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Autorin: Vanessa Materla
Freitag, 13. September 2019

Judas klettert auf ein grosses Holzkreuz. Vier Meter ist es hoch. Neunzig Kilo schwer. Er legt seine ausgestreckten Arme jeweils rechts und links in eine Halterung. Von vorne sieht es so aus, als durchbohrten die massiven Eisennägel direkt seine Pulsadern. Er stellt sich auf seine Zehenspitzen und schafft es gerade noch, mit weissen Turnschuhen die Fussstützen zu erreichen. Judas grinst. «Passt perfekt!»

Vor einigen Monaten wäre Judas, der eigentlich Céngiz Görür heisst, niemals auf die Idee gekommen, sich in der Requisite der Oberammergauer Passionsspiele zum Schein kreuzigen zu lassen. Doch als er in dem Raum steht, in dem das grosse Kreuz eingelagert ist, umringt von Schneiderpuppen mit Kostümen und Fotos vergangener Auftritte an den Wänden, muss er es einfach ausprobieren. Nur zum Spass. Nur um zu schauen, ob er gross genug wäre für die Kreuzattrappe. Wäre er.

Früher hat Görür seine Freizeit nicht im Theater verbracht. Viel wahrscheinlicher wäre es gewesen, den 19jährigen beim Wandern im Ammergebirge zu treffen. Oder am Staffelsee mit seinen Freunden. Vielleicht hätte er auch schon angefangen, sich auf sein Fachabitur vorzubereiten. Stattdessen bekam er sein Kreuz: seine Rolle als Judas in den Oberammergauer Passionsspielen.

Vor 386 Jahren haben die Bewohner Oberammergaus ein Versprechen abgelegt: Wenn die Pest das Dorf von nun an verschonen werde, würden die Oberammergauer alle 10 Jahre die Passionsgeschichte Jesu aufführen. Bis zu jenem Tag waren 84 Menschen an der Pest gestorben – nach dem Gelübde keiner mehr. 2020 werden die Festspiele zum 42. Mal aufgeführt. Mitspielen darf derjenige, der in Oberammergau geboren ist oder seit zwanzig Jahren dort lebt. Niemals zuvor in der Tradition der Spiele war es einem Muslim erlaubt, eine der Hauptrollen zu besetzen. Céngiz Görür ist der erste.

Glaube als Problem

5000 Menschen wohnen in dem von Bergketten umsäumten Dorf. Rund fünfzehn Prozent von ihnen sind nicht in Deutschland geboren oder haben zusätzlich einen anderen Pass. Céngiz Görür, der Judas am Requisitenkreuz, ist keiner von ihnen: Seine Familie lebt in der dritten Generation in Oberbayern, er selbst hat nie in einer anderen Stadt gelebt als in dem Puppenhausdorf Oberammergau. Seine Haare sind blond, seine Augen blau. Wenn er lächelt, zeichnen sich feine Grübchen in seinen Wangen ab. Einmal in der Woche liefert er Pizza aus und hilft seinem Vater in dessen Hotel. Die Dorfbewohner nennen ihn «unseren Céngiz».

Doch an dem Tag im Herbst 2018, als der Regisseur der Festspiele bekanntgab, dass Görür in der Tradition des Ortes eine entscheidende Rolle spielen würde, war er auf einmal keiner mehr von ihnen. Zumindest nicht für alle. Er könne das Dorf nicht repräsentieren, hiess es zum Beispiel von den Freien Wählern des Dorfes oder der kleinen konservativen Oberammergauer Bürgerinitiative B.I.O., die derzeit mit drei Mitgliedern im örtlichen Gemeinderat vertreten ist. Dem Regisseur der Pas­sionsspiele, Christian Stückl, warfen die Kritiker unter anderem vor, er würde die Rollen frei nach seinem Willen besetzen und nicht den Gemeinderat mit in seine Entscheidung einbeziehen, wie es früher der Brauch war. Die Besetzung der Hauptrollen nennen sie «einen Schlag ins Gesicht» vieler Oberammergauer.

Diejenigen, die Görürs Besetzung als Provokation verstehen, wollen ihre Namen nicht gedruckt lesen. Man habe sich ja schon mit Görür abgefunden, und überhaupt: an sich habe man ja auch nichts gegen Muslime, sagt der Mann, der in der vierten Generation im Dorf lebt und sich dort selbständig gemacht hat. Doch dass einer von ihnen in einer Hauptrolle eines christlichen Thea­terstücks – ihres Theaterstücks – mitspiele, das sei unerhört. Vor allem auch für diejenigen, die sich an die Festspiele von 1990 erinnern, als zum ersten Mal ein Evangelischer eine Hauptrolle übernahm und der Dorfpfarrer deswegen den Weltuntergang prophezeite.

