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Autor: Oliver Demont
Bilder: Laurent Burst
Freitag, 29. Januar 2016

Kaum einer in Berlin, der Alex Assali nicht kennt. Beim Bier in der Bar, beim Nachtessen mit Freunden, die Reaktion auf die morgige Verabredung ist überall dieselbe: «Ah, du triffst diesen Syrer, der für die Obdachlosen kocht?»

Bekannt wurde Assali, als eine junge Frau am 22. November vergangenen Jahres Assalis Aktion bei Facebook mit Bild publizierte. Es zeigt ihn unter einer Brücke nahe dem Alexanderplatz beim Verteilen von Mahlzeiten. «Das ist Alex», schreibt die Frau. Er gehe jeden Samstag auf die Strasse und verteile Essen an Obdachlose. Sein Motto, das auch auf dem Karton vor seinem Ausgabetisch prangt: «Give Something Back to German People».

Was dann bei Facebook folgt, sind endlose Sympathiebekundungen auf Assalis virtueller Pinnwand. Die Absender stammen aus Deutschland, aber auch aus den USA, aus England, Saudiarabien und Assalis Heimat Syrien. Am Ende wird der Beitrag der jungen Frau über zweitausend Mal geteilt.

Ein Hilfesuchender, der selbst hilft: Diese Vorweihnachtsgeschichte lassen sich auch Journalisten nicht entgehen. Stern, Die Süddeutsche, Focus, CNN, Al Jazeera, The Intependent, Tagesspiegel, Sat 1, ZDF – so ziemlich alle bitten Assali zum Interview. Heftig sei es damals gewesen, erinnert er sich. Plötzlich wollten alle etwas von ihm.

Alex Assali sitzt am ersten Sonntag nach Weihnachten im Foyer des «Sharehouse Refugio» in Neukölln, einer Einrichtung der evangelischen Berliner Stadtmission. Seit vergangenem Sommer lebt und arbeitet er im Stadtkloster, so wie andere Bewohner, die ihre Heimat verlassen mussten. Zuerst habe er sich vor der Flut der Journalistenanfragen abgeschottet, sagt Assali. Dann sah er sie als Chance, seine Botschaft zu verbreiten.

Die Tentakel des Assad-Clans

Wer die Geschichte von Assalis Leben von seiner Geburt 1976 in Damaskus bis zur Ankunft im Herbst 2014 in Berlin erfahren will, benötigt Zeit. Assali erzählt ruhig und schlüssig. Von seinem Grossvater, der als Jude zum Christentum konvertierte, um nicht aus dem Land vertrieben zu werden. Vom politischen Widerstand seines Vaters und später von ihm selbst gegen das Regime – und wie die Tentakel des Assad-Clans immer stärker nach ihm greifen. Von seiner Zeit im Gefängnis und seinen Stationen der Flucht in Ägypten, Saudiarabien, Libanon und Libyen. Wie er von der Hauptstadt Tripolis zusammen mit anderen Aktivisten Hilfsgüter nach Syrien sendet. Die Bitte des Partnerbüros in Damaskus, er solle Waffen liefern, lehnt er aus pazifistischen Gründen ab. Assalis Grund, auch aus Libyen flüchten, ist die Terrormiliz «Islamischer Staat».

Flüchtling, kein Krimineller

Am 15. September 2014 bringt ihn ein Schlepper von Libyen über das Mittelmeer an die Küste von Italien. Über Verona geht es weiter in den Norden. «Zuerst wollte ich nach Schweden oder Norwegen, bis ich als Ingenieur mich an die deutsche Ingenieurskunst erinnerte.» Seine erste Station in Deutschland ist München, von dort reist er mit einem Bekannten aus Syrien weiter nach Nordrhein-Westfalen. Auf einem Dortmunder Polizeiposten beantragt Assali Asyl. Der Polizist antwortet ihm, dass er am falschen Ort sei, er müsse dafür aufs Sozialamt. «Dann hat er mir eine Zigarette angeboten», erinnert sich Assali.

Der Polizist ist es auch, der ihm ein Hotelzimmer für die kommende Nacht organisiert. Auf Assalis Angebot, er könne problemlos auch im Gefängnis oder auf dem Polizeiposten übernachten, antwortet ihm der Beamte, dass dies nicht gehe. «Du bist ja Flüchtling und kein Krimineller.»

Im Hotel erhält er Kleider und Essen. «Rückblickend war dieses Erlebnis unglaublich wichtig», sagt Assali: «Ich fühlte mich willkommen. Auch wenn heute beim Begriff der Willkommenskultur oft Häme mitschwingt.»

