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Bilder: Ruben Hollinger
Freitag, 17. August 2018

Herr van Schaik, Sie haben die Bibel als «Tagebuch der Menschheit» gelesen. Wann führt der Mensch überhaupt Tagebuch?

Wenn er verwirrt ist. Wenn er sich etwas nicht erklären kann. Wenn er Hilfe braucht.

Führen Sie selbst Tagebuch?

Nein.

Normalerweise erforschen Sie Menschenaffen, jetzt haben Sie sich übergangslos dem Christentum zugewandt — wollen Sie uns damit etwas sagen?

Das war Zufall. Wie so vieles in der Evolution. Am Anfang war eigentlich nur ein Satz. Ich habe vor einigen Jahren einmal in meinem Buch über Orang-Utans erwähnt, dass die Erfindung der Landwirtschaft eine Art Rauswurf aus dem Paradies war. In einem Interview, das mein späterer Koautor Kai Michel mit mir führte, kamen wir darauf zu sprechen, dass man das ja tatsächlichen so aus der Genesis lesen kann. Zu unserer grossen Überraschung war dazu aus anthropologischer Sicht bisher kaum etwas geschrieben worden. Da haben wir uns angeschaut und gesagt: Tja, jetzt müssen wir eben gemeinsam die Bibel lesen. Und dann kam die zweite Überraschung: Unsere Hypothese, dass das Sesshaftwerden in der Bibel aufgearbeitet wurde, passte gut. Fast schon unheimlich gut.

Lassen Sie uns kurz bei den Menschenaffen bleiben, die Sie seit über vierzig Jahren erforschen. Was fasziniert Sie so an unseren Verwandten?

Als Anthropologe möchte ich verstehen, was wir eigentlich sind und wie wir dazu wurden. Welche Kräfte haben zur Menschwerdung geführt? Das untersuche ich an Menschenaffen. Wir müssen aber auch den Kern des Menschen erkennen. Was ihn im Innersten ausmacht. Dieser Kern ist durch die unglaublichen Veränderungen der neolithischen Revolution, als der Mensch sesshaft wurde, verschüttet worden. Die Lektüre der Bibel als Traumabewältigungs-Tagebuch hilft uns, ihn zu bergen.

Und, was ist der Mensch?

Ein aufrecht gehender Affe.

Das klingt ernüchternd.

Es kommt ja besser. Wir sind die Menschenaffenart, die angefangen hat, sich gegenseitig zu helfen. Nahrung zu teilen. Informationen zu teilen. Sprache zu entwickeln. Affeneltern lehren nicht aktiv, ihre Kinder schauen sich nur das Notwendige ab. Einzig wir Menschen geben Wissen aktiv weiter.

Und was ist unser Kern?

Die Kooperation. Für die Jäger und Sammler ist sie überlebensnotwendig.

Doch dann wird der Mensch plötzlich sesshaft und alles wird anders?

Genau, vor gut 12 000 Jahren. Das ist der Moment, in dem die kulturelle Evolution auf Höchstgeschwindigkeit schaltet …

…die uns zu Antibiotika und zur Raumfahrt geführt hat.

Aber auch zum Patriarchat, zu Eigentum und sozialer Ungleichheit.

Ein beachtlicher Werdegang.

Vollkommen irre. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Menschenaffen in ihrer Entwicklung eigentlich konservativ sind. Sie evolvieren so ein bisschen vor sich hin, sehen aber alle noch relativ ähnlich aus und verhalten sich auch so. Und dann kommt da dieser Zweig – wir –, und der biegt so radikal ab, dass man kaum noch an eine Verwandtschaft glauben kann. Die eigentliche Entwicklung Richtung Mensch fand ja erst in den vergangenen zwei Millionen Jahren statt. Da ging es plötzlich ab – und das verschärft sich mit dem Sesshaftwerden noch um ein Vielfaches.

