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Autor: Oliver Demont
Bilder: Ruben Hollinger
Freitag, 19. Mai 2017

Herr Stüfen, wann waren Sie als reformierter Gefängnisseelsorger das letzte Mal für eine andere Religion im Einsatz?

Das war, als ich für die hinduistischen Insassen heilige Asche in einem Laden in Zürich einkaufen ging. Sie ist weiss und wird bei religiösen Ritualen im Alltag gebraucht.

Sie bringen ernsthaft weisses Pulver in ein Gefängnis?

(lacht) Ja. Aber ich kann Sie beruhigen: Auch wenn mir die Behörden als Pfarrer vertrauen, wird alles strengstens kontrolliert. Es sind aber nicht solche Dienste, die im Zentrum meiner Arbeit als interreligiöser Gefängnisseelsorger stehen.

Sondern?

Vor einiger Zeit beging ein Muslim in seiner Zelle Suizid. Ich hatte Dienst und übernahm nach Absprache mit der Gefängnisdirektion die Betreuung der Männergruppe, in der der verstorbene Mann untergebracht war. Als die Rechtsmedizin und die Polizei ihre Untersuchungen abgeschlossen hatten, versammelte ich die anwesenden Männer und erzählte, was vorgefallen war. Da sie unterschiedlichen Religionen angehörten und der Verstorbene muslimischen Glaubens war, nahm ich sofort Kontakt mit dem Imam auf.

Was geschah dann?

Nachdem der Imam eingetroffen war, setzten wir uns mit den Männern, die wollten, in einen Kreis. Eine Kerze wurde herumgereicht und jeder erzählte, wie es ihm gerade geht. Insgesamt waren es zwölf Männer. Danach sprach ich ein Fürbittengebet und der Imam betete eine Koransure.

Zwölf harte Jungs im Kreis, die eine Kerze weiterreichen und dabei über ihre Gefühle reden — das ist kaum vorstellbar.

Sie haben eine falsche Vorstellung von sogenannt harten Jungs. Viele wirken nach aussen tough. Wer ihre Biografien und Brüche kennt, weiss aber: das ist Fassade. Der Tod eines Mitgefangenen löst grosse Verunsicherung aus. Der Gedanke, hinter Gittern zu sterben, ist für viele die grösste Sorge. Zu Beginn war ja nicht klar, ob es sich um einen Suizid handelte oder nicht. Es ist enorm wichtig, über diese Ängste zu reden. Erst recht im Gefängnis.

Warum ist im Gefängnis die Angst vor dem Sterben so gross?

Die Vorstellung, die Freiheit möglicherweise nie mehr zu erleben, macht Angst. Tagsüber ist man beschäftigt, aber die Nächte können unglaublich quälend sein. Das berichten mir Gefangene immer wieder. Natürlich kann ein Insasse den Pikettdienst rufen oder einen Alarm auslösen, wenn er sich unwohl fühlt. Aber am Ende bleibst du eingesperrt, mit dir alleine. Diesen existenziellen Angstzustand kann sich ein freier Mensch nicht vorstellen.

Pöschwies mit über 400 Inhaftierten zählt zu den grössten Justizvollzugsanstalten der Schweiz. Seit wann gehen hier nicht nur katholische und reformierte Seelsorger ein und aus?

Ganz genau kann ich diese Frage nicht beantworten. Seit 1987 findet aber ein Freitagsgebet für muslimische Insassen statt. Dieses wurde allerdings aufgrund eines Bundesgerichtsentscheids eingeführt. Pöschwies steht heute für ein beispielhaftes Miteinander der Religionsvertreter. Das war nicht immer so. Noch vor fünfzehn Jahren gab es von Seiten der christlichen Seelsorger durchaus Vorbehalte gegenüber gewissen Imamen, die in Pöschwies als Seelsorger unterwegs waren.

Pfarrer Frank Stüfen

Welche Vorbehalte?

Hinter vorgehaltener Hand wurde kritisiert, dass sie nicht genügend ausgebildet sind. Das ist heute aber völlig anders.

Woran merken Sie das?

Als Landeskirche haben wir mit der Vereinigung der islamischen Organisationen ein Gegenüber. Die Verantwortlichen sorgen dafür, dass Imame die gleichen Aus- und Weiterbildungen mitbringen wie alle anderen.

Das Gefängnis als Ort, in dem Radikalisierung stattfinden kann: Ist das heute wirklich ausgeschlossen?

Sollte sich diese Frage auf meine muslimischen Kollegen beziehen, ist diese Frage tendenziös.

Es ist nun mal so, dass die derzeitige Weltlage einen Imam stärker dazu zwingt, seine Haltung in gewissen Fragen öffentlich kundzutun, als beispielsweise einen buddhistischen Priester.

Alle Gefängnisseelsorger durchlaufen ein Verfahren, mit dem Radikalisierungstendenzen ausgeschlossen werden können. Pöschwies ist ein Dorf. Würde jemand zu Gewalt und Hass aufrufen, würde das rasch publik werden.

