Khadija lebt in Sanaa, der Hauptstadt Jemens. Sie ist Mutter von neun erwachsenen Kindern, fünf Söhnen und vier Töchtern, und hat fünfundzwanzig Enkelkinder. Seit einigen Jahren leidet sie an Diabetes, Sehstörungen und Rückenschmerzen. Sie bräuchte dringend Medikamente, doch die kann sie sich nicht leisten.
Vor dem Krieg hatte die Familie in Sanaa ein grosses Schneideratelier geführt. Khadijas Mann und die Söhne fertigten Herrenkleider; das Geschäft lief gut, doch inzwischen ist es versiegt. Das Dach ihres Hauses ist so brüchig geworden, dass Nässe eindringt, wenn es regnet. Innerhalb der bröckelnden Mauern haben sich Armut und Hunger breitgemacht. Manchmal bringen die Töchter ihren Eltern Lebensmittel mit, obwohl sie für ihre eigenen Familien oft kaum das Nötigste haben.
«Ich bin den Tränen nahe, wenn ich sehe, wie sehr die Familie kämpfen muss», sagt Nura. Sie wohnt ein paar Querstrassen von Khadija entfernt, mindestens einmal pro Woche geht sie bei ihrer Nachbarin vorbei. Bemerkt sie, dass Khadija nichts zu essen hat, kehrt sie nach Hause zurück und holt, was sie von ihren Vorräten entbehren kann: Brot, Milch, Reis, ein bisschen Mehl. Khadija freue sich jeweils darüber, entschuldige sich aber unablässig für ihre Not. Meist behalte die alte Frau denn auch bloss einen Bruchteil der geschenkten Lebensmittel für sich und ihren Mann, den Rest verteile sie an die Töchter.
Was im Jemen als Konflikt um politische Macht und Ressourcen begonnen hatte, entwickelte sich zu einem Bürger- krieg mit internationaler Beteiligung. 2014 nahmen die Huthi-Milizen zusammen mit Gefolgsleuten des 2011 gestürzten Präsidenten Ali Abdallah Salih die Hauptstadt Sanaa ein und vertrieben Salihs Nachfolger, den Präsidenten der international anerkannten Regierung Abd Rabbuh Mansur Hadi, in die südjemenitische Stadt Aden.
Auf Bitten Hadis griff Saudi-Arabien im März 2015 in den Konflikt ein — an der Spitze einer Koalition aus sunnitisch regierten arabischen Staaten, die in den ersten Kriegsjahren auch von den USA und Gross- britannien militärisch unterstützt wurde. Wichtigste Partner in dieser «saudisch geführten Koalition» sind die Vereinigten Arabischen Emirate. Ihnen gelang es, an der Seite bewaffne-ter Gruppen die Huthi-Milizen aus dem Südjemen zurückzudrängen.
2017 ermordeten die Huthi ihren einstigen Verbündeten Ali Abdallah Salih und errichteten im Norden des Landes ihr repressives Regime. Dass sich Saudi-Arabien gemeinsam mit sunnitischen Staaten an den Kämpfen gegen die Huthi beteiligte, hat besonders mit deren Unterstützung durch Iran zu tun. Das Erstarken des schiitisch-iranischen Einflusses, so befürchtete man im Königreich, könnte die regionale Rolle Saudi-Arabiens schwächen.
2023 kam es zu einem Wendepunkt: Saudi-Arabien und Iran verkündeten in China die Wiederaufnahme ihrer diplomatischen Beziehungen. Seither ist im Jemen eine fragile Waffenruhe in Kraft. Doch ist der Friedensprozess durch den Gaza-Israel-Krieg und die Angriffe der Huthi auf die internationale Seeschifffahrt im Roten Meer ins Stocken geraten. Zwar vermittelte Oman Anfang Mai eine Feuerpause zwischen den Huthi und den USA, die Angriffe der Milizen auf Ziele in Israel gehen aber weiter.
In der jüngsten Eskalation zwischen Iran und Israel sollen die Huthi mit Teheran koordinierte Angriffe auf Israel lanciert haben. Israel reagiert mit Gegenschlägen. Derzeit mehren sich die Gerüchte, dass sich vier grosse jemenitische Stämme zu einer Generalmobilmachung gegen die Huthi zusammengeschlossen haben — für einen «Kampf der Befreiung».