Um den Zustand vor dieser Entwicklung — dem «Sündenfall» der Sesshaftigkeit — besser zu verstehen, haben Sie insgesamt neun Jahre lang Orang-Utans in den Urwäldern Sumatras und Borneos beobachtet. Wie sah Ihr Alltag dort aus?

Das schwierigste war das Aufstehen in der Frühe. Wenn es um sechs Uhr hell wurde, mussten wir um fünf Uhr aufbrechen. Der Affe musste ja noch schlafen. Doch morgens war der Wald noch etwas fremd und feindselig. Da tappte man manchmal schläfrig mit der Stirnlampe durch den Sumpf und sah plötzlich frische Tigerspuren vor sich. Dann war man mit einem Schlag hellwach. Das war besser als Kaffee. Aber sobald wir am Nest waren, war das alles vergessen. Dann begann der Tag, wir lauschten der festen Reihenfolge, mit der sich die Tiere zu Wort meldeten, und waren die nächsten zwölf Stunden beschäftigt.

Eine stete Übung im Beobachten?

Und in Geduld. Ich habe den Eindruck, der neuen Generation fällt das schwerer.

Hat diese Zeit im Wald spirituelle Züge für Sie?

Unbedingt.

Und religiöse?

Tja, das kommt auf die Definition an. Als Wissenschaftler redet man darüber nicht so gern. Der Chemiker will sich auch nicht sagen hören: In meinem Labor fühle ich mich wie im Himmel.

Aber eigentlich ist es so?

Ja. Im Dschungel muss ich mich für meine Umwelt ganz öffnen. Nach ein paar Tagen läuft das vollkommen unbewusst: Ich höre alles, sehe alles, rieche alles. Dann fühle ich mich als Teil von etwas. Am Morgen ist der Wald noch kurz feindlich, aber am Abend denke ich: Tiger, du kannst ruhig kommen, das ist auch mein Wald. Das ist schon eine spirituelle Erfahrung.

Sprechen Sie mit Kollegen über solche Erfahrungen?

Die indonesischen Kollegen vor Ort kennen das. Einer war Sufi, der sprach viel von seiner Ehrfurcht vor der Schöpfung. Bei mir ist das nicht religiös, aber das Gefühl überlappt sich in weiten Teilen.

Für den Kirchgang sind Affen zu einzelgängerisch. Bislang habe ich keine Hinweise auf Religion bei Tieren finden können.

Haben Sie je religiöses Verhalten bei Menschenaffen beobachtet?

Gehen Orang-Utans sonntags in die Kirche? Für den Kirchgang sind sie zu einzelgängerisch. Bislang habe ich keine Hinweise auf Religion bei Tieren finden können. Das heisst aber nicht, dass es das nicht gibt.

Und wie halten’s die Jäger und Sammler mit der Religion?

Da sieht es genauso aus. Die glauben nicht an eine göttliche Bestimmung des Lebens. Die sind eben da.

Dennoch empfinden sie die Dinge als beseelt, begreifen ihre Umwelt meist animistisch.

Klar, aber eben nicht moralisierend. Was wir heute Religion nennen, ist eine kulturelle Entwicklung. Ob man diese als Erfindung oder Entdeckung begreift, muss jeder für sich selbst entscheiden. Alle modernen Menschen haben diese Form der Religion, und alle Tiere haben sie nicht.

Sie haben eingangs die Rolle des Zufalls bei der Evolution angesprochen. Können Sie mit einer völligen Willkürlichkeit allen Weltgeschehens operieren?

Sicher, der Zufall ist am Werk. Aber er ist erklärbar. Nehmen wir die Evolution: Da sind diese Affen, die gehen irgendwann auf zwei Beinen. Dann kommt der Klimawandel – der Zufall – und treibt sie in die Savanne. Da müssen sie sich plötzlich gemeinsam vor Raubtieren verteidigen, weil es kaum mehr Bäume gibt. Sie bilden Rudel, jagen, haben auf einmal riesige Fleischmengen, lernen darüber das Teilen … und so weiter. Zufall – aber nach Gesetzmässigkeiten.

