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Freitag, 05. Juli 2019

Im Morgengrauen ist die Fontana di Trevi in der Hand der Vögel. Möwen kämpfen im Sturzflug um einen liegen gebliebenen Happen. Schwalben umhüllen mit waghalsigen Manövern Roms berühmtesten und grössten Brunnen. Sein Wasser fliesst unterhalb der zentralen Statue des Meergottes Oceanus heraus, vorbei an Wasserpferden und Tritonen, weiter über die Steinlandschaft hinunter ins Becken. Das Rauschen mischt sich mit dem Krächzen der Vögel. Es ist Mittwoch, fünf Uhr morgens, ein Jogger im gelben Neon-Shirt läuft über den engen Platz vor der weltbekannten Sehenswürdigkeit.

Mehrmals in der Woche soll ein Trupp der städtischen Wasserversorgung die Münzen im Brunnen einsammeln, welche die Touristen aus aller Welt über die Schulter ins Wasser werfen. Der Aberglaube besagt, dass auf diese Weise die Rückkehr in die Ewige Stadt garantiert sei. Was kaum jemand weiss: Das Geld geht an das katholische Hilfswerk Caritas. Ohne es zu wissen, finanzieren Rom-Touristen einen Teil der Sozialhilfe der Stadt.

Kurz nach 8 Uhr pfeift einer der Polizeibeamten die Touristen vom Brunnenrand zurück. Gleich werden Mitarbeiter der römischen Wasser­versorgung mit einem Schlauch das Geld vom Boden absaugen. Ende Jahr kommen so über eine Million Euro zusammen.

Wann die Mitarbeiter der Stadt vorbeikommen, ist unklar. Wer die römische Verwaltung kennt, weiss, dass konkrete Auskünfte so selten wie eine Jahrtausendwende sind. Bei den Wasserversorgungsbetrieben heisst es am Telefon, man sei nicht für die Münzen des Trevi-Brunnens zuständig. Auch die Caritas hilft nicht mit konkreten Terminen weiter. Also bleibt nur der Feldversuch vor Ort. Die Geldeinsammler werden später tatsächlich auftauchen, das schon einmal vorab. Zunächst spielt sich an dem von Papst Clemens XII. gestifteten und 1735 eröffneten Trevi-Brunnen jedoch ein mondänes Spektakel ab, dessen ausführliches Studium man jedem ans Herz legen will, der etwas über die eigene Spezies erfahren möchte.

Eine Russin im türkisfarbenen Kleid und mit Stilettos ist bei Sonnenaufgang mit Fotografin und persönlicher Make-up-Assistentin angerückt, um sich vor dem Brunnen verewigen zu lassen. Der theaterartige Platz vor dem Monument ist da noch fast leer. Zwei junge US-Amerikanerinnen haben sich auf den Stufen vor dem Brunnen niedergelassen. «Juhuuu, good morning!» ruft die eine in ihr Smartphone und schickt eine Videobotschaft in die Heimat, bevor die Freundinnen die obligatorische Münze in den Brunnen schleudern.

Es wirkt so, als drehe hier jedes Indivi­duum seinen ganz persönlichen Dolce-Vita-Film. Das Epos von Federico Fellini von 1960 mit Marcello ­Mastroianni und Anita Ekberg, die in einer der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte nachts in den Brunnen stiegen, trug entscheidend zur Beliebtheit der Sehenswürdigkeit bei.

Ein älterer Herr füllt jetzt zwei Wasserkanister an einem Wasserhahn auf den Stufen des Brunnens ab, es wird heiss werden heute. Ein Familienvater aus Sri Lanka steht am Brunnenrand, auch er per Videoschaltung mit seiner Heimat verbunden. Als er seine Münze geworfen hat, folgt gegen 6.45 Uhr unter der Zeugenschaft von bereits etwa drei Dutzend Besuchern der erste Heiratsantrag dieses Tages. Ein Pärchen ist dafür eigens mit zwei Fotografen gekommen.

Als alle Stellung bezogen haben, kniet er vor dem Brunnenrand und seiner Zukünftigen nieder, die glaubwürdig entzückt ist. Als er ihr unter den eifersüchtigen Blicken des muskulösen Oceanus den Verlobungsring an den Finger gesteckt hat, brandet spontan Applaus unter den Touristen auf. Der Trevi-Brunnen ist eine phantastische Projek­tionsfläche der Generation Selfie und ein widersprüchlicher Ort vermeintlicher Ewigkeit.

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Kurz nach 8 Uhr wird es dann konkret. Erstmals an diesem Tag pfeift einer der diensthabenden städtischen Polizeibeamten auf dem Platz die Touristen vom Brunnenrand zurück. Die unfreundlich schrillen Pfiffe werden noch dutzendmal an diesem Tag ertönen. Nun werden die Treppen vor der Fontana mit rotweissem Plastikband abgesperrt. Die Stunde ist gekommen. Fünf ganz in grau gekleidete Mitarbeiter der städtischen Wasserversorgung treten in Aktion. Aus einem Maschinenraum-Fenster hinter dem Trevi-Brunnen ziehen sie ein langes Stromkabel ­heraus, legen die zum Einsammeln der Münzen notwendigen Geräte bereit und drehen anschliessend das Wasser ab.

