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Bild: Jan Bolomey
Freitag, 13. Januar 2017

Nach Rothenfluh gibt es keine Bahnlinie. Es liegt irgendwo im baselländischen Niemandsland zwischen Sissach und dem Fricktal, am obersten Zipfel des Ergolztals. Das Dorf zählt 776 Einwohner, eine Beiz ist geblieben, ein Turnverein, die Feuerwehr und die reformierte Kirche, die auf einer Anhöhe den intakten Dorfkern überblickt. Das Postauto hält direkt vor dem Gemeindehaus. Gleich hier, in einer Mietwohnung im obersten Stock des Verwaltungsbaus, lebt Fritz Häuselmann mit seiner Frau und dem jüngsten Sohn. Zu jeder Ausgabe von bref verfasst er einen Leserbrief. Von Hand.

Frau Häuselmann, Endfünzigerin mit blonder Kurzhaarfrisur, öffnet die Tür und bittet ins Wohnzimmer. Wer die warme Stube betritt, findet sich inmitten von Familienfotos, Wandbehängen im Ethnostil und afrikanischen Holzschnitzereien wieder. Grösser könnte der Kontrast zum kargen Treppenhaus des Gemeindehauses nicht sein. Afrika sei ihr Traum, erklärt Frau Häuselmann ihre ansehnliche Sammlung exotischer Nippes. Nein, selber seien sie aber nie dort gewesen. Dann ruft sie ihren Mann: «Fritz, ds bref isch do!»

Fritz Häuselmann ist ein zurückhaltender und ernster Mann. Er ist Ende fünfzig, trägt Schnauz, Strickpullover und eine graue Hose. Er will nicht so recht zu der üppig ausgestatteten Stube passen, wo er am grossen Holztisch Platz nimmt und beinahe etwas verloren wirkt.

Die neuste bref-Ausgabe liegt auf dem Tisch bereit. Häuselmann zögert einen Moment, dann greift er zum Heft. Er blättert zur Geschichte der Jungpfarrer, die in einer Tafelrunde über die Kirche und ihre Zukunft diskutieren, und setzt die Brille auf. Hier zum Beispiel, dieses Zitat, das habe ihm sehr gefallen. Er liest laut vor: «Dass es Kirchenmitglieder gibt, die gar nichts mit der Kirche zu tun haben wollen, ist exakt das Problem der Landeskirche.» Diese Aussage, das sei ihm ganz aus dem Herzen gesprochen, meint Häuselmann: «Besser könnte ich es nicht sagen.»

Häuselmann, die Bibel und das bref

Ausgabe für Ausgabe erreichen Fritz Häuselmanns handgeschriebenen Leserbriefe die bref-Redaktion in Zürich West. Die einseitigen, manchmal auch längeren Schreiben, die er in gleichmässiger Schnörkelschrift verfasst, wirken wie aus der Zeit gefallen. Die aufrechte Handschrift scheint sich gegen ein zu schnelles Gleiten der Zeilen übers Papier zu sträuben. Ein geübter, schneller Schreiber ist er nicht. Häuselmann führt den Kugelschreiber mit Bedacht, ohne Hetze. Nur ab und an ist dabei ein Wort durchgestrichen oder überschrieben.

So sorgfältig Häuselmanns Handschrift, so ernsthaft sind auch die Gedanken, die er in seinen Briefen ans bref zum Ausdruck bringt: Wenn Häuselmann zum Portrait der grossen Dorothee Sölle fragt, wo heute noch die Menschen seien, die Verantwortung übernehmen und zum «Salz der Erde» werden, dann ist das eine aufrichtige Frage. Er muss fromm sein, konservativ auch, aber weder Wutbürger noch Fundamentalist. Wer ist dieser Mann, der die Redaktion mit seiner unzeitgemässen Frömmigkeit immer wieder aufs neue erstaunt und rührt?

