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Autorin: Petra Bahr
Collage: Jannis Pätzold
Freitag, 14. Februar 2020

Am Nachbartisch findet eine Art Bieterwettbewerb statt: «Schokolade.» – «Alkohol.» – «Netflix.» Was klingt wie die Schrumpffassung des alten Werbespots «Mein Haus, mein Auto, mein Boot», sind die Fastenprogramme der Kaffeerunde. «Ich mach alles drei und noch ‹negative Gedanken›», ruft die vierte Frau zwischen Käsesahnetorte und Cappuccino. Beneidenswert, sich einfach sieben Wochen ohne Neid, Zorn und Sorge verordnen zu können. Die anderen drei fühlen sich herausgefordert: «Ich habe einen Shopping-Bann.» – «Ich werde Frühaufsteherin. Das steht schon lange auf meiner Liste.»

In ein paar Tagen beginnt die Fastenzeit. Der Nachbartisch steht nicht im Refektorium eines Klosters oder in einem kirchlichen Gemeindehaus. Die vier, die sich da mit kleinem Augenzwinkern und grosser Hingabe mit Vorsätzen überbieten, nehmen die Passionszeit auf ihre Weise trotzdem sehr ernst. So wie Millionen anderer Menschen, die animiert durch Frauenzeitschriften oder Blogs, Arbeitskollegen oder Ärzte «sieben Wochen ohne» verbringen. Väter berichten in Social Media stolz von den Antworten ihrer Kinder, die in der Schule kleine Listen fertigen sollten, auf denen das festgehalten ist, worauf sie verzichten wollen: «Hausaufgaben.» «Aufräumen.» Die Rüffel der Lehrkräfte lassen sie weg: «Ihr sollt auf das verzichten, was auch ein wenig wehtut.» Dann empfehlen sie, Gummibärchen und die Lieblingsserie wegzulassen. «Wenn ihr das schafft, gibt es eine Woche keine Hausaufgaben.»

So viel Seligkeit und so viel Ansporn ist selten unter Viertklässlern. Sie imitieren die Sieben-Wochen-Askese, die keine Askese sein darf. Denn Askese verträgt sich nicht mit dem Selbstversuch des Leichterwerdenwollens als Jahresetappenziel. Fasten zwischen Aschermittwoch und Ostern ist Mode geworden, eine selbstauferlegte Unterbrechung des Lebensstils, kein harter Einschnitt, nur eine klitzekleine Übung im Weglassen. Dabei geht es schon lange nicht mehr um Frühjahrsdiäten und Winterspeck, um Körperscham und ungesunde Lebensweise. Alle Formen der Überfülle geraten ins Visier des «Sieben Wochen ohne». «Verzicht» soll das auch gar nicht heissen, belehrt mich das Dossier einer Frauenzeitschrift, das die Leserinnen für die Fastenwochen zurüstet. Das klingt nämlich negativ. Es geht vielmehr darum, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, Prioritäten neu zu setzen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, zu einem vertieften Lebenssinn zu kommen, der oft verschüttet sei, weil die drei Ks eine zu grosse Rolle spielen: Konsum, Kalorien und Komfort.

Überhaupt ist viel vom Ich die Rede, das unter der Lebensstil-Adipositas des Zuviel und dem Zuwenig an Zeit, Ruhe und Raum ächzt und stöhnt. Die Passion gehört in dieser Deutung des Fastens, diesem abgelenkten, zerzausten, gekränkten Ich. Die Titelgeschichte empfiehlt deshalb nicht zufällig: «Sieben Woche ohne Menschen, die dir nicht guttun.» Dieses Post-Christentum findet in der Fastenmode einen so erfolgreichen wie verstörenden Ausdruck. Der selbstauferlegte Rigorismus mit Empfehlungen zur konsequenten Selbstsanktionierung bei Fehltritten – zehn Franken in die Ferienkasse – ist rigoroser als alle Moralpredigten, die man vom Hörensagen in den Kirchen vermutet, in die man deshalb nicht geht.

Es hilft nicht, sich eine Auszeit von fiesen Leuten zu verordnen, denn Selbsterlösung ist im Christentum unmöglich. Es braucht den Glauben an den Menschensohn.

Ein neues Flagellantentum

Die wechselseitige Kontrolle der Fastenprogramme in Freundeskreisen hat bisweilen sogar etwas Sektiererisches. «Wie, du fastest niiiiicht?» ruft es dann unisono bei Abendgesellschaften, wenn jemand fröhlich zum Weinglas greift. Dabei verzichtet der Weintrinker nur auf den heissgeliebten Morgenkaffee.

