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Illustration: Mauro Mazzara
Donnerstag, 04. September 2025

Anna war ein durchschnittliches 17-jähriges Mädchen aus dem US-Bundesstaat Colorado, das in der Freizeit gerne Rodeo ritt. Ihre Eltern beschreiben sie als Teenager, dem es leicht fiel, Freunde zu finden. Doch in der Highschool begannen die Probleme. Sie konnte nicht mehr schlafen, war regelmässig depressiv. Sie stritt sich öfter mit ihrer Mutter, weil sie konstant an ihrem Smartphone hing. Doch vieles war aus Sicht der Eltern gut: etwa, dass Anna die Hauptrolle im Schultheater spielte.

Doch eines Tages, in ihrem Abschlussjahr an der Highschool, nahm sie sich das Leben. Für ihre Eltern, die an dem Tag weggefahren waren, war die Nachricht über den Tod ihrer Tochter ein Schock aus heiterem Himmel. Sie fanden das Tagebuch von Anna, in dem sie unter anderem lasen: «Ich schaue die Profile anderer Mädchen an und es geht mir schlecht. Niemand wird jemanden lieben, der so hässlich und kaputt ist wie ich.»

Anna ist eines von mehreren Beispielen, welche die Zeitschrift «New Yorker» kürzlich schilderte, um auf eine Suizid-Krise bei Teenies in den Vereinigten Staaten aufmerksam zu machen. Zwischen 2007 und 2021 stieg die Anzahl Suizide der 10- bis 24-Jährigen in den USA um 62 Prozent. «Haben die Sozialen Medien die Suizidkrise bei Jugendlichen angeheizt?», fragte das Magazin. Mehrere betroffene Eltern aus den USA, darunter auch jene von Anna, haben gegen Facebook, Instagram, Snapchat und Tiktok Klage eingereicht. Auch vereinzelte öffentliche Schulen sowie zahlreiche Bundesstaaten gehen juristisch gegen Social-Media-Plattformen vor.

In der Schweiz ist die Situation glücklicherweise nicht so dramatisch. Im Gegenteil: Die Anzahl Suizide ist hierzulande seit vielen Jahren rückläufig – auch bei Jugendlichen. Die Frage ist allerdings, ob das lediglich daran liegen könnte, dass Waffen hierzulande nicht so einfach verfügbar sind wie in den USA. Dort befindet sich in jedem zweiten Haushalt mindestens eine Schusswaffe.

Denn was auffällt: Auch hierzulande geht es Jugendlichen psychisch immer schlechter. Laut Unicef leidet ein Drittel der 14- bis 19-Jährigen in der Schweiz an psychischen Problemen. Jeder elfte Jugendliche hat schon versucht, sich das Leben zu nehmen. Gemäss einer Obsan-Studie sind Suizidgedanken in keiner anderen Altersgruppe derart verbreitet.

Und sie nehmen seit einigen Jahren zu. Geradezu dramatisch ist der Anstieg bei jungen Frauen: Beinahe jede vierte 15- bis 19-Jährige stimmte im Jahr 2022 der Aussage zu, dass sie im letzten Jahr Gedanken hatte, «dass man lieber tot wäre oder sich Leid zufügen möchte». Fünf Jahre zuvor war es erst jede zehnte.

Pubertät und Krise. Ist das nicht normal?

Klar ist das Erwachsenwerden herausfordernd, manchmal belastend, und darum eine Risikophase für die Psyche. Doch zahlreiche Indikatoren weisen auf eine rasante Verschlechterung der psychischen Gesundheit von Jugendlichen seit etwa 15 Jahren hin – und zwar weltweit. Die Pandemie, als Jugendliche durch Schulschliessungen sozial isoliert wurden, verstärkte diesen Trend. Heute weisen sie und insbesondere Mädchen eine schlechtere psychische Gesundheit auf als je zuvor.

Wenn Sie Suizidgedanken haben oder jemanden kennen, der Hilfe braucht, nehmen Sie bitte mit den Beraterinnen und Beratern der Dargebotenen Hand Kontakt auf. Sie erreichen diese 24 Stunden lang telefonisch unter der Nummer 143. Das Gespräch ist kostenlos, anonym und vertraulich. Kinder und Jugendliche bekommen Hilfe unter der Nummer 147.

Alarm schlagen jene, die an der Basis mit betroffenen Jugendlichen zu tun haben: Jugendpsychiatrien und Anlaufstellen für den Notfall. In der Schweiz nehmen psychologische Abklärungen an den Schulen zu. Die Wartezeit für einen Therapieplatz dauert manchmal ein ganzes Jahr. Bei der Telefonseelsorge 147 von Pro Juventute hat sich der Beratungsaufwand seit 2019 mehr als verdoppelt. Jeden Tag melden sich rund 130 Jugendliche.