Diese Kausalketten erstrecken sich in Ihrer Forschung über einen Zeitraum von vielen Millionen Jahren. Die Quellenlage ist dementsprechend häufig dünn. Wie arbeiten Sie damit?

Wir rekonstruieren. Wir vergleichen und bauen darauf eine Theorie auf, die wir experimentell testen. Das ist solide, traditionelle Naturwissenschaft.

Diese betrachtet die Religion traditionell eher als Gegenspieler. Sie nennen den Monotheismus hingegen anerkennend «Genesis der Wissenschaft». Welches Verhältnis hatten Sie zur Bibel, bevor Sie an Ihrem Buch gearbeitet haben?

In Indonesien habe ich einen holländischen Missionar kennengelernt, einen Pastor. Der leitete dort eine Leprakolonie und widmete sein ganzes Leben der Hilfe für andere. Das hat mich tief beeindruckt. Seine Kraft schöpfte er aus dem Glauben. Das wollte ich verstehen. Bei ihm habe ich die Genesis und das Neue Testament gelesen. Leider ist der göttliche Funke aber nicht übergesprungen.

Jahre später haben Sie den Sündenfall dann neu gelesen.

Die Landwirtschaft als Strafe Gottes, genau. Wir glauben, dass die neolithische Revolution ein Schock für die Menschen war, den sie in Erzählungen aufarbeiten mussten. Die Bibel vereint diese Geschichten, bietet Erklärungen und Lösungen. Von diesem Gedanken ausgehend hat sich das Buch praktisch von selbst geschrieben.

Wenn Ihre Lesart so wunderbar passt, warum hat sie vorher noch keiner verfolgt?

Sie hat lange nicht in die Zeit gepasst. Bis vor rund 25 Jahren wurde Zivilisation sehr unkritisch betrachtet. Das Wort allein war schon ehrfurchterregend. Wäre die Zivilisation kein Fortschritt gewesen, hätte sie sich nicht durchgesetzt; ohne sie wären wir noch wilde Barbaren. So dachte man sehr lange.

Was stimmt daran nicht?

Heute wissen wir, dass mit der neolithischen Revolution eine ganze Reihe von Problemen entstanden ist. Die Viehhaltung führte zu verheerenden Seuchen und brachte uns Krankheiten, mit denen wir uns heute noch herumschlagen. Die Sterblichkeit stieg an, die Lebenserwartung sank, der Gesundheitszustand verschlechterte sich. Das weiss man erst seit wenigen Jahrzehnten. Bis dahin galt die Zivilisation als reine Erfolgsgeschichte.

In diesem Sinne deuten Sie den Sündenfall im Paradies nicht als Vertrauensbruch, sondern als Beschreibung eines Eigentumsdelikts.

Gott hatte im Paradies nur ein Gebot erlassen: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen. Es ist doch bezeichnend, dass gerade ein Vergehen am Eigentum als Ursünde präsentiert wird. Bei den Jägern und Sammlern gehörte ein Baum dem, der von ihm isst. Eigentum ist eine Folge der Sesshaftigkeit. Ein Teil von uns empfindet das noch immer als ungerecht.

Was ist mit der unmittelbaren Folge der Vertreibung, dem Fluch für Eva: «Ich will dir Mühsal schaffen, wenn du schwanger bist; unter Mühen sollst du Kinder gebären»?

In der Bibel steht nichts von gewöhnlichen Schmerzen, wie denen eines gebrochenen Arms. Wohl aber von den Schmerzen der Geburt. Wir schliessen daraus, dass dies kein Phänomen ist, das schon immer da gewesen ist. In der Tat haben wir keine Anzeichen für solche Probleme bei Jägerinnen und Sammlerinnen. Doch mit der Sesshaftigkeit wurden die Frauen kleiner, bei gleichbleibender Kopfgrösse der Neugeborenen. Ausserdem verschlechterte sich der Gesundheitszustand der Menschen; der Tag wurde statt gehend eher sitzend und kniend verbracht. Das hatte Auswirkungen auf den Geburtskanal. Wir sehen, dass die Kindersterblichkeit mit der Sesshaftigkeit massiv gestiegen ist.

