Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Mittwoch, 17. April 2019

Unspektakulär fügt sich die Kirche Suteracher ins Ensemble von Wohnblöcken, Coop und Kindergarten. Eine ganz normale Kirche mitten im Zürcher Stadtteil Altstetten. Schlicht, weckdienlich. Kaum einer im Quartier erinnert sich noch, dass an dieser Stelle beinahe Architekturgeschichte geschrieben worden wäre. Fünfzig Jahre ist es her, dass die Kirchgemeinde Altstetten den Plan fasste, in der neuen Überbauung im Westen des Stadtteils eine Kirche zu errichten.

Ein architektonisches Baudenkmal sollte es werden: eine moderne Basilika mit Platz für mehrere Hundert Besucher und einem fast ebenso grossen Kirchgemeindehaus. Entworfen von niemand Geringerem als dem finnischen Star­architekten Alvar Aalto, der im gleichen Atemzug mit Le Corbusier, Mies van der Rohe und Frank Lloyd Wright genannt wird. Doch am Ende scheiterte das Projekt an dem, was man den Reformierten bis heute immer wieder entgegenhält: dem allzu nüchternen Pragmatismus, dem Misstrauen gegenüber allem Glanzvollen und Spektakulären und an der Angst, als Kirche in der Öffentlichkeit anzuecken.

Heute zeugt von den einst kühnen Plänen nur noch ein Stoss Akten. Die Mitarbeiterin im Gemeindezentrum muss eine Weile in den Archivschränken wühlen, bis sie den Bundesordner mit der Aufschrift «Aalto-Kirche» findet. Er enthält all die Dokumente, die das jahrelange Ringen der Kirchgemeinde um das ehrgeizige Bauprojekt bezeugen: Kostenaufstellungen, Baugutachten, Sitzungsprotokolle, und schliesslich jenen Entscheid vom 17. Januar 1973, mit dem die zentrale Kirchenpflege der Stadt Zürich den Kreditantrag der Kirchgemeinde Altstetten mit wuchtiger Mehrheit verwarf.

Der finnische Architekt, Stadtplaner und Möbeldesigner Alvar Aalto (1898–1976).

Zürich, Anfang der sechziger Jahre. In Kloten landeten die ersten Düsenflugzeuge, und am Hauptbahnhof wurde ein hochmodernes Stellwerk errichtet, um dem zunehmenden Verkehr auf den Schienen Herr zu werden. Hochhäuser wie die Überbauung im Lochergut wuchsen in die Höhe, und ganze Quartiere entwickelten sich wegen der Zuwanderung zu kulturellen Schmelztiegeln. Der Traum, zur europäischen Metropole a­uf­zusteigen, schien greifbar nah. Besonders spürbar war der Boom in Altstetten im Westen der Stadt. Seit 1963 verband die Europabrücke, ein über einen Kilometer langes Viadukt, den Stadtteil mit Zürichs Norden. Mehrere Tausend Neuzuzüger, so prognostizierte es das Zürcher Amt für Stadtplanung, sollten in den kommenden Jahren ins Quartier ziehen. Für sie verwandelte man brachliegende Grünflächen in grosse Wohnsiedlungen.

Wann genau sich die Reformierte Kirchgemeinde Altstetten von der urbanen Wachstumseuphorie anstecken liess, ist schwer zu rekonstruieren. Klar ist: bereits in den späten fünfziger Jahren meldeten sich in den Sitzungen der Kirchenpflege Stimmen, die den Bau zweier neuer Kirchen in Altstetten forderten. In einem späteren Bericht ist dazu vermerkt, man sei angesichts des vorhergesagten Wachstums besorgt gewesen, das Kirchenleben könne zu unpersönlich werden.

Neben den bereits vorhandenen Kirchen im Zentrum sollten deshalb zwei weitere Kirchen die Aussenquartiere Grünau und Suteracher erschliessen. Wer die treibenden Kräfte in der Kirchgemeinde waren, lässt sich im nachhinein nicht lückenlos klären. Zu den Unterstützern gehörte mit Sicherheit der damalige Präsident der Kirchenpflege, Jakob Hofmann. Der Schlossermeister aus Altstetten engagierte sich seit vielen Jahren in der Kirchgemeinde und stand damals kurz vor der Pensionierung. Er war es, der das Projekt am energisch­sten gegenüber der zentralen Kirchenpflege verteidigte. Auch der frisch gewählte Pfarrer Willi Keller spielte als Präsident der eigens gebildeten kirchlichen Baukommission eine tragende Rolle.

