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Autorin: Maria Becker
Freitag, 28. Juli 2017

Am Anfang stand der Zweifel – der Zweifel, ob Sigmar Polke wirklich der Richtige war, um die Fenster des Zürcher Grossmünsters neu zu gestalten. Er war der einzige, der bei der Fachjury kein konkretes Projekt vorgelegt und sich damit nicht an die Regeln des Wettbewerbs gehalten hatte. Doch wie hätte er auch sollen? Für ihn war entscheidend, was sich zeigen würde, wenn er erstmal an der Arbeit war. Der Ort, das Licht, das Material und nicht zuletzt seine künstlerische Erfahrung waren das, worauf er sich selbstverständlich verliess. Damit musste sich die Jury begnügen. Vielleicht hatte sie auch im Hinterkopf, dass Polke ein grosser Ironiker war, und war deshalb in Sorge, er würde die sakrale Aufgabe nicht mit dem gebührenden Ernst angehen. Wer Fotos aus der Nazi-Freikörperkultur und Purpurschnecken in seine Bilder einbrachte – konnte der für einen Kirchenraum passende Entwürfe machen?

Man überzeugte sich schliesslich, dass Polke doch geeignet war. 2005, im selben Jahr, als die Jurierung in Zürich stattfand, hatte der Künstler eine grosse Ausstellung im Kunsthaus. Es war eine exklusive Schau mit monumentalen Bildern, deren Farben kostbar wie Edelsteine leuchteten. Als Polke dann noch selbst erschien und sein Charisma spielen liess, waren die Juroren endgültig einverstanden. Man gab Polke völlig freie Hand, seine Konzeption für die Fenster zu entwickeln. Nicht zuletzt gab wohl den Ausschlag, dass er am Beginn seiner Laufbahn eine Lehre als Glasmaler absolviert hatte.

Keiner der Verantwortlichen ahnte, dass der Fensterzyklus Polkes letztes Werk sein würde. Nur wenige Vertraute wussten von seiner Krebserkrankung. Für ihn selbst war unbestimmt, wie lange er noch leben würde. Sicher hat ihn der offizielle Auftrag – der grösste seiner Karriere – sehr beflügelt. Er sammelte alle seine Inspirationen und schuf ein einzigartiges Werk, einen Höhepunkt seiner Kunst und ein Vermächtnis für die Zürcher, die ihm ihr grösstes Gotteshaus anvertraut hatten. Im November 2009 wurden die zwölf Fenster fertig. Polke war bei der Einweihungsfeier anwesend. Im Juni 2010 starb er. Kurz zuvor hatte er noch bekanntgegeben, dass er den Fensterzyklus schenken wolle. Auch das enorm teure Material der Scheiben wurde von ihm gespendet.

Bild: The Estate of Sigmar Polke, Cologne / Grossmünster Zürich

Persiflage auf das Künstlergenie

Sigmar Polke ist ein Künstler, an dem sich die Kritik scheidet. 1941 in der DDR geboren, schob er den Erfolg sein ganzes Leben wie eine Bugwelle vor sich her. Ausstellung folgte auf Ausstellung, und ein Kunstpreis nach dem anderen schmückte seine Laufbahn. Die Medien priesen seinen enormen Wert- und Ehrenstatus und versäumten nicht, auf die Millionenbeträge zu verweisen, zu denen seine Bilder gehandelt wurden. Mit seinen subversiven Anspielungen auf die deutsche Geschichte und seinen ironischen Reflexen auf das Künstlergenie traf er den Nerv seiner Zeit. Polke collagierte zum Beispiel Nacktfotos aus den dreissiger Jahren und übermalte sie mit Zeitungsraster und poppigen Teppichmustern. Oder er malte Strichmännchen und gab dem Bild den Titel: «Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!»

Bild: The Estate of Sigmar Polke, Cologne / Grossmünster Zürich

Auch trieb er einen Kult mit dem Material, experimentierte mit hochgiftigen Farben, die schon lange nicht mehr im Handel waren. Polke malte mit Gold, Silber, Lapislazuli und echtem Purpur, das er aus Tausenden von Schnecken hergestellt hatte. Kein Malstoff war ihm zu teuer, kein Herstellungsverfahren zu aufwendig. Er verstand sich als Alchemist, also als eine Art Zauberer, der die Stoffe der Kunst ergründen und den Stein der Weisen finden wollte. Ein Museumskurator meinte einmal, Polke habe sich bei seinen Malexperimenten wahrscheinlich vergiftet und seine Krankheit selbst provoziert.

Heute gehört Sigmar Polke zu den Klassikern der Kunstgeschichte. Die Strichmännchen-Bilder befinden sich längst in Museumssammlungen auf der ganzen Welt. Sie waren es auch nicht, die Kritik provozierten – es war vielmehr der Überbau an Esoterik und Mystik, mit dem Polke seine Arbeit wie mit Weihrauch einräucherte. «Des Giftmischers neue Kunststücke» titelte etwa die Sonntagszeitung zu Polkes Zürcher Ausstellung; die Basler Zeitung nannte ihn den «Kunst-Priester». Ohne die Aura der Alchemie erschliesst sich seine Kunst dem Laien tatsächlich nur schwer. Sie braucht sinnige Bildtitel und weitschweifige Erläuterungen, um in ihrer ganzen Tiefe verstanden zu werden. Polke sorgte dafür, dass diese Geheimwissenschaft dem Publikum bekannt wurde. Die Selbstinszenierung war Teil seines Künstlertums.