In Ihrem Buch erwähnen Sie häufig, wie gut jede Erzählung in die Gesamtdramaturgie und zu Ihrer Interpretation passt. Die 613 Gebote der Thora beschreiben Sie als «genial verpackte Hausordnung der Menschheit». Macht es Sie nicht stutzig, dass alles so wundersam zueinander passen soll? Immerhin ist die Bibel das Produkt Hunderter Autoren, die über einen Zeitraum von über tausend Jahren daran geschrieben haben.

Ich weiss, aber ich kann ja auch nichts dafür. Es passt einfach. Wir nennen die Genesis unseren Katastrophenkatalog. Wenn wir eine Liste mit allem machen, was wir aus der Entwicklung der Landwirtschaft und ihren Folgen wissen und damit dieses Buch lesen, können wir überall einen Haken setzen.

In der Genesis werden alle Probleme aufgelistet, die durch die Sesshaftigkeit entstanden sind: Krankheit, Ungleichheit, Krieg. Ein Katastrophenkatalog.

Da werden alle Probleme aufgelistet, die durch die Sesshaftigkeit entstanden sind: Krankheit, Ungleichheit, Krieg. Und wenn wir dann die weiteren vier Bücher Mose lesen – wir nennen sie das kulturelle Schutzsystem –, dann begegnen wir wieder den gleichen Problemen. Diesmal mit den nötigen Bewältigungsstrategien, sie aus der Welt zu räumen. Es ist alles drin. Es ist eigentlich zu gut.

Wie erklären Sie sich diese Stringenz? Die Hauptredaktion der Texte fand im babylonischen Exil statt. Dort hatten die Israeliten weitaus drängendere Sorgen als die Sesshaftigkeit. Wie kann da eine knapp 10 000 Jahre alte Entwicklung noch so prägend sein?

Das ist ja ein Prozess, der sich über viele Jahrtausende hingezogen hat. Die Israeliten haben die Texte ja auch nicht neu geschrieben, sondern auf ältere Erzählungen zurückgegriffen, die zum Teil schon sehr lange mündlich überliefert wurden. Und die grössten Umwälzungen kamen erst durch die intensive Landwirtschaft mit Pflug und Ochsen; dieser Aspekt kommt in unserem Buch etwas zu kurz. Dann kommt die Sklaverei, das Patriarchat, furchtbare Könige, Kriege. Da sind wir schon um 3000 oder 2000 vor Christus, mancherorts noch später. Dann ist die Lücke gar nicht mehr so gross. Dazu kommt: Vor 2000 Jahren lebte noch die Hälfte aller Menschen als Jäger und Sammler.

Gut zweieinhalb Millionen Jahre war der Mensch in kleinen Gruppen durch die Lande gezogen, hatte Früchte gesammelt und Tiere gejagt. Doch dann wurde er — aus heutiger Sicht plötzlich — sesshaft. Er begann Felder zu bestellen, Kornspeicher anzulegen, Vieh zu domestizieren. Die neolithische Revolution vor über 10000 Jahren war wohl die radikalste Veränderung menschlicher Lebensgewohnheiten. Lange Zeit hielt man die im Fruchtbaren Halbmond entstandene Sesshaftigkeit für ein reines Erfolgsmodell. Dem widerspricht die heutige Forschung. Der Pulitzer-PreisTräger Jared Diamond nennt die neolithische Revolution gar den «schlimmsten Fehler der Menschheit». Dieser Spur folgen der Evolutionsbiologe Carel van Schaik und der Historiker Kai Michel, indem sie die Heilige Schrift neu lesen: nicht als Wort Gottes, sondern als Tagebuch der Menschheit. In den faszinierenden, oft rätselhaften, teils widersprüchlichen Geschichten der Thora und des Neuen Testaments zeichnen sie die Spuren eines traumatischen Umbruchs nach und präsentieren die Bibel als Evolutionsprotokoll des Homo sapiens. hfr

Carel van Schaik

Die Umbruchserfahrungen waren für die Autoren teilweise noch sichtbar?