Pro Juventute hat ihr Sorgentelefon aufgrund der grossen Nachfrage mit einer Whatsapp-Beratung ergänzt. Und: «Die Jugendlichen rufen immer häufiger wegen schwerer Themen an», sagt Mediensprecher Oliver Reber. Die Anfragen wegen Suizidgedanken hätten sich innerhalb von fünf Jahren verdreifacht. Viermal häufiger – total 207 Mal im Jahr 2024 – musste eine Krisenintervention ausgelöst werden.

«Das Nachdenken darüber, was andere von uns denken, ist die anstrengendste Hirnaktivität überhaupt»: Thomas Ihde, Psychiatrie-Chefarzt

Wegen der psychischen Probleme misslingt auch der Schritt ins Berufsleben immer häufiger. Die Zahl an jungen IV-Bezügern, die wegen eines psychischen Leidens nicht mehr arbeiten können, steigt dramatisch an. Thomas Ihde, Psychiatrie-Chefarzt der Spitäler Frutigen Meiringen Interlaken im Berner Oberland und Präsident von Pro Mente Sana, sagt, die finanziell ohnehin angeschlagene Invalidenversicherung könnte wegen der vielen kranken Jungen in den kommenden Jahren «kollabieren».

Sind Smartphones schuld an der Teenie-Krise?

Das ist die Gretchenfrage. In die Therapiepraxen kommen Junge wegen sehr unterschiedlichen Symptomen: Ess-, Schlaf- oder Konzentrationsstörungen beispielsweise. Dass diese Leiden vielfach mit übermässiger Nutzung von Sozialen Medien zusammenhängen, merken Psychiater im Verlauf der Therapie. Manche Zusammenhänge liegen auf der Hand: Wer nächtelang scrollt, ist tagsüber müde und abgelenkt. Wer sich ständig online vergleicht, dem fehlt es an Selbstwert.

Um medizinisch besser mit dem Phänomen umzugehen, fordert Susanne Walitza, Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, die Diagnose «pathologischer Medienkonsum» im offiziellen Krankheitsregister ICD-11 aufzunehmen. Damit das passiert, muss sich die Wissenschaft aber erst einig sein, dass extensiver Social-Media-Konsum tatsächlich krank macht. Doch das ist umstritten.

Letztes Jahr befeuerte der US-amerikanische Sozialpsychologe Jonathan Haidt mit seinem Buch «Generation Angst» die These, dass Smartphones und Social Media schuld sind an der psychischen Krise der Jugendlichen. Schliesslich steigen Fälle von Angststörungen, Depressionen, Selbstverletzungen und Suizidgedanken seit etwa 2010 explosionsartig an. Just zu diesem Zeitpunkt wurden Smartphones mit Frontkamera sowie Social Media massentauglich.

Der New Yorker Professor schreibt vom bis jetzt «grössten Menschheitsexperiment», das eine «grosse Neuverdrahtung» der Kindheit zur Folge habe. Haidt beklagt, dass sich Kinder kaum mehr frei entfalten könnten, und weist auf die Widersprüchlichkeit beim Umgang mit Smartphones hin.

«Übermässiger Schutz in der realen Welt und mangelnder Schutz in der virtuellen Welt sind die Hauptgründe dafür, dass Kinder, die nach 1995 geboren wurden, die ängstliche Generation sind», schreibt er. Aus diesen Gründen fordert er: Smartphones erst ab 14 Jahren, Zugang zu Sozialen Medien nicht vor 16. Zudem handyfreie Schulen und mehr unbeaufsichtigtes, freies Spiel.

Wind in die Segel von Haidts Aussagen blies die ehemalige Facebook-Managerin Frances Haugen. Die Whistleblowerin sagte nach ihrem Ausstieg, Meta, wie der Technologiekonzern heute heisst, habe interne Studien durchgeführt, die deutlich zeigten, dass intensive Nutzung von Instagram erheblich zu Essstörungen, Selbstzweifeln und einem schlechterem Körperbild bei Teenagern beiträgt. Haugen verglich die Wirkung auf junge Nutzer mit Zigaretten: «Instagram ist wie Zigaretten für Unter-18 Jährige.»

Im deutschsprachigen Raum macht seit vielen Jahren der Neurowissenschaftler und Psychiater Manfred Spitzer auf das Thema aufmerksam. Bereits 2012 schrieb er, dass Social Media eher Depressionen als Freundschaften generieren, und warnte vor einer aufkommenden «Digitalen Demenz».

