In einem Kellergewölbe unter der Via Luigi Luzzatti, einer ruhigen Wohnstrasse zwischen dem Kolosseum und dem römischen Hauptbahnhof, beherbergt die Vatikanverwaltung einen ungewöhnlichen Gast. Man kann hier in die Tiefe steigen und Circe besuchen, die Zauberin von der Insel Aiaia, die Odysseus einst den Weg in den Hades wies und seine Gefährten in Schweine verwandelte.
Ein knappes Jahrhundert lang hat die Vatikanverwaltung von ihrem Gast nichts gewusst, aber jetzt hat sich das geändert und die Kirche steckt in ein paar Erklärungsnöten: Was soll die Anwesenheit dieser homerischen Gestalt in einer urchristlichen Grabstätte bedeuten? Zeigt sie, dass frühe Christen bestimmten heidnischen Traditionen näher standen als gedacht? Ist die Anwesenheit der alten Giftmischerin sogar ein verschlüsselter Hinweis auf frühchristliche Drogenrituale?
«Vorsicht auf den Stufen!» warnt Giovanna Ferri und leuchtet mit ihrer extrastarken Stablampe in ein düsteres Tunnelsystem. Die Archäologin und Kunstgeschichtsexpertin ist von der Päpstlichen Kommission für sakrale Archäologie hergeschickt worden, um den Journalistenbesuch aus Deutschland zu empfangen. Sie wirkt überrascht, denn viele Menschen lässt der Vatikan hier gar nicht rein. «In den vergangenen Jahren höchstens fünf Besucher», sagt Ferri, eine zierliche Frau in einem kurzen Trenchcoat und mit einer grossen Plastikbrille im Gesicht. Den Lampenschein lässt sie über die Wände einer kleinen Eingangshalle flackern. Die Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit, blicken auf Ziegelsteine, Zementfugen, eine Betonplatte und kleine Flächen aus bröckelndem vulkanischem Tuff. Baustoffe aus vielen Epochen.
«Wir wissen, dass diese Anlage ursprünglich zur Mitte des dritten Jahrhunderts angelegt worden ist, und keinesfalls nach 270», sagt Ferri und fügt hinzu, dass sie diese Epoche eigentlich nicht so gerne mag. Sie hat an der staatlichen Universität Roma Tre studiert und sich auf frühchristliche Grabanlagen spezialisiert. In den späteren Katakomben ist das ein ergiebiges Geschäft, denn da sass mit Konstantin dem Grossen schon ein grosser Förderer des Christentums auf dem römischen Kaiserthron. 313 wurde die neue Religion dem römischen Götterglauben gleichgestellt. Aber 270 nach Christus? Da finden sich noch nicht so viele christliche Zeugnisse in den Gräbern. «Man muss hier schon sehr genau schauen, wenn man christliche Symbole sehen will.»

Mit Hilfe eines Zaubertranks kann Circe Männer in Schweine verwandeln – und wieder zurück. So beschreibt sie Homer in der Odyssee. Hier ist Circe zu sehen in der Darstellung des französischen Malers Louis Chalon aus dem Jahr 1886. Bilder der Circe-Freske aus der römischen Katakombe sind derzeit nicht zu bekommen. Bild: KEYSTONE/SCIENCE PHOTO LIBRARY/COLLECTION ABECASIS
Also los: dem Schein der Taschenlampe nach, über knisterndes Geröll und antike Grabstätten hinweg. Die Malfarben auf dem Tuffstein leuchten nach 1800 Jahren nur noch zart. Sie sind aber klar genug, um ein paar vertraut wirkende Motive zu erkennen. Da steht ein nackter Mann neben den Beinen einer Frau, der Oberkörper der Dame ist weggebröckelt, aber zu ihren Füssen windet sich verführerisch eine Schlange. Man erkennt einen guten Hirten mit Bart und langen Haaren, der friedlich über seine Herde wacht.
An einer der Wände ist eine Stadt mit üppigen Gärten dargestellt, durch die Menschen in weissen Roben wandeln – ist das das Himmlische Jerusalem? Die Archäologin Ferri zuckt mit den Schultern. «Über die Jahrzehnte sind Forscher hier zu ganz unterschiedlichen Interpretationen gekommen», sagt sie. «Der Vatikan vertritt natürlich die Position, dass das hier christlich ist. Wenn es nicht christlich wäre, müsste er das Denkmal an den Superintendenten abgeben.» Es ist eine spöttische Bemerkung, sie meint das nicht ganz ernst. Der Superintendent: Das ist die weltliche Konkurrenz, der oberste Denkmalschützer der Stadt Rom.
Die päpstliche Denkmalschutzkommission verwaltet heute rund 40 solcher Katakomben, sie gebietet über eine unterirdische Schattenstadt mit Tausenden von Gräbern, aber in die meisten davon lässt sie quasi keine Besucher herein. Die Kommission begründet das mit Sicherheitsproblemen, dem Schutz der Wandgemälde und einem Mangel an Ventilationsanlagen. Dafür betreibt sie aber eine herausragende Arbeit bei der Restauration und Instandhaltung der Gemälde, auch hier, im Hypogäum der Aurelier, wie das Grabkammersystem unter der Via Luigi Luzzatti heisst. Es wurde 1919 in einem verwahrlosten Zustand entdeckt, als die Fiat-Reparaturwerkstatt nebenan eine Tiefgarage bauen wollte. Einmal lief sogar schwarzes Öl über die Fresken aus
Über die Jahrzehnte hat der Vatikan die antiken Gemälde immer wieder mit der jeweils modernsten Technik instand gesetzt, die neueste ist das sogenannte Laserverdampfen. Aber nicht immer finden die Ergebnisse anschliessend auch die ungeteilte Begeisterung der Vatikanverwaltung. «Die Reinigungsmethode mit Laserstrahlen hat eine der kontroversesten Szenen der Katakombenkunst freigelegt», berichtete die päpstliche Denkmalkommission 2011, nachdem im Hypogäum der Aurelier ein zentrales Gemälde wieder gut sichtbar geworden war. «Sie erlaubte uns, ohne Zweifel die Geschichte von Odysseus und der Hexengöttin Circe zu erkennen und die frühere Interpretation auszuschliessen, nach der hier eine Szene aus dem Leben des Propheten Hiob zu sehen ist.»
Da blickt sie nun im Schein der Stablampe von den Wänden herab, die homerische Zauberin in einer klassischen antiken Darstellung, gekleidet in eine fliessende Robe, neben einem Webstuhl stehend. Zu ihren Füssen sitzt Odysseus, der mit ihr spricht, und hinter ihr stolpern drei nackte Männer mit überraschtem Blick herum, weil sie eben noch Schweine waren.
Seit ihrer Wiederentdeckung in diesem Gewölbe hat sich die homerische Zauberin rasch in den Vordergrund gespielt. Zu der Handvoll Besucher, die die Archäologin Ferri durch die renovierten Katakomben geführt hat, gehört nämlich auch der US-Bestsellerautor Brian Muraresku. Ferri kannte den Amerikaner nicht und erinnert sich kaum an die Begegnung, aber dadurch kam einiges in Bewegung.
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