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Freitag, 06. Dezember 2019

Herr Ungerer, wie fühlen Sie sich heute?

Wie ein Einflusstrichter, der von neuen Einfällen überquillt. Das ist fast jeden Morgen der Fall. Mit den Skulpturen, die ich jahrzehntelang ersann, habe ich in der Zwischenzeit aber aufgehört – meine vielen Einfälle haben schlicht keinen Platz mehr im Kopf.

Welchen Einfall haben Sie noch umgesetzt?

Einer meiner letzten Skulpturen ist ein Flüchtlingstopf. Das ist ein leerer Topf mit einem Spiegel am Boden. Wer seinen Kopf reinsteckt, sieht sich selbst als Flüchtling.

Das Spiel mit den Wörtern lieben Sie noch immer.

Ich denke immer in drei Sprachen. Und wenn ich ein Wort nicht sofort übersetzen kann, dann erfinde ich ein neues. Aber vielleicht bin ich ja nur ein Legastheniker und muss daher ständig neue Wörter und Sätze kreieren. Lesen Sie, was auf meinem Aschenbecher steht: Rauchen ist nicht verboten, sagen viele Tote. Das war der Einfluss von Wilhelm Busch.

Tomi Ungerer wurde am 28. November 1931 in Strassburg als jüngstes Kind einer Uhrmacherfamilie geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters lebte die Familie in einfachen Verhältnissen nahe bei Colmar. Angeregt durch amerikanische Cartoons entdeckte Ungerer nach seiner Rückkehr aus der Fremdenlegion das Zeichnen. Mit 25 Jahren wanderte er nach New York aus, wo seine Karriere als Illustrator begann. Zu seinen grössten Erfolgen gehört das Kinderbuch Die drei Räuber. Neben Kinderbüchern machte der Künstler in den 1960er Jahren mit umstrittenen erotischen und satirischen Cartoonbänden von sich reden. Zu seinem Werk gehören auch Skulpturen sowie die Baupläne für eine öffentliche Toilette, die 2007 in der deutschen Stadt Plochingen auch tatsächlich errichtet wurde. Ungerer war dreimal verheiratet und vierfacher Vater. Seit 1976 lebte er abwechselnd in Irland und in Strassburg. Mitte der 2000er Jahre überlebte er drei Herzinfarkte. Am 9. Februar 2019 starb Ungerer im irischen Cork. Er wurde 87 Jahre alt. su

Als junger Mann fuhren Sie mit Ihrem Fahrrad durch Europa, Sie waren aber auch für die Fremdenlegion unterwegs. Reisen Sie noch immer viel herum?

Wenn Sie wüssten, wo ich die letzten Wochen überall unterwegs war! In Paris in der Galerie von Jean Tinguely, diesem wunderbaren Schweizer Künstler. Dann habe ich die Pariser Buchmesse besucht, wo mich Präsident Macron bat, ihm mein neues Buch zu widmen. Er hat mir gerade einen Brief geschrieben, dass er mir dafür gerne persönlich einen Orden verleihen würde. Frankreich ist diesbezüglich hierarchisch. Wenn ich all die Orden anzöge, mit denen ich geehrt wurde, sähe ich aus wie ein Weihnachtsbaum.

Wie heisst das Buch, das Sie für Präsident Macron signiert haben?

Ni non, ni qui. Auf Deutsch ist es unter dem Titel Warum bin ich nicht du? erschienen. Darin finden sich Antworten auf philosophische Fragen von Kindern.

Sehen Sie sich als Philosophen?

Nicht einmal als einen Intellektuellen, trotz meiner ungefähr 140 Bücher, die in 44 Sprachen übersetzt wurden. Als ich jung war, habe ich versucht, Philosophen wie Kant, Descartes, Ouspensky oder Kierkegaard zu lesen. Ich habe nichts davon kapiert. Seither nehme ich mir die Freiheit, selbständig zu denken. Mein Hirn steht mit beiden Beinen auf dem Boden, und manchmal nimmt es auch die Beine in die Hand. Jeden Tag fällt mir so viel ein, dass ich fast ein kleines Buch damit füllen könnte.

Die Wörter stehen in Ihrem Kopf regelrecht Schlange?

