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Autorin: Antje Schupp
Illustration: Jannis Pätzold
Freitag, 15. Mai 2020

Als Kind machte mir nichts Angst. Ich war ein biss­chen wie der Protagonist aus Grimms Märchen, der auszog, das Fürchten zu lernen: Meine Schwester wollte nicht allein zuhause bleiben? Ich fragte genervt, wo denn das Problem sei! Man erzählte mir Geschichten von Kindern, die sich im dunklen Keller fürchteten? Ich begriff nicht, weshalb!

Heute denke ich öfters an meine kindliche Furchtlosigkeit zurück, wenn angesichts der Coronakrise vor zu viel Angst­macherei und Panikmache gewarnt wird. Auch kirchliche Kreise stimmen gerne in den Kanon derjenigen ein, die dazu aufrufen, der Pandemie ohne Furcht entgegenzutreten, mit Zuversicht, dass alles gut wird, und fordern mehr Gottvertrauen.

So auch der Jesuitenpater Klaus Mertes. Gerade religiösen Menschen stünde mehr Gelassenheit gut an, schrieb er am 24. April in einem Kommentar auf katholisch.de, der in den Social Media nun die Runde macht. Der Pater kritisiert, dass wir «das Sterben zum absoluten Feind erklärt» hätten und «mit Tunnelblick auf den täglichen Todes- und Infektionsticker vor dem Tod kapitulieren» würden.

Margot Kässmann, noch immer prominentes Aushängeschild des Protestantismus, stösst in ein ähnliches Horn. «Im Moment sind viele Menschen in ihrem Denken das erste Mal mit dem Gedanken konfrontiert, auch ich könnte sterben», sagte sie Ende April in einem Radiointerview auf Deutschlandfunk. Doch, gab sie zu bedenken: «Vor dem Tod kann der Staat uns nicht schützen.»

Ich fürchte, da muss ich Kässmann etwas widersprechen. So ist die relative Zahl der Verstorbenen in Ländern, die aus Angst vor einer exponentiellen Ausbreitung frühzeitig auf den neuen Virus reagiert haben, um ein Vielfaches niedriger als dort, wo erst einmal wochenlang verharmlost und verzögert wurde. Der Staat kann also sehr wohl Leben retten, wenn auch sicher nicht alle.

Doch scheint mir ein weiterer Aspekt der Diskussion bedenkenswert. Kontaktsperren und Ladenschliessungen, die Leben retten, haben ihren Preis, besonders in ökonomischer Hinsicht. Der texanische Vizegouverneur Dan Patrick hat deshalb vorgeschlagen, dass alte Menschen für ihre Kinder und Enkel und eine gesunde Wirtschaft das Risiko eines Covid-19-Todes eingehen sollten, statt Schutzmassnahmen zu fordern. Es gebe schliesslich «Schlimmeres, als zu sterben».

Die Aussage mag im ersten Moment verblüffen, doch macht sie deutlich, dass sich die sonst bloss theoretische Frage nach dem Wert des Lebens – und mit ihr diejenige, wie schlimm der Tod eines Menschen ist – mit der Corona-Pandemie nun sehr konkret stellt.

So viel vorweg: Christliche Auferstehungshoffnungen und der Gedanke an ein «Leben danach» spielen in der Debatte um den Preis eines Lebens so gut wie keine Rolle. Es geht viel öfter um nutzenorientierte Abwägungen: Zukünftiger wirtschaftlicher Schaden wird gegen heutige Risikominderung aufgerechnet und das Leiden von Erkrankten gegen soziale Spätfolgen von Lockdown-Massnahmen ins Feld geführt.

Dabei tritt die vielbeschworene Gelassenheit im Angesicht des Todes vor allem als statistisches Argument in Erscheinung; die Relativierung des Todes vollzieht sich nicht auf indi­vidueller, sondern auf kollektiver Ebene. Hochrechnungen sollen belegen, dass die Wahrscheinlichkeit, zu sterben, gar nicht so hoch sei. So bekommen wir in Diagrammen vor Augen geführt, dass Autounfälle gefährlicher als der Virus seien und es wohl nur bestimmte «Risikogruppen» seien, die sich ernsthaft sorgen müssten.

Falsche Glorifizierung des Todes

Viel wird heute mit Zahlen hantiert, um den Tod zu relativieren. Doch für das eigene Sterben bieten Statistiken keinen Trost – sowenig wie es der Gedanke an Gottes Wille tut. Wenn heute jemand tatsächlich stirbt, geben sich die wenigsten mit der Erkenntnis zufrieden, dass Gott sich dabei schon etwas gedacht haben muss. Im Gegenteil, viele Betroffene reagieren allergisch auf solche Beschwichtigungsversuche. Wo früher von Ange­hörigen und Sterbenden erwartet wurde, dass sie sich gott­ergeben in ihr Schicksal fügen, verlangen Menschen heute, dass ihr Kummer und das Leiden, das der Tod mit sich bringt, ernstgenommen wird. Ich finde, zu Recht.

