Es ist schwer, gerade nicht zu denken, dass das Ende von allem bereits begonnen hat. Dass Kiew, Charkiw, Cherson, die Nato, der Westen, der Osten, Russland, die USA, die Altbauwohnung, in der man alt zu werden gedachte, die Urlaubsbilder und Erinnerungen, Nachbarn und Kollegen, Vater und Mutter, Frau und Kinder samt Hund und einem selbst bald verglühen in einem atomaren Blitzlicht. Und mit jeder Sondersendung zur Ukraine, jeder Live-Schalte ins Kriegsgebiet, jeder Ferndiagnose, ob Putin (Best Case) nur ein massenmordender Stratege oder (Worst Case) bereits ein wahnsinniger Diktator im Weltvernichtungsmodus ist, fürchtet man mehr, erst Zeuge und dann Opfer einer Apokalypse in progress zu sein.
Wut, Trauer, Furcht wechseln sich ab mit Hilflosigkeit. Letztere äussert sich oft in rührend-sinnlosen Schutzhandlungen: der Inspektion des Hobbykellers (Hält er einem taktischen Atommarschflugkörper stand?) oder dem Eruieren der besten Bahn-Fluchtrouten für den Ernstfall.
Doomscrolling nennt man den exzessiven Konsum schlechter Nachrichten. Psychisch anfällige Menschen macht das krank, unglücklich macht es sowieso. Doch was tun, wenn der Weltuntergang via Fernsehen, Radio, Smartphone überall zu sein scheint und Eskapismus nur kurz kommt vor Fahnenflucht? Eine Ärztin riet unlängst auf Twitter: Medienkonsum reduzieren, Überforderung akzeptieren, Gefährdung analysieren.
Ausserdem könne man ja die eigene Resilienz stärken, indem man sich aus dem Sessel erhebt und einen Flüchtling aufnimmt. Oder sitzen bleibt und spendet. Am wichtigsten aber sei es, zu akzeptieren: Es geht nicht um dich! Zu viel Doomscrolling mache egozentrisch. Irgendwann übersehe man, dass die russische Vakuumbombe nicht der Couchkartoffel gilt, sondern den Menschen im Radius ihrer Vernichtung.
Das stimmt natürlich. Und doch ist es unmöglich, sich nicht mitgemeint zu fühlen, wenn Putin, wie am 27. Februar im Kreml, seinem entgeisterten Verteidigungsminister Sergej Schoigu und dem Stabschef Waleri Gerassimow befiehlt, die russischen Atomstreitkräfte in Alarmbereitschaft zu versetzen. Und das nur wegen der «unfreundlichen Massnahmen» des Westens sowie einiger «aggressiver Aussagen». Der Befehl war eine Drohung an alles und jeden von einem, der alles und jeden vernichten kann. Natürlich nimmt man das persönlich. An einen Atomkrieg kann man sich nicht anpassen, egal wie resilient man ist. Angst ist ergo das einzig Vernünftige und Zweckoptimismus eine gefühlige Verkennung der Realität. Drum malt man sich das Schlimmste aus. Denn das Schlimmste ist in solchen Situationen tatsächlich möglich, wenngleich nicht automatisch wahrscheinlich.
So wurden Generationen von Jugendlichen im ausgehenden 20. Jahrhundert durch die Bücher Gudrun Pausewangs auf einen Atomkrieg konditioniert, der dann doch nicht kam. Endzeitfilme wie «The Day After» oder «When the Wind Blows» gehörten zum öffentlichrechtlichen Bildungsauftrag. Und jedes Popsternchen, das etwas Ähnliches sein wollte wie ein Künstler, schnulzte seine eigene Hymne auf den Untergang. Dabei hatte man als Jugendlicher in den Spätachtzigern gefühlt schon genug damit zu tun, die Pubertät zu überleben, und dann deprimierte einen die mediale Dauermahnung in Dudelfunk und Deutschunterricht auch noch für alles, was danach kommt: «Bedenke, dass du sterblich bist!» So sollte kein potenzieller kalter Krieger je vergessen können, dass auch er zu 70 Prozent aus Wasser besteht, das verdampfen kann.
Kleines Glück und grosse Angst
Der Schriftsteller und Schwarzseher Günther Anders brachte das Selbstverständnis der Epoche bereits 1959 auf den Punkt : « Dieses Zeitalter », schreibt Anders, « ist das letzte. Die Möglichkeit unserer Selbstauslöschung kann niemals enden – es sei denn durch das Ende selbst. » Es war zum Depressivwerden. Nur wurden die meisten eben nicht depressiv. Denn es gab ja noch Raider, « Spass am Dienstag » sowie den frühen, also dünnen Boris Becker. Das kleine Glück und die grosse Angst hielten sich erstaunlich lange die Waage.
Waren wir blind? Ja, waren wir. Lange wollte sich keiner das Schlimmste auch nur vorstellen. So ging die Phantasie verloren für alle möglichen Enden dieser Welt.
Und dann kam doch alles anders, als Günther Anders dachte. Abrüstung, friedliche Revolution, das Ende der Geschichte – das Jahr 1989 liess alle plötzlich wieder an die Menschheit glauben.
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