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Bilder: Oliver Fiegel
Freitag, 21. Juni 2019

Die Hinweisschilder sind leuchtend gelb und beginnen gleich hinter der Kirche im Tal in Saalfelden, inmitten der österreichischen Alpen. «Weg der Stille» zur Einsiedelei am Palfen, immer bergauf, raus aus der Stadt, weg von den Menschen, noch eine Stunde Fussweg.

Vorbei an der Polizeiwache ist ein Schild, am Friedhof, an der orthodoxen Kirche ein weiteres, noch 40 Minuten. Immer steiler geht es hinauf, immer wieder gelbe Schilder im Wald. Wie kann einer ein Einsiedler sein, wenn sein Refugium so gut ausgeschildert und schon vom Bahnhof Saalfelden aus zu sehen ist? Wie allein ist man, wenn Gott und die Welt zu einem kommen, um sich Kummer von der Seele zu reden oder einfach einen Feierabendplausch zu halten? «Ich weiss, dass ich auch eine Touristenattraktion bin», sagt Bruder Stan, ein ruhiger, grauer Mann.

Ein Ort der Stille ist seine Einsiedelei am Palfen zumindest an Sommertagen nicht. Dabei ist Stille gewissermassen sein Beruf. Sechzig Jahre alt, auf den Namen Stan Vanuytrecht getauft und von Belgien nach Österreich eingewandert, um nun im dritten Jahr das Amt des Einsiedlers von Saalfelden zu bekleiden. Auf 1006 Metern Höhe, ausreichend Abstand zur Welt. Bruder Stan ist wohl der erste Einsiedler, der über eine Online-Ausschreibung zu seiner Berufung fand. Das war 2017.

Wir suchen einen in sich ruhenden Menschen, der bereit ist zum Gespräch. Er soll sich nicht aufdrängen. Aber er soll da sein für die Pilger. Das Leben auf der Einsiedelei ist karg und einfach. Wer ohne Fernsehen, Computer und Zentralheizung nicht auskommt, für den ist die Klause am Fusse des Steinernen Meeres nicht die richtige Behausung.

All das stand in der Stellenausschreibung, verfasst von Alois Moser, Pfarrer von Saalfelden. Natürlich auch, dass man dem christlichen Glauben verbunden sein soll. Vor allem die Gesprächsbereitschaft war der Gemeinde wichtig; der Vorgänger von Bruder Stan, heisst es, sei nicht so zugänglich gewesen. Er hat das mit der Einsiedelei ­vielleicht zu traditionell verstanden.

Anfang 2017 war Stan Vanuytrecht gerade in Pension gegangen und ziemlich spät dran mit seiner Bewerbung. Um die siebzig Bewerbungen waren aus der ganzen Welt schon im Pfarrhaus eingegangen. Die Deutsche Presse-Agentur hatte die Jobausschreibung in ihr Kuriositätenkabinett aufgenommen, und sogar die New York Times berichtete. Es folgten Bewerbungen aus Argentinien, Kanada und ganz Europa, sagt Pfarrer Moser. Auch von Frauen habe man welche bekommen, doch das gehe nicht, wegen der «Drradition». Als Bruder Stan die Ausschreibung las, dachte er: «Das ist mein Platz, dort will ich sein.» Jedenfalls erzählt er es jetzt so. Er kann sich bis heute nicht ganz erklären, warum er sich so sicher war.

Stan Vanuytrecht suchte den Abstand zur tosenden Welt – im Glauben und in den Bergen.

Die Einsiedelei am Palfen liegt auf 1006 Metern über Meer, einige Kilometer von der Stadt Zell am See entfernt. Das abgelegene Gebäude wurde im 17. Jahrhundert erbaut und ist nicht an das Strom- und Wassernetz angeschlossen.

Früher in Belgien, erzählt er, habe er tagsüber als Landvermesser gearbeitet und nachts als Rettungssanitäter. Seine Ehe, aus der zwei inzwischen erwachsene Kinder hervorgegangen sind, war zerbrochen. Es ist ein trauriges Kapitel seines Lebens, es soll darüber nicht viel mehr in der Zeitung stehen. Das Ende dieses ersten Lebens von Stan Vanuytrecht kostete ihn alles: sein inneres Gleichgewicht, seine Gesundheit, sein Vermögen.

Sieben Jahre lang arbeitete er pausenlos, um seine Scheidung finanziell zu überleben. In einer Nacht, erzählt er, hätte er als Sanitäter ein Häufchen Mensch auf der Strasse in Brüssel aufgesammelt. Ein Junkie, der eine Überdosis intus hatte, kaum mehr ansprechbar. Auf dem Weg ins Krankenhaus bat der Mann, Vanuytrecht möge seine Hand halten. Der griff sie, ohne einen Moment zu über­legen. Danach erschrak er, er hatte keine Handschuhe getragen, seine gütige Geste war fahrlässig gewesen. Keine Sekunde hatte er darüber nachgedacht. Heute sagt Bruder Stan, er habe das aus Liebe getan. Eine Liebe, so unendlich stark, er wisse nicht, woher sie komme. Doch er habe das Gefühl, sie fliesse geradewegs durch ihn hindurch.