Die Huthi-Rebellen besetzen den bevölkerungsreichen Norden (rot markierte Fläche). Die international anerkannte Regierung kontrolliert den Süden und Osten des Landes. (Bild/Karte: Keystone / Christian Sprang
Khadijas Geschichte, sagt Nura, steht für die Geschichten vieler Menschen im Jemen. Seit die Huthi-Milizen 2014 in Sanaa einmarschierten und damit einen Krieg losbrachen, der zu einem der komplexesten unserer Zeit werden sollte und in den sich viele Mächte gleichzeitig verzahnten, haben mehr als die Hälfte der Menschen ihre Arbeit verloren.
Staatsbedienstete, Lehrerinnen an öffentlichen Schulen oder Bankangestellte, erhalten ihre Löhne unregelmässig oder gar nicht ausbezahlt. Das wirkt sich verheerend auf die Kaufkraft der Bevölkerung aus, die schon vor dem Krieg zu den ärmsten der Welt gehörte. Hunger breitet sich aus, obwohl Marktstände und Läden meist gut gefüllt sind. «Selbst Grundnahrungsmittel», bemerkt Nura bitter, «sind für die meisten nahezu unerschwinglich geworden.»

Auf dem Treibstoff-Schwarzmarkt in Sanaa gibts Benzin in Speiseölkanistern zu kaufen.
Nura ist Ende vierzig; wenn sie das Haus verlässt, verhüllt sie ihr Gesicht bis auf die Augen. Sie und ihr Mann Nabil haben Anglistik studiert und gehören der hauchdünnen Mittelschicht an. Nura ist Lehrerin, Nabil hatte einst einen gut bezahlten Job bei einer internationalen Firma. Doch nachdem er seine Stelle verloren hatte, musste er in einer Provinz im Südwesten des Landes nach Arbeit suchen.
Heute ist Nabil für ein privates Unternehmen tätig, nur alle paar Monate kehrt er für einige Tage zu seiner Familie zurück. Nura ist mit ihren fünf Kindern, das jüngste ist sieben, das älteste vierundzwanzig Jahre alt, in Sanaa weitgehend auf sich allein gestellt. «I am the boss of the house», schreibt sie mir auf WhatsApp und hängt ihrer Nachricht ein tapfer lächelndes Emoji an. Noch schafft sie es, ihre Familie über Wasser zu halten. Der Alltag der Frauen muss weitergehen – auch dann, wenn er immer wieder zu zerbrechen droht.
Im Jemen ist derzeit eine Waffenruhe in Kraft, der Konflikt ist eingefroren, die Machtlinien sind gezogen: Die Huthi-Milizen halten den bevölkerungsreichen Norden besetzt, der Süden und Osten stehen unter der fragilen Kontrolle der international anerkannten Regierung. Es herrscht weder Krieg noch Frieden.
Im Reich der legendären Königin von Saba
2007 reiste ich zum ersten Mal nach Sanaa. Der Jemen galt schon damals als Unruheherd, dennoch lockte er als Arabia Felix, als Wiege west-östlicher Zivilisation und Reich der legendären Königin Saba, wo trotz allen Dialekten das reinste Arabisch gesprochen wird – ein Anreiz für Arabischlernende wie mich.
Nabil, Nuras Mann, jobbte zu jener Zeit als Reiseleiter. Er führte mich durch die Gassen der Medina, die gesäumt sind von Lehmbauten, die Lebkuchenhäuschen ähneln. Sie ragen bis zu dreissig Meter in den Himmel, um ihre Mauern laufen Ziegelbänder, verziert mit weiss gestrichenen Zickzackreliefs. Wir tranken Kardamomkaffee in verborgenen Gärten der Stadt, durchforsteten Kat-Märkte und Schmuggelshops entlang staubiger Gebirgsstrassen.
Als ich nach drei Jahren wiederkam, luden mich Nabil und seine Frau ein, bei ihnen zu wohnen. Ich half Nura beim Kochen und bei der Fütterung der Kleinsten. Begleitete sie und die beiden Jüngsten zur Polio-Impfung in eine Gesundheitsstation, wo zwei resolute Pflegefachfrauen die Schluckimpfung zwischen zusammengepresste Kinderlippen zwängten. Und stundenlang sassen wir in fahlem Kerzenlicht auf dem apfelgrünen Sofa ihres Wohnzimmers, weil Aufständische Strommasten einer Überlandleitung gesprengt und Sanaa in Dunkelheit gehüllt hatten.