Häuselmann ist Briefeschreiber, ein Mann der grossen Worte und Gesten ist er nicht. Über sich selber reden fällt ihm schwer. Ginge es nach ihm, so wäre seine Geschichte in wenigen Sätzen erzählt: Häuselmann arbeitet als Lebensmittelverkäufer in einer Spar-Filiale, ist seit mehr als dreissig Jahren verheiratet und Vater dreier erwachsener Kinder. Einst führte er den Dorfladen, lange Jahre war er in der Kirchenpflege. Er besucht jeden Sonntag den Gottesdienst und alle zwei Wochen den Bibelkreis der Gemeinde. Einen Computer besitzt er nicht. Seit es das bref gibt, liest er jede Ausgabe, meist von vorne bis hinten, wie er sagt.

Frau Häuselmann bringt Kaffee: «Ein Guetsli dazu?» Bevor sie in die Küche zurückkehrt, bleibt sie einen Moment stehen, hört zu, lächelt zufrieden. Es ist Samstag, Mittagszeit. Irgendwann beginnt es nach gebratenem Fleisch zu riechen.

Häuselmann sorgt sich um die Kirche

Häuselmann stellt kaum Fragen. Für die Antworten nimmt er sich Zeit, seine Worte wählt er mit Bedacht: «Die Kirche liegt mir am Herzen», meint er auf seine Motivation angesprochen, Leserbriefe zu schreiben. Es sei keinesfalls Geltungsdrang, beteuert er. Diesen Eindruck vermittelt der schmächtige Mann ohnehin nicht. Man glaubt ihm, wenn er sagt, dass es die Sache selbst sei, die ihn zum Schreiben antreibe. Er formuliert zurückhaltend. Und doch spürt man Leidenschaft, wenn es um den Glauben geht. Spricht Häuselmann über die Kirche, kommt Bewegung in seine Stimme: «Wo bleibt das Feuer für die Botschaft?» Zu viele Menschen hätten sich von Gott entfernt.

Auch seinen Zuschriften ist die Sorge um das Schwinden des Glaubens anzumerken: «Wahres Christentum zeichnet sich durch Interesse am Wort Gottes, durch die Nächstenliebe und die Bereitschaft zu vergeben aus», schreibt er etwa zum Essay über die Religionskritiker und fährt fort: «Wo dieser Geist des Lebens wirkt, da müssen selbst die hartnäckigsten Religionskritiker verstummen.»

Häuselmann, die Kaninchen und die Kirchenpflege

Zu oft für seinen Geschmack, meint Häuselmann an diesem Samstag, sei die Kirche allerdings mit Äusserlichem beschäftigt. Der Kirche selber mangle es an Überzeugung: «Sie wird benutzt wie irgendein Dienstleister. Manchmal glaube ich fast, die meisten Menschen interessieren sich nicht für den Glauben.»

Häuselmann weiss, wovon er spricht. Dreizehn Jahre lang war er Mitglied der Kirchenpflege der Kirchgemeinde Rothenfluh, am Ende gar deren Präsident. «Aber nur ein Jahr. Ich wurde angefragt», fügt er an, als ob er sich erklären müsste. Sein Vorgänger, ein pensionierter Dorflehrer, sei kurzfristig zurückgetreten. Ein Streit um die Pfarrfrau spaltete damals die Kirchgemeinde. Die Tierschützerin wollte im ehemaligen Sitzungszimmer des Pfarrhauses eine Kaninchenpension einrichten; dem damaligen Präsidenten ging die Tierliebe der Pfarrersgattin zu weit. Häuselmann sprang für ihn ein. Irgendwann wurde es aber auch ihm zu viel: «Gibt es nicht Wesentlicheres?» fragt er sich rückblickend. Er störte sich daran, dass die Kirchenpflege sich mehr mit Verwaltungsfragen als mit der Botschaft auseinandergesetzt hätte: «Es kam mir vor, als ob Gott und Jesus gar keine Rolle mehr spielten.» Vielfach, fährt er fort, mache die Kirche Kompromisse, sie relativiere den Glauben, um einer breiten Öffentlichkeit zu gefallen. Wie das sein könne, meint Häuselmann, und schüttelt langsam den Kopf.

