Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Freitag, 02. November 2018

Es ist eine seltsame Laune der Natur: Der Menschenmann ist das einzige männliche Wesen, das sein Geschlechtsorgan vor sich herträgt. Das macht es besonders verletzlich – aber auch besonders präsent, denn anders als die Vulva der Frau ist der Penis für den unbekleideten Träger und sein Gegenüber auch ohne Verrenkungen und Spiegel sichtbar.

Anatomie ist aber nicht der entscheidende Grund, warum jedes Kind einen Penis hinkritzeln kann, während die Darstellung der Vulva ungleich grössere Mühe bereitet. Dass sie unsichtbar bleibt, ist vor allem eine Frage der Kultur – und der Zensur. Die japanische Künstlerin Rokudenashiko etwa wurde 2016 zu einer Geldstrafe von mehreren Tausend Franken verurteilt, weil sie Objekte in Vulvaform giesst. Auf den handtellergrossen, zerklüfteten Modellen lässt sie Freizeitlandschaften en miniature entstehen, auf denen Figürchen Golf spielen oder ein Gotteshaus besuchen. Ins Visier der Behörden geriet Rokudenashiko mit einem Paddelboot, das ihrem Geschlecht nachempfunden ist. Dafür fotografierte sie ihre Vulva, vergrösserte sie digital auf Kanumasse und stellte das Boot mit einem 3-D-Drucker her. Kurz nachdem sie die Anleitung zum Nachmachen ins Internet gestellt hatte, wurde sie verhaftet. Die öffentliche Zurschaustellung ihres Geschlechts verstosse gegen die Sittlichkeit, beschieden ihr die Behörden. Einer zweijährigen Haftstrafe entging sie nur dank einem Arsenal von Anwälten, das sich kostenlos an ihre Seite stellte.

ft mit ihrer Organisation «Love Matters» für die sexuelle Selbstbestimmung der Frau in ganz Indien, notfalls auch mit einem Bündel von Herzballonen in der Hand. Sexuelle Gewalt ist in ihrem Land an der Tagesordnung, wie sie im Film berichtet.

Mit ihrer humorvollen Kunst möchte Rokudenashiko die Vagina aufwerten. Sie fragt sich: Was ist falsch an meinem Geschlecht? Woher der Hass und die Ablehnung? Rokudenashiko ist eine von fünf Frauen, die im Film Female Pleasure zu Wort kommen. Die Doku der Schweizer Filmemacherin Barbara Miller, die Mitte November in die Kinos gelangt, handelt von Macht, Verstümmelung, Schweigen – und der Tabuisierung der weiblichen Lust, auch im Namen der Religion.

Neben Rokudenashiko begleitet Female Pleasure vier weitere Frauen. Da ist die Londonerin Leyla Hussein, die sich gegen weibliche Genitalverstümmelung in ostafrikanischen Gemeinschaften einsetzt und seither mehrfach körperlich bedroht wurde. Da ist Doris Wagner, ehemalige Nonne eines katholischen Ordens, die das Schweigen des Vatikans bei Missbrauchsfällen brechen will – und bis heute in Rom auf taube Ohren stösst. Da ist Vithika Yadav, die mit ihrer Internet-Aufklärungsplattform «Love Matters» gegen die Vergewaltigungskultur Indiens angeht. Ebenfalls erzählt wird die Geschichte von Deborah Feldman, einer New Yorkerin, die mit ihrem kleinen Sohn aus einer abgeschotteten, ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaft floh, um ihr Leben jenseits der vorbestimmten Mutterschaft führen zu können.

Was die Frauen eint, ist ihr Kampf gegen sexuelle Gewalt – und die Frage, warum ihre Lust nicht sein darf. Die Antwort, die der Film darauf gibt, fällt deutlich aus: Auf der ganzen Welt sind es Traditionen und Religionen, die ihre Geschlechtlichkeit unterdrücken. Der Film veranschaulicht, wie sehr religiös unterfütterte Frauenbilder nachwirken. Selbst in einer modernisierten, vermeintlich säkularen Welt bleibt die Vulva unsichtbar. Dies ganz im Gegensatz zum Phallus, der sich gerne zeigt. So auch in Japan. Der Dokumentarfilm führt die sehr explizite Verehrung des männlichen Gliedes vor Augen.

