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Autor: Tobias Haberl
Freitag, 18. Dezember 2020

Wenn ich wissen will, ob es am Nachmittag regnet, schaue ich nicht auf mein Handy, sondern in den Himmel. Natürlich liege ich manchmal daneben, aber das finde ich nicht schlimm – ist ja nur Wasser. Manche finden mich deswegen altmodisch, andere sagen, ich sei bockig oder rührend, auf jeden Fall ein Auslaufmodell. Die Wahrheit ist: Ich möchte nicht jeden Aspekt meines Lebens digitalisieren, lieber hole ich mir nasse Haare, als reibungsfrei und geheimnislos durchs Leben zu gleiten. In der Stunde meines Todes möchte ich nicht darüber nachdenken, warum ich Jahre meines Lebens auf ein Display geglotzt habe. Und überhaupt möchte ich kein praktisches, sondern ein tiefes, ein wahrhaftiges Leben.

Ich war also skeptisch, als mir jemand Soultime empfahl, eine – sagen wir mal: christlich angehauchte – App zum Beten und Meditieren, zur Angst- und Stressreduktion. Trotzdem las ich ein paar Kommentare im Netz: «Ich liebe diese App», schreibt eine Frau namens Heather, «sie hilft mir dabei, mir Fragen zu stellen, auf die ich von selbst nie gekommen wäre. Sie bringt mich zu einem Ort, an dem ich mich selbst, aber auch Gott erfahren kann.» Eine Userin namens Saphire Rose schreibt: «Diese App ist so ästhetisch. Die Stimmen sind angenehm. Diese App ist ein Anker für meine Seele.»

Danach war ich noch misstrauischer. Die Kommentare klangen, als wären sie direkt aus der Marketingabteilung von Soultime ins Netz gewandert. Mich selbst erfahren? Ich musste an Gerhard Polt denken. Der hat mal gesagt, dass er auf gar keinen Fall sein wahres Selbst suche, weil er es dann womöglich noch finde, und dann habe er den Salat. Ich habe ohnehin nur zwei Apps auf meinem Handy, Whatsapp und Tennis Temple, und jetzt sollte ich Geld für eine dritte zahlen, um Gott näherzukommen?

Eigentlich wäre die Geschichte an diesem Punkt zu Ende, aber dann erzählte ich der Frau, die ich liebe, davon, und die meinte, ich solle doch einmal im Leben meine Skepsis beiseitelassen und der Sache eine Chance geben, danach könne ich immer noch schimpfen, nur halt mit besseren Argumenten. Ich dachte eine Weile nach und warf einen Blick auf die Soultime-Homepage. Dort steht, dass 500 000 Christen auf der ganzen Welt die App heruntergeladen hätten, ausserdem findet sich ein Video des Erzbischofs von Canterbury, Justin Welby, der die App empfiehlt, um eine innigere Beziehung zu Jesus Christus aufzubauen.

App-Entwickler als Werkzeug Gottes

Seit ich denken kann, bete ich morgens, mittags, abends. Dann versuche ich für ein paar Minuten mit meinen Gedanken die Wirklichkeit zu verlassen, um eine Art geistigen Raum zu kreieren, in dem ich zu Gott sprechen kann. Das klappt nicht immer, aber das ist nicht tragisch, weil ich daran glaube, dass Gott mich trotzdem hört. Und jetzt also eine Software zum Beten? Ein von Programmierern entwickelter kostenpflichtiger Datensatz, um Gott zu erfahren? «Wenn Gott in einem Baum oder einem Vogel sein kann», sagte die Frau, die ich liebe, «dann auch in einer App.» Ja selbst wenn es den Soultime- Gründern nur darum gehe, mit leichtgläubigen Menschen Geld zu verdienen, schlösse das noch lange nicht aus, dass Gott sie als Werkzeug einsetzte, um seine Liebe wahr werden zu lassen.

«Freunde fragen mich manchmal, was mich im 21. Jahrhundert am Glauben fasziniert. Ich sage dann immer: dass Gott sich nicht aufdrängt.»
Tobias Haberl

Es hat eine Weile gedauert, bis ich die App auf dem Telefon hatte. Mein Handy hat wenig Speicherplatz, ich musste ein paar Fotos und Videos opfern, um Soultime installieren zu können. Als ich sie zum ersten Mal anklicke, erscheint ein Panoramabild auf meinem Display: eine aufgehende Sonne, ein rosa Wolkenmeer, leuchtende Berge, ein Bild der Hoffnung, gefolgt von einer Aufforderung oder einem Versprechen, so genau kann man das nicht sagen: «Grow with Soultime.»