«Magus des Nordens» soll in Altstetten bauen

Ende 1962 kam Bewegung in die Sache. Unter Zustimmung der Altstetter Stimmbevölkerung erwarb die Kirchgemeinde im Suter­acher ein Stück Bauland. Kurz darauf entschied man sich, den Kirchenbau als Wettbewerb auszuschreiben. In der Planungskommission sass ein Mann, der in Zürich längst kein Unbekannter mehr war: der Architekt Ernst Gisel. Er war 1955 durch seinen Entwurf des Grenchner Parktheaters bekannt geworden, eines Bauwerks, das durch Leichtigkeit und Eleganz begeisterte. Mit seiner Kirche in brutalistischem Stil in Effretikon bei Winterthur war er hingegen nicht nur auf Gegenliebe gestossen.

Vielen in der Gemeinde war das Gebäude, inbesondere der Kirchtum, zu gewagt modernistisch. Gisel hatte den definitiven Entwurf nicht der Kirchgemeinde vorgelegt; sie sah den Turm zum ersten Mal, als er ausgeschalt wurde. Bis heute wird er im Volksmund «Seelenabschussrampe» und «Giraffentränke» genannt. Trotzdem baute Gisel später weitere reformierte Kirchen und galt als einer der innovativsten Architekten der Schweiz. Beim Wettbewerb im Suteracher kam ihm aber noch eine andere Rolle zu: Als junger Architekt hatte sich Gisel vom finnischen Altmeister Alvar Aalto inspirieren lassen. Das Parktheater in Grenchen galt gar als «schweizerisches Säynä­tsalo», so benannt nach einem berühmten Bauwerk Aaltos in der gleichnamigen Stadt im Norden Finnlands. Aber auch sein Kirchturm in Effretikon scheint von Grossmeister Aalto inspiriert. Es überraschte daher wenig, dass Gisel neben einem holländischen und einigen Schweizer Architekten auch den Finnen zum Wettbewerb einlud.

Aalto galt zu jener Zeit längst als eigenständiger Klassiker der Moderne mit eigener Formsprache. Anders als den Vertretern der Neuen Sachlichkeit schwebte ihm eine Architektur vor, die Kunst und Natur harmonisch verband. «Magus des Nordens» nannte ihn der Schweizer Architekturhistoriker Sigfried Giedion einst, in Anlehnung an den deutschen Philosophen ­Johann Georg Hamann. Wie dieser misstraute Aalto einer strengen Rationalität. Die geraden Linien in seinen Bauten durchbrach er mit weicheren Formen wie Wellen, Kurven und sanften Rundungen, inspiriert von der Landschaft seiner Heimat.

Mit seinen ausdrucksstarken Formen traf Aalto den Nerv der Zeit und erhielt bald das Prädikat «Stararchitekt». Hatte er zunächst nur in Finnland gebaut, so erreichten ihn nun Aufträge aus den USA, aus Deutschland, Österreich und Italien. Auch zur Schweiz unterhielt er enge Verbindungen. So verkehrten in seinem Atelier in Helsinki oft Schweizer Architekten, der er liebevoll «meine Schweizergarde» nannte. Ein grösserer Auftrag war Aalto hier aber bislang verwehrt geblieben.

Das sollte sich nun ändern. Im Herbst 1967 entschied sich die Jury aus Pfarrern, Architekten und einem Vertreter des Hochbauamts für den Entwurf des Finnen. Er bestach durch seine Grosszügigkeit: Die Basilika bot bis zu 600 Besuchern Platz, weitere 400 fasste der angebaute Kirchgemeindesaal. Daneben waren eine Cafeteria, Büros, eine Bibliothek und Sitzungszimmer vorgesehen. Alles andere als bescheiden war auch die Pfarrwohnung: Sie enthielt neben Ess- und Wohnzimmer ein Studierzimmer mit Warteraum, drei bis vier Schlafzimmer und einige Nebenräume. Lediglich die schlechten Lichtverhältnisse wurden von der Jury bemängelt.