Bei einem weiteren Aufenthalt halfen mir Nura und Nabil, Politikerinnen zu treffen, Schriftstellerinnen und Künstlerinnen. Es war 2012, kurz nach Ausbruch des Arabischen Frühlings, der auch den Jemen erfasst hatte. In Sanaa herrschte Umbruchstimmung. Frauen sahen ihre Chance gekommen, die Zukunft ihres Landes mitzugestalten. Viele hatten gemeinsam mit Männern für mehr Rechte demonstriert, nun forderten Frauenorganisationen eine Quote von dreissig Prozent für das Gremium des Nationalen Dialogs, das eine neue Verfassung erarbeiten sollte.
Doch die Unruhen zwischen rivalisierenden politischen Fraktionen verstärkten sich, zudem zeigte die Terrorgruppe Al-Kaida immer unverhohlener ihre Fratze. Angesichts der prekären Sicherheitslage wurden die «Frauenanliegen» zweitrangig. Zwei Jahre später brach der Krieg aus.
Seither konnte ich nicht mehr in den Jemen reisen. Doch halte ich meine Kontakte weiterhin aufrecht und vergrössere mein Netzwerk aus der Ferne. Das hat es mir ermöglicht, diese Reportage von Zürich aus zu schreiben. Die Namen jener, die ich zitiere und die noch immer in Sanaa leben, habe ich zu ihrem Schutz geändert.

In der Altstadt von Sanaa sind zwei Frauen unterwegs mit Geschenken für eine Wöchnerin. Sie bringen Basilikum, Raute-Blüten, Kaffee und ausgewählte Kleider für die junge Mutter mit. Der Brauch ist als «Ziyarat Al-Nifas» bekannt, als Besuch nach der Geburt.
Das Leben der jemenitischen Frauen wird weitgehend von einem Geflecht aus patriarchalen Stammesstrukturen und einer fundamentalistischen Ausprägung des Islam bestimmt – eine toxische Mischung. Nach wie vor können über die Hälfte der Jemenitinnen kaum lesen und schreiben. Einen Universitätsabschluss haben bloss etwa fünf Prozent. Zwar beginnen die meisten Mädchen die Grundschule, viele aber beenden sie nicht. Sie müssen entweder zugunsten ihrer Brüder auf Bildung verzichten oder weil ihre Eltern es wichtiger finden, dass sie bei der Hausarbeit mithelfen.
Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern hat sich durch den jahrelangen Konflikt und die wirtschaftliche Notlage infolge der Covid-19-Pandemie zunehmend verschärft. Laut dem Bevölkerungsfonds der Uno stirbt mangels weiblichen medizinischen Personals in ländlichen Gebieten rund alle zwei Stunden eine Frau während der Geburt ihres Kindes. Für männliche Ärzte ist es ein Tabu, schwangere Frauen zu behandeln. Die Zahl der Mädchen, die unter achtzehn Jahren verheiratet werden, ist allein in den ersten drei Kriegsjahren von 32 auf 66 Prozent gestiegen. Oft sehen die Eltern keinen anderen Ausweg, um ihre finanzielle Last zu verringern, oder sie erhoffen sich ein sichereres Leben für ihre Tochter.
Frauenrechte kommen als Erstes unter Druck
«Früher glaubte ich fest daran, dass unser Leben hier besser wird», sagt Hana, «stattdessen wird die Lage von Jahr zu Jahr schlimmer. Ich habe das Gefühl, dass wir unsere Zukunft opfern.» Hana ist zwanzig Jahre alt, stammt, wie Nura, aus einer relativ liberalen Mittelschichtsfamilie. Sie studiert Jus, nebenher unterrichtet sie Englisch für Erwachsene.
Da sie für ein privates Institut tätig ist, erhält sie ein wenig Lohn, mit dem sie ihre Familie unterstützt. Hana schickt mir regelmässig Sprachnachrichten, über die sie mich an ihrem Leben teilnehmen lässt. Manchmal wünsche sie sich nichts sehnlicher, als den Jemen zu verlassen, gesteht sie mir. Sie spürt, wie etwas in ihr zerbricht, wie sie ihr Land, ja selbst Sanaa, ihre Heimatstadt, zu hassen beginnt.
Oftmals seien die Lektionen mit ihren Studierenden ihr einziger Lichtblick. Jedes Mal, wenn sie sich fragt, welchen Sinn es in ihrem Leben noch gibt, lässt sie die Stunden am Institut Revue passieren und sagt sich dann: «Ich helfe mit meiner Arbeit vielen Menschen. Lächle sie an. Und gebe ihnen Hoffnung.»