Anatomie ist nicht der entscheidende Grund, warum die Vagina unsichtbar bleibt. Es ist vielmehr eine Frage der Kultur – und der Zensur.

Ihm wird gar ein jährliches Fest bereitet: Riesenpenisskulpturen werden auf Bahren durch Kawasaki, eine Nachbarstadt Tokyos, getragen. Pilger verkleiden sich als Riesenpenisse, lutschen an Peniseis, und selbst Kleinkinder schlecken Lollis in der Form des männlichen Gliedes.

Der Kult um den Phallus ist Teil des Shintoismus, einer japanischen Tradition.

Die Worte «Ich liebe dich» fehlen

Der Film stellt die Szenen dieses Fruchtbarkeitsfestes den Gerichtsverhandlungen gegenüber, die die Künstlerin Rokudenashiko wegen ihrer Paddelbootaktion erdulden musste. Die Sichtbarmachung der Vulva gilt als verwerflich und der Körper der Frau als sündhaft. In traditionellen Schriften wird sie als charakterlich minderwertig dargestellt. Hier und in anderen Szenen blendet Female Pleasure frauenfeindliche Texte aus den religiösen Kulturen ein und verbindet sie mit den Erfahrungen ihrer Protagonistinnen.

Es sind Aussagen wie: «Die wahre und ewige Schuld rührt vom weiblichen Drang, die ihr gesetzten Grenzen zu überschreiten. Deshalb sind Frauen die Wurzel aller Sünde.»

Das Zitat stammt aus den Veden, jener schriftlichen Sammlung, die die hinduistischen Traditionen Indiens begründen. Im Subkontinent begleitet der Film Vithika Yadav durch Delhis frühmorgendliche Strassen, einen Strauss herzförmige Ballone in der Hand. Auf einer kleinen Tribüne werden etwas verunsicherte Männer und schüchterne Frauen sich später mit erröteten Wangen ihre Liebe gestehen und danach gemeinsam tanzen. Für Indien ist das alles andere als gewöhnlich, sagt Yadav, die die Strassenaktion auf die Beine stellte. Ihre Organisation «Love Matters» betreibt sexuelle Aufklärung und wirbt für die Idee einer Liebe auf Augenhöhe. «Romantische Liebe ist ein Konzept, das in Indien nicht existiert», sagt sie. Ehen sind bis heute meist arrangiert und die Geschlechterverhältnisse ungleich.

Auch die Jüdin Deborah Feldman sagt: «Die Worte ‹Ich liebe dich› gab es nicht im jiddischen Dialekt meiner Gemeinschaft.» Mit 17 Jahren wurde Feldman mit einem jungen Mann ihrer streng orthodoxen Gemeinde in New York verheiratet. Auf eine Beziehung mit dem Mann, den sie vor der Hochzeit kaum kannte, war sie ebenso wenig vorbereitet wie auf die Mutterschaft. Der Sex war für Feldman äusserst schmerzhaft, im Kopf wie auch körperlich. Mit 23 Jahren fasste sie den Entschluss, den engen Grenzen ihrer Welt zu entfliehen. Ihr Sohn, damals noch ein Kleinkind, war das Einzige, das sie von ihrem früheren Leben mitnahm, als sie eines Morgens ins Auto stieg und das orthodoxe Brooklyn hinter sich liess. Sie begann ein neues Leben in Berlin und schrieb einen Bestseller über ihre Flucht aus der erdrückenden Enge der Gemeinschaft, die sie als Ehefrau und Mutter empfand: «Sobald ich erwachsen wurde, wurde meine weibliche Kraft zermalmt.»