Die Stimmung kippt

Eine kleine reformierte Kirchgemeinde holt den weltberühmten Architekten Alvar Aalto nach Zürich: Das war eine Affiche, die auch die weltliche Presse auf den Plan rief. In Artikeln der Neuen Zürcher Zeitung und in Fachmagazinen war von einem «schönen», ja «meisterhaften» Entwurf des Finnen die Rede. Gleichwohl gab es auch kritische Töne. Zweifel meldete die Schweizerische Bauzeitung an. In einem umfangreichen Gutachten stellte sie die Frage in den Raum, ob ein so monumentales Kirchenprojekt noch zeitgenössischen Bedürfnissen entspreche. Kritiker warfen ein, die Form einer Basilika erfülle nicht die Anforderungen eines modernen Gemeindezentrums und füge sich zu wenig ins Quartier. Anderen war der Entwurf schlicht zu bombastisch. Kirchenpflege und Kirchgemeindeversammlung hatten bis anhin mehr oder weniger geschlossen hinter dem Projekt gestanden.

Finanziell wäre die Kirche eine grosse Belastung gewesen, sagen die Kritiker von damals auch heute noch. Visionen aber entstanden noch selten am Rechenschieber. In den Augen von Fachleuten verpasste die Kirche die Gelegenheit, Architektur­geschichte zu schreiben.

Angesichts der Dimensionen und der anstehenden Kosten wurden die Diskussionen nun aber härter geführt. Einer der Gegner des Aalto-Baus war Rolf Walther. Der spätere Zürcher Politiker und Präsident des reformierten Stadtverbandes war in Altstetten aufgewachsen und sass als junger Mann in der Kirchenpflege. An die Debatten über die neue Kirche erinnert er sich gut. «Es erschien mir unsinnig, dass im Suteracherquartier, in dem vielleicht 5000 Menschen verschiedenster Religionen lebten, eine so grosse Kirche gebaut werden sollte.» Wegen seiner Kritik sei er in der Kirchgemeinde und besonders in Architekturkreisen scheel angesehen worden. «Ich machte keinen Hehl daraus, dass ich das Projekt für puren Gigantismus hielt», sagt Walther.

Mit seinen Einwänden konnte sich Walther nicht durchsetzen – vorerst jedenfalls. Am 12. Juni 1968 wurde der Vertrag mit dem Stararchitekten unterzeichnet, knapp zwei Jahre später bewilligte die Kirchgemeindeversammlung den Baukredit über 5,8 Millionen Franken. Trotzdem schien zu jener Zeit so etwas wie ein allmählicher Stimmungswandel stattzufinden. Nur so ist ein Schreiben zu erklären, das Pfarrer Willi Keller im Namen der kirchlichen Baukommission wenige Wochen vor der Versammlung an Aalto richtete. Darin bat er den Architekten, an der Versammlung teilzunehmen – nicht zuletzt, um eine «gewisse Opposition» in der Kirchgemeinde umzustimmen.

Dem Wunsch kam Aalto allerdings nicht nach. Die Gegner in der eigenen Kirchgemeinde waren aber nur eine Sorge der Baukommission. Sollte die Kirche wirklich zustande kommen, musste noch eine andere Hürde genommen werden: das Einverständnis der zen­tralen Kirchenpflege. Das Gremium hatte die gesetzgebende Gewalt im Verband der Stadtzürcher Reformierten. Es war das Nadelöhr, durch das alle wichtigen Vorhaben der Kirchgemeinden hindurch mussten. Erst danach durften sie dem Stimmvolk vorgelegt werden.

Wer heute in den Sitzungsprotokollen der zentralen Kirchenpflege blättert, bekommt eine Ahnung davon, wie schwer sie sich mit dem Traktandum Suteracher tat. Ihre Haltung war widersprüchlich. Zwar beeilte man sich, die architektonischen Qualitäten des Entwurfs in hohen Tönen zu loben. Gleichzeitig konnte man nicht verbergen, wie gross die Bedenken waren.