Sind Social Media für Jugendliche schädlich?

Daran zweifelt kaum jemand. Allerdings sind viele Fachleute der Ansicht, dass Haidt übertreibt. Er vernachlässige die positiven Seiten von Sozialen Medien. So würden sich Jugendliche etwa über die Plattformen informieren und diese auch für soziale Zwecke nutzen. Der Zürcher Medienpsychologe Daniel Süss argumentiert, dass Soziale Medien auch in der Identitätsfindung und im Ablösungsprozess von den Eltern eine wertvolle Unterstützung sein können.

Der Psychiater Thomas Ihde weist zudem darauf hin, dass beispielsweise Junge mit einem Tick über soziale Netzwerke andere mit dem gleichen Leiden finden, was entlastend sein könne.

Derzeit läuft in der Wissenschaft eine aufgeregte Debatte darüber, ob die Beweise für einen kausalen Zusammenhang zwischen extensiver Smartphone-Nutzung und den vermehrten psychischen Problemen bei Jugendlichen ausreichen. Während sich Haidt und Verbündete dessen sicher sind, bestreiten es andere. Sie sprechen von einer Korrelation, nicht aber von einer Kausalität.

Was sind die Gefahren Sozialer Medien?

Forschungsarbeiten zeigen, dass die digitale Dauerpräsenz schädlich für Gehirn und Wohlbefinden ist. Extensiver Smartphone-Konsum kann beispielsweise zu Einsamkeit, Schlafmangel und ständiger Ablenkung führen. Besonders bei Mädchen können Soziale Medien mit ihren im Übermass präsenten Körperbildern zudem Essstörungen oder gar suizidales Verhalten hervorrufen.

Ausserdem können Soziale Medien Orte für digitales Mobbing, rassistische oder sexistische Hetze sowie Gewaltaufrufe sein. Zudem gibt es Erwachsene, die soziale Plattformen für sogenanntes Cybergrooming nutzen: Sie versuchen, sexuelle Kontakte zu Minderjährigen anzubahnen.

Warum sind vor allem Jugendliche gefährdet?

Neurowissenschaftler heben zwei Gründe hervor. Erstens ist bei jungen Menschen der sogenannte präfrontale Kortex noch nicht ausgereift. Das ist die Hirnregion, die für das Denken, Planen und Regulieren zuständig ist. Auch die Impulskontrolle läuft über sie – also etwa die Entscheidung, jetzt gerade nicht Tiktok zu nutzen, sondern zu lernen.

Das limbische System hingegen, welches Emotionen und Belohnungen verarbeitet, ist in dieser Lebensphase schon vollständig aktiv. Während also die «Bremse» noch nicht installiert ist, funktioniert das «Gaspedal» bereits bestens.

Social-Media-Apps wurden explizit für Jugendliche programmiert und nutzen diese Schwäche aus. Sie bieten haufenweise schnelle Reize – etwa in Form kurzer Videos, die in Endlosschleifen ablaufen.

Damit kann das Gehirn Jugendlicher auch langfristig Schaden nehmen. Denn der präfrontale Kortex braucht viel Training, damit er reift – etwa durch Herausforderungen im realen Leben, durch Stille, Langeweile, Spiel oder Lesen. Passiert das nicht, verkümmern Aufmerksamkeit, Frustrationstoleranz und Konzentration.

Der zweite Grund, warum Jugendliche besonders anfällig sind: In der Pubertät sind Gruppenzugehörigkeit und Status besonders wichtig. Teenager vergleichen sich mit ihren Altersgenossen und bilden auf dieser Basis ihr Selbstbild. Auf Social Media stellen sich oft makellose Influencerinnen dar.

Der Psychiater Thomas Ihde von Pro Mente Sana sagt, dass die Forschung diesbezüglich eindeutig ist: «Je mehr sich Jugendliche mit anderen vergleichen, desto tiefer ist ihr Selbstwert.» Dabei spielt es keine Rolle, dass die grosse Mehrheit der Schweizer Jugendlichen offenbar auf Social Media gar nicht postet, sondern lediglich mitliest – oder mitschaut, wie Forschende der ZHAW jüngst herausfanden. «Das Nachdenken darüber, was andere von uns denken, ist die anstrengendste Hirnaktivität, die es überhaupt gibt», erklärt Ihde.

Machen Soziale Medien abhängig?