Zuhören, nicht trösten

Mehr als zwölf Jahre ist das her, und Stan Vanuytrecht war lange auf der Suche, auch nach dem Ursprung dieser Liebe. Er liess sich zum Seelsorger ausbilden und trat probeweise in verschiedene Orden ein, probierte sich aus. Er wollte Menschen helfen. Als Diakon arbeitete er in Gefängnissen, in Krankenhäusern und Psychiatrien, er betreute Häftlinge, Obdachlose, Drogen- und Alkoholkranke. Seine Zuneigung gilt jenen, für die die Welt nichts mehr übrighat.

Kalt, sehr kalt ist es im Mai in Saalfelden. Etwas oberhalb der Klause von Bruder Stan liegt die Schneegrenze, wo es tagsüber schmilzt und nachts wieder anfriert. Steigt man die Treppen zu ihm hinauf, lugt zuerst die Kapuzenspitze seiner schwarzen Kutte über der Gartenhecke hervor; geht man weiter, erscheint sein braungebranntes Gesicht mit dem grauen Bart. Die Augen hinter runden Brillengläsern schauen wach, trotz der frühen Stunde.

Im Gebet: Bruder Stan ist gern mit sich allein. Einsamkeit kennt er nicht.

Bruder Stan ist schon lange auf den Beinen. Morgens ist es still hier oben, dann sitzt er auf der Terrasse, raucht seine Pfeife und schaut. Schaut nach unten ins Tal zu den Menschen. Schaut nach oben, wo die Turmfalken um ihr Nest kreisen und wo er irgendwo seinen «Chef» vermutet. Und schaut in sich hinein. Spricht sein Morgengebet, läutet um sieben die Glocke, macht seiner scheuen Hündin Dunja und sich ein Frühstück.

In der Schweiz gibt es sieben bis zehn, in Deutschland noch rund achtzig Menschen, die wie Bruder Stan als Einsiedler leben. Manche sind völlig auf sich allein gestellt, andere, so wie Bruder Stan, leben ihr Einsiedlertum mit Billigung der Kirche.

Das Eremitentum ist so alt wie die Menschheit und existiert in vielen religiösen Strömungen, im Buddhismus, Hinduismus und Christentum. Auch Philosophen suchten einst den Abstand zur Gesellschaft, etwa Heraklit im antiken Griechenland. Grundgedanke des Eremitentums – des religiösen wie philosophischen – war stets die Distanz zur weltlichen Gesellschaft, um Einsichten über sie zu gewinnen. Im religiösen Eremitentum wollte man zusätzlich sich von den Dingen der Welt loslösen, um Gott näherzukommen – durch ein strenges Regime aus ­Askese, Gebet und körperlicher Arbeit.

Die ersten christlichen Eremiten waren die Wüstenväter des 3. Jahrhunderts, die in Anlehnung an die vierzig Tage, die Jesus in der Wüste gebetet und gefastet haben soll, in Höhlen im heutigen Ägypten und Syrien lebten.

Viele Geistliche, Mystiker und Reformer verbrachten Zeit in der Abgeschiedenheit, bevor sie Orden und Klöster gründeten und als Heilige verehrt wurden. Gemeinsam ist allen Eremiten, dass sie gerade aufgrund ihrer Abkehr von der Welt die Neugier ebendieser erwecken.

Auch wenn er oft kaum etwas sagt, gehen die Menschen erleichtert wieder vom Berg hinunter, zur Arbeit oder in die Einsamkeit der eigenen vier Wände.

Morgens, abends und nachts ist Bruder Stan ein echter Einsiedler. Einer, der gern mit sich allein ist, der das Gefühl von Einsamkeit nicht kennt. Der mit sehr wenig zufrieden ist im Leben, kaum Pläne macht. Die Zeit am Morgen nutzt er fürs Gebet, für Kontemplation, für Arbeiten an seiner Klause oder Spaziergänge mit seinem Hund. Er liest nicht, spricht nicht. Sitzt auf der Terrasse in der Stille.

«Wir müssen unserem Herrgott nichts sagen, er weiss doch alles. Darum sitze ich hier und höre zu, was er mir zu sagen hat», erklärt er.

