren mit der als «liberal» empfundenen Landeskirche im Grunde nicht einverstanden. Die offizielle Kirche ging ihnen zu viele Kompromisse ein. Mit einem Metal-Vergleich gesprochen, wollten sie nicht nur «normalen» Heavy Metal, sondern «True Metal» sein – so bezeichnet die Band Manowar ihren Stil. Als Gemeinde schufen sich die Pietisten in Korntal eine eigene kleine Welt, in der sie nach ihren Idealen leben konnten. Und trotzdem sind sie bis heute Teil der Landeskirche.

 

Jörg Scheller steht mit etwa vierzehn Jahren als Frontsänger auf der Bühne. Damals konnten die Haare nicht genug schnell wachsen.

Extremer Glaube

Ähnlich verhält es sich beim Heavy Metal: Dieser grenzt sich vom Mainstreampop ab, bleibt aber ein Teil von ihm. Und wenn im Metal immer mehr Subgenres entstehen, wie das seit Anfang der 1980er Jahre unablässig der Fall ist, tragen sie doch stets das Label «Metal» im Namen: Speed Metal, Thrash Metal, Death Metal, Black Metal, Doom Metal, Metalcore, und immer so weiter. Das erinnert ein bisschen an die verschiedenen freikirchlichen Untergruppen, die der Pietismus hervorgebracht hat – sie sind sich oft zum Verwechseln ähnlich, doch jede trägt einen anderen Namen.

Die Wahlverwandtschaft hört hier aber nicht auf: Sowohl im Metal wie im Pietismus bilden Gemeinschaftlichkeit und Individualismus die zwei Seiten einer Medaille. Mit Blick auf Heavy Metal hält der Theologe und Musikexperte Sebastian Berndt fest, dass das «Bild des starken, unabhängigen Einzelkämpfers zumindest als Klischee» in allen Subgenres präsent sei. Im Metal sei «die Hochschätzung der Individualität überdeutlich». Es gehe nicht darum, cool zu sein und die richtigen Gruppen zu hören. Der Metal-Head müsse vielmehr begründen können, warum ihm die Bands gefallen, die er höre. Mitläufertum sei verpönt, ein individueller Musikgeschmack verweise hingegen auf eine starke Persönlichkeit.

Auf ähnliche Weise ist im Pietismus eine authentische persönliche Beziehung zu Gott gefordert. Die eigene Frömmigkeit soll «true» sein, sich nicht auf äusserliche Formalien beschränken. Der Pietismus verlangt nach einer Lebendigkeit des Glaubens, die immer an das eigene, durchaus sinnliche Erleben wie auch die eigene Gedankenwelt gekoppelt ist. Man könnte in diesem Zusammenhang an den Theologen Friedrich Schleier­macher denken, der selber einem pietistischen Elternhaus entstammte und 1799 schrieb: «Nicht der hat Religion, der an eine heilige Schrift glaubt, sondern der, welcher keiner bedarf und wohl selbst eine machen könnte.»

Da ist er, der «unabhängige Einzelkämpfer», der auch die Metal-Mythologie prägt. Metal wie Pietismus kennen eine so spannungsvolle wie irritierende Vermengung von Konformismus und Eigensinn, Integration und Abspaltung. Wenn man so will, sind sie beide anarchistisch und konservativ zugleich. Kein Wunder, hat der Schweizer Pfarrer Samuel Hug den Metal als Verkündigungssound entdeckt. In seiner «Metalchurch» wird Gottesdienst mit verzerrter Gitarre gefeiert.

«Für die Pietisten meiner Heimatstadt ging die offizielle Kirche zu viele Kompromisse ein. Mit einem Metal-Vergleich gesprochen, wollten sie nicht nur ‹normaler› Heavy Metal, sondern ‹True Metal› sein.»

Jörg Scheller

Die Hassliebe zum Mainstream, die merkwürdige Spannung von Individuum und Gemeinschaft – das sind Eigenschaften, die die Korntaler Pietisten und weite Teile der Metal-Szene teilen. Doch was die frommen Brüder und die Metal-Heads am stärksten verbindet, ist wohl diese seltsame Lust an der Apokalypse. Sie ist es, die den Glauben wie die Musik energetisch auflädt. Denn die Erwartung des Endes muss keineswegs lähmen. Im Gegenteil.

Gerade weil die Korntaler des 19. Jahrhunderts an die bevorstehende Apokalypse glaubten, entwickelten sie rege eine Aktivität, strengten sich an, wurden kreativ. Was etwa die finanzielle Sanierung ihrer Gemeinde oder auch Spendensammeln anbelangt, wären heutige Fundraiser neidisch auf die Korntaler Pietisten von damals. Die Apokalypse erweist sich in den Worten des Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger als «Aphrodisiakum» und «Angsttraum» zugleich. Und genau diese Gleichzeitigkeit von Angst und Aufbau gehört auch zur Ästhetik des Metal.