Häuselmann und der Wunderglaube

Häuselmann ringt mit der Gottesferne der Menschen heute. Sie ist das Grundthema seiner Leserbriefe. Immer wieder bringt er darin die Sehnsucht nach mehr Innerlichkeit zum Ausdruck. Dazu zitiert er aus der Bibel, etwa Psalm 42,3: «Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.» Dass sein «Wunderglaube», wie er es nennt, vielen Menschen zu weit gehe, ist ihm bewusst: «Menschen, die den Wunderglauben treu und ehrlich führen möchten, laufen Gefahr, belächelt zu werden», schreibt er.

Häuselmann nimmt es in Kauf, als naiv zu gelten. Er hat sein Wunder erlebt. Aufgewachsen in der Nähe von Lyss, hatte er Anfang zwanzig keinen Beruf und keine Pläne. Er wusste nicht, wohin mit sich. Er hatte eine Kindheit in einer Grossfamilie hinter sich, «in der man über nichts sprach. Die Eltern waren zu sehr mit eigenen Sorgen beschäftigt.» Häuselmann erzählt nur ungenau über diese Zeit. Die Sprache dafür scheint ihm bis heute zu fehlen. Er verhakt seine Finger beim Sprechen, sein Blick wandert hinter der Brille, als suche er nach Halt.

Jemand empfahl ihm damals eine christliche Wohngemeinschaft in Bern. Er ging hin. Das Wohnprojekt – eine Familie, die junge Menschen bei sich aufnahm – wurde so etwas wie sein erstes richtiges Zuhause: «Ich bekam das Gefühl dafür, wie eine Familie sein könnte.» Hier lernte er zu reden und die Bibel zu lesen: «Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.» Psalm 139 ist bis heute eine seiner liebsten Stellen. Auch seine Frau lernte er hier in diesem Milieu kennen: Beide schalteten Kontaktanzeigen in einer christlichen Zeitschrift. Er folgte ihr ins Baselbiet, sie heirateten, gründeten eine Familie, bekamen drei Kinder. Sie sei seine wichtigste Wegbegleiterin, meint er. Häuselmann führte einige Jahre den Dorfladen der Rothenfluher, seine Frau half tageweise mit. Vor einigen Jahren erkrankte sie an multipler Sklerose: «Eine Reise nach Afrika werden wir nie machen können. Es wäre für meine Frau zu beschwerlich.» Die afrikanischen Nippes, mit denen Frau Häuselmann das Wohnzimmer schmückt, sind Mitbringsel. Manche hat sie sich auch selbst in Afro-Shops in der Gegend gekauft.

Unlängst sind die beiden Grosseltern geworden. An der Wand rechts neben Häuselmann hängt eine Bildergalerie mit Hochzeitsfotos des ältesten Sohnes. Daneben eine Collage mit Zeichnungen und Fotoschnipseln von Bäumen, Flüssen für den «lieben Pappi, was uns alles verbindet». Das Poster hat seine Tochter für ihn gemacht. Im Eingangsbereich eine weitere Fotocollage, von der die junge blonde Frau lächelt.

Häuselmann und das Schreiben

Die Bibel ist bis heute Fritz Häuselmanns liebstes Buch. Er beginne jeden Tag mit einem Bibelvers: «Es ist das erste, was ich nach dem Aufstehen tue.» Das Gelesene begleite ihn in den Tag, auf dem Weg zur Arbeit im Regionalzug, beim Auffüllen der Regale in seiner Spar-Filiale in der Basler Steinenvorstadt. Um seine Gedanken zu ordnen, schreibe er sie nieder. Irgendwann hätte er damit einfach begonnen. Anfangs waren es Gedichte. Über seinen Glauben, die Natur, die Landschaft, «eigentlich alles, was mir in den Sinn kam». Die Kurztexte erschienen regelmässig in der Volksstimme, der lokalen Zeitung. So lange, bis sich ein Leser über die sentimentalen, frommen Inhalte beschwerte. Die Gedichte wurden abgesetzt. Ob ihn das nicht verletzt habe? Häuselmann zuckt mit den Schultern, es sei halt schon «Chrut und Rüebli» gewesen.

