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Autorin: Adriana Altaras
Freitag, 15. April 2016

 

Die Berliner Regisseurin Adriana Altaras outet sich in ihrem persönlichen Essay als Schweiz-Liebhaberin. Der Verklärung des schweizerisch-jüdischen Zusammenlebens hält sie trotzdem stand.

Ich liebe die Schweiz. Die Berge, die Seen und meistens auch die Bewohner. Um ehrlich zu sein: Ich verstehe sie kaum, denn mein Schweizerdeutsch ist miserabel. Es ist ein bisschen wie in der Synagoge, alles ist schön erleuchtet, und man versteht kein Wort. Das hat durchaus Vorteile, weniger Streit, weniger Missverständnisse.

Früher habe ich meine Schweizer jüdischen Freunde beneidet um ihre schöne, intakte Heimat, in die sie, ginge auch die ganze Welt drum herum entzwei, zurückkehren konnten (meine Heimat, Ex-Jugoslawien, hatte sich in viele Einzelteile aufgelöst).

Aber vor allem hatten sie, die aus Basel und Zürich stammten, zwar auch meschuggene Eltern, waren aber selbst lange nicht so traumatisiert wie wir, die wir aus dem Resteuropa kamen. Unsere Eltern hatten die absurdesten Überlebensgeschichten zu berichten, hatten knapp überlebt, und wir, ihre Kinder, hatten ihre Traumata übernommen. Der Holocaust war um die Schweiz herumspaziert. Wie auch der Krieg. Natürlich hatten Krieg und Holocaust auch in der Schweiz ihre Spuren hinterlassen, aber alles in allem schienen mir meine Freunde dort heiler.

Dany und Deborah, Etienne und Fabio machten grosse Augen, wenn ich ihnen von meinen Identitätskonflikten erzählte: Wie konnten meine Eltern nur in die BRD gehen? Was würde passieren, wenn ich einen deutschen Mann heiraten würde? War ich eine deutsche Jüdin? Oder eine jüdische Berlinerin?

Sie waren und sind vor allem Schweizer, und dann – ja, auch Juden.

Ob die anderen, die Nichtjuden, also die Gojim, das genauso sahen und sehen, ob sie nicht zuerst den Juden und dann den Schweizer in Dany und Deborah sehen, da bin ich mir nicht so sicher.

Im Unterengadin, meinem Schweizer Paradies, haben meine Söhne, kaum dass sie laufen konnten, Skifahren gelernt, am ersten August die Nationalhymne mitgeschmettert, im Herbst Pilze gesucht. Wir haben der rätoromanischen Weihnachtsmesse gelauscht und gehofft, etwas zu verstehen. Im Unterengadin kann man mit vielen italienisch sprechen, ohne in Italien zu sein. Eine Wucht! Mein Mann sang schon im Kirchenchor mit und hatte eigens ein Stück für die Blaskapelle des Dorfes komponiert. Der Kleinste wollte nicht mehr nach Hause, fast wäre er im Hochalpinen Institut Ftan zur Schule gegangen. Fast. Denn seit kurzem macht es die Schweiz auch deutschen Einwanderern nicht mehr so leicht, und die Deutschen beklagen sich ihrerseits über den zu starken Franken.

Aber «damals» gab es in Scuol ein heruntergekommenes Grandhotel, das von ein paar jüdischen Orthodoxen betrieben wurde. Wenn ich zufällig an den hohen Feiertagen dort war, bat ich um religiöses Asyl, auch wenn ich alles andere als streng religiös bin, betete einen Abend mit, philosophierte ob der Güte Gottes und ass glatt koscher.

Reto, der besonnenste Skilehrer, mehrsprachig und immer einen Scherz auf den Lippen, stutzte, als er erfuhr, dass wir Juden sind.

So wie die, die mit Perücke und Schläfenlocken Schlitten fahren? So wie die, die in Basel einen ganzen Stadtteil absperren? So was seid ihr auch? Sagte er, diesmal komplett humorfrei. Das hätte ich nie von euch gedacht. Wie kann man nur die Strassen absperren, am Freitag, und alle müssen drum herumfahren. Ein Volk, das Strassen, ganze Viertel absperrt, kann nicht gut sein.

Oha, dachte ich mir, Reto – da müssen wir nochmals ran.

Aber Reto, der im Sommer Bauer ist und auch Traktoren und Baumaschinen fährt, war nicht zu überzeugen. Ja, wir sind auch Juden, keine Orthodoxen, wie gesagt, denn mein Faible für Orthodoxie jeder Art ist sehr begrenzt, aber ja, wir sind Juden. Fünfundzwanzig Jahre kennen wir uns schon, und jetzt, Reto, plötzlich magst du uns nicht mehr? Natürlich, natürlich, das ist ein einmaliges Erlebnis, und der Rest der Schweiz denkt nicht so. Oder doch?

Aber wenn wir schon einmal dabei sind, was ist mit dem heiklen Thema: Schächten? Es fällt mir ausserordentlich schwer zu glauben, dass es einzig und allein um die Form des Tötens geht. Ob ein Kolbenschuss oder eine Spritze die armen Tiere sanfter entschlafen lässt, sei mal dahingestellt. Ist es nicht vor allem die Unsicherheit dem fremden, unbekannten Ritual gegenüber?

Familie Altaras mit Söhnen Lenny und Aaron 2009 beim Picknick auf dem Piz Clünas im Unterengadin.

Ich plädiere in diesem Fall für Vegetarismus, damit wird man dem Thema für beide Seiten grundlegend gerecht. Natürlich fällt mir dazu der alte Witz ein:

«Ich hätte gerne drei Scheiben von dem da.»

