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Text und Bilder: Lukas Messmer
Donnerstag, 07. August 2025

Ich sperre meine Kammer auf, Nummer 429 im vierten Gebäude, trete ein, barfuss. Es knirscht unter meiner linken Ferse, ich schaue nach unten, sehe, dass ich das hintere Ende eines Tausendfüsslers zermalmt habe. Mich schaudert. Ekel steigt hoch, dann Mitleid für das Tier.

Ich fühle mich hilflos und schiebe das zur Hälfte zerquetschte Insekt mit den Zehen auf den Gang. Aus den Augen, aus dem Sinn, denke ich, und doch bleibt der Tausendfüssler im Kopf haften, noch für Tage, wie ein monumentales Ereignis. Ich kann hier nicht vor mir fliehen.

Ich bin seit drei Tagen im Meditationszentrum Suan Mokkh im Süden von Thailand. Ich bin freiwillig da. Aufstehen um vier, Frühstück um acht, Mittagessen um zwölf, Nachtessen gibt es nicht, Lichterlöschen um neun. Dazwischen ruft die Glocke zur Meditation im Sitzen, 45 Minuten lang, abwechselnd mit Meditation im Gehen, 30 Minuten, insgesamt sieben Stunden pro Tag.

Alles schmerzt, die Muskeln, die Knochen, der Hintern. Für zehn Tage gilt: Nicht reden. Nicht lesen. Nicht schreiben. Es gibt keine Ablenkung. Kein Internet, keine Musik, keinen Zucker. Am ersten Tag fährt die Hand noch in die Hosentasche und sucht das Handy.

Den als Kopfkissen gedachten Holzklotz benutze ich die ersten zwei Nächte, weil ich alles «richtig» machen will, in der dritten kapituliere ich und baue einen Hügel aus meinen Kleidern. Immer, wenn die Hüften schmerzen, wälze ich mich auf dem Bett, das hart wie Beton ist. Ich höre, sicher ein Dutzend Mal pro Nacht, den Dieselzug von Bangkok nach Singapur rattern.

Meine Gedanken sind dunkel und freudlos

Warum tue ich mir das an? Ich, 40, Mann, lebe seit sieben Jahren in Thailand und habe das Gefühl, nirgends angekommen zu sein, dass irgendwas nicht stimmt, irgendwas fehlt, irgendwas falsch ist. Ich habe die letzten Jahre nach Antworten gesucht und bin bei der buddhistischen Philosophie hängen geblieben.

Was die Thais oft machen, wenn das Leben holpert, in Situationen, in denen wir psychologische Hilfe holen: Sie gehen ins Kloster zur Meditation. Meine ehemalige Freundin hatte mir das «Handbuch für die Menschheit» des thailändischen Waldmönchs Buddhadasa empfohlen. Er hat Suan Mokkh gegründet: den «Garten der Befreiung».

Die ersten drei Tage sind hart. Ich erinnere mich oft an ein chinesisches Wort, das «Bitterkeit essen» bedeutet, denn genau so fühlt sich das alles an. Ich bin müde, todmüde, schleppe mich von einer Sitzung zur nächsten, hinterfrage mich, meine Gedanken sind dunkel und freudlos.

Was mache ich hier? Was ist der Sinn? Es braucht ungeheure Energie, in den Meditationen den nötigen Fokus aufzubringen. Das harte Bett hilft nicht.

Im Büchlein, das alle lesen müssen, bevor sie das Anmeldeformular unterschreiben und die 50 Franken Registrationsgebühr bezahlen, steht:

«Du wirst tief in dir selbst herausgefordert werden. Wenn du meditierst, wirst du Dinge über dich selbst erkennen, die du vorher nicht gewusst hast. Du wirst vielleicht einen Frieden erfahren, ein Glück, das über herkömmliches Glück hinausgeht. Wir hoffen, dass dein Aufenthalt hier dir hilft, das Wichtigste in deinem Leben zu entdecken.»

Den als Kopfkissen gedachten Holzklotz benutzt unser Autor die ersten zwei Nächte, in der dritten kapituliert er und baut sich aus seinen Kleidern einen Hügel.

