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Autorin: Seraina Kobler
Freitag, 02. März 2018

Liebe Laure Wyss

Wir sind uns nie begegnet. Als ich geboren wurde, waren Sie als Journalistin bereits seit sieben Jahren pensioniert. Doch von Ihrem Sohn weiss ich, dass Sie selbst nicht ungern Briefe geschrieben haben. Richtige Brieffreundschaften pflegten Sie zwar wenige, war Ihr Schreiben doch eher ereignisbezogen: Geburt, Taufe, Hochzeit, Scheidung oder das Dahinscheiden eines Partners. Sie signalisierten auf diesem Wege Anteilnahme. Wie viele Schriftstücke von Ihnen wohl heute noch von Freunden und Bekannten gehütet werden?

In Ihrem Nachlass habe ich einen Brief zur Geburt eines Mädchens gefunden, das denselben Namen trägt wie ich und nur unwesentlich jünger ist. Sie schreiben dort: «denn das Mühevolle des Lebens hört eben nie auf, liebe Seraina, auch im Altwerden nicht. Deswegen wünschen Dir alle Leute Glück, damit Du das Mühevolle bestehst.» Die Worte an die mir unbekannte Namensvetterin berühren mich. Vielleicht auch, weil ich gerade selbst eine Tochter im gleichen Alter habe, bei der «alle sehen, dass man da etwas Geduld haben muss, wenn man solche Fingerchen hat … So feine zarte schlanke, da geht’s eben nicht so glatt und rund wie im Kinderbuch.»

Oh ja, wie recht Sie haben! Und wie froh ich bin, dass mir die direkte Ansprache etwas Scheu nimmt. Denn wie erzählt man von einer Frau, für die gutes Schreiben hiess, «die wesentlichen Dinge so einfach wie möglich zu sagen», und die stets um den perfekten Satz bemüht war? Doch ich glaube, auch Sie rangen zeitlebens mit den Worten. Dafür gingen Sie gerne in die Abgeschiedenheit und Solitude. Um mit sich selbst allein zu sein. An einen Ort, wo die Menschen rundherum eine andere Sprache redeten. Viele Monate verbrachten Sie in Mornac sur Seudre, einem kleinen Dorf an der französischen Atlantikküste. Umgeben von Austernbänken und braunen Becken, in denen Meerwasser langsam zu Salz vertrocknete. In dieser herben, verwitterten und weiten Landschaft fanden Sie die Schlichtheit und Essenz, die zu fassen bisweilen die grösste Kunst ist.

Drei Jahre vor Ihrem Tod, das war 1999, besuchte Sie dort der Journalist Ernst Buchmüller, um Ihr Leben filmisch nachzuzeichnen. In einer Szene erklimmen Sie mit festen, aber langsamen Schritten eine steile Düne. Stützen sich kurz auf dem gebogenen Griff ihres Spazierstocks ab. Ihre Füsse stecken in neuen Nike-Turnschuhen. «Jedesmal, wenn ich länger nicht hier war, dann habe ich Herzklopfen», sagen Sie. «Ob es noch da sei?» fragen Sie. «Und ob es wohl noch immer so schön sei?» Und jedes Mal sei es noch schöner. Noch gewaltiger. Das Meer. Mit seinen mächtigen Wellen, die erst wieder weit, sehr weit weg, in Amerika an Land schlagen. Wenn im Alter die Beine nicht mehr wollen und das Gehen schwerfällt, hilft nur die geistige Haltung: Schuhwerk im Kopf hiess deshalb Ihr Sammelband mit Kolumnen, den Sie für die Wochenzeitung über das eigene Altwerden geschrieben hatten.

* * *

Doch es gab eine Zeit, lange davor, Sie waren gerade zwanzig Jahre alt, da meinte ein junger Herr, der einmal Ihr Ehemann werden sollte: «Lor mit dem blauen Kleid. Und ich bin unsinnig verliebt.» Das Kleid, seine Farbe und die Frau, die diese Farbe und dieses Kleid trug, waren für ihn ein Ganzes. Wie keine andere gehörte für ihn die Farbe des Kleides zu Ihnen, als wäre es der Farbton Ihres Wesens. So beschreibt es später die Journalistin Barbara Kopp in ihrer Biografie über Sie, liebe Laure Wyss. Und die Geschichte mit dem Kleid, die begann etwa so: An einem Nachmittag, an dem er sich langweilte, kam Ernst Zietzschmann zu Ihnen, zusammen suchten Sie seine Schwester, die auch Ihre Freundin Hanni war, und zu dritt gingen Sie an die Bahnhofstrasse. An Zürichs vornehmster Geschäftslage kauften Sie meterweise Stoff in «sirrendem Blau» und beauftragten eine Schneiderin, ein Abendkleid daraus zu nähen. Anschliessend tranken Sie Kaffee in der Confiserie Sprüngli.