Nun kann ich meine Ziele definieren, indem ich unter etlichen Optionen die anklicke, die mir passend erscheinen: Schlaf verbessern, Ängste reduzieren, Selbstwertgefühl steigern, mich besser verstehen lernen, christlich meditieren, spirituell wachsen. Und das ist der Moment, in dem ich mich zum ersten Mal veralbert fühle, weil ich einfach nicht glaube, dass ein Programmierer, der am anderen Ende der Welt vor einem Computer hockt, meine Ängste, die ich selbst nicht verstehe, beurteilen oder beseitigen kann. Aber ich wollte ja offen sein, klicke sämtliche Optionen an, abonniere die App für knapp 10 Euro im Monat – und vergesse sie erst mal.

Als Mensch, der es nicht gewohnt ist, sich von Apps bei der Lebensbewältigung unterstützen zu lassen, habe ich Soultime tagelang nicht auf dem Schirm. Ich bereue auch mein Abo nicht, ich denke überhaupt nicht daran. Die Begrüssungsmail – «Willkommen bei Soultime! Wir sind wirklich aufgeregt, dass du dich uns angeschlossen hast» – entdecke ich ebenso mit Verspätung wie das zweite Mail mit dem Betreff «Time to meditate», mit der sich Mark von Soultime mit Meditationstipps meldet: Manchmal sei es nicht leicht, zur Ruhe zu kommen, manche meditierten am liebsten morgens, andere abends, natürlich könne ich mich von Soultime an meine tägliche Meditation erinnern lassen. Von nun an bekomme ich alle paar Tage ein Mail von Soultime, in der mir etwas vorgeschlagen oder angeboten wird. Zum Beispiel liesse sich mit Hilfe der App ein Tagebuch führen, in dem ich meine Gedanken zur Bibel­lektüre zusammenfassen könne. Ich entscheide mich dagegen.

Gott drängt sich nicht auf

Eines Abends – seit dem Download der App sind über zwei Wochen vergangen – klicke ich meine erste Meditation an. Ich bin verzweifelt, weil ich wieder mal keinen Schlaf finde und der Wecker drei Uhr morgens zeigt: Ich liege also im Dunkeln und lausche, als mir eine tatsächlich angenehme Stimme vorschlägt, ein paar tiefe Atemzüge zu nehmen, zur Ruhe zu kommen und mich ganz auf Gott zu konzentrieren. Das Ganze dauert drei Minuten. Ich bleibe bis zum Ende dabei, werde tatsächlich ruhiger und versuche mir Gott vorzustellen, als Licht, als alles umspülende Kraft, als reine Liebe. Irgendwann schlafe ich ein.

In den folgenden Tagen klicke ich die App immer wieder mal an, mache eine der Drei-Minuten-Meditationen oder lese einen Bibelspruch («Siehe, ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst, und bringe dich zurück in dieses Land. Denn ich verlasse dich nicht, bis ich vollbringe, was ich dir versprochen habe»), eine Routine aber entsteht nicht. Dafür fühle ich mich zu bedrängt, dafür komme ich mir zu sehr wie ein Kunde und zu wenig wie ein Kind Gottes vor. Einmal klicke ich eine Einschlafmusik mit dem Titel «God Gives Us Dreams» an und werde darüber informiert, dass ich ein Premium-Abo abschliessen muss, um alle Funktionen der App benutzen zu können.

Freunde fragen mich manchmal, was mich im 21. Jahrhundert am Glauben fasziniert. Ich sage dann immer: dass Gott sich nicht aufdrängt. Dass er so viel Geduld und alle Zeit der Welt hat, um auf mich zu warten. Dass es nie zu spät ist, ja dass es eigentlich nicht möglich ist, ihn zu verpassen, wenn man ihm wirklich begegnen will. Wer einmal ein paar Tage in einem Kloster verbracht hat, wird überrascht sein, welches Gefühl sich am heftigsten einstellt: Es ist das Gefühl, nicht belästigt zu werden, und zwar ausgerechnet an einem Ort der Entsagung und des Gehorsams. Das Gefühl, zu nichts verlockt, überredet oder gedrängt zu werden. Und es zählt zu den deprimierenden Erfahrungen, festzustellen, dass wir mittlerweile so abhängig davon sind, permanent unterhalten und bedrängt zu werden, dass einem etwas fehlt, ja dass man sich anfangs existenziell verlassen fühlt, wenn man für ein paar Tage einfach nur in Ruhe gelassen wird.

Soultime ist das Gegenteil dieser Klostererfahrung. Soultime bietet 50 Prozent Ermässigung für ein Jahresabo. Soultime lässt einen nicht in Ruhe und ruft sich in Erinnerung, ständig wird man angeschrieben oder aufgemuntert: «Good job, Tobias! Du hast sechs Meditationsminuten auf deinem Konto.» Offenbar ist das Soultime-Team darum bemüht, keine Kunden zu verlieren, denn bei sechs Minuten Meditation in drei Wochen kann von einem guten Job nicht die Rede sein.