Häuselmann weiss, wie es ist, einzustecken. Ein Verlierer ist er trotzdem nicht. Hat er ein Anliegen, dann verfolgt er es: geduldig, bescheiden, ohne viel Aufsehen. Auch das Schreiben hat er nicht aufgegeben. Heute seien es eben eher Leserbriefe. Etwa jene fürs bref: «Schreiben hilft mir, etwas durchzudenken.» Dazu setze er sich hin, oftmals abends oder am Wochenende, lege sich die Sätze im Kopf zurecht. Wolle er nicht zehnmal von vorne beginnen, so müsse er sich im klaren sein, was er schreiben wolle.

Häuselmann schreibt zu fast allen Rubriken und Themen. Er findet auch Worte für leichtere Kost, wie etwa zur Bildserie des Fotografen Michel Gilgen, die verschiedenste «Orte der Ruhe» zeigt: Selbst im abgebildeten «stillen Örtchen» verortet er Momente der Besinnung und Gottesnähe. Auch hier keine Spur von Häme oder Ironie.

Die Sorgfalt, mit der Häuselmann seine Briefe verfasst, mutet fremd an. Zwischen der Gehässigkeit, die religiöse Eiferer in ihre Facebook-Kommentare packen, und seinen schon fast intimen, sorgfältigen Beiträgen liegen Welten.

Vielleicht liegt es auch an den unterschiedlichen Arten zu schreiben selbst. Wer tippt, hat die Löschtaste in Griffnähe, relativiert die entstehenden Zeilen schon immer: Alles könnte auch anders da stehen. Häuselmanns Briefe hingegen sind wahrhaftig und ernst: «Wenn ich etwas aufschreibe, muss ich dazu stehen. Dann halte ich es fest. Schwarz auf weiss. Es bleibt.»

Häuselmann zögert, einen Computer zu kaufen

Häuselmann ist diesen Sommer aus der Kirchenpflege ausgetreten. Vielleicht ein guter Entscheid. Denn als Kirchenverwalter mag man ihn sich nicht so recht vorstellen. Zu aufrichtig ist sein Glauben, für den es in der bürokratischen Realität des kirchlichen Tagesgeschäfts kaum Platz hat. Ein wunderbarer Lesebriefschreiber ist er allemal: «Mir geht es um den Glauben, die Nächstenliebe, die Vergebung. Die Botschaft darf nicht Nebensache werden», sagt Häuselmann, der standhaft gegen den Zynismus der Zeit anschreibt, als hätte es den Tod Gottes und die Verweltlichung der Kirche nie gegeben.

Die Küchentür öffnet sich. Es ist Essenszeit. «Schade, dass Sie nicht zum Essen bleiben», meint Frau Häuselmann. Dann zögert sie einen Moment und sagt: «Sie wissen gar nicht, wie sehr sich mein Mann über den Besuch gefreut hat.»

Er habe auch schon darüber nachgedacht, einen Computer zu kaufen, meint Häuselmann beim Abschied. «Aber ich sehe keinen Bedarf. Solange ich es vermeiden kann, tue ich es nicht.» Das ist auch gut so. Etwas ginge verloren. Denn seine handgeschriebenen Briefe sind wie Häuselmann: ehrlich, bedacht – und auf eine unzeitgemässe, innige Weise fromm.

Susanne Leuenberger ist Redaktorin bei bref.
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r Fotograf Jan Bolomey lebt in Zürich.