Wochen später nahm Ihr Verehrer seinen Mut zusammen und lud Sie ein zum Tanz. «In strahlender Schönheit schenkt sich mir diese liebe einzige Frau. Ihr Kleid, das neue, einst selbst ausgewählte, ist ein Wunder um das Wunder ihres Körpers gelegt. Das strahlende Hellblau mit ganz wenig Silber steht ihr herrlich. Es fällt mit leichten Glockenbewegungen, die Ärmelsätze sind glänzend, leuchtend blau gerafft. Der Rücken weit ausgeschnitten mit einem Netz von blauen Streifen, die zusammengehalten werden von einem kleinen Clip.» Das liebliche Bild mag nicht ganz passen zu der Frau, deren Sprache später ihr Kampfgerät werden würde. «Das Schreiben ist meine Waffe», sagten Sie einmal. Und doch sind es genau diese Gegensätze, die Sie ausmachen.

* * *

Nach der Hochzeit mit Ernst Zietzschmann liessen Sie sich in Schweden nieder. Stockholm war für die nächsten Jahre Ihr Zuhause, denn dort fand sich einfacher Arbeit für den jungen Architekten, den Mann von Welt, den Sie geheiratet hatten. Im Gepäck hatten Sie das Kochbuch der Mutter mit folgendem Spruch auf der Schmutztitelseite: «Sei froh, wenn Du kochen kannst für jemand.» In Friedenszeiten geschrieben, sollte sich der Spruch bald darauf im Krieg ganz anders lesen.

Sie hatten eine Gabe: die, hinter anderen zurückstehen zu können. Für den Text. Obwohl die Lorbeeren so an einem vorbeigereicht werden.

Der Sommer 1939 war aussergewöhnlich heiss und wollte lange nicht zu Ende gehen. Sie hatten eine Ferienwohnung auf der Insel Utö gemietet. Auf einem Foto tragen Sie ein Tuch vergnügt um den Kopf geschlungen, dazu kurze Hosen. Sie sind ein gutes Stück grösser als Ihr Mann. Der Kaffeetisch ist mit Porzellan gedeckt, und im Hintergrund dreht sich das grosse Rad einer Mühle.

Doch der idyllische Schein der Mittsommertage trügt. Von Beginn an hatten Sie sich in der Ehe «sehr allein gefühlt», wie aus den Scheidungsdokumenten später hervorgeht. Vor allem gegenüber Dritten hatten Sie das Gefühl, Ihr Mann stehe nicht ganz zu Ihnen. Sein Milieu imponierte Ihnen zwar, «erhöhte aber dummerweise Ihre eigenen Minderwertigkeitsgefühle».

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich diese Gefühle nie so ganz verstanden habe, liebe Laure Wyss. Sie kamen doch aus einem bürgerlichen Elternhaus. Ihr Vater war Notar und ein angesehener Politiker, Sie selbst besuchten in Biel, wo Sie auch aufgewachsen waren, das Gymnasium. Später studierten Sie in Paris, Berlin und Zürich Sprachen. Woher also dieser Eindruck, nicht genug wert zu sein, dem Ehemann nicht genügen zu können?

* * *

Was die Ehe Ihnen an Selbstvertrauen raubte, gaben die Worte zurück. Zunächst noch zaghaft. Es begann, als Arthur Frey, der Leiter des Schweizerischen Evangelischen Pressedienstes, Sie um einen Gefallen bat. Sie kannten Frey schon aus der Schweiz und bewunderten sein Engagement gegen das Dritte Reich. Einmal soll er gar einen deutschen Agenten eigenhändig durch das Büro geschleift und aus dem Haus geworfen haben. Das habe Ihnen imponiert, wie Sie später in einem Interview sagten. Überhaupt kam während des Zweiten Weltkriegs der Widerstand gegen die Nazis in vielen nordischen Ländern zu einem grossen Teil von den Kirchen. Und nun bat Sie Frey, kirchliche Dokumente, die auf geheimem Weg nach Schweden gelangt waren, zu übersetzen und in die Schweiz zu bringen. Sie übernahmen den Auftrag, begeistert, etwas tun zu können. In den Monaten darauf wurde die Lage für Ausländer in Schweden zunehmend unsicher. Mitten im Krieg mussten Sie das Land schliesslich verlassen und 1942 in die Schweiz zurückkehren. Der Weg führte zuerst nach Basel, dann nach Davos, in jenen Jahren einer der Haupttreffpunkte der NSDAP. Dort lernten Sie das Handwerk einer Redaktorin und Journalistin. In der Küche von Jules Feldmann, dem Enkel eines Rabbiners, der die Zeitschrift Davoser Revue herausgab. Ein Hort des Widerstands in der Nazi-Hochburg. Je wichtiger das Schreiben für Sie wurde, desto kräftiger wurden auch Sie und Ihr Glaube daran, «dass man mit der richtigen Sprache etwas bewirken kann».

