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Autor: Oliver Demont
Bild: Annick Ramp
Freitag, 15. September 2017

Der Kunsthistoriker und Gastkurator Andreas Rüfenacht hatte freie Hand, um für die Ausstellungsreihe Bilderwahl! zum Thema Reformation aus der Sammlung des Zürcher Kunsthauses rund sechzig Bilder, Zeichnungen und Plastiken auszuwählen. Unterstützung erhielt er dabei von Philippe Büttner, dem Sammlungskurator des Kunsthauses Zürich. Am Treffen mit den beiden Ausstellungsmachern erläuterten sie gegenüber bref ihre Herangehensweise. Dabei kamen sie auch auf die Fragen zu sprechen, die sich bei der Konzeption eines solch umfassenden Themas stellten. Das Resultat ist ab dem 29. September im Kunsthaus Zürich zu sehen. Für bref kommentieren Rüfenacht und Büttner zusätzlich auf den folgenden Seiten einzelne Werke aus der Ausstellung. Ergänzt werden sie mit Bildern, die im Kunsthaus Zürich nicht zu sehen sind, für beide persönlich aber wichtige Aspekte der Reformation ins Bild setzen.

Herr Rüfenacht, bei Reformation wird auch rasch vom Bildersturm gesprochen. Zwingli etwa liess die Bilder und Skulpturen aus den Kirchen entfernen. Was zeigen Sie in der Ausstellung Bilderwahl! Reformation überhaupt?

Rüfenacht Es werden Tafelbilder und Skulpturen aus der Zeit vor der Reformation zu sehen sein, aber auch spätmittelalterliche Meister und moderne Kunst. Sie alle stammen aus der Sammlung des Zürcher Kunsthauses. Die gängige Vorstellung, dass die Reformatoren Bilderstürmer waren, erachte ich ohnehin als ungenau.

Inwiefern ungenau?

Rüfenacht Es ist ein Klischee, dass die Reformatoren generell bilderfeindlich waren. Die Wahrheit ist viel komplexer. Die Bilder wurden zwar teilweise aus den Kirchen entfernt. In der Schweiz sicher mit mehr Eifer als beispielsweise in Deutschland. Bilder sind in der Reformationszeit dennoch wichtig geblieben. Ich würde sogar sagen, dass die Reformation eine ganz neue Bildlichkeit geschaffen hat. Bilder sind nun nicht mehr Teil eines sakralen Geschehens, sondern werden zu einem Medium, das die Botschaft der Bibel ergänzt.

Untitled (White, Blacks, Grays on Maroon), Mark Rothko, 1963

Der jüdischstämmige Rothko begann früh sich von der figürlichen Malerei zu entfernen und fand schliesslich zu seinem abstrakten Stil. 2015 schrieb Rothkos Sohn Christopher über seinen Vater: «Wenn Religion ihn hier bewegt, dann handelt es sich um eine spezifisch philosophische Orientierung in Richtung Religion.» Es sei nie das biblische Bilderverbot gewesen, das seinen Vater in die Abstraktion führte, fährt er fort: «Die Interaktion zwischen dem Unbegrenzten und dem Konkreten, dem nicht Wissbaren und dem, das gewusst werden muss, das ist die Krux seines Werks.» In diesem Bild macht Rothko die schwarzweisse Membran selbst zum Gegenstand. Als Farbraum erschliesst sie einen namenlosen Bereich, den uns die Malerei zuvor nicht zu zeigen vermochte. (Philippe Büttner)

Kunsthaus Zürich, ©The Estate of Mark Rothko.

Haben Sie ein Beispiel?

Büttner Denken Sie an den Luther-Portraitisten Lucas Cranach den Älteren. Von ihm stammt das berühmte Gemälde Gesetz und Gnade. Das ist im Grunde kein Bild mehr, sondern ein Text. Man liest ihn von links nach rechts. Das Bild zeigt den Sündenfall von Adam und Eva, dann die Gesetzestafeln des Moses und schreitet fort zu Mariä Empfängnis und dem Gekreuzigten. Christus steht hier für die Gnade, die das alte Gesetz ablöst. Das ist protestantische Theologie pur.

Cranach hat Luthers Theologie bebildert. Anders die zwinglianische Tradition: Das Zürcher Grossmünster wirkt leergeräumt.