«Ich sehe den Religionsaspekt nicht so krass.» Céngiz Görür streicht behutsam über die Oberfläche des Holztisches, an dem die Darsteller der Passionsspiele seit zweihundert Jahren das Abendmahl feiern. Er wisse, warum die Passion aufgeführt werde. Doch für ihn stehe dabei nicht der Glaube im Vordergrund, sondern die Gemeinschaft, die durch die Festlichkeiten im Dorf entstehe. Natürlich gehe er in die Moschee, natürlich glaube er an seine Propheten, sagt Görür. Aber in seinem Alltag nehme das keine besondere Stellung ein. «Ich bin mit deutschen und mit türkischen Kindern aufgewachsen. Für uns machte es nie einen Unterschied, wohin man zum Beten gegangen ist.»

Er hat den Holzhocker vorne rechts gewählt. Der Platz, den auch Judas im Stück einnehmen wird. Statt lange Gewänder aus Leinen trägt Görür heute eine Trainingsjacke und eine Kappe, um seine langen Haare darunter zu verstecken. Seit April darf er seinen Bart nicht mehr trimmen und seine Haare nicht mehr schneiden – eine Anweisung für alle Darsteller beim Passionsspiel 2020. Görür hält sich streng an die Vorschriften. Er würde niemandem den Anlass geben, ihn für sein Verhalten zu kritisieren. Oberammergau nennt er seine Heimat, sein Zuhause. Er könne sich nicht vorstellen, jemals aus dem Dorf wegzugehen, sagt er. «Die Leute hier sind sehr ausgeglichen, aber manche sind auch sehr konservativ. Ich lasse die denken, was sie wollen. Irgendwann werden sie sich schon abregen.»

Céngiz Görür hätte die Kritik persönlich nehmen und sich von den Gegenstimmen vereinzelter Dorfgruppen verunsichern lassen können. Doch diejenigen, die ihm halfen, die ihn unterstützten, waren entschlossener und lauter als seine wenigen Kritiker. Seine Familie aus der Türkei, die muslimische Gemeinde, seine Mitschüler, die Oberammergauer Nachbarn: Auch Wochen nach seiner Besetzung bekommt Görür von ihnen Mut zugesprochen, Lob und Glückwünsche dafür, dass er 2020 eine der begehrtesten Rollen der Passion spielen darf. Selbst Jesus ist sein Fürsprecher. «Das Dorf steht hinter ihm, und das ändert auch eine Handvoll Eigenbrötler nicht», sagt Frederik Mayet. Er ist der Pressesprecher der Passionsspiele und übernimmt 2020 zum zweiten Mal die Rolle des Jesus. Für ihn sei Céngiz Görür ein Naturtalent und seine Besetzung in einer Hauptrolle nur logisch. Er kenne niemanden, der sich heute noch über Görür beschweren würde.

Céngiz werde es in der Rolle als Judas allen zeigen, davon ist sein Vater Erol Görür überzeugt. «Und dann wird in Oberammergau wirklich keiner mehr was gegen ihn sagen.»

Erol Görür nennt die wenigen, die die Rollenbesetzung kritisiert haben, «Querulanten». Der Vater von Céngiz lebt seit knapp fünfzig Jahren in Oberammergau. Er kennt die Eigenheiten und Vorurteile der Ureingesessenen gut. Als 15jähriger hat er selbst als Junge im Volk mitspielen dürfen. Keiner habe sich damals über seine Besetzung beschwert. «In der Rolle war ich aber auch einer von vielen, da bin ich nicht aufgefallen.» Sein Sohn dagegen wird sehr auffallen.

 Im Gegensatz zu Céngiz kann Erol Görür die Kritik nicht einfach weglächeln. «Die Alteingesessenen sagen, dass die Passionsspiele von den Oberammergauern für die Oberammergauer sind. Dass nur die Einheimischen und die hier Geborenen mitmachen dürfen. Céngiz ist hier geboren, aber sein Glaube ist für die ein Problem. Da muss ich erst noch lernen, drüber hinwegzusehen.»