Deborah Feldman wurde in eine strenggläubige jüdische Familie in Brooklyn hineingeboren. Als junge Frau flüchtete sie mit ihrem damals dreijährigen Sohn aus der Enge der chassidischen Gemeinschaft. Im Film kehrt sie im Auto und mit ihrem Sohn auf dem Rücksitz in das Quartier zurück, in dem sie aufwuchs. Ihr Grossvater pflegte zu sagen, dass es ein Problem der Frauen sei, dass sie zu viele Fragen stellten – darum sollten sie keine Bücher lesen. Feldman hielt sich nicht daran. Sie las heimlich, und seit ihrer Flucht schreibt sie auch. Besucht sie eine Buchhandlung in New York, trifft sie auch auf ihr eigenes Buch. Ihre Biografie wurde millionenfach verkauft.

Gewalt an Frauen ist auch in Indien an der Tagesordnung. Mit 12 Jahren erlebte Vithika Yadav ihren ersten Übergriff – ein Fremder fasste ihr an die Brüste, auf offener Strasse. In Indien wird alle zwanzig Minuten eine Frau vergewaltigt. Politiker behandeln sexuelle Übergriffe als Jungenstreiche, «boys will be boys», meint Yadav lakonisch.

Der Subkontinent funktioniert traditionell, sexuelle Erziehung ist weitgehend unbekannt. Die Doku zeigt Szenen ländlicher Arbeit; Frauen in Sari, die ihr Gesicht mit Tüchern bedecken, tragen Körbe auf dem Kopf und bewegen sich in langsamem, nach links und rechts wippendem Gang über Felder, wie ihre Vorfahrinnen es jahrhundertelang taten. Gleichzeitig ist Indien in der Moderne angelangt. Dazu gehört ein exzessiver Pornokonsum. Die häufigsten Suchanfragen auf Pornoseiten enthalten das Stichwort «Vergewaltigung»; aber auch «Kinder» und «Tiere» sind gefragte Suchkriterien, erklärt Yadav, während der Film Aufnahmen einer indischen Grossstadt zeigt. Gegen diese Mischung aus einer gewaltförmigen, auf die männliche Lust fokussierten Sexualität und Traditionalismus kämpft sie an. Für «Love Matters» produziert Yadav mit ihrem Team Animationsfilme, die zeigen, wie eine Frau klitoral stimuliert werden kann. Denn: «Wir alle lieben Sex», sagt sie.

Pornografie ist im Film neben religiösen Vorstellungen ein zweiter Bilderkosmos, aus dem sich die Gewalt an Frauen speist. Die Kamera begleitet die japanische Protagonistin Rokudenashiko durch die Lustmeile Tokyos, wo Sexclub sich an Sexclub reiht. Sie betritt ein Sexkaufhaus, in dem sich verpackte Gummipuppen mit Brüsten von Knospengrösse bis Fussball stapeln und künstliche Vaginas in Kirschblütenrosa sowie Anusmodelle in diversen Ausführungen zu haben sind – «für die Lust des Mannes», wie die Künstlerin feststellt, während sie mit Zeige- und Mittelfinger eine künstliche Vagina penetriert. Die Männer, sagt Rokudenashiko, kennen die Lust der Frauen gar nicht. «Sie schauen Pornos, in denen Frauen scheinbar Gefallen daran finden, wenn die Männer sie grob behandeln», sagt sie, während sie die Finger immer heftiger bewegt. «Das tut jeder Frau weh.»