Wie verteilen sich eigentlich die Religionen auf die Insassen?

Die klare Mehrheit sind Christen. Die zweitgrösste Gruppe mit rund dreissig Prozent sind Muslime. Anzahlmässig klein sind die Atheisten, Buddhisten und Hinduisten, sehr klein der Anteil an Juden. Diese Zahlen sagen aber letztlich nicht viel aus. Nur schon bei den Christen ist der kulturelle Unterschied gross. Darum ist auch in Bezug auf die Gefängnisseelsorge der Begriff «interkulturell» präziser als «interreligiös». Der orthodoxe Christ aus Russland unterscheidet sich in der Regel sehr vom katholischen Christen aus der Schweiz oder von dem afrikanischen Christen, bei dem die Religion auch einen schamanischen Einschlag aufweisen kann. Dasselbe gilt auch für Muslime. In meiner Wahrnehmung prägt die geografische und kulturelle Herkunft einen Menschen mehr als die Religionszugehörigkeit.

Wo wird das sichtbar?

Unser serbisch-orthodoxer Priester versteht sich wunderbar mit unserem Imam aus Bosnien. Politisch und religiös trennen sie Welten, aber kulturell fühlen sie sich einander nahe. Was generell hilft: Alle Seelsorger in Pöschwies verbindet das Beten und Segnen. Jede Religion kennt einen Segensritus und das Gebet ist auch religionsübergreifend.

Werden Sie auch von Insassen aufgesucht, denen Religion und Glaube nichts bedeuten?

Ja, das kommt vor. Einmal kam ein junger Albaner zu mir, der nicht religiös war. Er sprach mich an und sagte: «Herr Pfarrer, Sie haben doch dieses ‹Sünden-Dings›.» Im Gespräch stellte sich dann heraus, dass er beichten wollte. Dabei hatte er keine Ahnung, was das genau bedeutet.

Was haben Sie ihm als reformierter Pfarrer ohne Beichtpraxis geantwortet?

Es war keine Antwort, sondern ein langes Gespräch. Er erzählte mir, was er getan hatte, und dass er darunter leidet. Am Ende machten wir den Ritus der Sündenvergebung. Ein bewegender Augenblick, für uns beide. Im Gefängnis lernte ich improvisieren. Wenn es dem Gegenüber hilft, ist vieles möglich.

Was ist für Sie als reformierter Pfarrer nicht möglich?

Eine Sure singen. Naheliegend, dass ich so etwas nicht kann. Aber für einen Muslim kann es tröstlich sein, wenn mit ihm eine Sure gesungen wird.

Wer das Miteinander der Religionen auf der Welt so anschaut, kann fast nicht glauben, dass ausgerechnet im Gefängnis so viel Harmonie herrschen soll.

Natürlich gibt es Differenzen, das ist aber auch ausserhalb der Gefängnismauern so. Für theologische Debatten unter den Seelsorgern haben wir schlicht keinen Platz.

Wären diese aber nicht wichtig?

Nochmals: Warum sollte ausgerechnet im Gefängnis gelingen, was auch sonst immer wieder Mühe bereitet? Allen Seelsorgern ist klar, dass wir als Team sichtbar sein müssen. An der jährlichen interreligiösen Feier darf sich darum auch kein Seelsorger herausnehmen. Im Zentrum unserer Arbeit steht, dass wir alles tun müssen, damit unter den über 400 Männern religiöse Differenzen nicht zum Thema werden. Das gelingt uns sehr gut. Ich sage aber auch ehrlich: Würde uns das nicht gelingen, es würde hier rasch brennen.

Trotzdem hängt im Kultusraum der Justizvollzugsanstalt einzig das Kreuz.

Das Kreuz kann mühelos abgehängt und im Nebenraum versorgt werden, da sind wir flexibel. Der Ort ist ein geistiger Kraftraum für alle. Yogalehrer und Hindupriester nutzen ihn, und für das Freitagsgebet werden jeweils Teppiche ausgerollt. Unlängst habe ich erfahren, dass der Bodenleger unter dem Parkett kleine Zettelchen mit Segenssprüchen aus allen Weltreligionen gelegt hatte. Wer den Raum betritt, wird getragen von Segensworten – was für eine schöne Symbolik.

Die Journalistin Evelyne Baumberger studiert reformierte Theologie in Zürich.
Oliver Demont ist Redaktionsleiter bei bref.
Der Fotograf Ruben Hollinger lebt in Bern.

 

Frank Stüfen (54) war mehrere Jahre reformierter Gemeindepfarrer und ist seit 2009 Pfarrer in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies bei Zürich. An der Universität Bern ist er Studienleiter für Seelsorge im Straf- und Massnahmenvollzug und bei der Uno Beauftragter der Weltkonferenz der Gefängnisseelsorger. eb