Ja, zumindest einen Teil der Bevölkerung. Gemäss der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich zeigen etwa acht Prozent der Jugendlichen in der Schweiz ein «suchtähnliches Social-Media-Verhalten».

Verantwortlich dafür ist das Glückshormon Dopamin, das durch Scrollen ausgeschüttet wird. Likes, Kommentare und neue Inhalte wirken wie kleine Belohnungshäppchen für das Gehirn. Wer Tiktok und Co. regelmässig nutzt, gewöhnt sich an den Kick. Entsprechend leer fühlt man sich ohne, und ausserdem braucht man immer mehr für das kurze Hochgefühl.

«Im echten Leben erhält man nicht alle fünf Minuten Komplimente oder schockierende Nachrichten. Die reale Welt ist immer etwas langweilig», sagte Neurowissenschaftlerin Barbara Studer dem Nachrichtenportal Watson. Für die Hirnexpertin ist klar: «Stimulation über Soziale Medien oder Gaming braucht ein Kind nicht. Jugendliche müssen lernen, gezielt damit umzugehen. Dafür brauchen sie Begleitung. Wie soll ein Kind oder ein Jugendlicher allein gegen Algorithmen ankommen, die von Neurologinnen und Neurologen mitentwickelt werden, um süchtig zu machen?»

Die Technologie ist schuld an der Krise der Jungen

Ist die Realität nicht komplexer? Leiden Junge vielleicht eher daran, dass die Weltlage mit Pandemie, Kriegen und Klimakrise wenig positive Zukunftsperspektiven bietet? Ist die Technologie nur ein Sündenbock? Diese Fragen warfen Forschende der Universität Würzburg auf.

In eine ähnliche Richtung argumentiert der Psychiater Thomas Ihde, Präsident von Pro Mente Sana. Ihm zufolge sind verschiedene gesellschaftliche Entwicklungen für die Zunahme psychischer Krankheiten verantwortlich.

«Unser Hirn ist zu einem Schwerarbeiter geworden», sagt er im Gespräch mit bref. Nicht nur, dass Arbeit generell kopflastiger geworden sei. Auch lebten wir in einer Multioptionsgesellschaft. «Wir können im Laden zwischen 40 Zahnpastasorten auswählen. Wir müssen enorm viele Entscheidungen treffen, die auch schon bald wieder überholt sind. Diese Komplexität ermüdet stark und macht uns heute viel erschöpfter», sagt er.

Natürlich würden auch Smartphones und Soziale Medien mit der Reizüberflutung, die sie auslösen, dazu beitragen, dass unser Gehirn pausenlos gefordert wird.

Ihde vergleicht die Situation mit Anfang des 20. Jahrhunderts, als man auf Fliessbändern Autos entwickelt hatte. Die Produktion wurde beschleunigt, die Autos wurden billiger, das führte dazu, dass alle Arbeiter massive körperliche Probleme bekamen. In der Folge passte man die Förderbänder an, die Mitarbeitenden rotierten, damit sie nicht immer denselben Arm benutzen mussten.

«An diesem Punkt stehen wir heute», so Ihde. Staat, Schulen und auch Arbeitgeber seien gefordert, um speziell Jugendliche zu schützen, damit diese nicht mehr so überflutet werden. «Beim Tabak haben wir 40 Jahre gebraucht. Es wäre gut, wenn es dieses Mal schneller ginge.»

«Wahrscheinlich zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit fordert eine junge Generation einen besseren Schutz vor einem Suchtprodukt»: Peter G. Kirschläger, Ethiker und Theologe

Das Erwachsenwerden sei in modernen Gesellschaften auch komplizierter geworden, sagt Ihde – und dauere länger. So beginnt die Adoleszenz früher, hauptsächlich darum, weil Kinder gesünder und ihre Körper damit früher bereit sind. Hatten Mädchen ihre erste Menstruationsblutung vor 200 Jahren mit etwa 17 Jahren, setzt diese heute im Alter von 12 oder 13 Jahren ein.

Zudem endet die Pubertät oft auch später, weil sich der Einstieg ins Berufsleben und damit auch in die Erwachsenenwelt durch höhere Bildung in vielen Fällen verzögert. «Selbst viele 30-Jährige fühlen sich heute noch nicht wirklich erwachsen», sagt Ihde.

Sollten wir Jugendlichen Soziale Medien verbieten?

Die grosse Mehrheit der Bevölkerung findet: Ja. Im Mai 2025 waren 80 Prozent für ein Verbot, wie eine repräsentative Umfrage des Forschungsinstituts Sotomo zeigte.