Keine allwissende Stimme

Der Film verdeutlicht, wie gut religiöse Kulturen und Porno, diese auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen Bilderwelten, zusammenpassen. Die von einem männlichen Blick dominierte Pornokultur nährt die Frauenfeindlichkeit mit expliziten Gewaltphantasien. Es ist eine Stärke von Female Pleasure, dass er dieses Zusammenspiel von religiöser Tradition und säkularer Moderne aufzeigt. Feministinnen wie Gayle Dines haben gezeigt, wie in der weltweit konsumierten Pornografie Frauen ausgebeutet werden und wie der Blick auf den weiblichen Körper ein ausgesprochen männlicher und gewaltbetonter ist. Die Stimulierung der Klitoris kommt kaum vor, Endziel sind Penetration und Sperma im Gesicht der Frau. Erniedrigung und Sex gehen Hand in Hand. Zwölf Jahre alt war Vithika Yadav, als sie von einem Fremden wider Willen zum ersten Mal an intimen Stellen angefasst wurde. Sie begann sich für ihren Körper zu schämen: «Ich hasste es, ein Mädchen zu sein.» Erst als sie ihren heutigen Mann kennenlernte und sich verliebte, entdeckte sie ihre Lust. Vithika Yadav ist die erste Frau in ihrer Familie, die den Mann selber wählte und aus Liebe heiratete. Heute joggt sie selbstbewusst durch die Quartiere ihrer Heimatstadt und ist nicht bereit, sich in ihrer Freiheit beschneiden zu lassen. Im Film sind die Protagonistinnen fast immer in Bewegung. Es gibt nur wenige Innenaufnahmen. Die Frauen treiben Sport, sie spazieren am Meer, sie suchen öffentliche Plätze auf. Oft ist nicht auf Anhieb klar, ob sie gerade politische Arbeit machen oder privat unterwegs sind. Das ist aber gerade das Aufschlussreiche daran, denn nirgends ist das Private politischer und das Politische privater, als wenn es um den Körper und seine Lust und seinen Schmerz geht.

Zwölf Jahre alt war Vithika Yadav, als sie von einem Fremden wider Willen zum ersten Mal an intimen Stellen angefasst wurde. Sie begann sich für ihren Körper zu schämen: «Ich hasste es, ein Mädchen zu sein.» Erst als sie ihren heutigen Mann kennenlernte und sich verliebte, entdeckte sie ihre Lust. Vithika Yadav ist die erste Frau in ihrer Familie, die den Mann selber wählte und aus Liebe heiratete. Heute joggt sie selbstbewusst durch die Quartiere ihrer Heimatstadt und ist nicht bereit, sich in ihrer Freiheit beschneiden zu lassen.

Die Inderin Vithika Yadav stammt aus einer einfachen Familie: «Als Kind habe ich gelernt, dass es meine Schuld ist, wenn ich belästigt werde. Ich begann mich dafür zu hassen, ein Mädchen zu sein.» Bilder, die Yadav in eng anliegender Sportbekleidung beim Joggen durch die Strassen ihres Quartiers in Delhi zeigen, entfalten vor dem Hintergrund ihrer persönlichen Geschichte und der allgegenwärtigen Kultur der sexuellen Gewalt eine ganz eigene Wirkung. Sich auf diese Weise mit einem weiblichen Körper in der Öffentlichkeit zu bewegen ist ein Akt der Selbstermächtigung.

In dem Film sind es nur die porträtierten Frauen, die erzählen oder die in einer Alltagssituation agieren. Female Pleasure verzichtet auf die allwissende Stimme aus dem Off. Er tut gut daran, denn ein Film, der von einer Schweizer Filmemacherin realisiert wurde und sexuelle Gewalt in traditionellen Gesellschaften in den Fokus nimmt, läuft Gefahr, sich paternalistisch zu gebärden.

Die expliziten Gewaltphantasien des Porno nähren die Frauenfeindlichkeit der Tradition. Erniedrigung und Sex gehen Hand in Hand.

Die Stimmen der Frauen verdeutlichen, dass ihre Befreiungskämpfe mehr sind als die Projektion eines Schweizer Filmteams und dass der Wunsch nach Anerkennung und Gerechtigkeit kein Privileg des Westens darstellt. Der Ruf nach einem Ende der sexuellen Gewalt eint die Frauen.

Ihre Erfahrungen führen vor Augen, dass patriarchale Kulturen kein Abstraktum sind. Sie verschaffen manchen Lust und bereiten vielen Schmerz.