Doch auch eine Menge Menschen haben ihm etwas zu sagen. Manchmal kommen um halb sieben am Morgen die ersten. Einwohner aus Saalfelden, die vor der Arbeit den Weg zu ihm auf sich nehmen, weil sie das Gespräch mit einem Seelsorger suchen. Die sich Rat erbeten, die sich schuldig fühlen, die trauern. Wenn sie gläubig sind, betet Bruder Stan mit ihnen. Offiziell zwischen 7 und 17 Uhr ist er gesprächsbereit, so steht es auf dem Schild an seinem Gartentor, doch nur selten schickt er jemanden wieder weg.

Seine ganze Aufmerksamkeit, erzählt er, verwende er auf konzentriertes Zuhören. Das sei viel schwieriger, als man denkt, denn der Impuls, Trost auszusprechen, sei immer da. «Aber ich will die Geschichte von Menschen nicht ändern, sie nicht ­minimieren, nicht Schuld oder Schmerz herunterspielen.» Sein Angebot an einen Besucher lautet: «Du brauchst nichts zu sagen. Wir setzen uns hin, ich setze mich neben dich.

Wir sitzen hier einfach zusammen.» Rat gibt Bruder Stan nur, wenn er sich ganz sicher ist damit. Er sei Seelsorger und kein Psychologe. Auch wenn er oft kaum etwas sagt, gehen die Menschen, die sich ihm anvertrauen, erleichtert wieder vom Berg hinunter, zur Arbeit, nach Hause zu ihren Familien oder in die Einsamkeit der eigenen vier Wände.

Oben auf den Bergen bricht die Sonne durch die Wolken, Bruder Stan muss das Hemd unter seiner Kutte ausziehen. Ein Paar kommt die Stufen herauf. Der Seelsorger begrüsst sie mit einem schwungvollen «Griass eich», es klingt beinahe schon echt Pinzgauerisch. Die zwei sehen aus wie Wanderer. Ob sie ein Foto oben in der Kapelle aufhängen dürfe, flüstert die Frau. Ein Verwandter ist gestorben, kaum 46, er hinterlässt drei Kinder. Bruder Stan führt das Paar zu einer Bank, spricht mit ihnen. Bietet an, die trauernde Familie und den Verstorbenen in sein Gebet aufzu­nehmen. Mehr kann er nicht tun, aber es ist auch nicht nichts.

Stillleben wie von einem alten Meister: in der Eremitenklause.

Wenig später schiebt sich eine Einheit des österreichischen Bundesheers den Berg hinauf, mit Tarnfarbe im Gesicht und Schweissrändern auf den Uniformen. Eine Übung ist im Gange; in kleinen Grüppchen stolpern die jungen Männer und einige Frauen die Treppen hinauf, fluchend über ihre schwere Ausrüstung. Sie breiten sich aus, sie lassen das kostbare Trinkwasser aus den Kanistern laufen, die Stan einzeln herauftragen muss, sie feixen miteinander, und es ist vorbei mit der andächtigen Atmosphäre vor der Klause. Bruder Stan lässt sie gewähren. Als junger Mann war er selbst Artillerieoffizier und in Deutschland stationiert. In dieser Zeit hat er auch die deutsche Sprache gelernt.

Militärdienst, ein Detail, das nicht passen will zum liberalen Seelsorger, der aussieht wie einer, der sich früher an Castoren gekettet hat. «Ich mag das», sagt er, zeigt auf die Halbstarken in Tarnfarben und lässt offen, wem oder was nun genau seine Sympathie gilt. Während sich die Männer über Karten beugen, schaut Bruder Stan ihnen über die Schulter. Manche von ihnen sprechen einen so starken österreichischen Dialekt, dass er nicht versteht, was sie ihm erzählen. Da schlendert er wieder hinüber zur Terrasse, macht sich ein Bier auf und beginnt mit der Arbeit an einem neuen Wanderstab.

Jesus punktieren

Es ist die schnelle Abwechslung zwischen Seelsorgerarbeit und Schwätzchenhalten, die ihm zusetzt, sagt er. Wenn er mit Eltern spricht, deren Sohn Suizid begangen hat, und gleich darauf jemand heraufkommt, der mit ihm über das Stadtfest plaudern will. Wenn eine Schulklasse zu Besuch kommt und andere oben in der Kapelle beten wollen. Dann ist Bruder Stan Diakon, Platzwart und Gastwirt in einem. Für manche Saalfeldener ist er wohl auch so etwas wie ein Freund, auch wenn ihm das nicht recht ist, Seelsorge ist schliesslich ein Beruf. Nebst mit seinem Bruder und dessen Frau aus Belgien, die gerade Urlaub in Saalfelden machen, pflegt er vor allem Kontakt zu seinen Kindern und Freunden in Belgien.

Die Liebe in ihm sei so unendlich stark, er wisse nicht, woher sie komme. Doch er habe das Gefühl, sie fliesse geradewegs durch ihn hindurch.