«Von der App fühle ich mich bedrängt. Ich komme mir zu sehr wie ein Kunde und zu wenig wie ein Kind Gottes vor.»

Tobias Haberl

Mal werde ich aufgefordert, Freunde einzuladen, dann wieder, meine Stimmungslage analysieren zu lassen, man habe da einen sogenannten Mood-Checker im Programm, mit dem ich meine emotionale, soziale und spirituelle Intelligenz steigern könne.

Wieder kann ich auswählen: Wie geht es mir mit mir selbst? Mit anderen? Mit Gott? Bin ich eher ängstlich, glücklich, geduldig, unsicher, hoffnungsvoll, friedlich, selbstbewusst, gestresst? Ich horche in mich hinein, bin natürlich alles auf einmal, warte gespannt auf die Auswertung und werde darüber informiert, dass ich mindestens zwei weitere Tests absolvieren müsse, um meine Stimmungslage seriös bewerten lassen zu können.

Hoffnungslos analog

Nach mehreren Wochen beschliesse ich, die App aus meinem Handy zu löschen. Ich bin nicht enttäuscht, weil ich nichts erwartet hatte; beziehungsweise, weil ich genau das erwartet hatte, was ich bekommen habe. Ich kann mir vorstellen, dass es Menschen gibt, die sich von Soultime inspirieren und vielleicht sogar zu Gott führen lassen. Ganz sicher gibt es Menschen, für die diese App ein Halt, ein Trost oder Begleiter ist, mein Weg aber, das spüre ich deutlich, ist ein anderer. Ich brauche keine App, um mit Gott in Kontakt zu treten. Ich habe meine Wege, meine Orte, meine Rituale.

Wenn ich beten will, gehe ich in die Kirche am Ende der Strasse, wenn ich schöne Musik hören will, lege ich eine CD auf, wenn ich Gottes Wort hören will, gehe ich rüber ins Arbeitszimmer, da liegt eine Bibel, ich muss sie nur aufschlagen. Was soll ich sagen? Ich bin offenbar hoffnungslos analog, und manchmal habe ich das Gefühl, als würde uns die digitale Welt lauter kostenpflichtige Dinge anbieten, die uns zuvor abhandengekommen sind.

«Gut möglich, dass Menschen, die in einer digitalisierten Welt aufwachsen, andere Wege zu Gott finden werden. Wege, die mir verschlossen sind.»

Tobias Haberl

Als Christ, der in den achtziger Jahren im Bayerischen Wald mit der einfachen Frömmigkeit der Landbevölkerung aufgewachsen ist, bleibt mir die Logik dieser App fremd. Wer weiss, ob ich ihr jemals eine echte Chance gegeben habe? Der Bruch zwischen meiner Sehnsucht und dem, was mir diese App bieten kann, ist zu gross und am Ende unüberwindbar.

Es mag altmodisch klingen, aber ich fühle mich vom Glauben am überzeugendsten in einem Gottesdienst oder in der Natur belebt; wenn Gott in der Eucharistie gegenwärtig ist, im Orgelspiel, im Weihrauch oder aber: im Gebirge, in einem Wald, einem weiten Himmel. Gut möglich, dass Menschen, die in einer digitalisierten Welt gross werden, diesen Bruch nicht empfinden, dass sie nicht wissen, wovon ich spreche, wenn ich sage, dass ich mich in meinem Glauben nicht als User oder Abonnent fühlen möchte. Gut möglich auch, dass sie andere Wege zu Gott finden werden, die mir verschlossen sind.

Um im 21. Jahrhundert eine Gotteserfahrung zu machen, da bin ich ganz sicher, braucht es keine App, keine Keyboardklänge, keine angenehme Stimme, kein Displaybild einer aufgehenden Sonne, zumindest nicht notwendigerweise: Wir wissen aus den Evangelien, dass Jesus immer wieder einsame Nächte auf dem Berg verbracht hat, um mit seinem Vater zu sprechen. «Wir wissen, dass sein Reden, sein Wort aus dem Schweigen kommt und nur dort reifen konnte», hat der emeritierte Papst Benedikt XVI. mal geschrieben. So sei es einleuchtend, dass sein Wort nur verstanden werden könne, wenn man auch in sein Schweigen mit eintrete; wenn man lerne, es von seinem Schweigen her zu hören.

Und deswegen glaube ich, dass wir brauchen, was uns dauervernetzten zeitgemässen Menschen am schwersten fällt: die Stille. Es braucht Momente, in denen nichts passiert, in denen alles schweigt, in denen nichts läuft, lädt, vibriert und klingelt, damit etwas aufbrechen kann, ein Raum, vielleicht auch nur ein Spalt, der sich uns öffnet für eine Erfahrung, die wir noch nicht kennen.

Tobias Haberl schreibt für das Magazin der «Süddeutschen Zeitung» in München.

ILLUSTRATION: CHRISTINE RÖSCH