Nirgends wird dies deutlicher als bei der Londonerin Leyla Hussein. Sie ist es auch, die sich am heftigsten gegen die Behaftung auf Kultur wehrt: «Weibliche Genitalverstümmelung ist nicht Teil meiner Kultur», schreit sie regelrecht in die Kamera, «ich lehne sie ab! Hört auf, mich auf Traditionen zu behaften!» Leyla Hussein wurde in eine gebildete, angesehene muslimische Familie in Mogadischu in Somalia geboren. Sie wurde als Siebenjährige zusammen mit ihrer kleinen Schwester, die damals erst drei war, ins Haus ihrer Tanten gebracht und beschnitten – von Frauen. Sie hielt es für normal; in somalischen Gemeinschaften seien nach einer Schätzung 97 Prozent aller Frauen genital verstümmelt. Heute findet sie klare Worte für das, was mit ihr geschah: «Ich verlor an diesem Tag nicht nur Teile meines Körpers – ich verlor das Vertrauen in die Menschen!» Während Hussein im Film von dem Tag erzählt, an dem das mit ihr und ihrer kleinen Schwester geschah, knüpft eine Gruppe von Frauen ihr Haar. Es muss lange gedauert haben, bis sie sich wieder angstfrei in Frauenhände begeben konnte. Wenn sie sich an die Schreie ihrer kleinen Schwester und ihre eigene Ohnmacht erinnert, kommen ihr die Tränen. Doch lange Zeit verdrängte sie den schwarzen Tag. Dass etwas mit ihr nicht stimmte, merkte sie erst Jahre später, während der Schwangerschaft. Sie verfiel in eine schwere Depression, litt unter Todesängsten, die sie sich nicht erklären konnte. Damals lebte sie bereits in London und hatte einen Mann aus der grossen somalischen Exilgemeinde geheiratet – wie es die Tradition verlangte. Die Geburt ihrer Tochter war äusserst schwierig. Erst als eine Krankenschwester sie auf ihre Genitalverstümmelung ansprach, wurde Hussein klar, woher ihre Ängste und Schmerzen rührten: «Ich war traumatisiert.»

Doris Wagner steht im Vatikan mit Blick auf den Petersdom. Lange war sie Nonne. In der katholischen Gemeinschaft lernte sie nicht nur, ihren weiblichen Körper unter einem langen Kleid zu verstecken, ihr wurde auch Demut in Herz und Geist eingepflanzt. Ein vorgesetzter Pater nutzte ihre Isolation aus und vergewaltigte sie mehrmals. Erinnert sie sich an die Zeit, sagt sie: «Es gab mich nicht mehr.» Nach jahrelangem Leiden fand sie die Kraft, den Orden zu verlassen und ihren Peiniger anzuzeigen. Der Pater blieb unbestraft.

Schwache Brüder

Heute reist die Psychologin rund um die Welt, um der Beschneidung ein Ende zu setzen. Zweihundert Millionen Mädchen und Frauen sind davon weltweit betroffen. Drei Millionen junge Mädchen sind in Afrika in Gefahr, eine halbe Million in Europa: «Weibliche Genitalverstümmelung ist nicht ein afrikanisches Problem, es ist ein weltweites Problem», sagt Hussein. Denn auch in Exilgemeinschaften im Westen wird sie praktiziert. Die Kamera begleitet Hussein an eine internationale Konferenz nach Genf, zu den Massai nach Kenya und in eine englische Schule, wo sie junge Männer aus ostafrikanischstämmigen Gemeinschaften an einem überdimensionalen Plastilinmodell einer Vulva vormacht, was es bedeutet, die inneren Schamlippen und die Klitoris zu entfernen oder die Vagina bis auf ein winziges Loch zuzunähen. Wie Hussein mit Schneidegerät, Nadel und Faden hantiert, ist kaum mit anzusehen. Die jungen Männer weinen. «Das passiert mit kleinen Mädchen?» fragen sie. Es ist einer der stärksten Momente im Film.