Rüfenacht Das ist so. Doch auch für Zwingli waren Bilder nicht einfach von Übel. Er schätzte zum Beispiel Portraits und hatte auch nichts dagegen, wenn Wirtshausschilder oder das Zifferblatt am Stadttor bemalt waren. Selbst den heiligen Karl den Grossen am Grossmünsterturm oder bebilderte Kirchenfenster liess er durchgehen. Zwingli verstand, dass Bilder Geschichten erzählen können. Was er aber strikt ablehnte, war der Heiligenkult, den die sakralen Bilder meist mittrugen. Dies mündete am Ende in seinen doch ziemlich radikalen Entscheid, das, was verehrt und angebetet werden könnte, aus den Kirchen zu entfernen – und das war halt nahezu alles.

Vera Ikon, Philippe de Champaigne, vor 1654

Das Gemälde zeigt das Schweisstuch der Veronika – jene legendenumrankte Reliquie, die den wahren Abdruck von Jesu Gesicht tragen soll. Das Schweisstuch scheint in eine steinerne
Nische eingefügt, darunter ist eine von frischem Blut noch feuchte Dornenkrone platziert. Rahmen, Krone und Tuch erscheinen täuschend echt – ein sogenanntes Trompe l’Œuil, ein Augentäuscher. Wird das Göttliche erst durch seine Darstellung real? Die Vera Ikon treibt ein faszinierendes Spiel mit Wahrheit und Illusion, Präsenz und Absenz, Göttlichkeit und Stofflichkeit.
(Andreas Rüfenacht)

Kunsthaus Zürich, Geschenk der Dr. Scholz Stiftung.

Die Ausstellung heisst schlicht Bilderwahl! Reformation. Wie lässt sich aus solch einem mächtigen Wort eine Kunstausstellung formen?

Rüfenacht Indem ich nicht beim historischen Ereignis stehenblieb. Die Ausstellung spannt einen Bogen von den spätmittelalterlichen vorreformatorischen Meistern bis hin zum 20. Jahrhundert, zur Kunst eines Mondrian oder des Zürcher Konkreten Fritz Glarner. Reformation steht ja – wie das lateinische Wort schon sagt – für Erneuerung, Veränderung und Umgestaltung. Und auch die Kunst lebt von Neuanfängen. Diese Gemeinsamkeit mit der Reformation wollte ich gross machen.

Zu sehen ist auch Ferdinand Hodlers monumentales Bild Einmütigkeit. Was hat Hodler in einer Reformationsausstellung zu suchen?

Rüfenacht Zugegeben, auf den ersten Blick hat Hodlers Einmütigkeit nicht viel mit Reformation zu tun. Es zeigt aber ein Ereignis der Reformation, nämlich den Schwur der hannoverschen Bürgerschaft 1533 für den Protestantismus. Hodler malte es für das Rathaus in Hannover. Das Bild transportiert den bürgerlichliberalen Demokratiegedanken. Gerade für den Liberalismus des 19. Jahrhunderts waren Ereignisse der Reformation beliebte Bildmotive. Standen sie doch für Freiheit und Demokratie, für Vaterland und Nation – und somit unter den Zeichen des neu entstehenden Bundesstaates. Hodlers Einmütigkeit entstand zwar etwas später, 1913, steht aber in dieser Tradition. Das Bild im Kunsthaus Zürich ist übrigens eine von ihm zeitgleich gemalte Zweitfassung.

Büttner Hodlers Gemälde steht für mich auch für die damalige Sprengkraft der Reformation, welche die spätere Demokratie überhaupt erst auf den Weg brachte. Vor allem in der Schweiz forcierte die Reformation die Autonomie der einzelnen Orte. Der Reformationsschub in Hannover war übrigens eine der historisch raren unblutigen Revolutionen der Geschichte.