Einer der Befürworter ist der Ethiker und katholische Theologe Peter G. Kirchschläger. Soziale Medien seien von Anfang an als Suchtprodukte geschaffen worden und nur dazu da, damit Geld zu verdienen, schreibt er bref. «Basierend auf meiner Forschung würde ich vorschlagen, sie asoziale Medien zu nennen.» Analog zu anderen Suchtprodukten wie Alkohol und Tabak sollten Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren vor Social Media geschützt werden.

Es sei doch alarmierend, dass Jugendliche selbst sich ein Verbot auferlegen wollten. Tatsächlich stimmen einem solchen gemäss der Sotomo-Umfrage auch 60 Prozent der 18- bis 25-jährigen Schweizerinnen und Schweizer zu. Und als das Jugendparlament des Kantons Luzern im November 2024 die Möglichkeit hatte, eine einzige Forderung als Petition an den Luzerner Kantonsrat zu überweisen, verlangte es, dass junge Menschen besser vor Sozialen Medien geschützt werden.

«Es ist wahrscheinlich das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass eine junge Generation einen besseren Schutz vor einem Suchtprodukt fordert», so Kirchschläger. Ein Verbot sei das einzig Richtige. «Wir würden ja bei einem Kindergeburtstagsfest einer Achtjährigen auch nicht Bier servieren und dann die Kinder einladen, in Eigenverantwortung einen sinnvollen Umgang mit diesem Suchtprodukt zu finden.»

Wie könnte ein Verbot umgesetzt werden?

Der Staat müsste ein Gesetz erlassen, das die Anbieter verpflichtet, das Alter ihrer Nutzer zu prüfen. Letzteres könnte mit der staatlichen E-ID möglich werden. Ab 2026 soll jede Schweizerin und jeder Schweizer online seine Identität nachweisen können. Derzeit gibt es in Sozialen Medien zwar Alterslimiten – Nutzer von Tiktok etwa müssen mindestens 13 Jahre alt sein. Doch diese lassen sich leicht umgehen, da bei der Registrierung lediglich das Geburtsdatum angegeben werden muss und die Selbstangaben in der Regel nicht überprüft werden.

Wer ist gegen ein Verbot?

Viele Fachleute und Politiker. Die Mehrheit der Parteien war Anfang Jahr noch gegen ein Verbot oder unentschlossen, wie eine Umfrage der Zeitschrift «Beobachter» zeigte. Man könne die Zeit nicht zurückdrehen, sagen viele, und müsse lernen, mit den neuen Medien umzugehen. Schliesslich gebe es mit der künstlichen Intelligenz bereits die nächste potenziell schädliche Technologie.

Selbst Vertreter von Jugendorganisationen stehen einem Verbot skeptisch gegenüber. Oliver Reber von Pro Juventute sagt stellvertretend, Social Media sei selten das Hauptproblem. «Psychisch belastete Jugendliche mit hoher Nutzung sind auch besser erreichbar für schädliche Inhalte.» Es gebe aber meist weitere Gründe, warum es ihnen schlecht gehe. Reber erwähnt den Leistungsstress in Schule und Ausbildung, Spannungen in der Familie sowie Sorgen um die Welt und die eigene Zukunft.

«Zielführender als Verbote sind Interventionen im Bereich Medienkompetenz. Eine Möglichkeit wäre, eine Art Online-Führerschein zu etablieren»: Stephanie Volz, Juristin

Zudem dürfe man die positiven Seiten Sozialer Medien nicht vernachlässigen. Über die Hälfte der Jugendlichen würden über die Netzwerke ihre Kontakte pflegen. Ihnen dies wegzunehmen, sei kontraproduktiv. Auch weil sie dann mit 16 unvorbereitet in diese Welt kämen.

«Besser wäre es, wenn wir in einen gesunden Umgang mit digitalen Medien investieren. Dann können Jugendliche sie zu ihrem Vorteil nutzen», so Reber. Pro Juventute etwa bietet wie andere Fachstellen Medienkompetenz-Kurse in Schulen an.

In Australien gibts ein Verbot. Funktioniert es? 

Der «Social Media Ban» gilt seit Ende 2024. Um das Gesetz und dessen Folgen zu erforschen, verbrachte Stephanie Volz, Juristin an der Universität Zürich, den vergangenen Frühling in Australien. Sie schreibt an einem wissenschaftlichen Aufsatz zum Thema.

Volz hält ein Verbot Sozialer Medien für jüngere Menschen nicht für praktikabel. Einerseits sei die Umsetzung schwierig. So zeigen Erfahrungen aus Australien, dass die meisten Jugendlichen die bisherige Hürde der Alterslimite umgehen, indem sie das Konto ihrer Eltern benutzen oder falsche Altersangaben machen.