Morgens um vier ist es totenstill. Die Vögel wachen erst eine Stunde später auf. In der Meditationshalle fünf brennen vier Kerzen, in jeder Ecke eine. Ich suche meinen Platz, das dritte Kissen von vorne und von links. Die Sitzordnung ist festgelegt.

Wir machen anapanasati, eine Methode, die der Buddha selbst praktiziert hat und die ihn zur Erleuchtung unter dem Bodhi-Baum geführt haben soll. Das heisst: Konstant versuchen, dem Atem beim Ein- und Ausatmen zu folgen und dazu den Körper nach und nach zu entspannen. Sollte der Geist abdriften, was er ständig tut, bringen wir ihn wieder zum Atem zurück. Immer wieder.

Quietschen, knacken, klappern: Alles stört

In den ersten Tagen fällt mir vor allem auf, was mich stört. Vor mir sitzt ein junger Mann in hellblauem Kapuzenpullover. Bei jedem Schluck Wasser, den er trinkt und dabei seine PETFlasche leicht zusammendrückt, knackt sie laut, ich bin sicher, alle in der Halle können es hören. Es ist ein grausames Geräusch, mitten im Morgenkonzert der Vögel. Ich sage nichts, kann ja nichts sagen, leide still, bin wütend: Merkt er es nicht?

Er könnte Fussballer sein, denke ich, er geht genauso wie ein Fussballerfreund von mir. Der Schneidersitz macht ihm Mühe und er hat sich mit den Meditationskissen und Holzstühlchen aus dem Vorratslager eine Passform gebaut, in die er sich mit seinen ungelenken Beinen hineinsetzen kann. Jeder um mich herum hat sich ein individuelles Nest gebaut, um die physischen Schmerzen so weit wie möglich zu reduzieren. Ich sitze auf zwei Standardkissen, das untere gerade, das obere schief darüber, in burmesischer Pose, die Beine gekreuzt, die Knie auf dem Boden. Sie tun weh.

Alles stört mich: quietschende Plastiksandalen auf Sand, das Geklapper der Essschüsseln, die grellen Glühbirnen in der Nacht, Tattoos, Taschenlampen, die verdammten Mücken! All jene, die die Regeln brechen. Ich bin müde, gereizt, verurteile Menschen, die ich gar nicht kenne und die ich nicht fragen kann, warum sie tun, was sie tun.

Auch die Glocke nervt mich. Dazu dient eine Hälfte einer entzweigefrästen US-Bombe aus dem Vietnamkrieg. Ding, ding, ding: Sie ruft uns zur Meditation und entlässt uns danach wieder. Sie hallt durch das ganze Gelände. Sie ist das Gerüst des Tages.

Ding, ding, ding – die nächste Meditation. Müde schleppe ich mich zum Kissen. Ding – Pause! Wir essen Reissuppe. Ding, ding, ding – Kissen. Ding, ding, ding – Gehmeditation, ich soll die Aufmerksamkeit nur auf die Füsse richten, das ist schwieriger als sitzen. Ding, ding, ding – wieder aufs Kissen. Es könnte auch ein Gefängnis sein, denke ich manchmal.

Die Sinne werden schärfer

Die Ruhe finde ich wunderbar. Mit Unverständnis beobachte ich, wie manche Teilnehmer gegen das Schweigen ankämpfen. Ein Ort, wo sie Druck ablassen, quasi ein Ventil, sind die heissen Quellen, die sich im Garten des Klosters befinden. Zweimal am Tage dürfen wir sie benutzen, schweigend natürlich, und doch sprudeln dort Wörter ins Freie.

Ein Amerikaner, gross und rund, leidet seit dem ersten Tag, weil er kaum sitzen kann, lässt sich einmal mit einem lauten «hello boys!» ins Becken fallen. Die anderen Männer trotzen den Wellen, starr, bleiben still und gucken leicht beschämt in die Kokospalmen. Wir spüren seine innere Anspannung. Er hängt sich über den Beckenrand und starrt ins Leere. Später beobachte ich, wie er den Geckos, die von den Bäumen schreien, mit einem «fuck you!» antwortet.