Ja, die schwirrten da noch überall herum. Vieles mussten die Bibelautoren auch gar nicht historisch deuten, es hat sich einfach falsch angefühlt. Raffgierige, herrschsüchtige und brutale Despoten widersprachen schlicht ihrem angeborenen Moralverständnis. Das haben sie als Bestrafung wahrgenommen. Dazu braucht es kein weiteres Wissen.

Sie beschreiben da ein grundsätzliches und angeborenes Gefühl, das sich über Jahrmillionen entwickelt hat und sich noch am Leben der Jäger und Sammler orientiert. Sie nennen das «die erste Natur». Man könnte auch Bauchgefühl dazu sagen. Welche Rolle spielt es heute noch?

Es ist in erster Linie da. Sehr viele Leute haben dieses Gefühl. Ich will nicht sagen, dass es nur eine Ursache hat, aber wohl, dass es uns noch immer stark beeinflusst. Es geht Kai Michel und mir um das sogenannte Mismatch-Phänomen. Unsere Psyche ist noch nicht auf die Gegenwart mit Eigentum und grosser sozialer Ungleichheit eingestellt. Wir hängen noch nach und fühlen uns wie in einer falschen Welt.

Wenn es damals schon so viel Unwohlsein und Ratlosigkeit gab, warum tritt uns dann in den Büchern Mose ein strafender Gott entgegen? Warum kein tröstender?

Ein zorniger Gott macht Schreckliches erklärbar. Schöne Ereignisse nehmen wir gerne hin, da brauchen wir keine Erklärungen. Die Logik ist einfach: Wir erleben eine Katastrophe; Gott hat sie gemacht, weil er wütend ist; er ist wütend, weil wir uns falsch verhalten haben; daraus leiten wir ein Gebot ab. Die Bibel als Vorsorge-Leitfaden. Eine Protowissenschaft.

Mittlerweile können wir vieles besser erklären und erforschen. Hat die Bibel als Vorwissenschaft damit ausgedient?

Die Religion hat sich über die Zeit sehr gewandelt. Es gab und gibt in allerlei landwirtschaftlichen Gesellschaften Animismus und Polytheismus. Mancherorts hat sich der Monotheismus entwickelt – als eher technisches Erklärungsmodell. Die ersten Bücher des Alten Testaments kann man als Hausordnung der Schöpfung lesen. Spiritualität findet man darin nicht, dafür muss man auf die Psalmen warten. Die Funktion der Religion ändert sich ständig. Nehmen Sie die Kontingenzbewältigung, die man gerne als Wurzel der Religion heranzieht. Unserer Meinung nach ist diese Einschränkung des Risikos, enttäuscht zu werden, erst ein Erbe des Monotheismus. Sehen Sie sich nur den Umgang mit dem Tod an. Das Konzept der postumen Bestrafung oder die Unterscheidung in Himmel und Hölle, das sind superspäte Hinzufügungen in der Bibel. Das Fegefeuer ist sogar nachbiblisch. Viele Indigene sind hingegen der Auffassung, dass ihre Seele nach dem Tod schlicht auf die andere Seite übertritt. No big deal. Wenn man stirbt, geht man halt rüber. Da gibt es keine Kontingenz zu bewältigen.

Der niederländische Zoologe und Anthropologe Carolus Philippus «Carel» van Schaik, 65, ergründet die Menschwerdung. Seit über vier Jahrzehnten erforscht er das Verhalten von Affen. Zu Beginn in den Urwäldern Sumatras und Borneos, später als Professor an der Duke University in Durham und seit 2004 als Professor und Direktor des Instituts und des Museums für Anthropologie der Universität Zürich, der Heimat einiger Weissbüschelaffen. Im Sommer 2018 wird er emeritiert. Doch nach Ruhestand ist ihm auch nach 588 Publikationen noch nicht zumute. Er hat bereits eine Idee für sein nächstes Buch: das Verhältnis der Geschlechter, eine Abrechnung mit dem Biologismus seiner Zunft. hfr

Die Umbruchserfahrungen waren für die Autoren teilweise noch sichtbar?