Durch das neue Gesetz werden die Plattformen ihre Anstrengungen zwar verstärken müssen. «Sehr wahrscheinlich werden Teenager andere Wege finden, um die Einschränkungen zu umgehen», sagt Volz. Etwa, indem sie ein virtuelles privates Netzwerk (VPN) nutzten. Damit kann verschleiert werden, aus welchem Land aufs Internet zugegriffen wird.

Andererseits, sagt Volz, sei es kompliziert zu definieren, für welche Plattformen das Verbot überhaupt gelten solle. In Australien seien etwa Gaming-Plattformen davon ausgenommen – obwohl diese ebenfalls ein hohes Suchtpotenzial aufweisen, mit denselben Algorithmen operieren und Nutzer auf solchen Plattformen mit Fremden chatten können.

«Letztlich könnte sich die Gefährdung der Jugendlichen sogar noch verstärken», so Volz. «Denn es wäre denkbar, dass Plattformen ihren Jugendschutz vernachlässigen, indem sie argumentieren, dass die App nicht von Kindern genutzt wird. Auch Eltern und generell die Gesellschaft könnten sich in falscher Sicherheit wiegen.

Zudem könnten jene Jugendlichen, die keinen Zugang erhalten, in noch gefährlicheren Milieus Ersatz suchen – etwa im Darknet. «Verbote führen oft nicht dazu, eine Praxis zu beseitigen, sie wird dann im Untergrund weitergeführt», sagt Volz.

Aus rechtlicher Sicht sei es zudem fragwürdig, ob nicht grundlegende Menschenrechte (Meinungsäusserungsfreiheit und Zugang zu Informationen) tangiert würden und ob die Privatsphäre ausreichend geschützt sei, so Volz.

Die Juristin hält darum gezielte Interventionen im Bereich Medienkompetenz für zielführender. «Eine Möglichkeit wäre, eine Art Online-Führerschein zu etablieren», schlägt sie vor. Eine Prüfung dafür könnte auf Themen wie Datenschutz und Cybermobbing sensibilisieren und anleiten, wie verdächtige Interaktionen oder rechtswidrige Inhalte gemeldet werden können.

Was sind die Alternativen zu einem Verbot?

Die momentan am meisten diskutierten Massnahmen sind eine Regulierung Sozialer Medien für alle sowie ein Verbot an den Schulen. So sollen Plattformbetreiber mehr Verantwortung im Jugendschutz übernehmen, etwa indem sie verpflichtet werden, schädliche Inhalte konsequent zu löschen. Auch sollen sie ihre Algorithmen transparent machen. Das fordert Oliver Reber von Pro Juventute.

Das Uno-Kinderhilfswerk Unicef schreibt in einem Positionspapier: «Die Regulierung muss die Unternehmen dazu zwingen, Verantwortung zu übernehmen, indem sie proaktiv alle negativen Auswirkungen auf die Rechte von Kindern erkennen und angehen.»

Die Einführung eines Mindestalters reiche nicht. Es brauche auch Massnahmen auf familiärer, schulischer und gemeinschaftlicher Ebene.

Ein Handy-Verbot an Schulen scheint sich derweil langsam durchzusetzen. Zahlreiche Schulen haben ein solches bereits eingeführt. Nun werden auch die Kantone aktiv. Aargau und Nidwalden haben die Handys kantonsweit aus dem Schulalltag verbannt. Die Erfahrungen seien durchwegs positiv, heisst es aus den Schulen.

Weitere Kantone dürften bald ebenfalls ein einheitliches Verbot einführen. Auch Mitte-Politiker Christophe Darbellay, Präsident der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren, sprach sich öffentlich für ein Verbot aus.

Wie können wir Soziale Medien verändern?

Einen Vorschlag, wie sich Meta und Co. zum Besseren verändern könnten, hat die ehemalige Facebook-Managerin und Whistleblowerin Frances Haugen gemacht. Sie propagiert eine Algorithmen-Ethik. Dabei handelt es sich um Regeln, durch die Algorithmen nicht länger Gewalt, Livevideos und polarisierende Inhalte bevorzugen. Facebook selbst könne ausserdem zu einem besseren Netzwerk werden, indem es seine Nutzer dazu auffordert, Artikel erst zu teilen, nachdem sie sie selbst gelesen haben.

Das Problem ist, dass die privaten Betreiber kaum freiwillig ihr Geschäftsmodell schädigen werden. Meta geht derzeit in die entgegengesetzte Richtung. So schaffte Meta-Chef Mark Zuckerberg Anfang 2025 die Faktencheck-Teams auf Facebook und Instagram ab.