Bild: The Estate of Sigmar Polke, Cologne / Grossmünster Zürich

Edelsteine statt Glas

Der Fensterzyklus im Zürcher Grossmünster ist der krönende Abschluss von Polkes Kunst-Alchemie. Auch ohne die Gestalten der Bilder und ihre biblische Herleitung zu kennen, ist der Betrachter fasziniert von der ebenso edlen wie eigenartigen Wirkung der Fenster. Das gotische Mittelalter hat den Kirchen wunderbar leuchtende Glasfenster gegeben. Doch sie können nicht wetteifern mit den Farbexplosionen von Polkes Zyklus. So knallbunte Fenster hatte vorher noch keine Kirche gesehen. Hinzu kommt, dass beim Grossteil der Scheiben kein Glas verwendet wurde, sondern Edelsteine. 1300 Achatscheiben hat Polke für die Fenster ausgesucht. Mit Diamantsägen wurden die Scheiben geschnitten, von der Zürcher Werkstatt Mäder verbleit und nach Polkes Entwurf zusammengesetzt. Die Farben der Steine sind nur zum Teil original; einige Scheiben wurde mit speziellen Techniken gefärbt.

Bild: The Estate of Sigmar Polke, Cologne / Grossmünster Zürich

Die geschnittenen Achate zeigen konzentrische Muster, Flecken, bizarre Formen – je nach Wuchsstruktur ihrer Kristalle. An ihnen ist ein Stück Erdgeschichte ablesbar, für Polke sind sie Repräsentanten der Genesis. Er bezieht sich jedoch auch auf Beschreibungen des neuen Jerusalem aus der Offenbarung des Johannes: «Ihr Lichtglanz war wie kostbarster Edelstein […]. Die Grundsteine der Stadtmauer waren aus je einem Edelstein kunstvoll gefertigt: Der erste Grundstein war ein Jaspis, der zweite ein Saphir, der dritte ein Chalzedon […].» Die Zahl der Achatfenster entspricht den sieben Tagen der Schöpfung. Gleichzeitig zeigen sich an den Farben die Elemente: Wasser in den blauen Steinen, Feuer in den roten, Erde in den ockerfarbenen.

Im achten Fenster tritt schliesslich der Mensch auf, das Material wechselt von den Edelsteinen zum transparenteren Glas. Für die bildhaften Fenster – insgesamt fünf – hat Polke sogenannte Präfigurationen gewählt. Das sind Erzählungen des Alten Testaments, die auf Christus und sein Opfer vorausdeuten: König David, Elijas Himmelfahrt, Der Menschensohn, Isaaks Opferung und der Sündenbock. Der Künstler hat sie nach Bildern alter Handschriften gestaltet, diese aber in seinem Sinne umgedeutet und neu interpretiert. So wirkt der jugendliche König David recht düster, wie eine unheimliche Herrschergestalt. Im Fenster mit Isaaks Opferung – für Polke ein zentrales Motiv – ist das biblische Geschehen völlig abstrahiert: Der das Schwert schwingende Abraham ist zu einem rotierenden Muster geworden, das an Lebensräder erinnert.

Bild: The Estate of Sigmar Polke, Cologne / Grossmünster Zürich

Versucht man die Fenster zu beschreiben, wird schnell klar, dass sie für Interpretationen offen sind. Sie beziehen sich auf das Alte Testament, doch genauso sind sie persönliche Auslegungen der biblischen Texte. Polke hat seine eigene Heilsgeschichte gestaltet. Warum zum Beispiel hat er den Sündenbock mit Turmalinen, den kostbarsten Steinen aller Steine, geschmückt? Stellen sie die Wunden dar, die dem Tier geschlagen wurden, bevor es in die Wüste geschickt wurde? Polke hat – so scheint es – das Sündenbock-Fenster mit besonderer Liebe gestaltet. Weil es das traurigste Schicksal von allen zeigt? Ob der Künstler wirklich so gedacht hat, bleibt offen. Doch der eigene Blick auf die Geschichten und Motive wird plötzlich neu.

Genauso wie die biblischen Bilder offen für die Phantasie sind, so sind die abstrakten Achatfenster wie Vexierbilder, in denen alles und nichts gesehen werden kann. Da gibt es manche, die wie Ultraschallaufnahmen aussehen, oder andere, die an Fratzen oder wuchernde Geschwüre erinnern.

Polke hätte wohl nichts gegen solche Auslegungen gehabt. Für den Alchemisten offenbart das Material Geheimnisse. Mit dem Fensterzyklus im Grossmünster hat er uns ein Vermächtnis hinterlassen, in das wir immer von neuem einsteigen können.

Maria Becker ist Kunsthistorikerin und Autorin. Sie lebt in Basel.

Sigmar Polkes Fensterzyklus im Zürcher Grossmünster kann bis auf Dienstag und Sonntagvormittag täglich von 10 bis 18 Uhr besichtigt werden. Eintritt frei. Weitere Informationen: www.grossmuenster.ch

Header Bild: KEYSTONE / LAIF / Wolfgang Stahr