Eine Jemenitin verkauft in Sanaa selbstgebackenes Fladenbrot. Sie ist, wie viele Frauen, in eine Sitarah gekleidet, einen Umhang, der vor allem in der Altstadt von Sanaa getragen wird. Dazu kombiniert sie eine spezielle Gesichtsmaske, «Al-Mughmaq» genannt.
Wie in den meisten Konfliktgebieten sind auch im Jemen die Rechte von Frauen «low hanging fruit». Rechte, die als Erstes «gepflückt» werden, wenn es der Etablierung von Macht und dem Status eines Regimes dient. Als Begründung dafür wird meist der Schutz der Frau angeführt und auf die Tradition verwiesen, besonders aber auf religiöse Gebote.
So dürfen achtzig Prozent der Frauen das Haus nicht ohne die Erlaubnis eines männlichen Familienmitglieds verlassen. Oft können sie weder studieren noch einen Job annehmen, es sei denn, sie weinen und kämpfen so lange, bis ihr Vater, Ehemann oder ein älterer Bruder einwilligt. «Das hat jedoch weniger mit dem Islam zu tun als mit einer verschrobenen Deutung der Religion, die Männern das Recht gibt, Frauen als minderwertig zu betrachten und sie zu kontrollieren», betont Hana. «Denn egal, ob als Ehefrau, Tochter oder Angestellte – eine Frau ist nie gut genug. Sie steht ständig unter Druck.»
Ohne Begleitung oder schriftliche Einwilligung eines männlichen Vormunds, eines Mahrams, wird es für Frauen immer schwieriger, über die Provinzgrenzen hinaus zu reisen. Besonders im von Huthi-Milizen kontrollierten Nordjemen, zu dem auch Sanaa gehört, ist ihre Bewegungsfreiheit massiv eingeschränkt. Weibliche Alleinreisende werden an Checkpoints zurückgewiesen, Bus- und Taxiunternehmen sowie Autovermietungen sind angehalten, ihnen Dienstleistungen zu verweigern.
Der Krieg im Jemen gilt als eine der grössten humanitären Katastrophen weltweit, und doch bleibt er unter dem Radar der internationalen Aufmerksamkeit. Zu unbekannt ist das Land, das zwischen Oman, Saudi-Arabien und dem Roten Meer liegt und rund 13-mal so gross ist wie die Schweiz. Menschen, die aus dem Jemen fliehen, suchen nur selten in westlichen Ländern Asyl. Die wenigen, die kommen, bleiben unsichtbar.
Gemäss Schätzungen der Uno sind seit Beginn des Kriegs 2014 rund 380 000 Menschen getötet worden, über die Hälfte davon starben an Krankheiten und Hunger. Knapp fünf Millionen wurden aus ihren Dörfern und Städten vertrieben. 22 der insgesamt 35 Millionen Jemeniten sind auf humanitäre Unterstützung angewiesen, eines von fünf Kleinkindern ist akut unterernährt.
Der Krieg hat Erdölproduktion, Landwirtschaft und Fischfang, die wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes, fast gänzlich zum Stillstand gebracht. 70 Prozent der Lebensmittel müssen importiert werden. Doch behindern Luft- und Seeblockaden sowie bürokratische Hürden Import und Distribution, zudem werden Produktions- und Lagerungsstätten für Lebensmittel, Treibstoff und Medikamente von den verschiedenen Konfliktparteien immer wieder gezielt angegriffen.
Diese Restriktionen führen dazu, dass Frauen kaum mehr in einer anderen Stadt als der, in der sie wohnen, studieren, arbeiten oder sich medizinisch behandeln lassen können. Zahlreiche Berichte der Uno halten darüber hinaus fest, dass die Mahram-Politik es lokalen Mitarbeiterinnen internationaler Organisationen beinahe verunmöglicht, Menschen in entlegenen Regionen mit humanitären Hilfsgütern zu versorgen. Die Hauptleidtragenden: wiederum Frauen und Kinder. Sie sind die Mehrheit der Vertriebenen.
