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Autorin: Christina Caprez
Freitag, 06. November 2020

Ich bin Marga Bührig nie persönlich begegnet. Entdeckt habe ich sie erst kurz nach ihrem Tod 2002. Die Schweizer Politik war gerade dabei, ein Gesetz für gleich­geschlechtliche Partnerschaften zu schaffen. Damals war ich Mitte zwanzig und verliebte mich das erste Mal in eine Frau – eine neue Erfahrung für uns beide. Selbst in unserer Generation fehlte es an Vorbildern, und so machten wir uns auf die Suche. Als ich auf Marga Bührig stiess, war ich hin und weg.

Ihre Gedanken und ihr Leben, das so gar nicht den Erwartungen ihrer Zeit entsprach, berührten mich im Innersten. Und selbst mit ihrer feministischen Theologie konnte ich etwas anfangen, obschon ich mit der Religion fremdele. Seither ist Marga Bührig mir ein Gegenüber, macht mir Mut. Und oft frage ich mich, was sie wohl sagen würde zur Welt, wie sie heute verfasst ist.

Etwa im vergangenen Jahr, als die reformierten Kirchen der Schweiz ankündigten, auch Homosexuelle zu trauen – sollte der Staat die Ehe für alle Paare öffnen. Wie hätte sich Marga Bührig, die im Oktober dieses Jahres 105 Jahre alt geworden wäre, dazu geäussert? Sie, die seit den 1940er Jahren eine Frau liebte und später in ihrer Partnerschaft eine dritte Frau willkommen hiess? Ich vermute, dass sie müde gelächelt und sich im Kreis ihrer feministischen Freundinnen wieder einmal über die Verstaubtheit der Kirche gewundert hätte, wie sie das gegen Ende ihres Lebens immer öfter tat.

In einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» sprach sich Gottfried Locher, der damalige Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, für die Ehe für alle aus: «Wenn sich der Staat zur gleichgeschlechtlichen Ehe hin öffnet, sehe ich keinen Grund, warum wir ihm nicht folgen sollten. Gemeinsam können wir die traditionelle Familie stärken, ohne gleichgeschlechtliche Paare zu diskriminieren.» Lochers Argumente wurden als couragiert gelobt.

Doch bei näherem Hinsehen waren sie mutlos: Eine Kirche, die lediglich das nachvollzieht, wo der Mainstream schon lange steht? Die ja nichts ändern will, anstatt in neuen Lebensformen auch die Chance zu sehen, Veraltetes zu überdenken? Wir sind doch längst weiter, dachte ich, haben die Ehe als Lebensform hinterfragt, haben Vorstellungen von der romantischen Zweierkiste über Bord geworfen, uns Gedanken gemacht zu Polyamorie oder Freundschaft als Alternative zum Ehebund – so wie Marga Bührig vor über dreissig Jahren.

«In Bezug auf ihr ‹Nicht-verheiratet-Sein› empfand Marga Bührig starke Minderwer­tig­­keitsgefühle. Frauen wie sie konnten in der Kirche damals bestenfalls Mitleid erwarten.» Christina Caprez

Ich stelle mir vor, wie die Theologin mit kariertem Wollrock, blickdichten Strümpfen und Lockenwickler-Frisur von ihrem Zürcher Domizil nach Bern ins Rathaus gereist wäre, um sich dort vor den Delegierten des reformierten Kirchenparlaments aufzubauen. Sie hätte ihre Brille mit den dicken Gläsern gerichtet und dann ruhig und doch bestimmt gesagt: «Bei der Liebe kommt es doch nicht auf das Geschlecht an, ebenso nicht auf die Anzahl der Liebenden.» Die Konservativen im Saal hätten geraunt.

Nun könne man sehen, wo das hinführe, wenn man die «Schwulenehe» zulasse, nämlich zur Polygamie wie bei den Mormonen oder den Muslimen. Aber auch die Fortschrittlichen wären überfordert gewesen mit diesen radikalen Worten aus dem Mund einer älteren, bodenständig wirkenden Frau.

Wer war diese Theologin, die mir und anderen Feministinnen immer wieder aufs neue zeigt, dass das Christentum nicht mit dem Patriarchat gleichzusetzen ist? Die die von Männern geprägten Strukturen der Kirche kritisierte, sich in diesen einen Raum als Frau erkämpfte und in der Bibel Vorbilder für die eigene Lebenswirklichkeit suchte? Die immer beweglich blieb und sich noch im Pensionsalter von jüngeren Feministinnen radikalisieren liess? Erst beim Lesen von Marga Bührigs Autobiografie «Spät habe ich gelernt, gerne Frau zu sein» wurde mir klar: Diese Frau wurde nicht als Revoluzzerin geboren. Sie wurde es aber im Laufe ihres Lebens.