Ding, ding, ding. Es ist Tag vier, ich sitze auf dem Kissen, 45 Minuten, und zum ersten Mal werde ich von der Glocke überrascht, die ich sonst immer herbeigesehnt habe. Das finde ich interessant. Schon vorbei? Ab da wirds besser, die Schmerzen sind langsam erträglich. Von nun an freue ich mich auf das Kissen.

Meine Sinne sind jeden Tag schärfer, es ist wie ein Upgrade von High-Definition-TV zu 4K-Auflösung. Die Bäume von Suan Mokkh sind voller Vögel, eine Symphonie, jeden Morgen, doch am Anfang bemerke ich sie kaum, noch ist sie Hintergrund, Natur. Nach und nach erkenne ich die verschiedenen Stimmen, merke, wie sie um ungefähr fünf Uhr zu zwitschern beginnen. Es gibt einen einzelnen Vogel, der manchmal eine halbe Stunde zu früh aufwacht: gawao, gawao, gawao. Es ist ein asiatischer Koel. Ich nenne ihn den «Schreivogel».

Zum Sonnenuntergang beobachte ich gerne die Schwalben, so agil, wie sie über der Wiese Insekten jagen, und darüber, in den Wolken, so plump, ihre Kopien, die Düsenflugzeuge von Air Asia, die den Flughafen von Surat Thani anfliegen.

Im Süden Thailands liegt das Meditationszentrum Suan Mokkh: «Garten der Befreiung». Aufstehen ist um vier, Frühstück um acht, Mittagessen um zwölf, Nachtessen gibt es nicht, Lichterlöschen um neun.

Ding, ding, ding. Nun beginnt die Arbeit im Kopf. Mich beschäftigen Beziehungen. Bisherige, die gerade zerfasern, neue, die gerade langsam wachsen, uralte, die gerade neue Blüten treiben. Ich spüre Angst, Trauer und Wut, oft kann ich gar nicht sagen, woher die Emotionen kommen. Dann wieder weiss ich es genau. Es braucht Kraft, damit still auf dem Kissen zu sitzen, ich versuche den Atem zu halten, zu fokussieren, mit Willenskraft, auf die Nase! Keine Chance.

Ding, ding, ding. Ich spüre Wut wie noch nie, sie kocht hoch in meinem Inneren, fast bildlich, äusserlich bleibe ich regungslos und still, nur die Zikaden singen. Dann ist die Wut plötzlich weg. Es fühlt sich an wie Exorzismus. An ihre Stelle tritt Trauer. Ich muss fast weinen. Habe ich diese Emotionen bisher verdrängt?

Jede Sitzung ist ein neues Experiment

Und dann sind da die Gedankenwürmer. Sie mögen besonders die Räume zwischen Schlaf, Meditation und Essen. Sie dröhnen im Kopf. Im Alltag fallen sie mir nicht auf, und wenn, dann setze ich meine Noise-Cancelling-Headphones auf, höre Musik oder Podcasts, die Gedanken von anderen Menschen. Jetzt, hier, unter den Bäumen, sind meine eigenen unerträglich laut.

Sie kommen willkürlich. Mein Umzug nach China, das Zerbrechen einer Clique in Bangkok, die Eltern, dieser Text hier (soll ich Notizen machen oder nicht?), die Frage, welche der zwei heissen Quellen angenehmer ist. Die Gedankenwürmer kommen und gehen, ohne meine Erlaubnis, ohne Rücksicht.

Ding, ding, ding. Keine Sitzung ist gleich, jede ein neues Experiment, jedes Mal passe ich kleine Dinge an: das Kissen höher, die Augen ruhiger, Menthol unter die Nase. Was mich tiefer sinken lässt, behalte ich bei. Es hat was von einem Computerspiel.

Ding, ding, ding. Nach dem Mittagessen spricht jeweils Sister Ben, eine thailändische Nonne, über buddhistische Philosophie, über Moral und Pflichten. Ich spüre ihren Zeigefinger und mag diese Stunden nicht. Es ist heiss, die Verdauung zieht mir das Blut aus dem Kopf, ich nicke dauernd ein und versuche, nicht umzukippen, wache ruckartig auf, fühle mich beobachtet, obwohl niemand schaut.