Mit der Verringerung des grösseren Bewegungsradius schrumpft auch der kleinere. Hana erzählt mir, dass jeder Schritt in der Öffentlichkeit zum Spiessrutenlaufen verkommen ist. «Bin ich zu Fuss unterwegs, vergeht keine Minute, bis mich irgendwelche Typen begrapschen oder mir anzügliche Sprüche hinterherrufen», sagt sie. Stets gehe es darum, wie sie gekleidet sei. Selbst wenn sie, wie die meisten Frauen, eine traditionelle Abaya trage, die den ganzen Körper bedeckt, blieben die Übergriffe nicht aus. Manchmal werde sie sogar als Nutte beschimpft.
Noch nie hat einer der Belästiger Rechenschaft ablegen müssen. «Aber wenn ich mich wehre, verurteilen mich die umstehenden Leute. Sie sagen, dass ich frech bin, dass sich ein solches Verhalten für eine gute Muslima nicht ziemt.» Sie seufzt. «Was du auch tust, als Frau liegt der Fehler immer bei dir.»
Im Gegensatz zu ihrer Mutter verhüllt sie ihr Gesicht nicht mit einem schwarzen Nikab; sie bedeckt nur ihr Haar, trägt Hijabs in Flieder, Rot oder Blau. Sie liebt Farben, weil sie weibliche Lebensfreude symbolisieren, aber auch, weil sie damit rebellieren kann gegen die schwindende Sichtbarkeit der Frauen, welche die neuen Machthaber fordern. Hana schickt mir Bilder von Schriftzügen, die, an Hausmauern und Plakatwände gesprayt, Make-up, Lippenstift und farbige Kleidung als Schande verteufeln und Männer aufrufen, darauf zu achten, dass sich die Frauen ihrer Familie von Kopf bis Fuss in Schwarz hüllen.
Um diesem Gebot Nachdruck zu verleihen, haben die Huthi an den Eingängen von Schulen und Universitäten Mitglieder ihrer weiblichen Brigade positioniert, die «Zainabiyat». «Die tun nichts anderes, als buchstäblich ihre Nase in unsere Kleidung zu stecken», sagt Hana wütend. Studentinnen, die gegen die Kleider- und Make-up-Regeln verstossen, würden angebrüllt, geschlagen, manchmal sogar gezwungen, sich auf der Stelle abzuschminken.
Vom Iran finanzierte «Achse des Widerstands»
Lange wurden die Huthi von westlichen Experten und Medien als «Rebellen» bezeichnet, nicht selten sogar romantisiert. Die Huthi, offiziell als Ansar Allah bekannt, Helfer Gottes, gehören als Zaiditen einem Zweig des schiitischen Islam an, der im Nordwesten Jemens seinen Ursprung hat. Mit rund 30 Prozent der Bevölkerung stellen sie eine relativ grosse Minderheit, ihre Gemeinschaft aber wurde marginalisiert.
«Aus diesem Grund brachte man den Huthi-Milizen nach ihrer Offensive auf Sanaa eine gewisse Empathie entgegen. Man betrachtete sie als eine Art Underdogs, die gegen die Übermacht der international anerkannten Regierung kämpften», erklärt Elham Manea, jemenitisch-schweizerische Professorin für Politikwissenschaften an der Universität Zürich. «Zudem, und das ist wichtig, war ihre fundamentalistische Gesinnung zu jener Zeit noch kaum erkennbar.»
Die Ideologie der Huthi gründet hauptsächlich in der Faszination für den anti-amerikanischen und anti-israelischen Kurs des iranischen Revolutionsführers Ayatollah Khomeini. Schon früh knüpften ihre Führer Verbindungen zum Gottesstaat. Sie sind regelmässig bei Ajatollah Ali Chamenei, dem geistlichen und politischen Oberhaupt Irans, zu Gast, bekommen Waffen geliefert, und ihre Kämpfer werden von Einheiten der libanesischen Hizbullah und den iranischen Al-Kuds-Brigaden ausgebildet.
Der Israel-Gaza-Krieg liefert den Huthi einen Steilpass, um sich als Machtfaktor und Teil der «Achse des Widerstands» zu präsentieren. Seit Beginn des Konflikts greifen sie «zur Unterstützung Gazas» internationale Handelsschiffe im Roten Meer an und lancieren immer wieder Raketen- und Drohnenattacken auf Ziele in Israel, wodurch sie israelische und amerikanische Vergeltungsschläge provozieren.
Die Solidarisierung mit Gaza dient allem voran der Stärkung ihrer innenpolitischen Position. So sollen sie bereits in den ersten drei Monaten nach dem 7. Oktober 2023 über 70 000 neue Kämpfer mobilisiert haben, darunter viele Minderjährige. «Spätestens zu diesem Zeitpunkt haben alle begriffen, dass die Huthi keine Underdogs sind», sagt Elham Manea. Zumal parallel zum militärischen Erstarken deren Neo-Fundamentalismus Form angenommen hat.