Kappeler Milchsuppe, Albert Anker, 1869

Zu sehen ist eine Szene aus dem 1. Kappelerkrieg: Katholische Innerschweizer und reformierte Zürcher Soldaten, eigentlich verfeindet, teilen sich ein Mahl; so wird die blutige Schlacht abgewendet. Die Obrigkeit bleibt im Hintergrund. Wenn man die einfachen Bürger miteinbezieht, gibt es Frieden, scheint das Bild auszusagen. Die Kappeler Milchsuppe ist ein Appell an die direkte Demokratie, die wenige Jahre später mit der Totalrevision der Bundesverfassung von 1874 Gestalt annehmen wird. Sind der politische Liberalismus und das versöhnliche Demokratieverständnis des «Nationalmalers» Anker heute noch bekannt? (Andreas Rüfenacht)

Kunsthaus Zürich, Vereinigung Zürcher Kunstfreunde, Geschenk Erica Wipf, 1998.

Herr Rüfenacht, die Ausstellung zeigt Werke aus acht Jahrhunderten, ein Schnelldurchlauf durch Kunst und Geschichte. Darf ein Kunsthistoriker sich so weit von der Reformation als geschichtlichem Ereignis entfernen?

Rüfenacht Natürlich. Das ist die Freiheit, die ich mir als Kurator nehmen kann, wenn ich eine Ausstellung in einem Kunsthaus mache. In einem Landesmuseum wäre ich näher bei den historischen Ereignissen geblieben.

Büttner Als Sammlungskurator sage ich sogar: Das Kunsthaus Zürich muss mit einer Ausstellung zwingend über das geschichtliche Ereignis der Reformation hinausgehen.

Wie meinen Sie das?

Büttner Als Institution sind wir ja auch eine Art Erbe der Reformation. Die von den Reformatoren aus der Kirche entfernten Bilder gelangten teils in die Museen – unter anderem auch zu uns. Aber das Erbe der Reformation ist nicht nur das Verwalten einer Bildsammlung: Als Kunsthaus dokumentieren wir auch den Wandel, den der Blick auf das Bild seit der Reformation durchgemacht hat. Bilder, die keine Heilsfunktion mehr haben, erhalten hier ein neues Dasein als Kunstobjekte. Die Sammlung ist eine Art Schrein, der diese Bilder aufbewahrt.

Rüfenacht Am Beispiel von Zwingli lässt sich der «Dokumentationscharakter» des Kunsthauses Zürich schön zeigen. Es ist belegt, dass Zwingli bei der Bilderräumung diplomatisch geschickt vorging. So liess er Statuen und Bilder nicht einfach zerstören, sondern forderte, dass die Stifter ihre Werke wieder zurücknahmen. Vielleicht schwang darin sogar eine Spur Respekt vor dem Kunstwerk und dem Künstler mit, der in der Renaissance wichtig geworden war. Dies gilt sicher für diejenigen, die ihre Bilder zurücknahmen und aufbewahrten. Später dann, ab dem 19. Jahrhundert, gelangten die vorreformatorischen Sakralbilder nach und nach ins Kunsthaus.

Die Ruinen der Kreuzkirche in Dresden, Canaletto, 1765

Der Venezianer Bernardo Bellotto, bekannt unter dem Namen Canaletto, schuf zahlreiche Stadtansichten. 1765 entstand dieses Gemälde, das den Abriss des eingestürzten Westturms der Kreuzkirche in Dresden zeigt. Die Kirche wurde im Siebenjährigen Krieg der Preussen gegen die Habsburger 1760 stark beschädigt. Liegt der ästhetische Wert einer protestantischen Kirche angesichts der katholischen Bilderpracht des Barocks in der Darstellung ihrer Ruine? Wahrscheinlich entspricht dies eher nicht der Bildaussage, zumal sich um den Wieder­­aufbau ein Streit entfaltete, ob die Kirche im barocken oder im klassizistischen Stil errichtet werden sollte. Der dargestellte Niedergang enthält überdies bereits den erneuten Aufstieg: Im Vordergrund sind die Fundamentierung und das Hochziehen der Wände und Pfeiler bereits fortgeschritten. (Andreas Rüfenacht)

Kunsthaus Zürich, Stiftung Betty und David Koetser, 1994.

Herr Büttner, Sie nannten die Kunsthaussammlung eine Art Schrein, der die Bilder aufbewahrt. Das klingt nach musealer, toter Kunst.