Entscheidend für die Meinungsbildung dürfte eine Rede des damaligen Präsidenten der zentralen Kirchenpflege, Martin Burkhard, gewesen sein. In der Sitzung vom 25. November 1970 erhob er massive Einwände gegen das Projekt. Sie betrafen nicht nur die hohen Kosten und die Sorge, es könne im Suter­acher nicht genügend Kirchgänger geben. Vielmehr stelle sich die Frage, wie zeitgemäss ein so «triumphaler Kirchenbau» sei: «Ist ein solcher monumentaler Sakralbau, einem modernen Münster gleich, heute noch identisch mit dem Wesen unserer Kirche?» Kopfzerbrechen bereiteten Burkhard auch die kirchenkritischen Stimmen in der Bevölkerung: «Es scheint, dass die kritische Haltung weiter Bevölkerungskreise gegen aufwendige kirchliche Bauten sich in den letzten Jahren progressiv verstärkt hat.» Würde man diese Leute mit einer Aalto-Kirche nicht unnötig provozieren?

Verpasste Chance

Dass die zentrale Kirchenpflege erst jetzt – Jahre nach Projektbeginn – ihre Einwände vorbrachte, verärgerte die Altstetter Kirchenpfleger. Ihr Präsident Jakob Hofmann warf der Behörde eine «unmögliche Verzögerung» bei der Behandlung vor. So seien Anfragen seitens der Kirchenpflege teilweise einfach unbeantwortet geblieben. Hofmann ärgerte sich über die mutlose Schwarzmalerei in Burkhards Rede. Überall Krise und Abbau zu sehen, das sei in der Wirtschaft undenkbar: «So etwas ist nur in der Kirche möglich.» Wann die Waagschale endgültig zugunsten der Bedenkenträger unter den Reformierten kippte, bleibt im dunkeln.

In den Monaten vor dem definitiven Entscheid rief Hofmann die Gegner des Projekts noch einmal zu mehr Mut auf: «Tut um Gottes willen etwas Tapferes!» Die Zwinglianer schienen da aber bereits in der Minderheit zu sein. Im Januar 1973 lehnte die zentrale Kirchenpflege den Kreditantrag der Kirchgemeinde Altstetten schliesslich mit einem deutlichen Mehr ab. Der Traum von sakraler Spitzenarchitektur mitten in Zürich war geplatzt. Stattdessen entstand 1982, genau an der Stelle, an der einst Aaltos Basilika errichtet werden sollte, die kleine, schlichte Quartierkirche Suteracher. Ihre rund 60 Plätze reichen für den sonntäglichen Gottesdienst vollkommen aus. Hatte die zentrale Kirchenpflege den Aalto-Bau also zu Recht als unzeitgemäss und masslos verworfen?

Blick in den Kirchenraum. Architekt Aalto wollte mit schallabsorbierenden Flächen eine ausgewogene Akustik zwischen Predigt und Musik erzielen.

Fünfzig Jahre später sind die Meinungen darüber noch immer geteilt. Gegner wie der ehemalige Kirchenpfleger Rolf Walther sind nach wie vor überzeugt, dass der Entscheid richtig war. Die reformierte Kirche verliere weiterhin Mitglieder, viele Kirchen stünden leer oder müssten umgenutzt werden, sagt Walther. «Das ist auch finanziell eine grosse Belastung.» Visionen aber entstanden noch selten am Rechenschieber. In den Augen von Fachleuten verpasste die Kirche damals die einmalige Gelegenheit, Architekturgeschichte zu schreiben. Der Architekt Benedikt Loderer, in den sechziger Jahren Student an der ETH Zürich, ist sich sicher: Eine Aalto-Kirche wäre heute ein Wallfahrtsort für Touristen und Kunstliebhaber, vergleichbar nur mit dem Le-Corbusier-Pavillon am See. «Die Kirchgemeinde könnte auf ein solches Bauwerk stolz sein», sagt er.

Was der finnische Architekt zum Fiasko an der Limmat sagte, ist nicht überliefert. Zu seinem Bauwerk in der Schweiz kam Aalto trotzdem noch: Das vierzehnstöckige Hochhaus Schönbühl in Luzern wurde 1968 fertiggestellt und gilt seither als ein Wahrzeichen der Stadt.

Heimito Nollé ist Redaktor bei bref.