Wieso soll ich ihre Moralpredigten ernst nehmen? Was mache ich hier eigentlich? Inwiefern wird mir das im Leben helfen? Ist das nicht Zeitverschwendung? Darf ich eine vierte Banane nehmen?

Ich bin neidisch – und dauerskeptisch

Ding, ding, ding. Rechts von mir, dritte Reihe, sitzt ein Mann, der ungefähr gleich alt ist wie ich. Er trägt langes, schwarzes Haar, eine Kette mit einem Pentagramm um den Hals, silberne Ohrringe und Tattoos. Unsere Blicke kreuzen sich oft, nur kurz, ding, ding, ding, wenn wir die Augen aufschlagen. Er ist mir fern und nah zugleich. Seufzer, Stöhnen, Husten, Räuspern: Wir hören unsere Kämpfe und auch unsere Freuden.

Einmal, es muss ungefähr am Tag fünf gewesen sein, in einer schwierigen Phase, ich schweife dauernd ab, gibt er ein leises Stöhnen von sich, ein freudiges, und ich beobachte mit Abscheu, wie ich darauf reagiere: mit Neid. Er ist weiter! Er kann es besser als ich! Ist er schon im jhana? Warum ich noch nicht? Ich fühle mich wie ein Versager und ekle mich vor mir selbst, weil ich ihm das nicht gönnen kann.

Ich merke: Ich bin dauerskeptisch. Ich schreibe mich noch am selben Tag für ein Beratungsgespräch ein. Bei Werner, einem Deutschen, der das Retreat seit Jahren freiwillig begleitet. Ich stecke beim Meditieren fest, sage ich, immer am gleichen Punkt, ich schaffe es nicht, so zu meditieren, wie ich möchte oder glaube, dass ich sollte.

Ich rede eine halbe Stunde. Werner sagt kaum ein Wort. So funktioniert das nicht, sagt er, du strengst dich zu stark an. Es gebe hier nichts zu erreichen, nur viel zu entdecken, ich solle das wie ein neugieriger Wissenschaftler angehen.

Im Gesicht das Buddhastatuen-Lächeln

Ich esse immer weniger. Es macht mich müde und schwer. Doch mein Körper will mehr als nötig, er schreit nach Nahrung, immer etwa eine Stunde lang, dann verstummt er. Einmal steht am Nachmittag Sojamilch statt Tee bereit. Ich freue mich, will gleich die ganze Trinkflasche füllen. Ich stehe an, leicht gierig, kann mich kaum gedulden, schöpfe die Sojamilch zu schnell und kippe die Hälfte über die Aussenseite der Flasche, die Milch tropft zurück in den Topf. Es ist unhygienisch. Ich schäme mich, peinlich, schaue umher, sehe nur wohlwollende Gesichter. Ich hole mir später trotzdem noch eine zweite Flasche.

Ding, ding, ding. Die Meditation zum Sonnenaufgang am Tag sieben ist die schönste Sitzung des Retreats. Eine Stunde sitze ich, schmerzfrei, fast schwebend, im Gesicht das Buddhastatuen-Lächeln, das bei einer guten Sitzung wie von Geisterhand auftaucht, die Mundwinkel wandern dann automatisch nach oben. Ich schlage die Augen auf, die Bäume, getaucht in goldenes Licht, fein gezeichnet und sanft, eine Feinheit und Stille liegt in der Luft, ich schaue mich um, vielen geht es ähnlich. Es liegt viel Kraft darin, so etwas gemeinsam zu tun.

Alles in Suan Mokkh hat Funktion, nichts ist Luxus, wer den Regeln folgt, muss nichts entscheiden. Ich merke: Das Gerüst, um einfach zu sein, steht. Es fühlt sich an wie Ferien von mir selbst, von meinem Leben. Ich lasse mich fallen. Vielen anderen geht es auch so. Wir fühlen uns natürlich nah, wir sind eine Gruppe, nichts separiert uns, denn wir kennen uns nicht und wissen nicht, wie wir uns unterscheiden.

