Sie hätten die Scheinwerferkegel eines Bootes gesehen, werden später jene aussagen, die überlebten. Und dass sie dachten, sie seien gerettet. Aber das Boot hätte wieder abgedreht.
In der Nacht vom 7. auf den 8. November 2020 ging bei der griechischen Küstenwache um 0.06 Uhr ein Notruf ein, so viel ist unstrittig. Ein Boot im Seegebiet nordöstlich der Insel Samos war gesichtet worden. Auf diesem Boot: 25 Geflüchtete.
Aadil Heydari, der in Wirklichkeit anders heisst, verliert in jener Nacht seinen fünfjährigen Sohn Yaqub, auch dessen Namen haben wir auf Heydaris Wunsch verfremdet. Seine Erlebnisse nach dem Unglück haben aus Heydari einen misstrauischen Menschen gemacht, der immer auf der Hut ist. Auch wenn er nach und nach Vertrauen zu uns fasst, kann es passieren, dass er bei Fragen plötzlich abblockt, argwöhnisch wird.
Im Jahr 2015, als das Bild des toten Flüchtlingsjungen Alan Kurdi am Strand um die Welt ging, nahm die Welt Anteil. Fünf Jahre später, als Aadil Heydari bei der Überfahrt nach Griechenland seinen Sohn verliert, gibt es keinen Aufschrei. Zwar gibt es auch von Aadil Heydaris Sohn ein Foto, darauf trägt das tote Kind eine schwarze Jacke, einen Pulli mit Robotermotiv, eine schwarze Hose und darüber die orangefarbene Rettungsweste mit einer grünen Pfeife am Reissverschluss. Aber dieses Foto, aufgenommen von der griechischen Küstenwache, geht in den Untersuchungsakten unter.
Vor Gericht wird es anderthalb Jahre nach der Unglücksnacht nicht um die Frage gehen, ob die griechische Küstenwache es zu verantworten hat, dass Yaqub ertrank. Sondern darum, ob Aadil Heydari, der Vater, für den Tod seines Sohnes verantwortlich ist. Heydari ist der erste Asylsuchende, der in Europa für den Tod seines Kindes angeklagt wurde – weil er es mit auf die Überfahrt nahm. Diese Anklage machte international Schlagzeilen. Wir haben Aadil Heydari lange gesucht, um zu erfahren, was aus ihm geworden ist.
Ein Flüchtlingsheim in Hessen. Eine Kleinstadt mit Fachwerkhäusern, China-Restaurant, Dönerbude. Wie Aadil Heydari trotz der Anklage nach Deutschland kam, ist eine weitere Episode in einer Geschichte voller unvorhergesehener Wendungen und Zufälle.
In einem gelblichen Haus mit grauen Fensterrahmen teilt sich Heydari ein kleines Zimmer mit einem weiteren Geflüchteten. Die Wände sind fast kahl, nur einige Blätter mit Deutschvokabeln hängen dort. Daneben eine Zeichnung mit Vögeln. Es braucht einige Besuche bei ihm, bis Heydari sagt: «Die liebte er. Also liebe ich sie für ihn.» Er, sein Sohn Yaqub. Er habe so gern beobachtet, wie Vögel ihre Flügel spreizten und davonflogen, wohin sie auch wollten.
Heydari ist ein schmaler Mann, kaum 1,60 Meter gross. Von weitem könnte man ihn für einen Jugendlichen halten. Aus der Nähe könnte er auch 40 sein. Ein Gesicht gezeichnet von mehr Falten, als für einen 27jährigen typisch wären, die Zähne abgerieben. Bis heute kann Aadil Heydari kaum über jene Nacht sprechen, in der er seinen Sohn verlor. Er sagt: «dieser Vorfall», oder: «diese Situation». Er spricht weder den Namen seines Kindes aus, noch benutzt er das Wort «Sohn». «Meine Reise ist eine traurige Reise», sagt er.
Kurz nach der Abfahrt habe der Schmuggler das Boot verlassen und einen Mitfahrer mit vorgehaltener Waffe gezwungen, das Boot zu steuern, sagt Heydari. Inzwischen ist das eine gängige Praxis.