Schiller und Ibsen? Kein Problem für Céngiz

Man könnte meinen, Erol Görür hätte alles dafür getan, um nicht als Ausländer aufzufallen: Er spricht lupenreines Oberbayerisch und arbeitet, wie die meisten Oberammergauer auch, daran, das Dorf für Touristen noch attraktiver zu machen. Er führt ein Hotel mit Restaurant, den Ammergauer Hof. Gelb gestrichen mit weissem Holzbalkon ist es das erste Hotel am Ortseingang. Erol Görür hat sich an die oberbayerische Dorfgemeinschaft angepasst; nur ein kleines bisschen türkische Tradition hat er sich erhalten: Im Gegensatz zu den zahlreichen weiteren Restaurants bietet der Ammergauer Hof auch türkische Spezia­litäten an.

Das Schild, das Döner und Lahmacun anpreist, steht etwas versteckt neben dem Eingang. Ob er das Gefühl habe, im Dorf auch Türke sein zu können? «Wir sind nicht zum Beten nach Deutschland gekommen, sondern um zu arbeiten und unser Lebensding hier zu erfüllen.» Was er genau damit meint, sagt Görür nicht. In der Rolle von Céngiz sieht er die Möglichkeit, dass sich die Familie noch mehr im Ort einbringen kann. «Vielleicht sagen die Kritiker nach den Spielen, wie toll das ist, dass Céngiz so gut integriert ist. Oder: ‹Toll, die sind ja gar keine Gastarbeiter oder Ausländer mehr, sondern Oberammergauer.›» Céngiz werde es allen zeigen, davon ist Erol Görür überzeugt. «Und dann wird wirklich keiner mehr was gegen ihn sagen.»

Wenn Céngiz Görür über die Bühne des Passionstheaters läuft, ist sein Gang aufrecht, sind seine Schritte bestimmt. Er schüttelt sich die Haare aus den Augen, die ihm schon weit ins Gesicht fallen, richtet seine Kappe neu. Die 4800 Plätze, die sich im kommenden Sommer bis auf den letzten Holzstuhl füllen werden, machen ihn nicht nervös. Es ist kalt und zugig unter dem Baldachin aus Holz, der die Freiluftbühne nur sporadisch vor schlechtem Wetter schützen könnte. Es riecht nach Kiefern und Sägespänen. Ein Schreiner im Blaumann trägt lange Holzlatten über die Bühne zu seiner Kreissäge. Schon vor Monaten haben die Vorbereitungen für die grossen Festspiele begonnen. «Hallo!» ­Céngiz Görür hebt die Hand, um den Arbeiter zu grüssen. Nicken, lächeln, ein «Servus» zurück.

Ganz gleich auf wen Görür trifft, er ist immer derjenige, der zuerst grüsst. Er würde nie eine Gelegenheit auslassen, um freundlich und zuvorkommend zu sein. Wenn andere reden, schaut er ihnen direkt in die Augen. Hundert Prozent Aufmerksamkeit. Wenn er spricht, betont er jede Silbe. Jedes Wort spricht er sehr deutlich aus. Fast so, als wolle er seine Sprache durch keinerlei Dialekt färben – weder durch einen türkischen noch durch einen bayerischen.

Im Frühjahr erhielt Céngiz ein Paket geschickt – ohne Absender und ohne Notiz. Darin lag ein Buch, das von der Biografie von Judas und seiner Beziehung zu Jesus handelt.

Als Kind, erzählt er, habe er seine Freunde und Mitschüler oft gefragt, wie man dieses oder jenes Wort richtig ausspreche. Görür sagt: «Ich bin modern, da hat man keinen Dialekt mehr.» Aber auch: «Ich will als Türke nicht auffallen.» Immer der Deutschtürke zu sein, der zwar zu seinen Wurzeln und seiner Religion steht, doch auch darauf bedacht ist, dass Aussenstehende diese nicht auf den ersten Blick bemerken, scheint die anstrengendere Rolle zu sein als die des Judas.

 

Am Ende war es eben diese Anstrengung, sich perfekt ausdrücken zu können, die ihm 2016 seine erste Rolle verschafft hat: Rücken an Rücken sass er mit Passionsspiele-Regisseur Christian Stückl in einem Eiscafé. Görür unterhielt sich mit seiner Mutter, die aus der Türkei zu Besuch war. Auch sie lebte früher in Oberammergau; nach der Trennung von Görürs Vater zog sie aber zurück in die Heimat. Görür und seine Mutter sprechen deutsch miteinander, wenn sie in der Öffentlichkeit sind. An diesem Sommertag vor drei Jahren hörte ihnen Stückl zu. Auch er wurde in Oberammergau geboren und lebt seit Jahren dort.