«Aber Moishe, das ist Parmaschinken!»

«Hab ich dich gefragt, wie der Fisch heisst?»

Wenn man den herrlichen Roman Melnitz von Charles Lewinsky liest – ich durfte ihn für das Kurtheater Baden inszenieren –, begreift man viel über das Zusammenleben von Schweizern und Juden. Der Roman hat 765 Seiten, mächtig lang; schon allein daran sieht man, dass das keine ganz einfache Sache sein kann, die Beziehung zwischen Schweizern und jüdischen Schweizern. Spät wurden den Juden Rechte zuerkannt, lange waren sie Aussenseiter. Ich bin nach Lengnau und Endingen gefahren, wo Schweizer Bauern und jüdische Viehhändler zusammen lebten, auch wenn sie zwei getrennte Haustüren brauchten, um ins selbe Haus zu kommen. Dort wird ein Jiddisch gesprochen, das nur Schweizer verstehen können. Ich finde, das zeigt, wie eng die Symbiose einmal gewesen sein muss. Vor allem waren sie alle miteinander arm.

Immer wieder läuft mir die Schweiz über den Weg, oder ich ihr?

Die letzten Wochen habe ich in Bern gearbeitet. Ein wunderschönes Städtchen; leider haben sie vergessen, die Häuser bunt anzumalen, weshalb ich mich in dem Labyrinth von graugrünbeigen Häusern bis zum Ende verlaufen habe. Dort im Kornhaus lief die Ausstellung: «Schweizer Juden – 150 Jahre Gleichberechtigung».

Sehr schöne Portraits von selbstbewussten Juden und Jüdinnen. Sie haben Politik, Wirtschaft und Kultur der letzten hundertfünfzig Jahre massgeblich mitgeprägt, heisst es. Dass dies extra erwähnt werden muss . . . aber ich will nicht mäkelig sein.

Während des Zweiten Weltkrieges, als anscheinend noch nicht so selbstbewusste Juden und Jüdinnen in der Schweiz lebten, kam es zu folgendem Zwiespalt. Um ihre wohl nicht ganz ungefährdete Position nicht zu verlieren, liessen sie sich in die Einwanderungspolitik einspannen. Halfen mit, dass nur ein bestimmtes, geringes Kontingent an jüdischen Flüchtlingen in die Schweiz durfte, der Rest wurde an der Grenze abgewiesen.

Keine sehr rühmliche Rolle, in die sie da hineingeraten waren, die auch zeigt, dass die Sorge um die eigene Stellung nicht unberechtigt war. Haben sie da eher als Schweizer oder noch mehr als bedrohte Juden gehandelt?

Ich masse mir kein Urteil an. Was hätte ich getan?, frage ich mich.

Mein Grossonkel Menahem hatte genug Bares, um kurzzeitig einzuwandern, später ist er nach Santiago de Chile weitergezogen. Dort fühlte er sich wohl willkommener.

Was weisst du denn von uns, den Schweizer Juden?, fragte gestern Jossi, er ist Zürcher Jude in der sechsten Generation.

Ich weiss nichts, ich schau ein bisschen von aussen drauf. Ich schaue auf eine Migros-Mitarbeiterin, die aus Korea stammt und ein perfektes Schwiizerdütsch spricht. Die Zögerlichkeit, mit der in Deutschland Integrationsarbeit gemacht wird, gibt es hier nicht.

Ich lese die Wahlappelle und frage mich, was der Unterschied ist zwischen einem kriminellen Schweizer und einem kriminellen Ausländer. Der eine kommt ins Gefängnis, der andere wird ausgewiesen? Wenn eine Horde Männer Frauen in die Enge treibt, gehören sie bestraft, ob sie aus Marokko kommen, aus Mecklenburg-Vorpommern oder aus dem Aargau.

Als meine Eltern aus Ex-Jugoslawien fliehen mussten, war 1964 ihre erste Station Zürich. Mein Vater arbeitete als Radiologe im Kantonsspital, wir wohnten in der Milchbuckstrasse. Aber es gelang ihnen nicht, Schweizer zu werden, bedauerlich. Ich wäre gerne Schweizerin. Vielleicht hat das mit dem Eindruck zu tun, dass es der Schweiz immer gelungen ist, die «grosse Geschichte», die Kriege, den Holocaust aussen vor zu lassen. Und währenddessen in aller Ruhe ihre eigene «kleine Geschichte» zu schreiben. Die heimliche, verschwiegene Geschichte, die gelegentlich an die Öffentlichkeit tritt – siehe das Nazigold in den tiefen Tresoren der Vergangenheit. Oder wer weiss schon, wie viele Diktatoren oder sonstige Formen von Unmenschen hinter den unzähligen anonymen Nummernkonten stehen?

Aber da wären auch die unzähligen bescheidenen Helfer der Schweizer Hilfsorganisationen. Was täten wir ohne sie? Ein kleines, aber komplexes Land!

Tja, wenn ich Schweizerin wäre . . .

Dass ich dort auch so offensiv wie in der BRD an der politischen Diskussion teilnehmen würde, glaube ich nicht. Ich wäre Schweizerin, und mein Judentum würde ich wahrscheinlich für mich behalten, meine Andersartigkeit verstecken oder dem moderaten Konsens anpassen. Denn wer will schon Ärger mit seinem Skilehrer?

Die Theaterregisseurin und Autorin Adriana Altaras wurde 1960 als Tochter jüdischer Partisanen im heutigen Kroatien geboren. Als Regisseurin inszenierte sie zahlreiche Sprech- und Musiktheaterstücke, zuletzt Giuseppe Verdis Ballo in mascera am Konzert Theater Bern. Altaras lebt und arbeitet in Berlin.