Der eine Bub trägt einen Schulthek, der andere ist mit seinem Vater unterwegs und hat ein Gewehr umgehängt. Der anhaltende Konflikt im Jemen führt dazu, dass Waffen in Sanaa offen zur Schau getragen werden.
Die Huthi setzen geschlechtergetrennte Klassen durch und verändern Lehrpläne und Schulbücher in den von ihnen kontrollierten Gebieten. So haben sie den Englischunterricht gestoppt, legen viel Gewicht auf die Verherrlichung von Dschihad und Märtyrertum und rufen zur Loyalität mit Abdul-Malik al-Houthi, dem Führer der Miliz, auf. Gleichzeitig werden ihre Restriktionen für Frauen immer erratischer. «Es geschieht», so Elham Manea, «eine regelrechte Talibanisierung der Huthi.»
Kontrollen, die Todesangst auslösen
Jeden Mittwochmorgen werden an Schulen und Universitäten Sanaas nach Geschlechtern getrennte Propagandaveranstaltungen abgehalten. «Die zwingen uns tatsächlich alle, Studierende wie Lehrpersonen, an diesen Vorlesungen teilzunehmen», erzählt die Studentin und Englischlehrerin Hana empört. «Weigerst du dich oder regt sich in einer Klasse Widerstand, wird der Schulleiter entlassen oder das betreffende Institut geschlossen. Das ist extrem frustrierend.»
Die Veranstaltungen liefen dabei stets nach demselben Muster ab: Erst werde erklärt, dass die USA und Israel die jemenitische Kultur mit westlichen Werten unterwandern wollten. Dann riefen sie zur Rettung Gazas auf und zum Kampf gegen Israel und die USA und beschwörten die Kraft des Widerstands, der über allem stehe, selbst über dem Hunger und dem Tod ihrer eigenen Bevölkerung. Diese Strategie gehe bei manchen Menschen auf, sagt Hana. Sie kenne aber viele, die sich, wie sie selbst, nicht beeinflussen liessen. «Wir sitzen einfach da», sagt sie spöttisch, «hören zu – und ignorieren sie.»
Doch nur wenige Wochen später schickt sie mir eine minutenlange Sprachnachricht. Ihre Stimme zittert. «Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie gefährlich die Situation hier geworden ist», flüstert sie. «Es ist etwas passiert, worüber ich nicht einmal mit meinen Eltern reden kann, sie würden durchdrehen vor Sorge.» Sie sei mit ihrer Schwester im Auto auf dem Weg gewesen zu einer befreundeten Familie, als sie von einer Gruppe Milizen angehalten wurden. «Sie haben uns bedroht und unsere Handys kontrolliert, haben sich jedes Detail angesehen. Gott sei Dank erhielten wir die Handys wieder zurück und durften weiterfahren. Aber wir hatten Todesangst.»
Eine solche Situation sei bis vor kurzem undenkbar gewesen. Nie hätten es jemenitische Kämpfer gewagt, Frauen zu nahe zu kommen, das hätte gegen die Traditionen des Landes verstossen. «Und was, wenn sie jetzt unsere Handys tracken?», fragt sie tonlos. «Wenn du mit einer Person ausserhalb des Jemens Kontakt hast, bist du verdächtig. Sie werden sagen, dass du eine Spionin bist.» Menschen, die im Jemen wegen Spionage verurteilt werden, droht die Todesstrafe.
Hanas Nachricht jagt mir Angst ein. Ich bitte sie eindringlich, unsere Nachrichten zu löschen; ich will auf keinen Fall riskieren, dass sie in Gefahr gerät. Doch sie winkt ab. Sie habe ein schlechtes Gedächtnis, sagt sie, deshalb werde sie die Nachrichten behalten. «Ich möchte mich an unsere Gespräche erinnern können.»
Derzeit trifft der Spionageverdacht vor allem Mitarbeitende internationaler NGOs und ausländischer Botschaften, die im Norden Jemens tätig sind. Dutzende sind bereits von den Milizen verschleppt und festgenommen worden, im Februar starb ein jemenitischer Mitarbeiter des Uno-Welternährungsprogramms unter noch ungeklärten Umständen in seiner Gefängniszelle. Aber auch Frauen werden beschuldigt, als Spioninnen tätig zu sein.