Der entschiedene Wille, unnötiges Sterben zu vermeiden, ist von säkularen Gesellschaften gegen die Religionen erkämpft worden; allzu lange sind diese nachsichtig mit unnötigen Toden umgegangen. Unzählige Male wurde der Verweis auf Gottes unergründliche Wege dazu missbraucht, weltliche Ungerechtigkeiten schönzureden oder sogar zu rechtfertigen. Mit Verweis auf ein Jenseits haben Religionen die Tragik und Sinnlosigkeit diesseitigen Leidens kaschiert. Wenn es nach dem Mainstream früherer christlicher Theologen ge­gangen wäre, hätten wir bis heute keine Chirurgie und keine moderne Medizin.

Ohne Zweifel gab es schon immer Theologen, die der christlichen Glorifizierung des Todes eine bedingungslose «Ehrfurcht vor dem Leben» entgegenstellten, wie es Albert Schweitzer tat. Doch bis heute gefährden religiöse Gruppie­rungen mit ihrer Diesseitsverachtung das Leben anderer. Fassungslos machen mich etwa Berichte über Massenveranstaltungen evangelikaler Gruppierungen in Südkorea und Brasilien, bei denen sich Tausende von Menschen mit Corona angesteckt haben müssen und den Virus weiterverbreiteten. Nicht zu sprechen von orthodoxen Gemeinden in Griechenland, die jegliche Hygienebedenken in den Wind schlagen, wenn sie auch gegenwärtig bei ihren Abendmahlfeiern einen einzigen Silberlöffel in den Mund nehmen – im blinden Glauben daran, dass Gott sie vor einer Infektion schütze. Zum Glück wird diese tod­bringende Fahrlässigkeit heute in säkularen Gesellschaften nicht mehr toleriert.

Auch im Wissen darum, dass wir eines Tages alle sterben werden, können wir viel dafür tun, dass dieser Tag nicht heute ist. Antje Schrupp

Dieser Tage kommt mir öfters der wunderbare «Peanuts»-Cartoon in den Sinn, in dem Charlie Brown mit seinem Hund Snoopy am See sitzt und sagt: «Eines Tages werden wir alle sterben.» Und Snoopy antwortet: «Stimmt, aber an allen anderen Tagen nicht.» Das ist kein billiger Optimismus. Auch im Wissen darum, dass wir irgendwann alle sterben werden, können wir viel dafür tun, dass das nicht heute ist. Denn auch wenn es eine Grenze dessen gibt, was uns Menschen möglich ist, und auch wenn wir diese Grenze klugerweise akzeptieren, ist das keine Ausrede dafür, unsere Bemühungen um das Leben auch nur einen einzigen Millimeter vor dieser Grenze einzustellen.

Keine Frage, man kann mit guten Gründen unterschied­licher Ansicht darüber sein, ob man im Umgang mit der Corona-Pandemie das Leben einzelner als absoluten Wert ansehen sollte oder ob nicht auch Zahlen zählen. Nicht zuletzt darum, weil eine zusammenbrechende Ökonomie am Ende gar mehr Menschenleben fordern könnte. Doch «Gottvertrauen» hat weder in der einen noch in der anderen Argumentation etwas verloren.

Es sollte eigentlich klar geworden sein, dass mir das Vertrauen auf Gott geradezu suspekt ist – gerade weil ich Christin bin. Zwar weiss auch ich darum, dass Jesus sagte, wir sollten «sein wie die Lilien auf dem Felde, die sich nicht sorgen und doch von ihrem himmlischen Vater versorgt werden». Doch in der Folge wurde Sorglosigkeit nicht selten für Christen und Christinnen zu einem Imperativ. Sich zu viele Sorgen zu machen steht unter dem Verdacht mangelnden Gottvertrauens: Wer sich zu viel sorgt, gilt als Griesgram, Spielverderberin, Spassbremse.

Privilegierte Wehleidigkeit

Wenn man den Begriff «Sorglosigkeit» ins Englische übersetzt, wird deutlich, was mich daran stört: Sorglosigkeit bedeutet auch «carelessness». Sich keine Sorgen zu machen kann eben auch heissen, sich nicht zu kümmern, nicht auf andere zu achten, die eigenen Bedürfnisse höher zu werten als die der Allgemeinheit oder der sogenannten Risikogruppen.

Diese Sorglosigkeit beobachte ich zurzeit immer wieder im Alltag. Da gibt es Mitmenschen, die sich gegängelt fühlen und darüber beschweren, dass sie sich beim Einkaufen eine Maske vor Mund und Nase binden müssen oder angehalten werden, regelmässig die Hände zu waschen. Andere zerfliessen in Tränen, weil ihr schickes Abendkleid für den Opernball nun ungenutzt im Schrank hängen bleibt.