Frauengemeinschaft

Marga Bührig, Kind einer Polin und eines Deutschen, kam 1915 mitten in den Wirren des Ersten Weltkriegs in Berlin zur Welt. Sie war zehn Jahre alt, als die Familie von Süddeutschland in die Schweiz, genauer nach Chur, zog. Das dortige Klima sollte dem lungenkranken Vater guttun. Als Jugendliche habe sie sich einsam und fremd gefühlt, schrieb Bührig später über die Zeit in der Kleinstadt. Im bildungsbürgerlichen Elternhaus waren Religion und der Glaube kein Thema. Dafür gab die Mutter der Gymnasiastin Marga Literatur der Frauenrechtlerinnen Malwida von Meysenbug, Helene Lange und Gertrud Bäumer zu lesen.

Die Begeisterung blieb aus. Die Bücher berührten die Heranwachsende ebenso wenig wie die Begegnung mit einer jungen Pfarrerin aus Furna im Prättigau, an die sie sich in ihrer Autobiografie erinnert. Ich musste lachen, als ich in der Szene meine eigene Grossmutter erkannte: Greti Caprez-Roffler war damals 25jährig und eben Mutter geworden. Vor allem aber war sie die erste gewählte Gemeindepfarrerin der Schweiz und gerade dabei, Geschichte zu schreiben. Mit einem klaren Ziel lud meine Grossmutter Marga und ihre Churer Gymnasium-Kameradinnen zu sich ins Pfarrhaus zu Kuchen mit Schlagrahm ein. Bührig erinnerte sich gut an diese Begegnung: «Sie wollte uns mit missionarischem Eifer für die Frauenbewegung gewinnen. Voll Empörung kehrten wir heim.»

Bis Marga Bührig den Feminismus entdecken würde, mussten noch Jahrzehnte vergehen. Zuvor fand sie zum Glauben: Ein verheirateter Pfarrer, mit dem sie eine Affäre hatte und der für sie nichts weniger als «die erste grosse Liebe» war, führte Marga zum Christentum. Als junge Frau begann sie in Bibelkreisen für Frauen und Mädchen mitzuarbeiten und erlebte zum ersten Mal die Kraft einer Gemeinschaft, die einzig aus Frauen bestand. Eine Erfahrung, die sie «wie ein vertrockneter Schwamm» aufsaugte, wie sie später notierte.

Fürbitte für die alleinstehende Frau

Nach der Maturität in Chur zog sie nach Zürich und begann an der Universität Germanistik zu studieren. Später wechselte sie zur Theologie. Steter Studienbegleiter blieb dabei ein Fremdheitsgefühl, das sie später zu benennen versuchte: «War das, was mir so fremd war, ‹richtige›, das heisst männliche Theologie?» In den Frauengruppen hatte sie gelernt, dass die Bibel und das Leben miteinander verbunden sind – doch genau dies galt an der Universität als unakademisch. Sie entschied sich gegen eine akademische Laufbahn und verliess die Universität, um 1945 ein reformiertes Studentinnenhaus am Zürichberg zu eröffnen.

Ein Schritt, den sie später theologisch-feministisch begründen würde. Gott sei kein überirdisches Wesen, sondern «Macht in Beziehung»: «Die Liebe zum Nächsten wie zu sich selbst – anstatt der Liebe zu Gott – muss die Norm christlichen Lebens und christlicher Theologie sein.» Mit Bührigs Bild des Göttlichen kann sogar ich als Agnostikerin etwas anfangen. Noch mehr aber finde ich mich in Marga Bührigs Schilderungen darüber, wie sie die Liebe zu einer Frau entdeckte.