Amat Al-Salam Abdullah Al-Hajj, Gründerin und Präsidentin der «Abductee’s Mothers Association», die sich für Opfer von willkürlicher Verhaftung und Inhaftierung einsetzt, sind Fälle bekannt, in denen weibliche Mitarbeitende von NGOs an Checkpoints, Kreuzungen oder Zufahrtsstrassen festgenommen wurden. Manchmal, weil sie ohne männlichen Vormund unterwegs waren oder den Milizen eine «verdächtige» Nachricht auf ihrem WhatsApp-Kanal aufgefallen war.
Es kommt aber auch vor, dass Menschenrechtsaktivistinnen verfolgt werden, weil sie sich weigern, die Hälfte der humanitären Hilfsgüter den Huthi und deren Gefolgsleuten abzugeben. «Diese Verhaftungen offenbaren in erster Linie die Angst der Huthi, dass ihre illegitime Machtübernahme untergraben werden könnte», erklärt Amat Al-Salam Abdullah Al-Hajj. «Gleichzeitig wird das Misstrauen der Bevölkerung gegen internationale Organisationen geschürt, von deren Leistungen so viele abhängen. Dadurch schwächen die Milizen die Zivilgesellschaft, und eine geschwächte Gesellschaft lässt sich leichter kontrollieren.»
Amat Al-Salam Abdullah Al-Hajj, die einverstanden ist, dass ihr voller Name genannt wird, dokumentiert zusammen mit ihrem Team Berichte von weiblichen Gefängnisinsassen. Landesweit sollen derzeit bis zu 1000 Frauen in Haft sein. Was sie erfahre, sagt sie, sei kaum zu beschreiben.
Erstverhöre geschehen meist nachts, Folter und Vergewaltigungen sind in der abgeschotteten Welt der Frauengefängnisse an der Tagesordnung. Das vergrössert die ohnehin schon massive gesellschaftliche Stigmatisierung weiblicher Häftlinge. «Es gibt Familien, die ihre Tochter lieber verleugnen als zuzugeben, dass sie im Gefängnis ist», erklärt Amat. Nie werde sie den Fall jener jungen Frau vergessen, die verhaftet worden war, weil sie an einer Demonstration teilgenommen hatte. «Bei ihrer Entlassung wurde sie von ihren Brüdern abgeholt, auf die Rückseite des Gefängnisses geführt und getötet.»
Die Wut auf die neuen Machthaber wächst
Irgendwann, nachdem die Kämpfe in Sanaa begonnen hatten, kaufte sich Nura aus ihrem Ersparten neue Möbel für ihren Maglis, den Salon, in dem die Familie Gäste empfängt. Ein Akt des Widerstands gegen den Krieg, wie sie mir damals schrieb. «Wenn die Welt draussen zerfällt, soll sie wenigstens in unseren vier Wänden erhalten bleiben.»
Nuras Haus hat zwei Stockwerke; auf dem Dach stehen ein 2000-Liter-Wassertank und Solarpanels, die Strom liefern für Lampen, Fernseher und Handyakkus. Um das Haus ist eine Mauer gebaut, die die Bewohner vor neugierigen Blicken schützt, ein hohes Blechtor gewährt Einlass.
Diesen Frühling heiratete ihre älteste Tochter; eine Liebesheirat. Ich habe Nura zur Hochzeit ein Paket mit Make-up nach Sanaa geschickt, Lidschatten, Rouge und einen roten Lippenstift. Da die reguläre Post nichts mehr in den Jemen befördert, sandte ich das Paket an einen gemeinsamen Kontakt nach Saudi-Arabien, von dort aus reiste es per Auto weiter. Die Lieferung dauerte Wochen, aber sie kam an.
Noch heute geht Nura jeden Montag- und Mittwochnachmittag in ein Kellergewölbe, das am Rand ihres Quartiers liegt. Dort, im Raum, der zur Schule umfunktioniert worden ist, bringt sie Frauen Lesen und Schreiben bei. Für ihre Arbeit erhält sie bloss dreimal jährlich fünfzig US-Dollar Lohn ausbezahlt. Eine Demütigung, die sie zähneknirschend akzeptiert. «Würde ich nicht mehr in der Schule erscheinen, riskiere ich, meinen Job zu verlieren, und zwar für immer», erklärt sie. So wolle es das Gesetz der Huthi.