Was die Stimmen, die Skandal schreien, vereint: Sie haben herzlich wenig Ahnung davon, was es bedeutet, in einer wirklichen Diktatur zu leben. So halten sie es bereits für Faschismus, wenn sie eine Zeitlang keine Fussballspiele besuchen können. Schon lange vor der Coronakrise hat die Rassismuskritikerin Noah Sow für ein Verhalten wie dieses den Begriff «PBV» verwendet, ein Kürzel für die von ihr diagnostizierte «privilegienbedingte Verweichlichung». Geht es nach Sow, so gewichten Menschen mit PBV den ungestörten Ablauf ihres eigenen Lebens höher als die Sorge um die Gemeinschaft und um die Schwächsten – dies, weil sie sich schlicht nicht vorstellen können, was es bedeutet, selber in eine existenziell wirklich prekäre Lage zu geraten.

Doch heute hängt das Wohlergehen aller davon ab, dass wir uns solidarisch zeigen und verantwortlich handeln. Privilegierte Wehleidigkeit ist da genauso fatal wie die unreflektierte Sorglosigkeit mancher Christinnen und Christen. Schlimmer noch, wo Unachtsamkeit und Selbstbezogenheit zusammenkommen, da ist es nicht mehr weit zur Querfront aus Verschwörungsanhängern, Antisemitinnen, Esoterikern, Impfgegnerinnen und Rechtsradikalen, die gerade gegen staatliche Anti-Pandemie-Massnahmen aufbegehrt.

Umso dringlicher erscheint mir, theologisch zwischen einer fahrlässig «unbekümmerten» Haltung und einem substanziellen Gottvertrauen zu unterscheiden – und eine deutliche Grenze zwischen beidem zu ziehen.

Denn es ist eben nicht so, dass wir einen Spagat hinbekommen müssten zwischen Zuversicht auf der einen und Vorsicht auf der anderen Seite. Es geht nicht um einen oft zitierten Mittelweg, eine Balance zwischen gegensätzlichen Optionen. Denn das Verhältnis von Gottvertrauen und Verantwortung ist kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-als-Auch. Will heissen: Wir brauchen so viel Gottvertrauen, wie wir kriegen können, und müssen gleichzeitig so verantwortlich und vorsorgend handeln, wie es uns nur irgend möglich ist.

Selbstlosigkeit ist immer freiwillig

Ich zweifle keine Sekunde daran, dass Gottvertrauen Menschen befähigt, über sich selbst hinauszuwachsen. So wie jene Priester in der Lombardei, die als Seelsorger an der Seite der Todkranken geblieben sind, obwohl sie wussten, dass sie sich mit ihrer Sorge um die Sterbenden in Lebensgefahr bringen: Über hundert von ihnen sind an Covid-19 gestorben.

Vor diesen selbstlosen Akten der Nächstenliebe ziehe ich den Hut, doch eine derartige Selbstaufopferung kann immer nur eine persönliche Entscheidung sein. Sie von anderen zu verlangen oder das auch nur als christliches Ideal nahezulegen ist schlicht verbrecherisch. In politischen Debatten über Massnahmen zum Umgang mit einer Pandemie haben solche Erwägungen nichts verloren; zumal wir in der Politik eben keine einzelnen Helden brauchen, die ihr Leben riskieren, sondern viele Menschen, die sich umeinander sorgen, die sich gemeinsam kümmern, die umsichtig handeln.

So hinterlässt auch der hilflose Applaus für Pflegekräfte und anderes medizinisches Personal bei mir ein schales Gefühl; nicht nur deshalb, weil er in eklatantem Widerspruch zu der geringen Bezahlung dieser Menschen steht, sondern auch, weil gar nicht klar ist, ob die Betreffenden überhaupt Heldinnen sein wollen. Vielleicht würden sie ihr Leben ja lieber nicht riskieren und haben Angst? Doch eine Option haben sie nicht. Und vielleicht wäre anstelle von Klatschen und Anfeuern sogar ein Trösten und Mitleiden die angemessenere Reaktion.

Heute weiss ich: Furcht ist nicht dumm, sie ist vielmehr ein Zeichen von Reife. So lernte auch ich irgendwann das Fürchten. Als ich zehn oder elf Jahre alt war, fuhr ich auf meinem Fahrrad mit gewohnter Waghalsigkeit eine Böschung hinunter, voller Vertrauen darauf, dass mir schon nichts passieren würde. Aber ich kam ins Schlingern, verlor komplett die Kontrolle über mein Fahrrad und wäre um ein Haar ganz böse gestürzt. Der Schock durchzog mich wie ein elektrischer Schlag. Zwar landete ich noch halbwegs milde in einem Gebüsch und zog mir ausser einigen Kratzern keine ernsthaften Verletzungen zu. Aber mir fuhr ein Schrecken durch Mark und Bein, den ich bis dahin nicht gekannt hatte.

Seither ist das unerschütterliche Selbstvertrauen, das mich bis dahin durchs Leben getragen hatte, verloren. Schade drum ist es nicht. Denn es war sowieso nur Unwissenheit. Die unbekümmerte Haltung eines Kindes, dem bis dahin die Fähigkeit abging, Gefahren richtig einzuschätzen und entsprechend zu handeln. So ähnlich ist es mit dem Gottvertrauen. Eine gesunde Portion Sorge ersetzt es nicht.

Antje Schrupp ist Publizistin und Politologin in Frankfurt am Main.
Der Illustrator Jannis Pätzold lebt in Berlin.