Ich bin in den 80er Jahren in einem weltoffenen Elternhaus im Schweizer Mittelland aufgewachsen. Wenn also selbst ich bis Anfang zwanzig keine offen lebenden lesbischen Frauen kannte, wie einsam mussten sich Marga Bührig und Else Kähler ein halbes Jahrhundert zuvor gefühlt haben! Kähler war als Theologiestudentin aus Norddeutschland nach Zürich gekommen, Bührig arbeitete als Journalistin und Leiterin des Studentinnenheims. Beide waren Anfang dreissig, als sie sich 1947 das erste Mal begegneten. Bührig beschrieb dieses Treffen als «elektrisierend»: «Letztlich lässt Liebe sich freilich nicht erklären. Dass sie ebenso lebensbestimmend sein und werden würde, wie eine Ehe es gewesen wäre, wussten wir nicht.»

Zu jener Zeit galt eine Frau ohne Mann als minderwertig – nicht nur, aber ganz besonders in der Kirche, wo gerne auch mal für die «armen alleinstehenden Frauen» Fürbittengebete gesprochen wurden, damit sie ihr «schweres Ledigsein» besser ertrugen, wie Marga Bührig schrieb. In Bezug auf ihr «Nicht-verheiratet-Sein» empfand sie starke Minderwertigkeitsgefühle. Frauen wie sie konnten in der Kirche bestenfalls Mitleid erwarten.

Doch ein Leben als Diakonisse, die einzige reformierte Lebensform ausserhalb der Ehe, kam für sie trotzdem nie in Frage. Vielmehr begannen sie und Else Kähler in der Bibel nach der Legitimation ihrer Existenz zu suchen. Bei ihrer Recherche sties­sen die beiden zuerst auf Textstellen, nach denen nur ein Mann und eine Frau zusammen das volle Menschenbild ergeben. Sie suchten weiter, immer mit der Frage im Kopf: Gibt es ein volles Leben für die alleinstehende Frau? Fündig wurden sie schliesslich im Buch Korinther. Die dort umschriebene Idee einer «Ehelosigkeit als Wahl» deuteten sie als Zeichen einer grösseren, umfassenden Zugehörigkeit.

Später reflektierte Marga Bührig ihre damalige Suche in der Bibel kritisch: «Hatten wir wirklich ‹um Christi willen› auf Mann und Kinder verzichtet, oder nicht viel eher darum, weil wir einander hatten und uns im Grunde genommen im privaten Bereich nichts fehlte?»

Else Kähler und Marga Bührig auf dem Balkon des Studentinnenhauses an der Voltastrasse, um 1955.

Beide oder keine

Schon zehn Jahre führten Marga Bührig und Else Kähler gemeinsam das Studentinnenhaus in Zürich, als sie 1959 ein Angebot erreichte: Bührig solle in Zürich einen städtischen Ableger des Tagungs- und Studienzentrums Boldern aufbauen. In dieser hoch über dem Zürichsee gelegenen Akademie ging damals jeder ein und aus, der in der reformierten Theologie Rang und Namen hatte. Bührig antwortete zusammen mit Else Kähler postwendend: «Entweder beide oder keine.» Beide wurden eingestellt.

Über das Bild, das sie als gemeinsame Studienleitung nach aussen hin abgaben, äusserte sich Bührig dreissig Jahre später: «Offenbar waren wir durch unsere langjährige gemeinsame Arbeit so gut ausgewiesen, dass niemand offen nach unserer persönlichen Beziehung zu fragen wagte. Spielte sie wirklich keine Rolle? Heute würde ‹man› offen oder versteckt fragen: Sind die beiden lesbisch?» Womöglich irrte sich Marga Bührig: Als ich mit meiner eigenen Partnerin vor Jahren in Zürich eine gemeinsame Wohnung mietete, erlebte ich eine ähnliche Unsichtbarkeit. Meine Partnerin musste aufs Kreisbüro, da es noch einige Fragen zu klären galt. Die Beamtin schaute den Mietvertrag mit den beiden Frauennamen an, nickte und meinte: «Wohngemeinschaft, alles klar!»

In der Öffentlichkeit wurden wir nur als Paar wahrgenommen, wenn wir uns küssten oder Händchen hielten. Entschieden wir uns dafür, dann hatte das Konsequenzen: Wir wurden neugierig und kritisch beäugt und mussten es aushalten, dass man uns Sprüche wie «Lesben! Lesben!» hinterherrief.

Vom «man» zum «ich»

Voller Elan begannen Marga Bührig und Else Kähler 1959 ihre Arbeit als Tagungsleiterinnen im Boldernhaus. Noch immer identifizierten sie sich nicht mit dem Feminismus. Sie sahen die Frauenfrage als überwunden und sich selbst nicht als Benachteiligte. Im Jahr zuvor hatte Marga Bührig postuliert: «Die Stunde der Frauenbewegung ist vorbei, diejenige der Zusammenarbeit aber kaum angebrochen.»