Es liegt also am Staat, Leitplanken zu setzen. Wie das gehen könnte, zeigt China, das Tiktok kurzerhand verboten hat und eine Art jugendfreie App namens Douyin entwickeln liess. Diese fokussiert auf Bildung statt Unterhaltung und virale Inhalte. Beide Apps, Tiktok wie Douyin, wurden, wohlgemerkt, vom selben chinesischen Unternehmen (Bytedance) entwickelt.

Dazu zitiert die «NZZ» den amerikanischen Tech-Ethiker Tristan Harris, der Douyin und Tiktok mit einer Portion Gemüse neben einem Haufen Rauschmittel vergleicht. Um den Gefahren von «Internet-Sucht» vorzubeugen, gilt in China für Kinder unter 14 Jahren ein Jugendschutz. Sie dürfen die App nur 40 Minuten pro Tag nutzen. Nachts ist sie gesperrt.

Die Folgen gemäss «NZZ»: In einer Umfrage des US-amerikanischen Marktforschungs- und Analyseunternehmen Harris Poll wurden amerikanische und chinesische Kinder gefragt, welchen Beruf sie am liebsten ausüben würden. Die häufigste Antwort unter Kindern aus der Volksrepublik war «Astronaut». Bei Kindern aus den Vereinigten Staaten rangierte zuoberst «Influencer».

Was plant die Politik?

Zwei Ständerätinnen der Grünen fordern vom Bundesrat, zu einem möglichen Social-Media-Verbot für Jugendliche Stellung zu nehmen. Die Antwort ist noch ausstehend.

Der Bundesrat möchte unabhängig davon die grossen Technologiefirmen und Kommunikationsplattformen wie Google mit Youtube, Meta mit Facebook oder X (ehemals Twitter) gesetzlich regulieren. Das hat er 2023 bekannt gegeben.

Die Vernehmlassungsvorlage lässt aber auf sich warten. Klar ist, dass es beim neuen Gesetz nicht primär um den Jugendschutz gehen soll, sondern darum, den Schweizer Nutzerinnen und Nutzern der Plattformen mehr Rechte einzuräumen – etwa, wenn ihre Posts oder ihr Konto gelöscht wurden. Auch müssen Aufrufe zu Hass, Gewaltdarstellungen oder Drohungen gemeldet und geprüft werden können.

Die Eidgenössische Medienkommission (EMEK) hat bereits angekündigt, dass diese Massnahmen nicht ausreichen. Sie sorgt sich um schädliche Wirkungen der Plattformen für die Demokratie. «Derzeit bestimmen Algorithmen, welche Inhalte wir zu sehen bekommen und welche nicht, was für die Meinungsbildung zentral ist», sagte Medienwissenschaftler Manuel Puppis dem SRF.

Der News-Feed bei Facebook oder die Empfehlungen bei Youtube würden nicht nach Relevanz zusammengestellt, sondern danach, was uns möglichst lange auf den Plattformen hält, damit viel Werbung angezeigt werden kann. «Also was für die Plattformen von Vorteil ist», so Puppis.

Die EMEK fordert vom Bundesrat, Regeln für die Algorithmen aufzustellen sowie die Marktmacht der Plattformen über das Wettbewerbsrecht zu regulieren.

Sollen wir ein demokratisches soziales Medium schaffen?

Ein Vorschlag in diese Richtung steht im Raum. Er stammt ebenfalls von der Eidgenössischen Medienkommission. Die EMEK schlägt vor, dass der Staat die Infrastruktur für einen demokratischen öffentlichen Raum im Internet schaffen muss.

Dieser könnte dann von Dritten genutzt werden. Zudem solle er «demokratieorientierte» Algorithmen entwickeln, die sich nicht an Klickzahlen, sondern an Vielfalt, Zufälligkeit oder Fairness orientieren. Die EMEK sieht diese Aufgabe als künftige zentrale Rolle des Service Public.

 

«Die Hälfte der Eltern hat Angst, dass einem Achtjährigen allein auf einem Spielplatz etwas passieren könnte. Wenn er aber zuhause im Zimmer am Handy spielt, glauben sie, er sei kontrollierbar»: Margrit Stamm, Erziehungswissenschaftlerin

Über einen praktisch identischen Vorschlag wird derzeit in Deutschland diskutiert. Ein Gutachten kam zum Schluss, dass das ZDF die Basis für ein «gemeinwohlorientiertes digitales Netzwerk» bilden könnte, als Gegengewicht zu den grossen, von US-Konzernen dominierten Internet-Plattformen.