Die fünf schwärmen aus. Zwei nehmen die Teleskopstangen, an deren Enden Schrubber montiert sind, und beginnen die Münzen in der Mitte des Beckens zu einem kleinen Wall zusammenzuschieben. Ein anderer fischt die unverwertbaren Reste aus dem Trevi-Brunnen. Zwei Rosen, mehrere Plastikbecher, Sonnencrème, eine Semmel sowie ein Strumpf sind heute seine Beute. Gelegentlich findet er auch Sonnenbrillen, Uhren oder Armbänder, die beim Münzwurf unbeabsichtigt ins Wasser gefallen sind.

Jetzt folgt die wichtigste Aufgabe: Mit einer eigens für den Trevi-Brunnen umgebauten Pumpe auf Rädern und einem Teleskop-Schlund saugt einer den in der Morgensonne golden schimmernden Münzwall aus dem Becken ab. Man hört ein leises Klirren, wenn das Geld durch den Schlauch in den Sammelbehälter fliesst.

Nach etwa einer Stunde ist der Behälter erstmals voll. Der Deckel wird geöffnet. Mit Handschuhen schaufeln die Arbeiter die Münzen in weisse Plastiksäcke. Inzwischen ist auch ein Mitarbeiter der römischen Caritas vor Ort. Unter den Blicken der Polizisten schleppt er die Säcke zu seinem am Brunnenrand geparkten Fiat. Aus dem Kofferraum nimmt er eine Lastenwaage mit Digitalanzeige und wägt die Säcke.

Die Mengen werden fein säuberlich protokolliert. Am Ende werden es 16 Geldsäcke und 260 Kilogramm Münzen sein. Zur Hochsaison, wenn besonders viele Touristen da sind, kommen gut und gerne auch einmal 400 Kilogramm zusammen. Freiwillige der Caritas zählen das Geld anschliessend, und die am meisten vorkommenden ausländischen Münzen werden an den Vatikanbotschaften der jeweiligen Länder in Euro getauscht. «Die restlichen Währungen schenken wir Missionaren», sagt der Caritas-Sprecher Alberto Colaiacomo.

Dreimal die Woche rücken die Münzsammler an. 1,5 Millionen Euro kamen so im vergangenen Jahr zusammen, 1,3 Millionen 2017. Zuvor waren es wegen Renovationsarbeiten am Brunnen nur ein paar Hunderttausend Euro. Das Geld fliesst in soziale Projekte, nach Angaben der Caritas kommt es bedürftigen Familien und Obdachlosen zu. Mit den Mitteln leistet ­die Hilfsorganisation ausserdem Wohnhilfe und medizinische Versorgung.

Im Jahr 2011 verfügte der damalige Bürgermeister Gianni ­Alemanno, dass die Münzen an die Caritas gehen. Damit sollte dem nächtlichen Treiben am Brunnen ein Ende gesetzt werden: Bedürftige und Langfinger machten sich regelmässig über den Schatz her. Einige Räuber brachten es sogar zu zweifelhaftem Ruhm in der Lokalpresse. Der mehrfach festgenommene und 2013 verstorbene Roberto Cercelletta war in Rom unter dem Musketier-Namen D’Artagnan bekannt und jahrelang der eigentliche Herr des Trevi-Brunnens. Das Verbot, die Münzen aus dem Becken zu sammeln, geht letztlich auf seine unbändige Aktivität zurück.

Langfinger machten sich in der Vergangenheit immer wieder über den Schatz im Trevi-Brunnen her. Wer heute gegen ein eigens eingeführtes Sammelverbot verstösst, dem drohen bis zu drei Jahre Haft.

Seither künden bronzene Tafeln vor dem Brunnenbecken drastische Strafen an. Wer gegen das Sammelverbot verstösst, dem drohen bis zu 516 Euro Strafe und drei Jahre Haft. Streng genommen allerdings handelt es sich hier um eine Gesetzes­lücke, wie Caritas-Sprecher Colaiacomo erklärt. Denn mit dem Wurf in den Brunnen gingen die Münzen nicht automatisch in das Eigentum der Stadt über. Das Geld müsste dafür erst auf ein städtisches Konto und von dort der Caritas gutgeschrieben werden.

Diese rechtliche Grauzone soll der Grund gewesen sein, dass Bürgermeisterin Virginia Raggi zu Jahresbeginn bestimmte, das Geld aus dem Brunnen solle künftig direkt in den städtischen Haushalt und erst dann an Sozialeinrichtungen fliessen. Die öffentliche Empörung war riesengross. Raggi lenkte ein und sprach von einem Missverständnis.

Wie mächtig die katholische Kirche in Rom bis heute ist, sieht man am Ausgang der Geschichte. Die Caritas darf weiterhin dreimal wöchentlich das Geld aus der Fontana di Trevi mitnehmen. Die Gesetzeslücke wurde auf italienische Art geschlossen: Anstatt eine wasserdichte juristische Regelung zu suchen, bekommen die kirchlichen Wohltäter das Münz auf einer provisorischen Grundlage. Diese wird jeweils nach drei Monaten verlängert.