Als Tagungsleiterinnen wollten sie die Arbeit mit den Männern gemeinsam gestalten. Ernüchtert mussten sie jedoch feststellen, dass die an einer eigentlichen Zusammenarbeit gar nicht interessiert waren. Die Frauen durften ihr eigenes Gärtchen bewirtschaften, mitbestimmen sollten sie nicht. 1971 übernahm Marga Bührig die Leitung des gesamten Tagungs- und Studienzentrums Boldern, während Else Kähler weiterhin das Boldernhaus in der Stadt betreute. Doch trotz dieser neuen Machtposition gelang es ihr nicht, die Männer für Genderthemen zu begeistern.

Als sie 1973 eine Tagung zum Thema «Sind wir wirklich emanzipiert?» organisierten, waren die anwesenden Männer an einer Hand abzuzählen. Zum ersten Mal fragte sich Marga Bührig: «Haben wir zu früh von Partnerschaft geredet?»

Irritiert und wütend ob des männlichen Desinteresses erkannte sie, wie naiv sie gewesen war. Sie sei immer davon ausgegangen, schrieb sie später, dass «die Türen offenstehen und es an den Frauen liegt, ob sie eintreten wollen». Nun musste sie erkennen, dass die Hindernisse für eine echte Partnerschaft mit den Männern tiefer lagen, sehr viel tiefer: im Patriarchat. Also hiess es, nach einem Ausweg daraus zu suchen. «Wir waren unterwegs zum Feminismus, obschon es uns mit diesem Wort ähnlich ging wie mit dem Wort ‹Emanzipation›. Wir mochten es nicht. Unser eigener innerer Aufbruch hatte noch keinen Namen.» Anstatt sich an einer von Männern geschaffenen und beherrschten Welt zu beteiligen, wollten sie sie selber gestalten.

Ein Ziel, das sie mit jungen Feministinnen teilten, die ab den 1970er Jahren immer öfter im Tagungszentrum Boldern auftauchten. Beeindruckt von deren Lust, sich als Frauen neu zu erfinden, ersetzten die beiden Leiterinnen öde Vorträge durch Gruppenarbeit und Selbsterfahrung. Bührig und Kähler lernten von den jungen Frauen, sich nicht mehr hinter dem unpersönlichen «man» zu verstecken, sondern «ich» zu sagen. Und sie befreiten sich von dem Bild eines strafenden Gottes, um sich voll und ganz mit den brennenden Fragen der Zeit zu befassen. Es waren jene Fragen, um die selbst die progressivsten Kirchen­vertreter bisher einen weiten Bogen gemacht hatten: Homo­sexualität, Scheidung, Abtreibung, aber auch Entwicklungspolitik und die Rechte von Ausländerinnen.

Boldern wurde zum Treffpunkt für Frauen, die sonst mit der Kirche nicht viel am Hut hatten. Im Austausch mit ihnen erfuhr Marga Bührig eine Politisierung: «Ich fing an, die handfesten Interessen derer, die mächtig waren, zu durchschauen.» Immer öfter lud sie politische Gruppen nach Boldern ein, sehr zum Missfallen einiger Vorstandsmitglieder. Anstelle des Evangeliums verkünde Marga Bührig linke Politik, hiess es nach einer Tagung über Konflikt- und Friedensforschung. Eine Zeitung titelte gar: «Boldern – neomarxistische Schaltzentrale».

«Wir lebten in einer irgendwie selbstverständ­lichen gegenseitigen Geborgenheit von Wärme und Zärtlichkeit, die nach aussen sicher ausstrahlte, aber nicht öffentlich sichtbar wurde.» Marga Bührig

Im Umgang mit ihren Kritikern half den beiden Frauen ihr unscheinbares, ja biederes Auftreten, das sie zeitlebens nie ablegten. Eine Feministin, die damals als junge Frau im Boldernhaus verkehrte, erinnert sich, wie Bührig ihre Gegner mit einer Mischung aus Herzlichkeit, Vernunft und Bestimmtheit für sich gewann. «In aller Selbstverständlichkeit konnte sie sagen: ‹Hört mal zu, so geht das doch nicht. Das ist doch nicht christlich!›» Allerdings gelang es Bührig und ihren Mitstreiterinnen nicht immer, die Gegner milde zu stimmen.