Der Atem geht schnell: Aufregung, Freude, Spannung

Am Morgen springe ich nun vom Bett. Zum Aufwachen zünde ich im Dunkeln eine Kerze an. Im Mini-Laden gibt es sie für 20 Rappen. Das ist eines meiner Rituale. Auch tagsüber und abends zünde ich die Kerze an, für eine Viertelstunde, jedes Mal, wenn ich nach Hause in die Kammer 429 komme. Dann schaue ich der Flamme zu, auf dem Bauch liegend, auf der Bambusmatte, auf dem harten Bett.

Ding, ding, ding. Oft, wenn ich nun sitze, klebt meine Aufmerksamkeit zwischen den Nasenlöchern auf der Oberlippe, der Körper atmet, ich schaue zu. Ich bin angespannt entspannt. Manchmal spüre ich nach einer halben Stunde ein angenehmes, wohliges Gefühl in den Händen. Der Atem geht schnell. Es ist eine Mischung aus Aufregung, Freude und Spannung. Keine Schmerzen. Das Gefühl wird stärker, entlädt sich plötzlich, manchmal mit leichtem Schüttelfrost. Will ich es beibehalten, verflüchtigt es sich sofort.

Was ist das? Nach dem Mittagessen schlage ich eines der Theoriebücher auf, die bereitliegen. Und da steht es, exakt beschrieben, mit Schreibmaschine getippt, genauso wie ich es auf dem Kissen gespürt habe: Ich bin bei Schritt fünf. Das ist, in Pali, der Sprache, in welcher die Sutras geschrieben sind, piti, ein unruhiges, euphorisches Gefühl, gemischt mit sukha, einer stillen, klaren Freude. Ich bin baff.

Da eine Ameisenstrasse, dort ein fallendes Blatt. Plötzlich tauchen grosse Fragen auf: Wie ist das alles entstanden? Wozu?

Ich habe das alles lange für esoterischen Blödsinn gehalten und mich der Meditation aus dem Westen angenähert. Alles, was nicht peer-reviewed und double-blind-getestet war, habe ich ignoriert. Doch asiatische Mönche haben in ihrer eigenen Sprache und Philosophie schon vor Jahrhunderten exakt beschrieben, was heute in mir auf den Kissen im Suan-Mokkh-Retreat passiert. Das habe ich nicht für möglich gehalten.

Es dämmert mir, dass solche Kulturtechniken nicht nur Hokuspokus und Esoterik sind, sondern einfach weit weg von meiner Perspektive, die Welt zu verstehen. Ich beschliesse, dass ich die Welt, die an den Rändern des westlichen Horizonts beginnt, künftig ernster nehmen will.

Die buddhistische Philosophie postuliert, dass allen physischen und psychischen Phänomenen des Daseins drei Merkmale innewohnen:

anicca: Nichts ist von Bestand, alles wandelt sich, ist vergänglich

dukkha: Nichts ist auf Dauer zufriedenstellend

anatta: Nichts hat einen beständigen Wesenskern

Ich, Lukas, also auch nicht. Das ist radikal. Gelesen habe ich die drei Sätze schnell. Intellektuell verstanden auch. Die Meditation lässt mich das jetzt auch noch am eigenen Leib erfahren.

Erinnerungen flackern auf, sie leuchten wie Dias

Ding, ding, ding. In den letzten Tagen sinke ich langsam aber stetig, in die Tiefen meiner Psyche, ich fühle mich wie ein Archäologe, der alte Schichten freilegt. Mir fallen im Untergrund alte Muster auf, aus jungen Jahren, von denen ich nichts wusste und die mir heute mehr schaden als nützen.

Ding, ding, ding. Manchmal flackern kurz Bilder auf, Erinnerungen, die ich vergessen zu haben glaubte. Wie Dias leuchten sie kurz auf, dann verschwinden sie wieder. Ich muss jedes Mal schmunzeln, weil es mich verwirrt und doch freut. Ich erkenne kein System.

