Kuratiert von Meinrad Schade

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Donnerstag, 13. November 2025

Herrgottswinkel einmal anders: Eines von rund 100 Bildern aus Nathalie Bissigs Fotoessay «Hollywood (UR)». Bild: Nathalie Bissig

«Don’t forget your own backyard» ist eine Aufforderung, die man oft an Masterclasses für Fotografinnen und Fotografen hört. Nathalie Bissig hat ihren Hinterhof nicht vergessen. «Wie weit kann ich gehen, indem ich dableibe?», hat sich die Künstlerin und Fotografin gefragt und während zehn Jahren rund 10 000 Bilder aus ihrer nächsten Umgebung, dem Kanton Uri, fotografiert.

Rund 100 davon wählte sie für einen Fotoessay aus. Pars pro toto sehen Sie hier ein einziges Bild daraus. Da hängt also dieser Jesus in einer traditionellen Urner Stube. Solche Figuren sind im Kanton Uri sowohl drinnen wie draussen sehr häufig anzutreffen.

Der Herrgottswinkel ist Teil des Brauchtums und dessen Fotografie kann als volkskundliches Dokument verstanden werden. Dokumentarfotografie als Beschreibung dessen, was ist respektive was war. Dieses «Seht her, so ist es, so war es!», aber auch das Zweifeln, das «War es wirklich so?», dieses Sich-Reiben mit dem, was sich vor der Kamera, vor den eigenen Augen abspielt, ist für mich nach wie vor die Essenz der dokumentarischen Fotografie.

Aufregend, spannend oder schlicht gut wird Fotografie dann, wenn sie über das rein Dokumentarische hinausgeht. Dann werden Schleusen geöffnet, Synapsen mit ungewohnten Botenstoffen geflutet, Fragen aufgeworfen.

Was figuriert in diesem Bild als Schleusenöffner? Es ist Jesus, der aus welchen Gründen auch immer Kopf steht und vom gemarterten Manne wundersam zum eleganten Turmspringer mutiert, beobachtet von Maria, die der zu erwartenden Flugbahn des Springers entlang nach unten blickt. Und warum macht die weisse Stromleitung einen ehrfürchtigen Bogen, so wie wenn auch sie vom Abgrund angezogen wäre?

Allgemein gesprochen sind es also bestimmte Bildelemente, die einen Shift vom Dokument zur freien Assoziation provozieren. Sehr toll finde ich, wenn dieser Shift subtil erfolgt. Kürzlich präsentierte ich dieses Bild Studierenden der Fotografie und eine Reaktion war: «Ah, das mit dem verkehrten Jesus ist mir auf den ersten Blick gar nicht aufgefallen.»

Ich nenne derartige Bilder auch leise Bilder. Natürlich braucht es für eine Serie auch lautere Bilder – Nathalie Bissig hat auch solche gemacht. Ich kann nur empfehlen, sich die gesamte Serie anzusehen.

Eine gute Fotografie muss genügend Anziehungskraft für den ersten Blick ausstrahlen (sonst wird sie gar nicht gesehen), also eine gewisse visuelle Lautstärke aussenden, die gleichzeitig nicht zu stark ist und es so erlaubt, den Betrachter auf den zweiten Blick einzuladen, zu verführen. Das ist alles viel mehr als nur das Drücken des Auslösers.

Im Gegensatz zu dieser vielschichtigen Angelegenheit, also der Qualität von Fotografie, steht der banale Grund, warum die Jesusfigur kopfüber hängt: Die Figur war heruntergefallen und konnte von der Bewohnerin nur noch umgekehrt befestigt werden. Da hat jemand pragmatisch und ohne Absicht Regie geführt.

Nathalie Bissigs Ausstellung hiess «Hollywood (UR)», einerseits wegen eines bestimmten Bildes aus der Serie, andererseits, weil man sich bei vielen Bildern fragt, wer hier eigentlich Regie geführt hat.

An Nathalie Bissigs Ausstellung «Hollywood (UR)» war Meinrad Schade als Bildredaktor beteiligt. 

Hier gibts weitere Bilder der Serie «Hollywood (UR)» zu sehen.

 

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