Sie beginnt im November 2020 in Izmir, im Stadtteil Basmane, einem Ort in der Türkei, bekannt für die vielen Menschen dort, die nach Europa geschmuggelt werden wollen. Von Basmane werden er und sein Sohn in einem Van an die türkische Küste in der Nähe von Kuşadası gebracht. In den Abendstunden des 7. November 2020, so erinnert sich Heydari heute, steigen sie in ein Schlauchboot. Aadil Heydari hilft seinem Sohn, die Rettungsweste anzuziehen. Sie ist etwas zu gross und reicht dem Fünfjährigen vom Kinn bis zu den Knien.
Das Meer ist schwarz und ruhig, als sie abfahren. Die engste Meeresstelle zwischen der Türkei und der Insel Samos, ihrem Ziel, misst nur rund 1,6 Kilometer. Für Touristen dauert die Fährfahrt von Kuşadası bis zur griechischen Insel nicht länger als anderthalb Stunden. Heydari und sein Sohn werden für die Überfahrt mit dem Schlauchboot, für die Heydari 1000 Euro bezahlt hat, mehrere Stunden auf dem Wasser sein.
Kurz nach der Abfahrt habe der Schmuggler das Boot verlassen und einen Mitfahrer mit vorgehaltener Waffe gezwungen, das Boot zu steuern, sagt Heydari. Inzwischen ist das eine gängige Praxis: Nachdem die Schmuggler zunehmend von der griechischen Küstenwache aufgegriffen und zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden, steuern sie die Boote nicht mehr selbst, sondern zwingen nun die Flüchtenden dazu.
Erst ging der Sprit aus, dann kam die Welle
Um nachzuvollziehen, was in jener Nacht passiert ist, haben wir nicht nur mit Aadil Heydari, sondern auch mit mehreren anderen Überlebenden des Fluchtbootes gesprochen, zudem mit Mitarbeitern von Hilfsorganisationen, die Heydaris Fall kennen. Seine Anwälte gewährten Akteneinsicht, so dass wir auch Anklageschriften, Verhörprotokolle, Nachrichtenwechsel, Autopsieberichte und Untersuchungsakten sichten konnten.
Laut Zeugenaussagen erreicht das Schlauchboot, in dem Heydari, sein Sohn und 23 weitere Flüchtende sitzen, um 23.40 Uhr den nordöstlichen Zipfel von Samos. Das Kap Praso ist bekannt für seine steilen Hänge. Es ist so felsig, dass es für die Flüchtenden schwierig ist, eine Landestelle zu finden. Die See ist inzwischen rauh, der Wind tost.
Nur wenige Meter vom Land entfernt geht dem Boot der Sprit aus. Yaqub und Aadil hatten Angst, erzählt ein Mitfahrer. Eigentlich hätten sich alle auf dem Boot gefürchtet. Dann sei es von einer Welle erfasst worden. «Das Boot ist auf die Felsen geprallt und zerrissen, es hat sich mit Wasser gefüllt und ist gesunken. Ich weiss nicht mehr, ob ich gesprungen oder gefallen bin», sagt Aadil Heydari. «Plötzlich waren alle im Wasser. Vielleicht drei, vier Minuten. Ich erinnere mich nicht mehr genau.» Weinen, Schreie. Der Aufprall trennte den Vater von seinem Sohn.
Eine der nächsten Wellen schiebt Heydari in die Richtung eines Felsvorsprungs, von dort greift ein anderer Geflüchteter nach seinem Arm. «Einer hat mich rausgezogen.» Sobald er auf dem Felsvorsprung war, habe er sein Handy aus der Hosentasche gezogen. «Es war nass und ging nicht mehr. Ein anderer vom Boot hatte noch ein Telefon, das funktionierte, und ich habe geschrien: Ruf Hilfe! Mein Sohn ist noch im Wasser!» Er habe geschrien: «Wo ist mein Sohn?» Andere hätten gerufen: Wo ist meine Frau? Wo meine Mutter? Versucht man, Heydari genauer über diese Nacht zu befragen, steigen ihm Tränen in die Augen. «Können wir eine Pause machen, bitte?» fragt er mit gedämpfter Stimme.