Zwei Monate nach Ende des Krieges waren Sie eine geschiedene Frau – oder genauer gesagt: wurden Sie von der «Frau» wieder zum «Fräulein». Ein Jahr später glückte der Berufseinstieg als Redaktorin beim Evangelischen Pressedienst. In dessen Auftrag reisten Sie durch das kriegszerstörte Polen. Auch wenn Ihnen der Makel der geschiedenen Frau zu schaffen machte, so hatten Sie doch eine Selbstverständlichkeit aus Skandinavien mitgenommen: nämlich die, dass eine Frau einer eigenen Arbeit ausserhalb des Haushalts nachgeht. Das sollte sich auch nicht ändern, als Sie drei Jahre später einen ausserehelichen Sohn auf die Welt brachten. Den Namen des Vaters behielten Sie für sich, denn er war verheiratet und hoffte auf eine nationale Karriere als Politiker.

Die Erfahrungen als Alleinerziehende mit immerwährenden Geldsorgen prägten Sie. «Die Mutter abgekämpft», schrieben Sie in ein ungebundenes Tagebuch, als Ihr Sohn sechs Jahre alt war. Und wenn Sie übermüdet und gereizt waren, dann notierten Sie auf Kalenderzetteln: «Kind zappelig, spürt Schnee.» Oder: «Ich verdrücke eine Träne vor Nervosität.»

* * *

Eine berufstätige Frau mit einem Kind hatte zu jener Zeit viele Gegner. Da wurde von «Trennungsschäden» gesprochen und dass der Nachwuchs Entwicklungsstörungen davontrage, weil er zu wenig Aufmerksamkeit bekomme. Das fand auch Eingang in Ihr journalistisches Schaffen. Im Beruf hatten Sie die Möglichkeit, bestehende Zustände und den rechtlichen Status der Frau zu hinterfragen. Zuerst noch unter einem Pseudonym oder leise in der Frauenbeilage einer Zeitung. Danach immer lauter vor der Kamera für das Schweizer Fernsehen. Zuletzt beim Tages-Anzeiger. An der Gründung seines Magazins waren sie massgeblich beteiligt. Es ist wohl eher unwahrscheinlich, dass die beiden männlichen Mitstreiter auf den Titel gekommen wären, der die erste Frontseite schmückte: «Make war, not love». Eine Kampfansage des erstarkenden Feminismus. Das war im Februar 1970, als die Hippiewelle gerade nach Europa übergeschwappt war.

Das Cover verspricht eine solide Geschichte mit einem überraschenden Titel. Eine runde Sache, und ein Vorgeschmack dessen, zu was das Tagi-Magi in den Jahren danach aufsteigen würde. Ein Erfolg, auch für Sie persönlich. Doch ich beneide Sie nicht um den Weg, den Sie bis zu dieser Kampfansage zurücklegen mussten. Jahrelange Rechtsstreitigkeiten mit dem Vater Ihres Sohnes, bis vor Bundesgericht. Und Richter, die – anders als heute – der Sicht der Mutter wenig Beachtung schenkten. Wenn die Faustregel stimmt, dass das Familienrecht auch immer ein Spiegel der gesellschaftlichen Rollenbilder ist, dann möchte ich mir nicht ausmalen, was Sie sich damals alles anhören mussten. In Ihrem Nachlass ist diese Zeit unter dem Titel «Spiessrutenlaufen» dokumentiert.

Beim Tagi-Magi waren Sie, liebe Laure Wyss, Hebamme für unzählige Artikel berühmter Schreiber. Die Liste der Magazin-Autoren liest sich wie ein Who’s who der Schweizer Literaturszene: Max Frisch, Hugo Loetscher, Niklaus Meienberg. Geholfen hat dabei eine Gabe, die heute nicht mehr oft zu finden ist: die, hinter anderen zurückstehen zu können. Für den Text. Obwohl die Lorbeeren so an einem vorbeigereicht werden.

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Die Schreibmaschinen sollten Sie auch nach der Pensionierung 1975 begleiten. Sie hatten deren drei: eine leise, eine mittlere und eine laute, die hämmerte. Je nach Inhalt wählten Sie Ihr Werkzeug. Oft war es auch die elektrische Olympia Reporter. «Beim Schreiben verschwindet die äussere Welt», sagten Sie einmal. Und so wurden die vielen Briefe, Protokolle und Beobachtungen Ihres Lebens zu Geschichten. Mutters Geburtstag war das erste, vollständig literarische Werk mit autobiografischen Zügen. Es sollten noch viele folgen. Das letzte Buch, Schuhwerk im Kopf, erschien zwei Jahre vor Ihrem Tod.

Ihr Leben lang haben Sie die Dinge beim Namen genannt. Und vieles hat noch heute Gültigkeit, etwa die Feststellung, «dass eine Frau nur so emanzipiert ist, wie die Männer es sind». Diese Erkenntnis ist auch für mich die Essenz des Feminismus. Denn nur, wenn man sich gegenseitig unterstützt, können sich beide Geschlechter entfalten. Im Beruf und in der Familie. Ihre Begeisterung und Ausdauer sollen mir Vorbild sein. Eines, das Mut macht und Vertrauen gibt. Im Wissen darum, dass jemand schon vorgegangen ist. Dieses Jahr wären Sie 105 Jahre alt geworden.

Seraina Kobler war Redaktorin bei der Neuen Zürcher Zeitung. Heute ist sie freie Autorin in Zürich.

Bild: Privatarchiv Claudia Roeder