Die Läden sind meist gut gefüllt, und doch breitet sich Hunger aus. Viele Lebensmittel sind für die Bevölkerung unerschwinglich geworden.
In weiten Teilen der Bevölkerung ist die Wut auf die neuen Machthaber gross. Nicht nur, weil sie keine Löhne bezahlen und die Menschen hungern lassen, sondern weil sie zudem selbst kleinste Läden mit hohen Steuern belegen. Händler, die mit ihnen kooperieren, werden unterstützt – was zur Folge hat, dass eine neue Schicht von Superreichen entstanden ist.
Mittlerweile gibt es in Sanaa Markenautos und Luxusvillen, Café-Lounges und Spas mit Swimmingpools. Symbole von Ungleichheit und Doppelmoral. Dennoch würde Nura viel dafür geben, zumindest einmal ein paar Stunden in einem dieser Spas verbringen zu können. Als Pause von der Eintönigkeit der täglichen Routine, wie sie sagt. Ausser Besuchen bei Freundinnen oder Verwandten hätten Frauen im Jemen kaum Möglichkeiten, sich von ihren Sorgen abzulenken.
Nähen für ein besseres Leben
Inzwischen haben sich die Nahrungsmittelpreise im Jemen vervierfacht. So kosten heute etwa ein Kilo Reis gut zwei, ein Kilo Fisch fünf US-Dollar, während die meisten Menschen mit kaum mehr als zwei Dollar pro Tag auskommen müssen.
Das bürdet gerade Frauen eine ungeheure Last auf. «Sie sind es, die sich jeden Tag aufmachen, um für ihre Familien Essen zu beschaffen», sagt Nura. Vielen bleibe nichts anderes übrig als zu betteln, selbst wenn sie sich dafür schämen. Manche heuern als Reinigungskraft in Spitälern und Schulen an, andere nähen Kleider und versuchen, sich ein eigenes kleines Business aufzubauen.

Viele Frauen versuchen, ihre Familie mit einem eigenen kleinen Business über Wasser zu halten: Auf dem Al-Melh-Markt in der Altstadt von Sanaa verkauft eine Frau selbstgemachte Besen.
Aus diesem Grund haben Nura und ich ein Projekt lanciert, das Frauen, die besonders von Armut betroffen sind – Witwen, Geschiedene oder Frauen ohne formale Bildung –, die Möglichkeit gibt, das Schneidern zu lernen. Nura hat das Budget erstellt, eine Lehrerin engagiert, zwei Nähmaschinen gekauft. Die Kurse finden in der Garage ihres Hauses statt, die lange leer gestanden ist. Nura hat die Wände streichen lassen, Tisch und Stühle hineingestellt, eine Wandtafel aufgehängt.
Gut dreihundert Frauen haben die Kurse bereits besucht; die Werbung erfolgt ausschliesslich über Mundpropaganda. «Diese Kurse haben fast schon etwas Therapeutisches», sagt Nura. «Es sind meist die einzigen Stunden, in denen die Frauen für sich sein können.»
Von ihrer Küche aus hört sie die Kursteilnehmerinnen schwatzen und lachen. Sie reden über ihre Kinder, den neusten Klatsch, aber auch über ihre Angst vor den amerikanischen Luftangriffen auf Huthi-Stellungen in Sanaa. Und manchmal leisten sie Direkthilfe. «Eine meiner Nachbarinnen fragte mich, ob ich jemanden kenne, bei dem sie als Putzfrau arbeiten könne», erzählt Nura. «Sie ist verwitwet und suchte dringend einen Job, denn sie hatte kein Geld, um ihrer Tochter für den Eid al-Fitr ein neues Kleid zu kaufen.»
Der Eid al-Fitr ist das Abschlussfest des Ramadans, an dem Frauen wie Männer festliche Kleider tragen und Süssigkeiten austauschen. Neue Kleider seien nicht nur eine schöne Tradition, erklärt Nura, sondern für viele auch ein Weg, ihre Würde zu bewahren und den täglichen Mühen etwas entgegenzusetzen. «Ich war so froh, konnte ich der Frau und ihrer Tochter einige der Kleider schenken, die unsere Schülerinnen genäht haben.» Die beiden hätten vor Freude geweint. Jedes einzelne Haus im Jemen werde von der Leidenschaft der Frauen aufrechterhalten, wird mir Nura später schreiben. «Der Leidenschaft, zu leben.»