Als sie einen Vertreter der Jugendbewegung, der aus der Kirche ausgetreten war, in den Vorstand der Akademie wählen liessen, strich eine reiche Kirchgemeinde prompt den jährlichen Beitrag an die Akademie. Züchtigung durch Geldentzug.

In Bezug auf das heisse Eisen Homosexualität half den beiden Frauen ihre betuliche Erscheinung. Ihnen eine eigene Sexua­lität zu unterstellen kam schlicht niemandem in den Sinn. In der mittlerweile legendären und im Internet auffindbaren Fernsehsendung «Telearena» aus dem Jahr 1978 traten beide als Expertinnen auf. Marga Bührig, sichtlich nervös mit roten Wangen, sprach sich für ein breiteres Verständnis von Sexualität aus.

Else Kähler wirkte gelassener und warb, durchaus mit Verve, für eine kritische Bibellektüre. Nur so liessen sich der Gesellschaft die Augen für die gleichgeschlechtliche Liebe öffnen. Sowohl am Fernsehen wie auch in den Arbeitskreisen auf Boldern traten die beiden Frauen dank ihrer Gesetztheit als quasi neutrale Expertinnen auf. Sich als «lesbisch» zu bezeichnen hätte sich damals nicht stimmig angefühlt, schrieb Bührig dazu.

Zu stark sexuell konnotiert war ihr der Begriff. Für das, was zwischen ihr und Else Kähler war, von der Öffentlichkeit in dieser Klarheit aber nicht wahrgenommen wurde, fand Marga Bührig ganz eigene Worte: «Wir lebten in einer irgendwie selbstverständlichen gegenseitigen Geborgenheit von Wärme und Zärtlichkeit, die nach aussen sicher ausstrahlte, aber nicht öffentlich sichtbar wurde.»

Else Kähler, Marga Bührig und Elsi Arnold in ihrem Haus in Binningen, 1987.

Zu dritt

Den Mut, öffentlich zu ihrer Lebensweise zu stehen, fasste Marga Bührig erst 1980. Es war das Jahr vor ihrer Pensionierung. Beflügelt vom Austausch mit lesbischen Feministinnen in den USA, kehrte sie zurück in die Schweiz und vollzog eine Art Comingout. Speziell angetan war sie davon, wofür Lesbisch-Sein in Übersee stand: «Besonders eindrücklich war die Tatsache, dass ‹lesbian› – lesbisch – eine offen ausgesprochene und nicht primär sexuell, sondern primär politisch verstandene Qualifikation war.

Lesbische Frauen galten nicht einfach als ‹andersartig› und bestenfalls toleriert, sondern als ‹woman identified women›, als Frauen, die ganz waren und sich mit anderen Frauen identifizierten und solidarisierten und so eine Herausforderung an die Herrschaft der Männer darstellten.» In so einem Verständnis erkannte sich Marga Bührig wieder: Auch sie sah sich als «frauenidentifizierte Frau», die sich mit ihrer Lebensgemeinschaft unabhängig von Männern machte.

«Ich will zeigen, dass es andere Formen menschlicher Gemeinschaft gibt als die Familie. Ich will nicht einfach allein gesehen werden, ich will dazu stehen, dass ich eine andere Art von Familie habe.» Marga Bührig

Vielleicht hatte ihre langjährige Diskretion aber auch ganz andere Gründe. Seit Anfang der 1960er Jahre waren Bührig und Kähler nicht mehr zu zweit, sondern zu dritt – womit sie vollends durch das Raster des Denkbaren fielen. Die Dritte im Bunde und über zehn Jahre jünger war Elsi Arnold. 1961 kam die Psychologin als Praktikantin ins Boldernhaus, wo sie sich zunächst mit Else Kähler anfreundete und dann auch mit Marga Bührig.

Die Zweierbeziehung für eine Dritte zu öffnen und dabei drei verschiedene Frauenleben miteinander zu verbinden, beschrieb Bührig als ein «Wagnis», das von Selbstzweifeln und Konflikten begleitet war: «Es ist relativ leicht, jeder die Freiheit zu lassen, die sie für sich braucht, aber schwieriger, innerhalb einer Lebensgemeinschaft zu dritt den beiden anderen die Freiheit zu ihrer Beziehung zu lassen.» Schliesslich seien in unserer Gesellschaft die Ehe und eheähnliche Beziehungen «das einzige Muster für ‹öffentliches› Zusammenleben».