Céngiz Görür kannte er vom Sehen, doch als er ihn an diesem Tag sprechen hörte, änderte sich das Bild, das er von ihm hatte: Nach fünfzehn Minuten Vorsprechen auf der grossen Bühne der Passionsspiele sah der Regisseur in Görür nicht mehr den Jungen aus der Nachbarschaft, sondern das grosse Schauspieltalent. Hauptrollen in zwei seiner Inszenierungen folgten: Schiller und Ibsen? Kein Problem für den dazumal 16jährigen. Für Stückl war schon damals klar, dass Görür 2020 eine der Hauptrollen spielen würde. «Céngiz hätte auch als Johannes funktioniert oder als einer der anderen Jünger. Aber er ist einfach ein verdammt guter Schauspieler, also sollte er auch die grössere Rolle spielen.»

«Natürlich habe ich Diskussionen über die Besetzung erwartet», sagt Stückl. «Es gibt immer Leute im Dorf, die das Stück in seinen Wurzeln gefährdet sehen.» Der Regisseur inszeniert die Festspiele bereits zum vierten Mal – und jedes Mal wurde er für seine Entscheidungen kritisiert. Er hat dafür gesorgt, dass sich das Stück von Jahrzehnt zu Jahrzehnt modernisiert. Dass die antisemitischen Passagen aus der Zeit des Nationalsozialismus aus dem Text entfernt wurden. Dass verheiratete Frauen mitspielen durften, was bis 1990 verboten war. 2020 werden zum ersten Mal mehr Frauen als Männer auf der Bühne stehen – ein kleines Wunder, denn die Bibelgeschichte ist nun mal sehr männlich. Es sei ihm wichtig, dass die Passionsspiele die ganze Gesellschaft Oberammergaus abbildeten, sagt Stückl.

Die Rolle Jesus als letzter Integrationsakt

Céngiz Görür will sich so gut wie möglich mit der Rolle des Judas Iskariot auseinandersetzen. Dazu passend hat ihm im Frühjahr ein Unbekannter ein Paket geschickt – ohne Absender und ohne Notiz. Darin lag ein Buch, das von der Biografie von Judas und seiner Beziehung zu Jesus handelt. Ob es ihm in der Absicht geschickt wurde, zu erklären, wie die christliche Religion funktioniert, weiss er nicht. «Ich glaube schon, dass es etwas damit zu tun haben könnte, dass ich Muslim bin. Aber ich finde es schön, dass mich die Leute bei der Vorbereitung unterstützen wollen.»

Wenn er über seine Auslegung der Rolle nachdenke, dann komme er zu dem Schluss, dass Judas für ihn kein Verräter gewesen sei – «nicht für die dreissig Silberschilling!» –, viel eher ein verprellter Freund, der sich von Jesus abwandte, als er sich in seiner Freundschaft nicht mehr bestätigt fühlte. Dass auch Regisseur Christian Stückl exakt diese Formulierung nutzt, wenn er gefragt wird, ob die Rollenvergabe an Görür – den Muslim, der die Rolle des Verräters Judas spielen soll – eine bewusste Provokation sei, sei ihm noch nie aufgefallen.

Die Möglichkeit, eine begehrte Hauptrolle bei der Passion zu spielen, sei für ihn eine grossartige Chance, klar. Auch, dass er sich gegen so viele andere Bewerber durchsetzen konnte, freue ihn. Aber darum gehe es ihm eigentlich nicht. «Ich finde es toll, dass ich anderen helfen kann, das Stück aufzuführen. Und dass die Tradition weitergeführt wird.» Seinen Vater im Alter unterstützen und dessen Hotel übernehmen stünde für ihn weit vor dem Wunschtraum einer grossen Karriere als Schauspieler. Sollte er dennoch 2030 die Rolle des Jesus bekommen – Regisseur Stückl schliesst diese Möglichkeit nicht aus –, dann würde es ihm wohl nicht schwerfallen, sich auch in diese Rolle einzuarbeiten.

Wenn Céngiz Görür heute Essen ausliefert, dann wird er immer häufiger mit seinem Rollennamen angesprochen. Dann ist er Judas, der die Pizza bringt. Céngiz Görür ist bereit, nächstes Jahr den grossen Verräter zu spielen. In zehn Jahren dann, bei den 43. Festspielen, könnte er wieder mal aufs Kreuz klettern. Doch diesmal nicht nur zum Spass, sondern weil die Kreuzigung zu seiner Rolle gehören würde. Dann wäre er Céngiz Görür, der erste Oberammergauer, der vom Judas zum Jesus wurde.

Vanessa Materla hat Deutsche Literatur und Geschichte in Konstanz, München und Norwegen studiert und ist derzeit Schülerin an der Deutschen Journalistenschule in München.
Der Fotograf Florian Generotzky lebt in München.