Patriarchale Kulturen sind kein Abstraktum. Sie verschaffen manchen Lust und bereiten vielen Schmerz.

Hussein trägt einen Alarm auf sich und hat in ihrem Londoner Zuhause drei Sicherheitssysteme installiert. Sie wurde wegen ihrer Arbeit mehrfach auf offener Strasse angegriffen. Fanatische Muslime erklären sie regelmässig für vogelfrei.

Leyla Hussein sagt, sie tue ihre Arbeit für die eigene Tochter, heute ein Teenager: «Ich will nicht, dass ihr das angetan wird.» Sie ist die wütendste Stimme in dem Film, ihre Appelle bleiben haften: «Es gibt bis heute auf der Welt eine universale, weltumspannende Religion. Sie heisst Patriarchat! Hört auf damit!»

Female Pleasure entfaltet ein Panorama weiblichen Widerstands gegen diese Kulturen der sexuellen Gewalt. Für fast alle Frauen bedeutete dies, sich von religiös vermittelten Vorstellungen zu lösen – und ihre Gemeinschaften zu verlassen. So auch für die Jüdin Feldman. Im Film kehrt sie mit ihrem Sohn an die Stätte ihrer Kindheit und Jugend zurück, der sie einst entfloh. Im Auto fahren Mutter und Sohn die Strassenzüge des orthodoxen Brooklyn entlang. Glasscheiben trennen die beiden von Feldmans früherer Welt. Die Kamera folgt bärtigen Männern in Mänteln und Frauen, die in ihren langen Röcken mit kleinen Kindern an der Hand gehen und Kinderwagen vor sich herstossen. Für ihren Ausstieg aus dem vorbestimmten Leben zahlte Feldman einen hohen Preis: Ihre Verwandten wünschten ihren Selbstmord.

Ebenso deutlich arbeitet der Film die Einsamkeit des Widerstands bei der Frau aus, die selbst den religiösen Weg suchte. Die Österreicherin Doris Wagner trat mit 19 Jahren in den katholischen Orden «Das Werk» ein. Hier wurde ihr ein Kleid gereicht: «Unsere Brüder sind schwach», wurde ihr beschieden, sie solle ihren weiblichen Körper damit verdecken. Auch sie sagt: «Wir lebten eine Kultur der Demut, der Bescheidenheit – und der Scham über unseren eigenen Körper.» Mit Mitte 20 wurde sie zur Fortsetzung ihrer Klosterausbildung in die Ewige Stadt geschickt. Bereits kurz nach ihrer Ankunft in Rom wurde sie von einem Pater, dem Klostervorsteher, in ihrer eigenen Mansarde vergewaltigt: «In dieser Nacht starb ein Teil von mir.» Er besuchte sie nicht nur einmal. Wagner dachte an Suizid. Bei einer Audienz des damaligen Papstes Benedikt fasste sie für einen kurzen Augenblick den Gedanken, sich vom Balkon zu stürzen. Sie nahm all ihren Mut zusammen und vertraute sich einer Oberin an. Diese schwieg und sagte dann: «Ich vergebe dir.» Doris Wagner galt als Verführerin, eine Anzeige wurde ihr untersagt. Erst zwei Jahre später hatte sie die Kraft, die Gemeinschaft zu verlassen. Und es brauchte die Unterstützung ihrer Eltern, damit sie es wagte, rechtlich gegen ihren Peiniger vorzugehen. Der Täter blieb bis heute unbestraft. Er spricht von gegenseitigem Einverständnis. Wegen der öffentlichen Kritik liess der Vatikan eine ausserordentliche Untersuchung durchführen. Er verlangte daraufhin eine transparentere Leitungsstruktur. Bis heute erhielt Wagner jedoch von Papst Franziskus keine Antwort auf ihre persönlichen Briefe. Ihren Glauben an Gott hat sie nicht verloren – den an die Kirche und die Tradition aber schon. Im Film besucht Wagner eine Kirche und betrachtet eine Galerie mit Marienbildern. Auf die Ikonen reagiert sie mit einem Anflug von Belustigung: «Der Mann darf Fehler machen. Die Frau muss eine Heilige sein.» Oder eine Märtyrerin. Wie sie selber. Auch bei Doris Wagner wird deutlich, wie sehr religiöse Frauenbilder den weiblichen Körper ablehnen und seine Lust negieren. Die christliche Maria ist frei von Sünde – und frei von irdischer Fleischlichkeit.