Ding, ding, ding. Die Karte meiner Gefühlslandschaft wird mit jedem Tag präziser. Ich erkenne die Zutaten in meinem Emotionscocktail, ich erkenne, wie Körper und Geist klar verbunden sind, wie Müdigkeit und Hunger Gedanken negativ färben. Der Trost: Sie bleiben nie bestehen, die Gedanken, nie.

Etwas passiert immer – wenn man genau hinschaut

Ungefähr drei Stunden am Tag sind frei. Dann gibt es nichts zu tun. Ein Zitat, das mir mehrmals durch den Kopf geht, ist von Blaise Pascal: «Alle Probleme der Menschheit rühren von der Unfähigkeit des Menschen her, allein in einem Raum still zu sitzen.»

Viele spielen, mit sich selbst, mit der Natur. Eine ältere Teilnehmerin sammelt Blumen und verziert den Garten: ein Blumenkreis hier, eine Blumenreihe dort. Ich hätte ihr gerne «Danke für die Blumen» gesagt. Ihre Kunst hat mir oft ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.

Ich setze mich gerne unter die Banyan-Bäume, öffne die Sinne und schaue, was reinkommt. Ich erkenne die buddhistischen Ideen in der Natur wieder: Sie fliesst, ändert sich und vergeht. Alles ist verbunden und bedingt sich gegenseitig. Da eine Ameisenstrasse, dort ein fallendes Blatt, hier ein Käfer, eine Raupe auf der Hose, eine Taube schreit.

Und dann tauchen plötzlich die grossen Fragen auf: Wie ist das alles entstanden? Wozu? What the fuck is going on?

Einmal blicke ich hinauf in die Bäume, sehe den Schreivogel, direkt über mir, schwarz mit roten Augen, ich erschrecke kurz, wir sehen uns still an, freundlich, gefühlt eine Ewigkeit. In der Ruhe erlebe ich nicht weniger, denn schaue ich genau hin, passiert immer etwas.

Alle reden, schnell, fast fiebrig

Am elften Tag, dem letzten, bin ich dann doch froh, der Monotonie zu entfliehen. Er beginnt, wie die anderen auch, etwas mühsam, die Gelenke schmerzen, vor allem die Hüftknochen, und es dauert eine Weile, bis die Müdigkeit schwindet. Sie tut es mit dem Sonnenaufgang. Ich bin frisch, klar und präsent. Der Geist ist agil und wach. Die Vergangenheit scheint irrelevant und die Zukunft drückt nicht. Ich fühle mich wohl in meinem Körper.

Dieselben Gedanken, die über die letzten zehn Tage Angst, Wut und Trauer ausgelöst haben, bleiben wirkungslos, sie fühlen sich an wie Post-its, die sanft an mir haften, ganz anders als zu Beginn des Retreats, als sie wie mit Sekundenkleber fixiert waren und ich über Stunden versuchte, sie wegzukratzen.

Dann geht es ruckzuck: Eine letzte Meditation, wir packen unsere Sachen, wischen die Kammern, alles noch unter Schweigen. Auf Wiedersehen, Kammer 429. Ich klemme meine Taubenfeder hinter die Tür.

Reden! Von 74 haben 54 bis zum Ende meditiert. Die meisten sind Touristinnen und Touristen und Reisende aus dem Westen. Einige kommen regelmässig. Ich wundere mich, wie viele Italiener dabei gewesen sind. Sie diskutieren über Dopamin und Zucker. Ich mag nichts sagen, ich möchte den Zustand halten, stehe an für Pass, Geld und Telefon. Werner gibt mir wortlos meine Dinge.

Ich schalte mein Telefon an und verspüre keine Lust, keinen Reiz, nichts, irgendeine Nachricht zu lesen oder zu schreiben. Ich lege es weg, angeödet, höre stattdessen den Gesprächen zu, alle reden schnell, fast fiebrig. Wir machen ein fröhliches Gruppenfoto. Bereits um acht Uhr sind alle weg, rauskutschiert mit thailändischen Taxis.

In den Bäumen schreit der Koel. Suan Mokkh liegt still.

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