Was können Eltern tun, wenn die Politik sie im Stich lässt?

Man muss auch sehen: 88 Prozent der Jugendlichen bezeichnen ihre psychische Verfassung als «gut» oder «sehr gut». Das zeigt die Jugendstudie von Pro Juventute. Auch wenn die Zahl jener, die mit der Dauerberieselung durch die Sozialen Medien nicht umgehen können, steigt: Die meisten kommen damit klar.

Dass dies mit der Erziehung zu tun hat, davon ist Margrit Stamm überzeugt. Auch sie gehört zu den Fachleuten, die ein Verbot Sozialer Medien für Jugendliche für die falsche Massnahme halten.

Stamm glaubt, dass ein überbehütender Erziehungsstil, der Kindern keine Freiheiten lässt, für den Anstieg psychischer Krankheiten bei Jugendlichen mitverantwortlich ist. «Die Hälfte der Eltern hat Angst, dass einem Achtjährigen allein auf einem Spielplatz etwas passieren könnte. Wenn er aber zuhause im Zimmer am Handy oder an der Playstation spielt, glauben sie, er sei kontrollierbar.»

Stamm fordert im Gespräch mit bref, Kinder mehr zu Resilienz, also zu psychischer Widerstandsfähigkeit, zu erziehen. Dann könnten sie auch mit Tiktok und Co. besser umgehen. «Gesunde Teenies sind weniger Smartphone-süchtig.»

Dafür müsse einem Kind in Freizeit und Familienumfeld mehr zugetraut werden, dies schaffe Selbstvertrauen und erhöhe die Frustrationstoleranz. Wer seine Kinder überbehüte, hindere sie daran, eine solche Resilienz zu entwickeln.

Dass Resilienz ein sinnvolles Ziel ist, findet auch Psychiaterin Susanne Walitza. «Wir sollten uns nicht nur auf die Störungen konzentrieren, sondern vermehrt auch auf die Resilienz», sagte sie dem «UZH Magazin».

Statt mit einem Mädchen mit Essstörung auch in der Therapie ständig über das problematische Verhalten zu reden, gelte es auszuloten, was das Kind interessiert und was Selbstwirksamkeit erzeugen kann.

Ein weiterer Aspekt ist für Eltern wichtig: Befragungen zeigen sehr klar, dass Jugendliche auch während der wortkargen Phase des Erwachsenwerdens reden möchten. Die Voraussetzungen für ein klärendes gemeinsames Gespräch sind also gut. Auch, weil die meisten Jugendlichen sich bei ihrer eigenen Social-Media-Nutzung selbst einschränken möchten, wie aus der Jugendstudie der Pro Juventute hervorgeht.

Wie gelingt ein gesünderer Umgang mit dem Smartphone?

Wir sollten unserem Gehirn mehr Pausen gönnen, sagt Psychiater Thomas Ihde. Zum Beispiel, indem wir auf dem Balkon sitzen, die Wolken und unsere Gedanken vorbeiziehen lassen. «In solchen Situationen entspannen wir uns, weil unser Aufmerksamkeitssystem nicht aktiviert ist», so Ihde. In den Niederlanden ist der Trend unter dem Namen «Niksen» bekannt, übersetzt werden kann dies mit Musse.

«Die ein bis zwei Stunden, in denen Kinder gelangweilt am Boden liegen und nicht wissen, ob sie nun einen Freund anrufen oder Lego spielen sollen, können sehr nützlich sein», sagt Ihde. Nachweislich die Gesundheit fördern würden ausserdem Beziehungen.

Auch viele Ratgeber präsentieren digitale Balance als Fundament für ein gutes Leben. Die Autorin Anna Miller schreibt in ihrem Buch «Verbunden»: «Wir sind alle hier, aber nicht wirklich da. Eine neue Gleichzeitigkeit hat sich über alles in unserem Leben gelegt. Sie raubt uns jede Willenskraft, uns einzulassen. Auf den Moment, uns selbst, einen anderen Menschen, eine Tätigkeit.» Miller empfiehlt keine kurzfristige «Detox-Kur», sondern eine langfristige «digitale Ernährungsumstellung».

Gelingt uns das, kommt das auch unseren Kindern zugute. Oder wie Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm sagt, kämen die Ängste der jungen Generation nicht ausschliesslich von den Handys, sondern ebenso von den Eltern, die in dieser Hinsicht oft schlechte Vorbilder sind. «Ängstliche Eltern haben ängstliche Kinder», sagt sie.

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