Die aus Somalia stammende Leyla Hussein treibt ihr eigenes Schicksal an, das sie mit 200 Millionen Frauen auf der Erde teilt: Sie alle wurden als Mädchen genital verstümmelt. Heute führt sie jungen Männern vor Augen, was eine Beschneidung bedeutet. Hussein vollzieht mit einem Schneidegerät an einem Plastilinmodell die Verstümmelung – bis hin zum Zunähen der Vagina. Am Ende bleibt nur eine kleine Öffnung. Es ist einer der aufwühlendsten Momente im Film. Hussein sagt: «Es ist, als ob man den ganzen Penis eines Jungen abschneiden würde.»

Alle heutigen Schriftreligionen tragen die Herabsetzung der Frauen in sich. Dies, weil sie sich auf eine Transzendenz richten, die das Irdische übersteigt – und in allen Traditionen gilt die Frau als irdischer als der Mann. Besonders deutlich wird dies im Christentum, denn wie keine andere Religion kennt es eine Spaltung von Körper und Geist. Gott wurde in der Gestalt von Jesus zwar Fleisch – doch der Mensch wurde gleichzeitig gottgleicher und vergeistigter, wie es die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun in ihren Studien zum Christentum und zu seiner Geschlechterordnung herausarbeitete. Der weibliche Körper wurde zum Inbegriff des sterblichen Fleisches, denn durch die Menstruation blieb er mit der zyklischen Zeit der Natur verbunden – einer ganz diesseitigen Zeit, die das Christentum zu überwinden suchte. Einstige Fruchtbarkeitskulte, die den weiblichen Zyklus feierten, wichen der Heilsgeschichte des Christentums, die auf das ewige, körperlose Leben zielte. Das ehemals fruchtbare Blut der Frau wurde zum Zeichen des Todes, ihr Körper zum Tor von Sünde und Verführung. Sie wurde zu Eva, der Verführerin, und zu Magdalena, der Hure, der schmutzigen, todbringenden Frau. In den christlichen Heiligenkosmos schaffte sie es nur noch in einer idealisierten, unbefleckten Form. In ihrer Kulturgeschichte der Vagina spitzte es Emma L. E. Rees zu: «Maria kann keine Vagina haben, denn dies würde sie beschmutzen.» Eine gute christliche Frau war im besten Fall asexuell – oder zumindest keusch.

Die Vagina als blinder Fleck

Die Neuzeit trieb die Negierung weiblicher Lust weiter. Martin Luther etwa erkannte in der Frau eine mangelhafte Version des Mannes, einen Mann ohne Glied – eine Vorstellung, die bis in die säkulare Moderne weiterreichte. Noch Freud, Aufklärer par excellence, konnte Frauen keine eigenständige Sexualität zugestehen. «Was will das Weib?» fragte er. Doch er suchte gar nicht erst nach einer Antwort – und sprach lieber vom «Rätsel der Weiblichkeit». Damit verlängerte er ein patriarchales Tabu. Die Feministin und Psychoanalytikerin Luce Irigaray kritisierte ihren Vorgänger Freud für die Negierung einer weiblichen Geschlechtlichkeit und bezeichnete die Kultur der Moderne, die er mitschuf, als einen «Phallogozentrismus». In dieser vorherrschenden Ordnung sei die Frau reine Negativfolie, vor dem sich die männliche Herrschaft aufrichte. Ihr Geschlecht bleibe eine Leerstelle – reines Objekt des Mannes und seiner Lust.