Büttner Das Gegenteil ist der Fall: Sie lebt bei uns, nur anders. Ein Beispiel: Wir haben in der Sammlung Bilder, die früher über einem Altar, direkt über dem Schauplatz der Wandlung, hingen. Also dort, wo sich in der katholischen Messe die Hostie in den Leib Christi transformiert. Das Gemälde trug dieses Heilsgeschehen visuell mit. Wer nun heute ein Kunstmuseum besucht und auf solche Bilder blickt, steht ihnen anders gegenüber. Die Betrachterin begegnet diesem Bild auf Augenhöhe, das Sakrale tritt in den Hintergrund.

Sie haben sich als Kunsthistoriker beide eingehend mit der Reformation befasst. Wie haben Sie es eigentlich mit der Religion?

Rüfenacht Meine Eltern waren Kirchenmusiker in der reformierten Kirche und leben ihren Glauben. Ich kenne die Kirchen also von innen. Ein Bekenntnis werden Sie von mir allerdings nicht hören.

Sie gelten als Spezialist für Kunst vor und während der Reformation. Was ist der Reiz an sakralen Bildern und Skulpturen?

Rüfenacht Mich fasziniert an sakralen Werken die Psychologie des Betrachters. Also die Frage, was die Bilder bei den damaligen Gläubigen bewirkten. Was sahen sie? Was wollten sie? Was fühlten sie? Mich interessiert die Frömmigkeit als Ausdruck menschlicher Bedürfnisse und Wünsche.

Christus vor Pilatus (Ecce Homo), unbekannter Künstler, um 1510

Die Darstellung wird einem unbekannten flämischen Künstler zugeschrieben, der in der Zeit zwischen 1500 und 1525 in Brügge und Antwerpen aktiv war. Das Bild zeigt eine Szene aus der Passion Christi. Links sehen wir Pontius Pilatus, der Christus der Menge präsentiert, bevor er ihn wenig später zur Hinrichtung ausliefern wird. Das Gemälde muss als Altarbild gedient haben. Als solches war es in das Messgeschehen eingebunden. Auf visueller Ebene verdoppelte es die Wandlung, die sich auf dem Altar vollzog. So wie die Hostie präsentiert wird und zum
Leib Christi wird, zeigt das Bild den Körper von Christus. Das Öffnen des Kleides spielt auf das Altargeschehen an. (Philippe Büttner)

Kunsthaus Zürich, 1942.

Hilft es Ihnen bei Ihrer Arbeit, dass Sie religiös sozialisiert wurden?

Rüfenacht Eine gewisse Affinität kann nicht schaden. Klar weiss ich, dass mein Wissen über den Glauben von heute stammt und nur bedingt mit damals zu tun hat. Ich glaube aber auch an menschliche Konstanten, an eine historische Kontinuität von Emotionen, Hoffnungen und Ängsten. Gefühle lassen sich zu einem gewissen Grad über Jahrhunderte übertragen. Sie machen diese unverständlichen Bilder für uns heute nachvollziehbar.

Und was sagt Religion Ihnen, Herr Büttner?

Büttner Ich möchte mich dazu nicht äussern.

Können Sie als Kunsthistoriker der Reformation etwas abgewinnen?

Büttner Ich sehe die Reformation als einen grandiosen Moment. Vieles von dem, was heute unsere Demokratien ausmacht, wurde von ihr geprägt. Beeindruckt bin ich aber als katholisch erzogener Mensch auch davon, dass sie den Glauben individualisierte und die Idee des Gewissens vertiefte.

Fischerboote beim Abrüsten am Abend, Jan van Goyen, um 1655

Im Barock galt die Natur als «zweite Bibel». Im protestantischen Holland weichen biblische Szenen im 17. Jahrhundert einer Form der Landschaftsmalerei, die dennoch eine religiöse Dimension hat. Eindrucksvoll etwa, wie sich hier die Fischer alle unter den Horizont ducken und den riesigen Himmel über sich gar nicht wahrnehmen, der dem Betrachter als Gegenbild zum demütigen Dasein der winzigen Menschen offenbart wird. (Philippe Büttner)

Kunsthaus Zürich, Dauerleihgabe Schweizer Privatsammlung, 2016.

Das Bekenntnis zur Reformation kommt nun also ausgerechnet von einem Katholiken.

Büttner Sie dürfen dies so interpretieren (lacht).