Ja, die schwirrten da noch überall herum. Vieles mussten die Bibelautoren auch gar nicht historisch deuten, es hat sich einfach falsch angefühlt. Raffgierige, herrschsüchtige und brutale Despoten widersprachen schlicht ihrem angeborenen Moralverständnis. Das haben sie als Bestrafung wahrgenommen. Dazu braucht es kein weiteres Wissen.

Sie beschreiben da ein grundsätzliches und angeborenes Gefühl, das sich über Jahrmillionen entwickelt hat und sich noch am Leben der Jäger und Sammler orientiert. Sie nennen das «die erste Natur». Man könnte auch Bauchgefühl dazu sagen. Welche Rolle spielt es heute noch?

Es ist in erster Linie da. Sehr viele Leute haben dieses Gefühl. Ich will nicht sagen, dass es nur eine Ursache hat, aber wohl, dass es uns noch immer stark beeinflusst. Es geht Kai Michel und mir um das sogenannte Mismatch-Phänomen. Unsere Psyche ist noch nicht auf die Gegenwart mit Eigentum und grosser sozialer Ungleichheit eingestellt. Wir hängen noch nach und fühlen uns wie in einer falschen Welt.

Wenn es damals schon so viel Unwohlsein und Ratlosigkeit gab, warum tritt uns dann in den Büchern Mose ein strafender Gott entgegen? Warum kein tröstender?

Ein zorniger Gott macht Schreckliches erklärbar. Schöne Ereignisse nehmen wir gerne hin, da brauchen wir keine Erklärungen. Die Logik ist einfach: Wir erleben eine Katastrophe; Gott hat sie gemacht, weil er wütend ist; er ist wütend, weil wir uns falsch verhalten haben; daraus leiten wir ein Gebot ab. Die Bibel als Vorsorge-Leitfaden. Eine Protowissenschaft.

Mittlerweile können wir vieles besser erklären und erforschen. Hat die Bibel als Vorwissenschaft damit ausgedient?

Die Religion hat sich über die Zeit sehr gewandelt. Es gab und gibt in allerlei landwirtschaftlichen Gesellschaften Animismus und Polytheismus. Mancherorts hat sich der Monotheismus entwickelt – als eher technisches Erklärungsmodell. Die ersten Bücher des Alten Testaments kann man als Hausordnung der Schöpfung lesen. Spiritualität findet man darin nicht, dafür muss man auf die Psalmen warten. Die Funktion der Religion ändert sich ständig. Nehmen Sie die Kontingenzbewältigung, die man gerne als Wurzel der Religion heranzieht. Unserer Meinung nach ist diese Einschränkung des Risikos, enttäuscht zu werden, erst ein Erbe des Monotheismus. Sehen Sie sich nur den Umgang mit dem Tod an. Das Konzept der postumen Bestrafung oder die Unterscheidung in Himmel und Hölle, das sind superspäte Hinzufügungen in der Bibel. Das Fegefeuer ist sogar nachbiblisch. Viele Indigene sind hingegen der Auffassung, dass ihre Seele nach dem Tod schlicht auf die andere Seite übertritt. No big deal. Wenn man stirbt, geht man halt rüber. Da gibt es keine Kontingenz zu bewältigen.

Welche Passage der Bibel hat Sie am meisten bewegt?

Vielleicht die, wo die Pharisäer Jesus eine Ehebrecherin vorführen, um sie zu steinigen. Jesus hört sich die Geschichte scheinbar teilnahmslos an, spielt mit einem Stöckchen im Sand und antwortet dann lapidar: Klar, steinigt sie ruhig, «wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie». Man kann förmlich spüren, wie alle Umstehenden betreten murmeln und von einem Bein aufs andere treten. Grossartig.