«Hilfe, Hilfe!» ruft Heydari. Aber die Männer machen sich nicht zum Unglücksort auf. Stattdessen nehmen sie ihn und die anderen Geflüchteten fest.
«Nach einigen Minuten kam ein Boot. Es hat uns angeleuchtet und uns gesehen», sagt Heydari dann. «Aber es hat nichts gemacht.» Er glaubt, es waren zwei, drei Stunden insgesamt, in denen sie um Yaqub, seinen Sohn, und eine schwangere Frau bangten, die ebenfalls vermisst wurde. Heydari und andere Überlebende beschliessen damals schliesslich, über die Felsen ins Inselinnere zu klettern, um selbst Hilfe zu holen. Teile des Weges sind militärisches Sperrgebiet, Wald und Berge. Von der Spitze des Praso-Kaps bis zu einem Nonnenkloster, dem ersten Zeichen der Zivilisation, laufen sie etwa vier Stunden lang.
«Hilfe, Hilfe!» ruft Heydari auf Türkisch, als er plötzlich Männer in Uniformen sieht. Er läuft voraus, während sich die anderen hinter Büschen verkriechen. Er habe versucht, so erinnert sich Heydari, den Beamten der Küstenwache von dem Bootsunglück zu erzählen. Dass die Wellen ihn von seinem Kind getrennt haben, es dunkel war, er nicht weiss, wo sein Sohn jetzt ist. Aber die Männer hätten sich nicht mit ihm zum Unglücksort aufgemacht. Stattdessen nehmen sie die Geflüchteten fest.
Und so hockt Heydari hinter der verschlossenen Tür der Haftzelle bei der Hafenpolizei von Samos, zwei Matratzen auf dem Boden, kein Fenster, Licht sieht er nur durch den Türschlitz. Mit ihm in der Zelle ist ein weiterer Geflüchteter: Hasan. Er ist derjenige, der von den Schleppern gezwungen wurde, das Boot zu steuern. Zwei junge Männer, ihre Hände seien aufgerissen und blutig vom Überwinden der Felsen gewesen, sagt Heydari. «Sie haben uns keinen Arzt geschickt.»
Beide werden der illegalen Einreise beschuldigt. Hasan zudem des Menschenschmuggels, der «unerlaubten Beförderung von 24 Drittstaatsangehörigen in griechisches Hoheitsgebiet», mit den erschwerenden Umständen der «Gefährdung des Lebens in 23 Fällen». Wurden in Griechenland früher die Schlepper und später die Retter angeklagt, sind es inzwischen die Geflüchteten selbst. So wollen die griechischen Behörden Menschen von der Flucht abschrecken. Sie verurteilen Geflüchtete zu mehr als hundertjährigen Haftstrafen, die dann vermeldet werden, 142 Jahre, 146 Jahre. Drei syrische Flüchtlinge wurden zu insgesamt 439 Jahren Gefängnis verurteilt, wegen «Erleichterung der unerlaubten Einreise».
In Griechenland wurden zwischen 2015 und 2019 insgesamt 7000 Menschen wegen Menschenschmuggels festgenommen. Wie viele davon Geflüchtete sind, dazu gibt es keine Zahlen. Aber zum ersten Mal beinhaltet die spätere Klage gegen die beiden Geflüchteten noch einen Zusatz: Hasan wird nicht nur der Gefährdung von 23 Leben angeklagt. Sondern auch der fahrlässigen Tötung eines Menschen. Aadil Heydaris Sohn. Und Aadil Heydari wegen Kindeswohlgefährdung.
Aadil Heydari sass auf dem Boden der Zelle und sprach fast gar nichts, so erinnert sich Hasan später an seinen Mitinsassen. Beide waren erschöpft von der Reise. Aber vor allem hätten sie nicht verstanden, was vor sich ging. «Wo ist dein Sohn?» habe er Aadil gefragt. Zu diesem Zeitpunkt wusste Heydari noch nicht, dass Yaqub tot ist. «Ich habe zu Gott gebetet, dass ihm nichts passiert ist», sagt er heute. «Dass ich ihn wiedersehen kann.»
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