Der Kunstbetrieb neigt dazu, um Künstler einen Kult zu betreiben und ihre Kunst zu idealisieren. Am Ende ist Kunst aber doch vor allem dies: ein knallhartes Geschäft. Was halten Sie davon, wenn ein Bild von Jean-Michel Basquiat für 110,5 Millionen den Besitzer wechselt?

Büttner Das ist natürlich schon eine riesengrosse Summe. Für mich ist es aber ein Unterschied, ob ein Milliardär mit Kunst spekuliert oder ob ein öffentliches Museum für die Allgemeinheit eine Sammlung anlegt.

Rüfenacht Ich dachte mir zuerst: Neymar kostet das Doppelte. Aber ernsthaft: Museen sind im Grunde protodemokratisch. Sie entstanden im Bürgertum, als man die adeligen Wunderkammern und Gemäldesammlungen öffentlich zugänglich machte.

Büttner Spontan sehe ich hier eine Parallele zwischen den Museen und dem Reformatorischen: Beide hatten und haben das Ziel, das Wissen und den Zugang dazu zu demokratisieren.

Stimmt das wirklich? Zahlreiche Menschen sehen wohl ein Kunstmuseum nie von innen. Ausser vielleicht, wenn Monet zu sehen ist, weil sie seine Motive von Kaffeetassen her kennen. Ist Kunst heute nicht viel eher ein Bespielen des Bildungsbürgertums — und deshalb antidemokratisch?

Büttner Wir haben regelmässig Ausstellungen, die überhaupt nicht elitär sind. So zeigten wir 2011 den zeitgenössischen Maler Franz Gertsch unter anderem mit seinen übergrossen, hyperrealistischen Frauenportraits. Mit der Ausstellung erreichten wir viele Menschen. Aber es ist schon auch so: Kunst ist auch Anspruch. Sie dient ihren eigenen Idealen. Würden wir nur zugängliche Kunst sammeln und zeigen, wäre das Kunsthaus eine schlechte Institution. Übrigens, auch die schöne Kunst, die Herr Blocher sammelt, war zu ihrer Entstehungszeit nicht in allen Fällen für alle zugänglich. Sie sehen: Was als verständlich gilt und was nicht, ändert sich im Laufe der Zeit.

Gesetz und Gnade, Lucas Cranach der Ältere, 1529

Das Bild ist im Grunde gemalte reformatorische Theologie. Es gilt als Idealtyp des «Merkbildes» im Sinne von Luther. Das Auge stellt einen Bezug her zwischen der Übergabe der Gesetzes­tafeln an Moses und der Empfängnis Marias. Gleichzeitig schafft das Gemälde, das von links nach rechts zu lesen ist, eine Verbindung zwischen dem Sündenfall und der Kreuzigung.
Die protestantische Ikonografie, wie sie von Luther und Cranach geschaffen wurde, baut hier auf die Möglichkeiten des Bildes, um die Rechtfertigungslehre zu illustrieren. (Philippe Büttner)

Nationalgalerie Prag, Corpus Cranach.

Viele zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler beschäftigen sich mit existenziellen Fragen und wollen das Undarstellbare darstellen. Hat Kunst die Religion abgelöst?

Büttner Ich würde Kunst und Religion nicht miteinander vergleichen. Künstler sind radikale Menschen. Sie wollen umsetzen, was ihnen vorschwebt. Denken Sie an Pipilotti Rist, sie will Dinge komplett verwandeln. Dieses Neudenken von dem, was die menschliche Existenz ausmacht, diese Radikalität ist für mich etwas genuin Künstlerisches. Oder nehmen Sie den abstrakten Expressionisten Mark Rothko. Sein jüdischer Hintergrund hat in seiner Kunst sicher eine Rolle gespielt. Doch Rothko lebte nicht religiös, seine abstrakte Kunst entstand nicht vor dem Hintergrund des hebräisch-biblischen Bilderverbots. Vielmehr kam er aus künstlerischen Gründen von einer anfangs figürlichen Malerei mehr und mehr zum Abstrakten. Ihn interessierte das Absolute; in diesem Sinne kommt dann auch Transzendenz ins Spiel.

Sie bezeichnen Künstler als radikale Menschen. Radikal ist auch der Kern der Reformation.