Was lesen Sie darin?

Vergebung. Interne Solidarität, Zusammenhalt. Man könnte sagen, die Jesusbewegung war eine Art Jäger und Sammler 2.0. Die haben – ohne es zu wissen – diesen Lebensstil und diese gesellschaftliche Ordnung wiederentdeckt. Da verschaffte sich die erste Natur der Menschen ihr Recht. Deshalb berührt die Geschichte ja auch mich als nichtreligiösen Menschen. Versöhnung ist sehr wichtig für die Jäger und Sammler, denn sie können es sich in kleinen Gruppen schlicht nicht leisten, Mitglieder bei mässigen Vergehen zu verstossen. Sie müssen sich zusammenraufen.

Ihre Beschreibung unserer nomadischen Vorfahren klingt romantisch, nach einem sozialistischen Paradies. Schwingt da eine Sehnsucht mit? Wünschen Sie den Aufstand der Jägerklasse? Haben Sie heimlich ein anti-neolithisches Manifest verfasst?

Nein, auf keinen Fall! Das Leben innerhalb der Gruppe war zwar wunderbar, aber im Umgang mit anderen konnte es auch zu tödlichen Auseinandersetzungen kommen. Vor allem wenn man nicht die gleiche Sprache sprach. Ausserdem haben wir in den westlichen Industrieländern heute einen Wohlstand, der tausendfach über dem damaligen liegt, und eine Gesellschaftsstruktur, die gar nicht mal so weit davon entfernt ist.

Und was ist mit der Ursünde, dem Problem des Eigentums? Das kann man heute nicht gerade als gelöst betrachten.

Eigentlich sollte das Steuersystem allzu grosse Unterschiede verhindern. Im Alten und im Neuen Testament wurde übermässiger Reichtum übrigens konsequent verdammt. Da meldet sich die egalitäre Jäger-und-Sammler-Seele, unsere erste Natur. Umso verblüffender, dass auf Basis der Bibel dann mit der Kirche die wohl reichste Institution dieses Planeten entstehen konnte.

Würden Sie, wenn Sie einen Wunsch frei hätten, die Menschheit ins vorlandwirtschaftliche Zeitalter zurückversetzen?

Als Ferien sicher gerne. Aber auf Dauer leben wir hier und heute besser, finde ich. Nicht in Bezug auf Krankheiten und Lebenserwartung, das war damals vielleicht sogar besser, aber in Bezug auf Bequemlichkeit sicher. Ich lebe in einer Gesellschaft, die mich freistellt, um Fragen wie diesen nachzugehen. Das ist doch toll. Wir organisieren uns in vielen westlichen Industrieländern weitgehend demokratisch. Wir haben hier keine furchtbaren Despoten mehr, keine Sklaverei, kaum Patriarchat. Eigentlich lebt es sich heute in der Schweiz oder in Deutschland noch paradiesischer als zu Zeiten der Jäger und Sammler.

Dennoch haben Sie bei Ihrem Wunsch eben gezögert …

Stimmt. Aber das ist ein rein emotionaler Zugang. Ich muss zugeben, dass ich mich als Teil der Kleingruppe im Regenwald sehr aufgehoben und glücklich gefühlt habe. Aber wichtiger ist doch: Wie können wir dieses Aufgehobensein in der sozialen Vernetzung der Jetztzeit zurückbekommen – ohne dass alle wieder arm werden müssen? Das wäre doch schön.

Der Religionswissenschaftler Holger Fröhlich ist Redaktor bei brand eins und freier Journalist. Er lebt in Hamburg.
Der Fotograf Ruben Hollinger lebt in Bern.

Carel van Schaik, Kai Michel: Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere Evolution verrät. Rowohlt, Reinbek 2016; 576 Seiten; 39 Franken