Herr Blume, Sie glauben, dass in allen Menschen eine Veranlagung steckt, religiös zu sein, und bezeichnen uns deshalb sogar als Homo religiosus. Wie kommen Sie darauf?
Wir Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass in uns Menschen eine einfache kognitive Grundlage steckt. Wir nennen sie eine Überwahrnehmung von Wesenhaftigkeit. Das heisst, Menschen erkennen in jeder gebogenen Linie und zwei Punkten ein Gesicht. Diesem Wesen ordnen wir automatisch zu, ob es uns anlächelt oder grimmig ansieht. Das System funktioniert schon bei kleinen Kindern. Im Zweifelsfall wird jedes komplexe Nervensystem immer dazu tendieren, etwas für belebt zu halten.
«Ich bin evangelischer Christ, meine Frau ist Muslimin, wir haben drei Kinder. Der Glaube spielt bei uns seine Rolle, aber ich erlebe im Alltag eben auch die unterschiedlichen Zugänge zur höchsten Wahrheit.»
Warum ist das so?
Ganz einfach: Sollte sich uns ein Wesen nähern, das uns etwas sagen oder das etwas Böses will, ist es vorteilhafter, das gleich zu erkennen. So können wir schneller reagieren. Evolutionspsychologen sagen: Es ist zwanzigmal günstiger, einen Busch für einen Bären zu halten als einmal einen Bären für einen Busch. Und diese einfache kognitive Grundlage wurde zum Ursprung von religiösem und spirituellem Denken.
Wie entsteht daraus eine Religion?
Wir sehen Gesichter in Baumstämmen, in Wolken, in Büschen. Überall erkannten unsere Vorfahren etwas Wesenhaftes. Mit der Sprache entstanden dann auch die ersten Mythen dazu. Da sind Ahnen im Wald, Geister im Himmel. Das Wehen vom Wind in den Bäumen, das könnte die Grossmutter aus dem Jenseits sein. Die ersten Hinweise, dass Menschen Religionen lebten, haben wir aus den Totenbestattungen.
Die Mythen halfen also, mit dem Verlust, dem Tod fertig zu werden?
Ja, aber es ging auch darum, mit der Furcht vor den Ahnen Regeln in der Gemeinschaft durchzusetzen. In den sogenannten Sekundärbestattungen wurde zum Beispiel schon früh der Schädel Verstorbener mitgenommen, so dass sie buchstäblich Teil der Gemeinschaft blieben und damit immer auch schauten, ob sich auch ja alle an ihre Gebote hielten. Das war nicht nur beim Homo sapiens, sondern auch beim Homo neandertalensis so. Ich würde hier also dem Evolutionsforscher und studierten Theologen Charles Darwin recht geben, der darauf hinwies, dass Religion sehr früh auch angstvoll war. Die Vorstellung einer guten Gottheit, die die Welt regiert und uns Menschen liebt, hat eine sehr, sehr lange Entwicklungszeit gebraucht. Deswegen müssen Engel ihre Ansprachen so häufig mit «Fürchtet euch nicht» beginnen.
Verschreckt Sie das?
Nein. Man kann das, wenn man möchte, auch als eine sehr ermutigende Geschichte eines kulturellen Aufstiegs betrachten. Manche Theologen gehen davon aus, dass Gott durch die Evolution eine grosse Pilgerschaft des ganzen Lebens ausgelöst hat. Und am Ende kehren die Menschen zu ihm zurück. Aber das ist nun schon wieder Job der Theologen, das zu interpretieren.
Der Glaube an Übernatürliches ist also zunächst eine ganz normale evolutionäre Entwicklung. Heisst das denn nicht auch, dass Gott nur eine Illusion ist?
Evolutionsforschung kann Gott nicht beweisen, aber auch nicht widerlegen. Wir können nur sehen, wie die Religion evolutionär funktioniert. Gott existiert ganz klar zumindest in der Vorstellung von Menschen, als «soziale Tatsache», wie Émile Durkheim das nannte. Es gibt durchaus auch Forscherkollegen, die Gott als «nützliche Illusion» bezeichnen. Gemeint ist, dass Gott objektiv gesehen zwar nur in unserer Vorstellung existiert, dass er uns aber dennoch hilft.
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