Rüfenacht Zumindest ich kann da schon Parallelen erkennen. Wir haben in der Ausstellung ein Bild von Mondrian. Seine Kunst hat fast etwas Puritanisches. Er benutzt reine Farben, reine Formen. Es geht ihm um das Absolute: die absolut gültigen mathematischen Gesetze, absolute geometrische Gesetze, absolute optische Gesetze. In seinem Werk strebte er nach einem Universalismus. Nach einer allgemeingültigen Realität, die nur die Kunst vermittelt. Interessanterweise nannte Theo von Doesburg, ein Mitstreiter Mondrians, diese Kunst dann «konkret» – obschon sie Absolutes verhandelt.

Büttner Auf einen grossen Unterschied möchte ich dennoch hinweisen: Die Kunst sucht im Unterschied zur Reformation nach Perfektion in der Form. Dadurch bietet sie dem Auge Erfüllung im Sehprozess – nicht aber Erlösung oder Rechtfertigung. Und doch lässt sich sagen, dass es für neue Impulse Radikalität braucht. Die Reformation erfolgte in einer Zeit, in der das eigene Denken einen neuen Stellenwert erhielt. So gesehen war sie ein frühmoderner Impuls par excellence – und somit gleich radikal wie gute Kunst.

Tableau No. I, Piet Mondrian, 1925

Mondrian lässt die gegenständliche Malerei weit hinter sich. Mit seinen reinen Formen, den reinen Farben und den klaren Linien betreibt er eine fast mystische Suche nach der Essenz der Dinge, einem universalen Zustand. Er verlässt sich dabei weder auf Politik noch auf Religion noch auf herkömmliche Kunststile. Da ist nur noch Malerei. Mondrian malt bilderlose Bilder. Seine puritanische Kunst hat etwas Reformatorisches. Und doch hat die Rezeption sie zu Ikonen gemacht. Gerade der hohe Wiederkennungswert seiner Werke holt ihn ein. (Andreas Rüfenacht)

Kunsthaus Zürich, Vereinigung Zürcher Kunstfreunde, 1956.

Herr Rüfenacht, Jubiläen bergen die Gefahr der Geschichtsklitterung. Auch die Ausstellung Reformation schlägt den Bogen von der Reformation zu Demokratie und künstlerischer Innovativität. Es entsteht der Eindruck, dass mit der Reformation gestern und der Demokratie heute alles prima läuft. Ist das nicht etwas unkritisch?

Rüfenacht Ich hoffe nicht, dass dieser Eindruck entsteht. Es gab immer wieder Versuche, die Ursprünge der Demokratie in der Geschichte zu verorten. Das Ereignis der Reformation spielt in der Historienmalerei eine wichtige Rolle. Doch ist dieses Thema nur eines unter anderen, das meine Ausstellung behandelt. Reformation ist für mich vor allem das Transportmittel, um von Veränderung zu sprechen. Ich glaube, ja fordere, dass jede Betrachterin ein Interesse an der Gegenwart mitbringt. Die Fragen, der Bruch, die Kritik, so hoffe ich sehr, kommen dann von alleine.

Susanne Leuenberger ist Redaktorin bei bref.
Oliver Demont ist Redaktionsleiter bei bref. 
Die Fotografin Annick Ramp lebt in Zürich.

Der Kunsthistoriker Andreas Rüfenacht, 35, studierte an der Universität Bern. Zu seinen Spezialgebieten gehören unter anderem die Kunst des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit, Frömmigkeitsgeschichte und Konfessionalisierung sowie Sammlungs- und Museumsgeschichte. Neben der kommenden Ausstellung Bilderwahl! Reformation im Kunsthaus Zürich war er 2016 Teil des Kuratorenteams der Ausstellungen Söldner, Bilderstürmer, Totentänzer — mit Niklaus Manuel durch die Zeit der Reformation im Bernischen Historischen Museum und Archäologien des Heils. Das Christusbild im 15. und 16.Jahrhundert im Kunstmuseum Basel.

Der Kurator Philippe Büttner, 56, ist seit 2011 für die grosse Sammlung des Kunsthauses Zürich verantwortlich. Sein Fachwissen reicht von der Kunst des Mittelalters über jene der klassischen Moderne bis zur zeitgenössischen Kunst. 2016 kuratierte er die Kunsthausausstellung zu Alberto Giacometti. Vor seinem Engagement im Kunsthaus Zürich war Büttner als Kurator in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel tätig. su