Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Autorin: Vanessa Buff
Freitag, 13. Mai 2022

Aus keinem anderen Kriegsgebiet haben uns je so viele Bilder erreicht wie derzeit aus der Ukraine. Beinahe in Echtzeit können wir verfolgen, wo die Geschosse einschlagen und welche Opfer sie fordern. Wir sehen die Soldaten an der Front und die Zurückgebliebenen in ihren Verstecken. Manche Bilder sind grausam, andere sentimental. Manche können wir kaum ertragen. Für mich persönlich wird es immer dann schwierig, wenn auf den Fotos Kinder abgebildet sind. Als Mutter stelle ich mir vor, es seien die Meinen, die da an Gräbern stehen, mit dumpfen Gesichtern auf Bahnperrons sitzen oder auf deren Rücken mit Filzstift Name und Geburtsdatum festgehalten sind – für den Fall, dass niemand mehr da sein wird, um sie zu identifizieren.

Als das Bild der «Madonna von Kiew», wie sie mittlerweile genannt wird, in den sozialen Netzwerken auftauchte, war ich deshalb unweigerlich berührt. Auf dem Foto sieht man eine Frau, die in der Kiewer Metro Schutz gesucht hat. Eingewickelt in ­dicke Decken, stillt sie ihr Baby. Dabei strahlt sie Ruhe aus, beinahe Zufriedenheit. So, als ob für einen kurzen Moment alles um sie herum …

Stop.

Genau hier muss ich unterbrechen – ich merke, dass ich Gefahr laufe, in Pathos zu verfallen. Das überrascht mich, denn zum Stillen habe ich eine schwierige Beziehung. Bilder stillender Frauen triggern mich deshalb immer. Und dennoch möchte auch ich aus dieser ukrainischen Mutter etwas Grösseres machen. Ich möchte diesen eigentlich trivialen Akt, ein Kind mit Milch vor dem Verdursten zu bewahren, heiligsprechen. Möchte sehen, wie die Frau für einen Moment die Greuel des Krieges vergisst und die Liebe zum Kind triumphiert.

Eine Art Heiligsprechung hat auch die ukrainische Künstlerin Marina Solomennikova vorgenommen. Sie schuf aus dem Bild eine Ikone, eine Madonna mit Kind, eine Maria lactans, das Metro-Netz zum Heiligenschein stilisiert. Wie der Urheber des Fotos, der ungarische Videojournalist András Földes, auf Twitter mitteilte, wurde die stillende Mutter nun zur Patronin einer katholischen Gemeinde in Neapel ernannt. In einem ebenfalls geposteten Artikel berichtet er zudem, wie ihn zahlreiche Künstler sowie ein Sprecher des Vatikans wegen des Bildes kontaktiert haben sollen.

Im Zweifel für die Information

Mich erfüllt das mit tiefer Ambivalenz. Denn einerseits anerkenne ich, dass das Bild vielen Menschen Hoffnung gibt – die Hoffnung, dass Leben und Lieben auch im Krieg nicht vollends ausgelöscht werden können. Vielleicht auch so etwas wie die Hoffnung, dass am Ende das Gute gewinnt. Andererseits hat das Bild für mich noch andere Dimensionen, die mich zögern lassen, es selbst in den Social Media zu teilen.

Zunächst einmal möchte ich festhalten, dass ich als Journalistin im Zweifel immer für die Information bin. Und damit auch: für die visuelle Information. Ich bin überzeugt, dass wir unserem Publikum die brutale Wirklichkeit des Krieges zumuten müssen. Dass wir alle uns den verstümmelten Körpern, den verwaisten Babys und zerschmetterten Existenzen stellen müssen, um nicht in unseren Wohlfühl-Bubbles in Privilegien zu ersaufen. Natürlich sollen Medien dabei abwägen, wie viele Details sie zeigen können und wann etwas nur noch den Voyeurismus befriedigt. Manche Grenzen setzt dabei das Recht; für besonders explizite Darstellungen gibt es ausserdem die Möglichkeit von Warnhinweisen.

Dieser Inhalt ist für Abonnent:innen des bref Magazins sichtbar.

Jetzt abonnieren

Haben Sie bereits ein Abo?