Apocalypse and Chill

Wie kein anderes Popgenre ist Metal zum Refugium des Endzeitlichen geworden. Die Band Black Sabbath machte vor fünfzig Jahren den Anfang. Auf ihrem gleichnamigen Album wimmelt es von Anspielungen auf die Offenbarung des Johannes, diesen spektakulären Showdown des Neuen Testaments. Hat Jesus in der Offenbarung «Augen wie Feuer­flammen» (Offenbarung 2,18b), so erscheint bei Black Sabbath sein Widersacher mit «eyes of fire».

Auch ihr Album «Paranoid» strotzt nur so vor apokalyptischen Begriffen, die aber auf irdische Ereignisse wie Kriege bezogen sind, etwa im Song «War pigs»: «Nun in Dunkelheit, hört die Welt zu drehen auf / Asche, wo ihre Körper brannten / Keine Kriegsschweine haben nun noch Macht / Die Hand Gottes hat die Stunde geschlagen / Das jüngste Gericht, Gott ruft / Die Kriegsschweine kriechen auf ihren Knien.» Metallica wiederum besang die vier apokalyptischen Reiter, Iron Maiden beschwor die Zahl 666, «The Number of the Beast», und jüngere Metal-Bands wie Delain legen in «Apocalypse and Chill» eine ähnlich positive Einstellung zum Weltende an den Tag wie die Korntaler Pietisten.

Kurz: die Apokalypse ist das Leitmotiv des Metal. In keinem anderen Musikgenre ist dermassen oft die Rede davon. Doch obwohl viele Metal-Songs auf Leid und Not, auf Ungerechtigkeit und Gewalt, auf den Tod und das Weltende fixiert sind, ist der Metal-Fan nicht automatisch depressiv, denn die schwarzen Gedanken sind von einem maximal energetischen Sound getragen, der den Körper erfasst und darin ein Gefühl von Stärke und ja, auch Macht installiert.

Metal ist schiere Power, führt zu Adrenalinschüben, mobilisiert den ganzen Körper: «Wisse dass dein Körper dazu gemacht ist, in Bewegung zu sein, du spürst es in deinen Eingeweiden / Rock ’n’ roll ist seinen Namen nicht wert, wenn er dich nicht mit Stolz erfüllt», heisst es im Song «Overkill» von Motörhead. Metal arbeitet musikalisch, visuell und textlich mit Kontrasten: Gerade die Inszenierung von Leid und Dunkelheit macht die Feier von Freiheit, Ekstase und Aufbruch umso eindrücklicher – wie ein Feuerwerk vor einem Nachthimmel. Und irgendwie passt das doch ganz gut zum apokalypsegetriebenen Optimismus der Pietisten.

Damit will ich nicht sagen, dass Metal und Pietismus identisch oder besonders kompatibel sind. Das wäre abwegig. Eher treten mir mit etwas zeitlichem Abstand ähnliche Muster vor Augen, die ich in meiner Korntaler Jugend nie und nimmer hätte erkennen können – oder wollen. Aber die Dinge sind immer vertrackter, als wir meinen. Im unfreiwilligen Archiv der Religion des Heavy Metal leben Ansätze des Pietistischen fort, über die wir «Schwermetaller» keine Kontrolle haben.

Ein simples Entweder-oder gibt es nirgends. Die Wirklichkeit ist schmutzig und hybrid, die Dinge überlappen sich und gehen unwahrscheinliche Verbindungen ein. Der Korntaler Gemeindegründer Gottlieb Wilhelm Hoffmann schwärmte einst von einem «Mörser der Liebe», in dem er «alle verschiedenen Parteien … zerpulvern und neue Menschen daraus bilden» wollte. «Mörser der Liebe» und «Parteien zerpulvern»? Das könnten auch Titel eines Heavy-Metal-Songs sein.

Jörg Scheller ist Kunstwissenschaftler, Journalist und Musiker. Er lehrt an der Zürcher Hochschule für Künste. Dieses Frühjahr erschien sein Buch «Metalmorphosen», eine Kulturgeschichte des Heavy Metal.

Jörg Scheller: «Metalmorphosen. Die unwahrscheinlichen Wandlungen des Heavy Metal». Franz Steiner, Stuttgart 2020; 286 Seiten; 38 Franken.

Der Illustrator Jannis Pätzold lebt in Berlin.