Female Pleasure führt vor Augen, wie die Vagina bis heute ein blinder Fleck bleibt – auch da, wo sie bis zum Exzess sichtbar wird. Die britische Literaturwissenschaftlerin Emma L. E. Rees spricht vom seltsamen Paradox der «gleichzeitigen Präsenz und Absenz der Vagina» in der sexualisierten Gegenwart: Es werden riesige Mengen an Porno produziert und konsumiert, und doch bleibt das weibliche Geschlecht gesellschaftlich abwesend.

Es wird gar abwesend gemacht. Wie im Falle von Rokudenashiko, wie im Fall von Vithika Yadav, wie im Fall von Deborah Feldman, wie im Fall von Leyla Hussein und wie im Fall von Doris Wagner. Die Geschichten der Frauen machen deutlich, wie patriarchale Tabus auch heute wirken. Es ist die grösste Schwäche des Films, dass er sich dabei zu sehr auf die Macht der Tradition konzentriert, wenn er die sexuelle Gewalt der Gegenwart beschreiben will. Das ist zu vereinfachend, denn der Film klärt nicht, inwiefern Religion heute von nationalistischen und demokratiefeindlichen Agenden bewusst vereinnahmt und auf sehr gewaltförmige Weise wiederbelebt wird. Gesellschaftliche Macht wird mit dem Rückgriff auf Gewalt gegen Frauen und Minderheiten gefestigt. Mit einer ursprünglichen Tradition hat dies nichts zu tun. Dieses Phänomen ist hochmodern – und es ist politisch.

Vor allem aber steht die zentrale These des Films, dass es die Religionen sind, die das Patriarchat stützen, einer weitreichenderen Einsicht im Wege: dass es heute im Grunde gar keine Tradition mehr braucht, um die Lust der Frau zu negieren, weil der säkulare Bilderkosmos nahtlos an religiöse Vorstellungen anschliesst. Die selbstlose Frau, die Schmerz und Erniedrigung erduldet, ist in der Pornografie ebenso zu finden wie in Modestrecken, in denen ihr Fleisch diszipliniert wird. Hier wie dort ist sie die makellose Frau, die im männlichen Blick und in der Erfüllung seiner Lust aufgeht. Ihr Fleisch ist nur gezähmt und ästhetisiert erträglich. Ihre eigene Lust bleibt auch in jenen Bilderwelten unsichtbar, die sich als aufgeklärt und sexuell befreit verstehen. Der Reigen der Frauen, die Female Pleasure porträtiert, müsste also eine weitere Protagonistin in seinen Reihen aufnehmen: jene Frau, die sich aus weltlichen Frauenbildern befreit und sich mit ihrem Fleisch und ihrer Lust versöhnt. Denn die Ablehnung des weiblichen Fleisches, eine gewaltgeprägte Sexualität und die Negierung ihrer Lust existieren auch in säkularen Gesellschaften.

Female Pleasure ist ein Film, der nahegeht. Er führt in fast schmerzhaften Szenen vor Augen, dass das Patriarchat kein theoretisches Konzept ist, sondern eine Macht, die Körper formt, sie versehrt, die Lust zerstört und letztlich zum Schweigen bringt. Der Film zeigt aber auch andere, schöne Momente. Solche, die sichtbar machen, wie Frauen der sexualisierten Gewalt die Stirn bieten. Etwa wenn zu sehen ist, wie die Japanerin Rokudenashiko in ihrem Paddelboot in See sticht. Sie treibt auf ihrer Vagina dahin und lacht.

Susanne Leuenberger ist Redaktorin bei bref.

Female Pleasure. Schweiz/Deutschland, 2018. Regie: Barbara Miller; Produzent: Philip Delaquis, Co-Produzentinnen: Melanie Winiger und Ellen Ringier.

Female Pleasure startet am 15. November in den Kinos in der Schweiz und in Deutschland.

Die im Text gezeigten Bilder stammen alle aus dem Film, für bref wurden sie von Bill Schulz bearbeitet.