Wörter sind wie gesagt meine grosse Liebe. Ich bin Literat, aber auch Grafiker, Künstler, Koch, Metzger, Bauer, überzeugter Europäer und war auch schon in der französischen Armee Kamelreiter. In Irland, wo ich seit über 40 Jahre lebe, habe ich eine Farm mit ungefähr 600 Schafen. Meine Schweine werden mit Heidelbeeren gefüttert. An Irland gefällt mir vor allem, dass es keine sozialen Schichten, sondern nur Menschen gibt. Man kennt sich. Einmal hat sich ein Mechaniker geweigert, das Auto meines Sohnes zu reparieren. Mit der Begründung: Ich kenne Sie nicht.

Geboren sind Sie aber im Elsass. In Strassburg hat alles seinen Anfang genommen.

Als Elsässer war ich in der Schule Deutscher und zuhause Franzose. Ich bin ohne Vater aufgewachsen. Er war Konstrukteur astronomischer Uhren und ist an einer Blutvergiftung gestorben, als ich anderthalb Jahre alt war. Mein um acht Jahre älterer Bruder hat meine Erziehung übernommen. Er hat mir schon als Vierjährigem das Wort Pantophage, Menschenfresser, beigebracht. Ich war von diesem Wort fasziniert. Später habe ich dann die Illustration African Snack daraus entwickelt und dabei an einen Missionar gedacht. In meiner Küche befindet sich immer noch ein Kannibalen-Kochbuch.

War es schwierig, ohne Vater aufzuwachsen?

Das war es. Vor allem, weil wir überhaupt kein Geld hatten. Mein Vater hatte unser Haus mit grossen Schulden gebaut. Die Schuhe meines Bruders stammten vom Englischlehrer, sonst hätte er nicht zur Schule gehen können. Als die Zehen aus den Schuhen herausschauten, hat er sie schwarz angemalt. Allerdings bin ich in bürgerlicher Armut aufgewachsen. Meine Mutter hat kein einziges Buch aus der Bibliothek meines Vaters verkauft. Sie war sehr dominant und hat als Protestantin Schmähbriefe an den Papst geschrieben. Dafür verehrte sie Nixon. Ihn hat sie mit «Mon cher et galant chevalier» angeredet.

Sie hatten eine starke Mutter.

Das hat mich geprägt. Sie war eine echte Mutter Courage und völlig angstfrei. Mich hat sie «Mon drôle de corps» genannt. Ich bin nämlich mit einem schwachen Herzen auf die Welt gekommen. Rennen und Springen waren mir verboten. Zudem hatte ich schon früh diese faszinierenden schrägen Zähne und eine Hühnerbrust. Da ich kein Würmling bleiben wollte, habe ich mich zur Abhärtung täglich in eine eiskalte Badewanne gelegt.

Ihre Lebensenergie und Ihre Vielseitigkeit scheinen trotz häufigen Erkrankungen und Alter unerschöpflich. Was ist Ihr Geheimnis?

Viele Menschen bleiben ihrem Stil treu und bewegen sich in derselben Richtung. Das kann zum Stillstand führen. Ich bin ein ungeduldiger Mensch geblieben, der nicht mit einer einzigen Ausdrucksform leben kann. Mein bewegliches Lebensdreieck besteht aus Begeisterung, Disziplin und Pragmatismus. Ich muss ständig experimentieren und nach neuen Techniken suchen. Meine vielen Begabungen sind zugleich Besessenheit und Tyrannei. Auch wenn ich krank bin, kann ich nicht aufhören zu arbeiten. Die Ideen lassen sich nicht aufhalten. Und ich bin ständig bereit, nicht nur meine Meinung, sondern auch meine Vorurteile zu ändern. Übrigens bin ich auch Autist. In einem Buch über Autismus habe ich festgestellt, dass achtzig Prozent typisch autistische Charakteristika mir entsprechen.

«Wahrheit liegt im Schatten des Zweifels. Ich versuche noch immer wie ein Alchemist, Unsicherheit, Zorn und andere Eigenschaften in Inspiration zu verwandeln.» Tomi Ungerer

Aber ein sozial bestens vernetzter Autist.

Das Paradox hilft die Realität in die richtige Perspektive zu rücken. Eigentlich ist der Zweifel zu meiner Religion geworden. Denn für mich liegt die Wahrheit im Schatten des Zweifels. Ich versuche noch immer wie ein Alchemist, verschiedene Veranlagungen wie Unsicherheit, Zorn und andere Eigenschaften dieser negativen Kategorie in Inspirationen zu verwandeln.