Gesellschaftliches Kuriosum

Eine Beziehung zu dritt! Schon als ich mit Mitte zwanzig Marga Bührigs Autobiografie las, war ich von dieser Vorstellung fasziniert. Entgegen allen Unsicherheiten, die die Theologin offen benannte, verhiess mir diese Lebensform grosse Freiheit. Zu dritt liesse sich die Enge der Zweierkiste überwinden, und wäre ein Mitglied des Trios abwesend, dann blieben die andern nicht allein. Zudem: In Konflikten gäbe es immer noch eine dritte Position.

Wie stark mich dieses Modell faszinierte, merkte ich erst nach der Trennung von meiner Partnerin einige Jahre später. Zwar wünschte ich mir ein Kind, zweifelte aber, ob eine Paar­beziehung für mich die ideale Form der Elternschaft wäre. Mich deprimierte die Aussicht, nach der Geburt tagsüber allein mit einem Säugling in einer Wohnung zu sitzen und später zu wenig Zeit für mich, den Beruf und die Liebe zu haben. Zur selben Zeit machte mich eine Freundin mit einem Männerpaar bekannt, das meine Phantasien beflügeln sollte.

Die beiden hatten kurz zuvor mit einer Gruppe Gleichgesinnter ein grosses, fünfhundert­jähriges Haus am Stadtrand von Zürich umgebaut. Nun standen sie kurz vor dem Einzug. Schon bei der ersten Begegnung im sommerlichen Garten des noch leeren Hauses sah ich mich mit den beiden eine Familie gründen. Anderthalb Jahre später, wir hatten mittlerweile Freundschaft geschlossen, erzählte ich ihnen von meiner Phantasie – und es stellte sich heraus, dass sie sie teilten. Heute leben wir mit unserem fünfjährigen Kind und sechs weiteren Menschen in diesem Haus.

Schaue ich auf mein heutiges Leben, dann gewinnt Marga Bührigs Definition des Göttlichen einen neuen Sinn: «Die Erfahrung der Beziehung ist fundamental und grundlegend für den Menschen, sie ist gut und machtvoll, und nur innerhalb dieser Erfahrung, wie sie hier und jetzt geschieht, können wir erkennen, dass die Macht in Beziehung Gott ist.» Die Arbeit an Beziehungen ist auch in meiner Lebensform zentral. Nicht nur in der Elternschaft zu dritt, sondern auch in der Hausgemeinschaft. Doch was würde Marga Bührig zu meinem Leben sagen? Die Art unseres Zusammenlebens wäre ihr vertraut.

Skeptischer wäre sie wohl, dass ich mein Kind mit zwei Männern aufziehe. Lesbische Feministinnen in meinem Bekanntenkreis zeigten sich nach der Geburt meines Kindes besorgt: Ob ich mich da nicht noch stärker von Männern abhängig mache als in einer konventionellen heterosexuellen Beziehung? Ich erlebe es anders. Wir sind gemeinsam Eltern, freundschaftlich miteinander verbunden, aber nicht romantisch verstrickt. So fällt es mir leichter, meine Autonomie zu wahren. Zudem lässt mir unsere Familienform viel Freiheit für meine neue Liebesbeziehung.

Rechtlich existiert unsere Familie allerdings nicht; nur einer der beiden Männer ist als Vater anerkannt. «Gesellschaftlich gesehen sind wir ein Kuriosum», schrieb auch Marga Bührig 1987 über ihre Lebensgemeinschaft zu dritt. Als die drei Frauen gemeinsam eine Ferienwohnung kaufen wollten, reagierte der Notar «ungläubig, leicht amüsiert, etwas skeptisch, aber dann doch auch mit einer gewissen Bewunderung».

Reaktionen, die auch ich immer wieder erfahre, wenn ich mich mit meiner Familienform oute. Ob am Elternabend oder am Spielplatzrand: Immer wieder stehe ich vor der Entscheidung, ob ich unsere Art Elternschaft sichtbar mache. Oft entscheide ich mich dafür. Obschon mich jedes Comingout zur «anderen» macht – gerade mit meiner Form von Leben möchte ich sichtbar sein, weil selbst in den Bilderbüchern meiner Tochter die Kleinfamilie mit Mutter und abwesendem Vater die Norm ist.