Das Sozialamt teilt ihn dem Grenzdurchgangslager Friedland in Niedersachsen zu. Dort wird ihm beschieden, das Lager sei voll. Mit einem Adresszettel mit Übernachtungsmöglichkeit und einem Ticket nach Berlin verlässt er das Lager.

«Alex Assali erinnert mich an eine Jesusfigur zum Anfassen. Er hat kein Gehabe und ist trotzdem Leader.» Kameramann aus England

Kurz vor Mitternacht fährt Assali im Berliner Hauptbahnhof ein. «Der Bahnhof war riesig. Ich fühlte mich alleine, verloren.» Dutzende Leute fragt er nach dem Weg zum Wohnheim. Vergebens. Bis er einer älteren Frau in englisch seine Situation schildern kann.

Die nimmt ihn an der Hand, begleitet ihn zur S-Bahn-Station und von dort weiter bis zum Wohnheim. Diese Begegnung sei es gewesen, sagt Assali, die in ihm die Idee reifen liess, den Menschen in diesem Land etwas zurückzugeben.

Über zwei weitere Durchgangsstationen in Berlin gelangt er in das «Sharehouse», das Vorgängerprojekt des Sharehouse Refugio in Neukölln. «Die Idee, in einer Gemeinschaft mitzuhelfen und auch Hilfe zu empfangen, das entsprach mir sehr.» Assali putzt, kocht, besucht den Gottesdienst und wird in Deutsch unterrichtet. Am neuen Ort in Neukölln meint eine gute Freundin zu ihm: «Alex, hör auf, von deiner Idee zu reden, setz sie um!» Tage später klappt er am Kottbusser Tor seinen Tisch auf, installiert die Warmhalteplatten und stellt darauf die Töpfe mit dem im Stadtkloster vorgekochten Essen. Dann beginnt er zu schöpfen, Teller um Teller. «Weisst du», sagt Assali, «als die Menschen kamen, war das ein unbeschreiblich schönes Gefühl.»

Seither geht er, in der Zwischenzeit unterstützt von einer stattlichen Anzahl freiwilliger Helferinnen und Helfer, überall dorthin, wo die Not in Berlin sichtbar ist.

Al Jazeera, CNN, ZDF: Alle wollen direkt aus Berlin die Geschichte des syrischen Flüchtlings Alex Assali erzählen.

Vom Kritiker zum Helfer

Als seine Aktion vier Monate später durch Facebook und andere soziale Medien an die Welt übermittelt wird, hagelt es nach der ersten grossen Welle an Sympathiebekundungen auch Kritik. Die meisten Zuschriften handeln davon, was er als Flüchtling kostet. Einer schreibt ihm: «Warum soll ich für dich als Flüchtling zahlen, wenn bei uns Menschen auf der Strasse leben, denen du wiederum mit meinem Steuergeld hilfst?» Alex Assali antwortet dem Mann, dass dieser heute tatsächlich Steuern für ihn bezahle. Er werde aber – so wie die meisten Flüchtlinge – alles daran setzen, dass er morgen Steuern für ihn bezahle. Heute zählt der Mann zu Assalis Helferteam. Und in der Zwischenzeit hat dieser auch erfahren, dass Assali die hundert Euro pro Monat für die Lebensmittel von den dreihundertsechzig Euro abzweigt, die er als Flüchtling vom Sozialamt erhält. Geldspenden lehnt Assali bis heute konsequent ab: «Ich will kein Geld. Es geht mir um etwas völlig anderes.»

Wenige Tage vor Weihnachten, abends. Alex hat sich mit einem Helfer wieder zur Essensausgabe eingerichtet, dieses Mal nahe dem Bahnhof an der Warschauer Strasse. Zwei junge Touristen aus Russland nehmen ihn in die Mitte und halten ihren Handy-Stick in die Höhe. Fernsehstationen aus der Türkei und England halten Assali das Mikrofon hin. Routiniert erzählt er einmal mehr seine Geschichte. Während er Auskunft gibt, bildet sich um ihn ein Menschenkreis. Ein Kameramann aus England kommentiert, dass ihn Assali mit seiner Art an eine Jesusfigur zum Anfassen erinnere: «Der hat kein Gehabe und ist trotzdem der Leader.»

Wieder zurück im Sharehouse Refugio. Auf die Frage nach seiner Botschaft antwortet er entschieden: «Ich bin nicht religiös, und darum mag ich auch nicht über die Unterschiede von Kulturen und Religionen sprechen. Mich interessiert viel mehr der Glaube.» Und da halte er es wie Jesus: «Radikal den Frieden suchen und der Liebe folgen.» Zeuge dafür sei hoffentlich sein Leben.

Oliver Demont ist Redaktionsleiter bei bref.
Der Fotograf Laurent Burst lebt in Berlin.