Je schlimmer eine Situation ist, desto lehrreicher kann sie werden. Das zeigt schon die Geschichte vom Paradies. Wäre die Schlange nicht gekommen, wären Adam und Eva wahrscheinlich an Langweile gestorben.

Und wäre Martin Luther Elsässer gewesen, dann wäre heute Elsässisch die Hochsprache. So aber musste ich Deutsch lernen. Ich habe dazu aber auch Jiddisch, Altdeutsch, Altfranzösisch und Altenglisch zu lesen gelernt. In der Schule erhielt ich Prädikate wie: Pervers, subversiv, Analphabet.

Aber Sie können die Sprachen doch hoffentlich auch in einer zeitgemässen Variante lesen?

Ja, besonders weil ich Kreuzworträtsel liebe.

Wie bekömmlich ist die Schule für kreative Menschen wie Sie?

Am wichtigsten ist es, Kinder zur Neugier zu erziehen. Je neugieriger man ist, desto grösser wird der Wissensdurst. Wir müssen den Kindern helfen, ihre eigene Vorstellungskraft zu entwickeln. Jedes Kind hat andere Phantasiemöglichkeiten. Ich habe eine Charta über die Rechte der Kinder für den Europarat geschrieben. Darin steht, dass auch die Kinder ein Recht haben, respektvoll korrigiert zu werden. Respekt schafft Frieden.

Dieser Geist findet sich auch in Ihren Kinderbüchern.

Eines meiner ersten Kinderbücher ist ein Panoptikum der Verwandlung. Es handelt von Ratten, Schlangen, Geiern und anderem sogenanntem Ungetier. Da ziehen die Schlangen bei alten Frauen ein und die Tintenfische spielen Schach. Jeder hat in Ergänzung etwas, was der andere nicht hat. Tout égal, tout différent. Dieser wunderbar paradoxe Spruch steht jetzt sogar auf einer Briefmarke für den Europarat.

Der Hass unter Menschen scheint unausrottbar zu sein, das zeigt sich auch in dieser Zeit. Warum ist das so?

Ich habe mein ganzes Leben danach geforscht, woher der Hass kommt, und festgestellt, dass der Hasser nicht nur den Gehassten, sondern im Grunde auch sich selbst zerstört. In einem Tagebuch von Goebbels steht: «Ich muss zurück zu meinen Dämonen.»

Die Buddhisten sagen, Hass hätte eine ähnlich selbstzerstörerische Wirkung, als ob jemand Rattengift in der Hoffnung einnähme, dadurch Ratten zu töten.

Das würde besonders meiner Frau und meiner Tochter gefallen, beide sind Buddhistinnen. Der Dalai Lama weist immer darauf hin, wie wichtig die Überwindung von Hass und Gewalt in jedem einzelnen für das Überleben der ganzen Menschheit ist. Ich habe mir die Deklaration der Menschenrechte an eine Wand gepinnt, mit einer einzigen Veränderung: Sterben tun wir alle gleich.

Wie stellen Sie sich eigentlich das Paradies vor?

Falls es das gibt, wäre es eine riesengrosse Bibliothek. Ich glaube zwar nicht wirklich daran, doch ich bete jeden Abend, um meine Dankbarkeit auszudrücken. Wo meine Dankesgebete landen, das weiss ich nicht.

Man sagt ja auch, das kürzeste und schönste Gebet lautet: Ja.

Das gefällt mir sehr gut, das sollte ich mir aufschreiben.

Macht Ihnen das Alter zu schaffen?

Es ist nicht immer leicht, weil alte Dinge und Erinnerungen zurückkehren. Obwohl ich über meinem Bett das Schild angebracht habe: Dieses Bett ist sorgenfrei. Auf diese Weise bekämpfe ich auch meine Albträume. Wie gerne würde ich mit meiner Brille auf der Nase einschlafen und in meinen Träumen lesen. Eigentlich bin ich mein eigenes Kind geblieben. Ich muss gar nicht erst in die Kindheit zurückfallen, da ich in der Kindheit geblieben bin. Auch der Instinkt ist ein Teil der kindlichen Unschuld. Wenn es gelingt, diesen Teil unserer Seele aufzusuchen, dann wird wieder alles neu und erfrischt.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Diogenes Verlags.