«Ich will zeigen, dass es andere Formen menschlicher Gemeinschaft gibt als die Familie», schrieb auch Marga Bührig. «Ich will nicht einfach allein gesehen werden, ich will dazu stehen, dass ich eine andere Art von Familie habe.» Als auf einer Reise des Ökumenischen Rats der Kirchen zwei Teilnehmer ihre Familienfotos zückten, nahm Bührig kurzerhand die Fotos ihrer Partnerinnen hervor. An die Reaktion der beiden erinnerte sie sich genau: «Sie schauten mich etwas perplex an. Meine eigenen Gefühle waren gemischt. Einerseits wollte ich provozieren, was mir auch gelang, andererseits wollte ich in einem Augenblick von Vertrautheit meinen Reisegefährten Anteil an meinem wirklichen Leben geben.»

Ein ähnliches Lebensmodell kannten Marga Bührigs Reisebegleiter – wenn überhaupt – nur von Karl Barth. Der Theologe lebte mit seiner Ehefrau Nelly Barth-Hoffmann und der Geliebten und intellektuellen Weggefährtin Charlotte von Kirschbaum unter einem Dach. Doch im Gegensatz zu Bührig versteckte sich Barth zeitlebens hinter der Fassade der bürgerlichen Ehe. Seine beiden Frauen hatten sich zu fügen. Eine Beziehung auf Augenhöhe wie jene von Marga, Else und Elsi war das nicht.

Weitergehen

1981 wurde Marga Bührig auf Boldern pensioniert. 66jährig war sie da und nun vollends frei, in der Öffentlichkeit Stellung zu beziehen. Engagements in der Ökumene und in der christlichen Frauen-Friedensbewegung folgten, zudem analysierte sie eingehend die Zusammenhänge zwischen Gewalt gegen Frauen, Männlichkeitswahn und Militarismus. Dabei sprach sie sich dafür aus, sich auf die sogenannt weiblichen Eigenschaften wie Emotionalität, Spontaneität, Wärme, Herzlichkeit, Zuwendung und die Liebe zum Lebendigen zu besinnen. Sie fragte aber auch: «Ist das wirklich weiblich, oder sind es nicht vielmehr die Werte, die in unserer Gesellschaft im Schatten liegen?»

1983 zog Marga Bührig mit Else Kähler und Elsi Arnold nach Binningen im Kanton Baselland. Nach ihrem Tod 2002 verbrachten die hinterbliebenen Frauen noch etliche weitere gemeinsame Jahre, bis Else Kähler 2011 starb. Elsi Arnold folgte ihr und Marga dieses Jahr, am 21. Juni.

Marga Bührig schrieb einmal: «Das Leben leidenschaftlich lieben – Gerechtigkeit leidenschaftlich suchen. Das sind Grundwerte meines Lebens. Ich gebe sie weiter an Frauen und Männer, die nach mir kommen.» Ihr Vermächtnis an die nachfolgenden Generationen sind auch ihre Bücher. In einem nennt sie als Traum die Verbundenheit aller Feministinnen: «Aufgebrochen sind wir gemeinsam, wenn auch zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Bedingungen und ohne einander persönlich zu kennen.» Ein Satz, dem sie einen Auftrag nachschiebt: «Aber Aufbruch ist eines, und Weitergehen ist etwas anderes.»

Christina Caprez ist Soziologin und freie Autorin.

Evelyne Zinsstag, Dolores Zoé Bertschinger: «‹Aufbruch ist eines, und Weitergehen ist etwas anderes›. Frauenräume: von der Saffa 58 über das Tagungszentrum Boldern zum Frauen*Zentrum Zürich». eFeF, Wettingen 2020; 212 Seiten; 29 Franken.

Das Leben und Werk von Marga Bührig wird derzeit von Theologinnen und Feministinnen wiederentdeckt. Im Buch «Aufbruch ist eines, und Weitergehen ist etwas anderes» arbeiten die Religionswissenschaftlerin Dolores Zoé Bertschinger und die Theologin Evelyne Zinsstag Marga Bührigs Einfluss auf die Frauenbewegung auf. Dabei zeigen sie, wie ab den 1970er Jahren ihre Arbeit im Tagungszentrum Boldern die Frauenökumene begründete, aber auch Initiativen von Frauen ausserhalb der Kirchen prägte. Bührigs feministisches Vermächtnis verfolgen die Autorinnen bis in die Gegenwart, in der Fragen zu Care-Arbeit, Freundschaft und Frauensolidarität eine zentrale Rolle einnehmen.