Die Offenheit, mit der über die gewählten und wieder verworfenen Fastengüter geredet wird, scheint proportional zur artikulierten Kirchenfremdheit zu wachsen. Auf neugierige Nachfrage wollen die Freundinnen am Nachbartisch auch mit dem Christentum wenig zu tun haben. «Eine unfreie Moralinstitution von gestern», sagt die, die vor ein paar Minuten noch begeistert die Bestrafungsapp fürs mobile Telefon empfohlen hat. Das Nachleben des Christentums hinterlässt eine diffuse Sehnsucht nach Lebensintensivierung sowie jenes neue Flagellantentum im Namen der gesteigerten Selbstwahrnehmung, die ebenfalls religiöse Spuren in sich trägt. Auf den ersten Blick haben diese Passionswochen durchaus viel mit dem christlichen Passionsverständnis zu tun. Auf den zweiten Blick geht aber die entscheidende Pointe verloren. Mit dem Aschenkreuz zeigt sich die Fastenzeit als Busszeit, als Zeit frugaler Mahle; viele Christen verzichten auf Alkohol, auf Fleisch, auf Süssigkeiten, aufs Autofahren, sie nehmen eine Auszeit von Social Media, verordnen sich Klimafasten oder wollen endlich wieder Fahrrad fahren. Auch Christen stören sich an der zu engen Hose und an den kleinen Abhängigkeiten, die auf grössere Notstände verweisen: die vertrödelte Zeit am Computer, die fehlende Ruhe.

Weniger bequem, weniger satt, weniger Ich

Doch der tiefe Sinn des Fastens ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um der Busse als Herausforderung und Versprechen besser begegnen zu können. Busse, ein Wort aus einer anderen Zeit, das der Sache nach aber seine beste Zeit in jedem Jahr wieder vor sich hat. Hier wird das Christentum nämlich relevant, hier stört es, hier macht es frei. Busse, das meint: weniger bequem, weniger satt, weniger abgelenkt von den wichtigen Lebensfragen: Wer wollte ich sein und was ist aus mir geworden? Wie kann ich mein Leben ändern? Wer könnte ich in Gottes Perspektive sein? Wie könnte die Welt aussehen, wenn sie mit der Gegenwart Gottes rechnete?

Busse als Haltung, die sich Jahr für Jahr in der Passionszeit wiederholt, lässt die Lebens- und Leidensgeschichte Jesu als Geschichte neben der eigenen Lebensgeschichte laufen und fragt nach Querverbindungen. Das muss nicht nur in gedrückter Stimmung passieren, mit Chorälen in Moll und der Meditation über die sieben letzten Worte Jesu am Kreuz, gesenkten Köpfen und verordneter Traurigkeit. Die Passionszeit ist kein auf Dauer gestellter Karfreitag, auch keine Episode von Angstlust, die sich aus sicherer Distanz dem Bild des gefolterten Christus aussetzt und von dorther wohligen Schauer erfährt. Allerdings gehört zu diesen Wochen sehr wohl eine Übung im Mitleidenkönnen. Deshalb ist das christliche Europa von Bildern eines hilflos Leidenden am Kreuz geprägt. Dieses Bild auszuhalten und mit dem Christusbild vor Augen sich vom Leiden anderer anrühren zu lassen, das ist das grosse alte Thema der Passion. Es hat sich erst erledigt, wenn sich das Leiden von Menschen erledigt hat.

Fastenzeit als Busszeit ist aber auch eine Zeit, in der Neuanfänge in den Blick geraten. Busse ist nicht grau, sie ist im Tiefsten blau, sie trägt die Farbe des Möglichkeitssinns. Dieser Sinn stellt sich in der christlichen Passion erst ein, wenn die Fixierung auf das unvollkommene, gekränkte, begrenzte, vollgestopfte, abgelenkte Ich unterbrochen wird, wenn es von sich selbst wegsieht auf das verborgene andere, von woher im Tiefsten Hilfe kommt. Das ist religiös gesprochen, weil es nicht anders geht als religiös.

Ein Herz, das pocht und zuckt

Dass es einem gerade dann leicht ums Herz wird, wenn man nicht nur auf dieses Herz hört, wie es pocht und zuckt, dass man reich wird, wenn man sich auf die Kraft besinnt, die grös­ser und älter ist als man selbst, dass in dieser alten Geschichte vom Leben, Sterben und Auferstehen des Gottessohnes das eigene Menschsein eine Wendung bekommt, das lässt sich im Sound einer Frauenzeitschrift einfach nicht sagen, weil Selbsterlösung im Christentum unmöglich ist. Da hilft es nicht, sich sieben Wochen ohne fiese Leute oder Gedanken zu verordnen. An diese Wendung muss man glauben.

Mit diesem Einspruch soll das Fasten um des Fastens willen nicht diskreditiert werden. Leichter werden, konzentrierter sein, Wichtigem Raum geben, das ist in der christlichen Tradition ein guter Einstieg in diesen Raum neuer Möglichkeiten, die in der Busse liegen. Sich durch sich selbst vom Selbst zu befreien erscheint nur als reichlich vergebliches Unterfangen. Vielleicht sind die säkular-religiösen Fastenregeln deshalb so viel strenger als die klösterlichen Regeln der Tradition. Wer in christlichem Geist fastet, geniesst die Ausnahmen von den Regeln, auf Reisen, bei Festen, in Trauer oder am Sonntag.

Petra Bahr ist Publizistin und Regionalbischöfin im Sprengel Hannover der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover.