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Illustrationen: Grafilu
Freitag, 14. Oktober 2022

Es gibt Tage, an denen spürt man das Schwanken der Welt. Der 11. September 2001, der Tag der Attentate in New York und Washington, war so ein Tag. Ebenso der 7. Januar 2015, an dem in Paris die Redaktion der Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» überfallen und dort die Menschen, die Presse- und die Meinungsfreiheit abgeschlachtet wurden. Der 24. Februar 2022 war auch so ein Tag – der russische Präsident Wladimir Putin überfiel die Ukraine, um das Land zu enthaupten, um es seiner Souveränität zu berauben und der russischen Herrschaft einzuverleiben.

Mir kam bei den ersten Meldungen von diesem Angriffskrieg eine Nachricht vom 16. Oktober 2020 in den Sinn. Es war die Nachricht über den Tod des französischen Lehrers Samuel Paty, der auf dem Heimweg vom Unterricht von einem islamistisch verhetzten jungen Mann geköpft worden war. Ich dachte mir: Putin ist der Mann, der den Frieden in Europa köpft, er ist der Präsident, der die Friedensordnung guillotiniert. Und sein Krieg, der Putin-Krieg, ist die Multiplizierung und Potenzierung des grauenvollen Attentats auf den Lehrer.

Ich nehme diesen Terroranschlag auf den Lehrer, dem der Kopf abgeschlagen wurde, um mir Gedanken über Hass und Gewalt zu machen und darüber, wie Frieden werden kann. Der Lehrer hatte Toleranz und Respekt zu lehren versucht, er hatte am Beispiel von Mohamed-Karikaturen mit seinen Schülerinnen und Schülern über Meinungs- und über Religionsfreiheit gesprochen. Seine Vorsicht beim Lehren ist ihm nicht zugute gekommen; es hat ihm nichts geholfen, dass er den muslimischen Schülern die Möglichkeit gab, den Unterricht zu verlassen, wenn sie sich die Mohammed-Karikaturen nicht antun wollen.

Das Gefährliche am Hass ist, dass er ansteckend ist. Er hat Verführungskraft. Wer von ihm getroffen wird, kann infiziert werden.

Es ging ihm um das Bekenntnis zu einer Gesellschaft, in der es Konflikte zwischen den Menschen und ihren Grundrechten geben darf – die aber von Gerichten geklärt werden, nicht von Messern, nicht von Schusswaffen und auch nicht von Kriegsgeräten. Aber das alles wusste der Mörder des Lehrers Samuel Paty nicht in seiner Verblendung; der Mörder war nicht sein Schüler. Vielleicht wäre er nicht zum Mörder geworden, wenn er Lehrer wie Paty gehabt hätte. Er wusste nicht einmal, wie der Mann aussah, dem sein Hass galt. Er hatte sein vermeintliches Wissen aus der Hetze in sozialen Medien.

Hass macht blind. Er ist eine furchtbare Kraft. Der Hasser sieht den Menschen nicht mehr. Terror hat verschiedenste Formen. Sein Kern und seine Triebfeder ist der Hass. Dieser macht aus anderen Menschen Objekte, die der Befriedigung des eigenen Hasses dienen müssen. Der Hass entmenschlicht. Er ist ein niedriger Beweggrund, der sich mit Geltungssucht selbst erhöht. Hassen heisst unablässig morden.

Solcher Hass ist nicht nur hässlich, er ist entsetzlich und unendlich traurig. Das Gefährliche an ihm ist, dass er das Morden für eine tapfere Tat hält oder, im Krieg, für eine patriotische Tat. Und das besonders Gefährliche am Hass ist, dass er ansteckend ist. Er hat Verführungskraft. Wer von ihm getroffen wird, kann infiziert werden. Die vom Hass Getroffenen hassen dann zurück: den Täter und auch die Gruppe von Menschen, zu denen man den Täter rechnet. So entsteht die monströse Dynamik des Hasses. Wenn diese Dynamik funktioniert, ist das ein Erfolg der Hasser, der Nationalisten, der Mörder, der Terroristen. Eine Zukunft in Frieden erreicht eine Gesellschaft dann, wenn es gelingt, den Hass zu besiegen.

Der Journalist Antoine Leiris, dessen Frau 2015 beim Terroranschlag von Paris getötet wurde, richtete einen bewegenden offenen Brief an die Mörder: «Nein, meinen Hass bekommt ihr nicht!» Er beschrieb seinen Schmerz: «Natürlich bin ich vor Kummer fast am Ende, diesen kleinen Sieg gestehe ich euch zu.» Aber, so schrieb er auch: «Ich werde euch jetzt nicht das Geschenk machen, euch zu hassen. Sicher, darauf habt ihr es angelegt – doch auf diesen Hass mit Wut zu antworten, das hiesse, sich derselben Ignoranz zu ergeben, die aus euch das gemacht hat, was ihr seid. Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger mit Argwohn betrachte und meine Freiheit für meine Sicherheit opfere. Vergesst es. Ich bin und bleibe der, der ich bin.»

Das war, das ist ein berührendes, ergreifendes und mutiges Bekenntnis. Eine Antwort auf den Hass. Antoine Leiris ist ein Vorbild. Die Gesellschaft braucht solche wie ihn, Menschen also, die guten Anstoss und Ansporn geben. Ein gutes Vorbild ist ein Mensch, an dem man sich im besten Sinn bilden kann. Ein Vorbild hilft bei der Formung des Selbstbildes. Es weckt die kreativen Kräfte, es gibt Energie, es lockt dazu, sich zu entwickeln; und am vorbildlichsten ist der Mensch, der dem anderen erlaubt, über ihn hinauszuwachsen. Ein Vorbild spricht die Stärken von Menschen an und erweitert sie.

Wir brauchen Leute, die das Chaos in der Welt entchaotisieren. Wir brauchen, wir bräuchten Menschen, die das Leben wieder aus der Todeszone herausführen. Persönlichkeiten, die die gespaltene Gesellschaft wieder zusammenführen. Menschen, die Frieden stiften – Frieden in der Gesellschaft und Frieden zwischen verfeindeten Staaten. Wir brauchen Vorbilder. Wir brauchen kreative Kraft, um die Klimakrise zu überleben und um den Menschen in der Ukraine und in Afghanistan zu helfen. Wir brauchen diese Kraft, um Frieden zu finden in einer Welt des Unfriedens. Nach einer langen Corona-Zeit brauchen die Menschen nicht nur Biontech/Pfizer, Moderna und Astra-Zeneca; sie brauchen auch Hoffnung.

In der Corona-Pandemie haben wir weltweite Unordnung erlebt, eine unzeitig-vorzeitige Begegnung mit dem Tod. Die Impfung brachte die Hoffnung zurück, sie brachte und bringt die Menschen wieder aus der Gefahren- und Todeszone. Aber es ist noch viel kreativer Geist vonnöten, um das gestörte Zusammenleben neu zu ordnen. Man würde sich wünschen, dass es auch eine Impfung gegen die Aggression in der Ukraine gäbe, eine Impfung für den Klimaschutz, eine Impfung zur Stärkung der Natur. Es geht um den Versuch, Irrsal und Wirrsal zu ordnen.

Liebe in Zeiten des Krieges

Wir leben in einer Mischung aus Müdigkeit, Gereiztheit, Angst und Ungeduld. Es gibt, wen wundert es, eine Lust am katastrophischen Denken; sie ist gefährlich, weil sie die Hoffnung zerstört, die nötig ist, um die Krise, die Krisen zu bewältigen. Hoffnung lässt die Welt nicht zum Teufel gehen. In der Hoffnung steckt Kraft zum Handeln; es ist dies die Kraft der Hoffnung. Das ist aber nun kein Plädoyer dafür, Gefahren schönzureden. Die Kraft der Hoffnung steckt nicht in einem blinden Optimismus. Die Kraft der Hoffnung sieht die Gefahr; sie verweigert aber Unglück und Unheil den totalen Zugriff.

Es wurden und werden, trotz aller Bitternis, Ehen im weissen Kleid geschlossen, Kinder gezeugt und geboren.

Hoffnung haben, Hoffnung leben zu können, das ist eine Kunst. Kürzlich habe ich eine Ausstellung besucht, die «Kunst trotzt Ausgrenzung» heisst. Dort war eine Collage des syrischen Künstlers Tammam Azzam zu sehen, der heute als Geflüchteter in Delmenhorst lebt. Er hat für diese Collage ein ganz berühmtes Bild des Jugendstils verwendet: Gustav Klimts Gemälde «Der Kuss».

Man sieht zwei ineinander versunkene, zu einem Leib verschmolzene Menschen, in einer glanzvollen Aura aus Gold, entrückt, von der Welt abgeschieden. Das Bild ist berühmt – aber ich konnte es nie besonders gut leiden. Wenn ich das Bild anschaute, dann dachte ich: Das ist kein Kuss, ­sondern eine Bemächtigung – da steht ein Macho in Gold. Aber in dieser Ausstellung «Kunst trotzt Ausgrenzung» habe ich dieses Klimt-Bild mit dem goldenen Kuss mit neuen Augen gesehen.

Warum? Der syrische Künstler stellte dieses Bild des Liebespaars in seiner Fotomontage beinahe brutal mitten in die kriegerische Welt hinein, in die Fassade eines zerbombten Hauses in Damaskus. In dieser Kombination hat mich das Bild vom Kuss umgehauen. Ich sehe nämlich, wenn ich das engumschlungene Paar anschaue, die vielen herzzerreissenden Szenen, wie junge ukrainische Paare sich voneinander verabschieden. Sie küssen sich im Bewusstsein, dass dies der letzte Kuss sein könnte. In diesem innigen Augenblick sind sie eingehüllt ins Gold ihrer Liebe, im nächsten Augenblick flieht sie über die Grenze, also nach Polen, in die Republik Moldau oder nach Deutschland – und er geht an die Front. Es ist, trotz alle­dem, ein Bild des Optimismus. Es ist ein Trotz-alledem-Bild, ein Bild der Hoffnung. Es wurden und werden, trotz aller Bitternis, Ehen im weissen Kleid geschlossen, Kinder gezeugt und geboren.

Ich sehe, wenn ich die zerlöcherte Fassade des Gebäudes in Damaskus betrachte, auf das der Künstler den Kuss von Klimt montiert hat, zugleich die Häuserskelette in Mariupol und Kiew. Was für ein gespenstischer Anblick, wie da das Handtuch auf dem Halter hängt! Ob der Mensch, der sich damit abgetrocknet hat, den Angriff mit heiler Haut überstanden hat? Was für ein irritierendes Nebeneinander und Ineinander von heiler Welt und vernichteter Welt, von schöner Kunst und hässlichem Krieg. Es mutet beinahe obszön an, beides so zu verschmelzen. Und gerade diese ästhetische Waghalsigkeit war es, die mich so faszinierte. Was für eine Spannung!

Europas bröckliger Frieden

In dieser Spannung haben die Gedanken und Gefühle, die uns in diesen Wochen zerreissen, einen Resonanzraum. «Nie wieder» – haben wir in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg so oft gesagt und geschrieben. Nie wieder Krieg. Und schon wieder ist Krieg, mitten in Europa. Das europäische Haus brennt. Es brennt nicht lichterloh, aber es brennt eine ganze Zimmerflucht. Gleichwohl: Es ist und bleibt, trotz Putin, eine Tatsache, dass Moskau zu Europa gehört so wie München, ­Mariupol, Madrid und Marseille. Madrid gehörte auch zur Zeit der Franco-Diktatur zu Europa; und die Strahlkraft des demokratischen Europa hat dazu beigetragen, diese Diktatur zu überwinden. Das macht mir Hoffnung.

Alter weiser Mann

Jürgen Moltmann hat die Theologie nach 1945 wie wenige andere ...

März 2019 bref+
Hannes Leitlein
Nicole Böttler

Als der Industrielle Alfred Nobel, der Erfinder des Dynamits, kurz vor seinem Tod sein ganzes Vermögen in die Nobelpreis-Stiftung steckte, glaubte er an die Vernunft der Regierenden und daran, dass immer schrecklichere Waffen sie vom Krieg abschrecken würden. Er meinte daher, dass man den Friedensnobelpreis gar nicht mehr so oft verleihen müsste: Sechsmal, im Abstand von fünf Jahren, so meinte er, dann sei alles klar – dann sei die Welt entweder in der Barbarei versunken oder endlich beim «Ewigen Frieden» angelangt, von dem Immanuel Kant 1795 in seiner berühmten Schrift geschrieben hatte. 1901 wurde dann der Friedensnobelpreis erstmals verliehen. Hätte Nobel recht behalten, dann hätte das Thema Krieg dreissig Jahre später erledigt sein müssen. Aber gut dreissig Jahre später begann Adolf Hitler gerade damit, die Welt in die Grosskatastrophe zu stürzen.

Die Europäische Einigung war die grosse Antwort auf diese Katastrophe – sie war, sie ist ein Friedens- und Hoffnungsprojekt. Das «europäische Kleinstaatengerümpel», wie Adolf Hitler es verächtlich genannt hatte, tat sich zusammen und überwand die gut gepflegten Animositäten, den alten Nationalismus und die uralten Feindschaften. Die Europäischen Verträge sind die Ehe- und die Erbverträge ehemaliger Gegner und Feinde. Aber das junge alte Europa ist bedroht wie nie in seiner noch kurzen Geschichte. Putin stellt eine Friedensordnung in Frage, die zu wenig gefestigt und zu wenig gesichert ist.

In den vergangenen zehn Jahren haben wir nicht ein ­Europa erlebt, das sich immer stärker zusammenschliesst,
das den Weg zu den Vereinigten Staaten von Europa mit Entschlossenheit geht. Wir haben das Gegenteil erlebt: den Austritt Grossbritanniens aus der EU und einen neuen nationalistischen Wahn, der aus dem neuen Europa wieder das alte machen will, es wieder zerstückeln und die Stücke bewachen will – zuletzt in Schweden, jetzt in Italien.

Die neuen alten Nationalisten betrachten Europa als parzellierte Landkarte und stecken in die Felder ihre Fahnen und Namensschilder. «Take back control» nennen das die Parteien, die verharmlosend Rechtspopulisten genannt werden. Die populistischen Extremisten sind Meister darin, die objektive Furcht der Menschen zu sammeln und in frei flottierende, neurotische Ängste zu verwandeln; sie nennen es «die Ängste der Menschen ernst nehmen», aber das ist nicht, was sie tun. Sie machen vielmehr die Ängste ernsthaft gefährlich.

Europa ist ein anderes Wort für Zukunft, trotz seiner bisherigen Konstruktionsfehler, trotz seiner demokratischen und sozialen Defizite. Europa ist etwas anderes als die Summe seiner Fehler. Das starke, das vereinigte Europa, das aus dieser Union werden muss, ist der letzte Sinn einer unendlich verworrenen europäischen Geschichte. Der Putin-Krieg muss zu dieser Erkenntnis führen. Es ist hoffentlich nicht ­
zu spät.

Hoffnung ist niemals umsonst

Ich gehe jetzt weg von der Ukraine und dem tapferen Widerstand dieses Landes, ich gehe weg von der grossen Politik, ich schaue auf unseren Alltag, darauf, wie wir dort, in unserem Alltag, Hoffnung erleben und Hoffnung erlernen. Eine evangelische Pfarrerin, die Sterbende begleitet, erzählt, dass sie Schwerstkranke erlebt hat, die bis zum Schluss hofften. Sie hofften, bis sie starben. Im Lauf der Krankheit änderte sich ihre Hoffnung: Anfangs hofften sie auf Heilung, später auf eine gute Begegnung, auf einen Besuch, auf einen schönen Tag; und dann auf ein seliges Ende. Haben sie sich etwas vorgemacht? Nein, sie machten sich nichts vor, sie hofften. Das sind zweierlei Dinge.

Manche meinen, ein Scheitern strafe den Hoffenden Lügen. Wer so urteilt, betrachtet die Dinge vom Ende, vom vermeintlichen Erfolg oder Misserfolg her.

Auffällig oft reden diejenigen die Hoffnung schlecht, ­denen es persönlich gar nicht schlecht geht. Die vermeintlich hoffnungslosen Fälle können es sich nicht erlauben, auf Hoffnung zu verzichten. Hoffnungslosigkeit ist eine Extravaganz, die man sich nicht leisten kann, wenn es wirklich schlecht steht. Es gibt eine Schwarzseherei, die jede Zuversicht lächerlich macht und die sich fast genüsslich darin ergeht, die Schlechtigkeit der Welt auszumalen: Engagement lohnt sich am Ende nicht, heisst es da, alles wird immer schlechter und Kritik sowieso nicht gehört.

Man kann die Geschichte der Misserfolge fast einer jeden guten Sache erzählen. Man kann das Lied der schlechten Erfahrung singen. Aber selbst wenn es keinen Anlass zum Hoffen gibt, gibt es doch einen Grund dazu: Da, wo man jede Hoffnung fahren lässt, wird die Welt zur Hölle. «Lasst, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren», steht, so schreibt Dante, in dunkler Farbe auf der Pforte zur Hölle. Hoffnung lässt die Welt nicht zum Teufel gehen. Die Kraft der Hoffnung verweigert dem Unglück und dem Unheil den totalen Zugriff.

Hoffnung kommt nicht dadurch, dass man sie beschwört oder passiv darauf wartet, dass sie sich einstellt. Hoffnung ist eine Praxis. Sie besteht in der Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht. Wenn es kein Happy End gibt – war dann die Hoffnung umsonst?

Das Leben ist kein Hollywoodfilm. Es gibt das Scheitern der besten Sache; und es gibt den unaufhaltsamen Fortgang einer Krankheit aller Hoffnung zum Trotz. Dennoch: Soll eine Mutter in Mariupol aufhören zu hoffen, dass das Bombardement endet? Sollen die letzten Häftlinge auf ­Guantanamo aufhören zu hoffen, dass auch sie irgendwann freikommen? Soll ein Bewohner der elenden Flüchtlingslager auf einer Insel in der Ägäis aufhören zu hoffen, irgendwann ein Zuhause zu finden? Sollte der Schwerkranke aufhören, auf Heilung zu hoffen? War die Hoffnung dann dummes Zeug, wenn die Mutter ihr Lebtag keinen Frieden sieht, wenn die Häftlinge nicht freikommen, der Geflüchtete kein Zuhause findet, der Schwerkranke am Ende doch stirbt? Kaum eine Hoffnung ist je umsonst.

Ein Hoffen, das nicht die Augen verschliesst vor der Wirklichkeit, wie sie ist, hat Wert und Würde jenseits des Erfolgs. Manche meinen, ein Scheitern strafe den Hoffenden Lügen. Wer so urteilt, betrachtet die Dinge vom Ende, vom vermeintlichen Erfolg oder Misserfolg her. Man sollte die Dinge aber von der Mitte des Tuns aus betrachten. Inmitten der Arbeit, inmitten des Entschlusses, der Krankheit und des Leidens macht die Hoffnung den Menschen grösser als die Angst. Hoffnung hilft, die Dinge nicht nur zu ertragen, sondern zu tragen, auch die eigentlich unerträglichen. Und wenn man nicht mehr hoffen kann? Dann ist man darauf angewiesen, dass andere für einen hoffen. Und man kann sich anstecken lassen von der Hoffnung anderer.

Es wäre, es ist bitter, wenn das Wort Zukunft vom Frohwort zum Drohwort wird. Das darf nicht passieren. Die bedrohlichen politischen Irrlehren der Gegenwart, der populistische Extremismus und der neue aggressive Nationalismus, sind keine Naturgewalten, sie sind nicht zwangsläufig, sie kommen nicht einfach unausweichlich auf uns zu und über uns. Zukunft ist nichts Feststehendes, nichts Festgefügtes, Zukunft kommt nicht einfach – es gibt nur eine Zukunft, die sich jeden gegenwärtigen Augenblick formt: je nachdem, welchen Weg ein Mensch, welchen eine Gesellschaft wählt, welche Entscheidungen die Menschen treffen, welche Richtung die Gesellschaft einschlägt.

Daran sollte man denken, wenn die nächste düstere Prognose einem den Mut rauben will. Die Zukunft ist nicht geformt, sie wird geformt. Die Frage ist nicht, welche Zukunft man hat oder erduldet, die Frage ist, welche Zukunft man haben will und wie man darauf hinlebt und hinarbeitet. Das gilt für die Überwindung der entsetzlichen Armut in weiten Teilen der Welt. Das gilt auch für die Klimapolitik und für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen. Ihr Erhalt ist keine Frage von gut oder böse, von fair oder unfair. Es ist eine Frage der Selbsterhaltung.

Dazu gehören auch neue, spektakuläre rechtliche Ideen. In Lateinamerika haben die obersten Gerichte dem kolumbianischen Amazonasgebiet eine eigene Rechtspersönlichkeit zuerkannt, sie haben die Natur, sie haben die Ökosysteme zum Rechtssubjekt erklärt. Die Natur ist also da nicht mehr nur ein Objekt, das geschützt werden muss, sondern hat eigene Rechte, die sie – vertreten durch Menschen und Organisationen – einfordern kann.

Das ist ein revolutionärer Ansatz, der das gewohnte Verfassungsdenken sprengt, aber auch hierzulande Anhänger hat. Dieses neue Denken befreit die Natur davon, ein dem Menschen dienendes Objekt zu sein, dieses neue Denken macht die Natur zum Subjekt eigener Rechte. Dieses neue rechtliche Denken wäre, es ist eine Zeitenwende. Könnten die Flüsse und Meere klagen, sie würden klagen über ihre Verschmutzung durch Plastikmüll und darüber, dass sie den Dreck nicht mehr schlucken können.

Zu den Waffen

Vier ukrainische Frauen und Männer fassen Gewehre, um ihr Land...

März 2022 bref+
Andreas Öhler

Ist das Utopie? Natürlich ist das Utopie. Aber in Umbruchszeiten sind Utopien realistisch. Ich setze meine Hoffnung auf diese Utopie, also auf die Entschlossenheit, das Gegebene zum Besseren zu wenden. Und der Wert der Hoffnung misst sich nicht daran, wie realistisch sie ist, und auch nicht daran, ob sie am Ende von Erfolg gekrönt ist.

Zwei leuchtende Beispiele: Nelson Mandela hielt die Hoffnung auf ein anderes Südafrika aufrecht, obwohl wenig dafür sprach in all den Jahren, die er im Gefängnis sass, in denen er alt und älter wurde. Nelson Mandela hat recht behalten mit seiner Hoffnung. Was wäre, wenn er nicht recht behalten hätte? Wäre er zuschanden geworden an seiner Hoffnung? Hätte er sich am Ende seines Lebens für sie schämen müssen, weil sie eine Illusion war? ­Semiya Simsek, die Tochter des Blumenhändlers, den die rechtsextreme Terrorbande Nationalsozialistischer Untergrund erschossen hat, sagte in einem Interview, sie habe sich all die Jahre gewünscht, «einfach den Tätern gegenübersitzen und in die Augen blicken zu können». Das schien eine verrückte Hoffnung; aber sie war nicht verrückt, sie hat ihr vielmehr geholfen, nicht verrückt zu werden.

Hoffnung ist der Wille zur Zukunft. Diese Hoffnung muss atmen können. Dann beginnt das Tun.