Bruder Stan glaubt, viele Menschen vertrauten ihre Sorgen und Nöte heute lieber einem Fremden an. Sie denken, sie müssten perfekt sein, und wollen vor Familie und Freunden den Schein wahren. Wie oft er schon die Frage gehört habe, wann es denn endlich wieder gut werde. Da sagt er dann zu den Gebeutelten: «Du bist doch kein Laptop, den man einfach reparieren kann!

Unsere Gesellschaft toleriert nicht, dass viele Dinge eine lange Zeit brauchen, um wieder heil zu werden. Wenn man eine Depression hat, dann dauert das, manchmal Jahre.» So lange? «Ja, so lange.» Er weiss das selbst nur zu gut.

Als kurz vor 17 Uhr der Wecker von Bruder Stans Smartphone klingelt, ist er gerade dabei, mit Hilfe eines Handbohrers ein Jesus-Kreuz zu punktieren. Er will es oben an seinem Wanderstab anbringen. «Jesus hat schon genug Löcher im Körper, da macht ihm ein weiteres auch nichts aus», sagt er mit Schraube im Mundwinkel. Doch nun ist es Zeit, die Glocke zu läuten, wie schon um 7 Uhr morgens und zur Mittagszeit.

Bruder Stan geht in sein winziges Schlafzimmer, in dem durch ein Loch das Seil vom Glockenturm herunterhängt. Es ist ein schöner, feierlicher Ton. Früher habe man die Glocke im ganzen Tal gehört, sagt er, die Bauern wussten dann, dass der Arbeitstag zu Ende war. Und nicht nur das, die Einsiedler sollten auch Alarm schlagen, wenn sie einen Brand entdeckten. Zum Dank durften sie Almosen in den Ortschaften sammeln. Heute reicht der Glockenklang nur wenige Hundert Meter weit, zu laut ist die Welt um Bruder Stan herum. Doch sitzt man an die Hauswand gelehnt, wackelt vom Läuten die ganze Hütte.

Wer von Abgeschiedenheit und Askese träumt, sollte wissen, woher das Einsiedlertum kommt. Susanne Leuenberger und Andreas Öhler haben diese Lebensform durchbuchstabiert.

A wie Anachoreten. So hiessen in der Frühzeit des Christentums die Eremiten. Antonius der Grosse gilt als
der erste. Er lebte im 3. und 4. Jahrhundert nach Christus und soll 105 Jahre alt geworden sein. Über 80 davon verbrachte er als Einsiedler in alten Grabstätten, Ruinen und in der Wüste Ägyptens.

B wie Bruder Klaus. Niklaus von Flüe war ein Obwaldner Bauer, Offizier und Politiker, bevor er sich 1467 im Alter von 50 Jahren in der Ranftschlucht, unweit von seinem Haus, als Einsiedler niederliess. Seine politischen Ratschläge hielten die Eidgenossenschaft zusammen. Seither ist er der Schutzpatron der Schweizer.

C wie Crusoe. Das einfache Leben in der Wildnis gilt auch den Romantikern und Modernekritikern als Ideal. Sie sehen in der Einsiedelei den Gegenentwurf zu einer zivilisierten, sündhaften Welt. Defoes Robinson Crusoe oder Rousseaus Naturmensch Émile sind literarische Zeugen dieser Verwilderungssehnsüchte.

D wie Dorothea Wyss. Sie ist die wohl bekannteste verlassene Gattin der Schweiz. Ihr Mann Niklaus, der spätere Bruder Klaus, soll sie allerdings um Erlaubnis gefragt haben, bevor er sie alleine mit zehn Kindern zurückliess, um fortan in Klausur zu leben.

E wie Enthaltsamkeit, Einsamkeit und Eskapismus. Die drei Begriffe prägen das Eremitentum. Doch ist Einsiedelei nicht nur Abwendung von der Welt, sondern vielmehr Hinwendung zu Gott.

F wie Fasten. Das Fasten prägte den Lebensstil der frühen Eremiten. Der ägyptische Einsiedler-Abt Schenute, der im Alter von 82 Jahren im Jahr 466 nach Christus starb, war durch andauernde Nahrungs­verweigerung nichts mehr als Knochen, Sehnen und ledrige Haut. Auch Bruder Klaus soll ausser der heiligen Kommunion nichts zu sich genommen haben. Andere Einsiedler ernährten sich mehrheitlich von Wildkräutern, Wurzeln und Gemüse — sozusagen als Veganer ihrer Zeit.

G wie Garteneremiten. Im 18. und 19. Jahrhundert wandelten in englischen Landschaftsgärten professionelle Einsiedler — sogenannte Garten- oder Schmuckeremiten — herum. Sie waren vertraglich für eine gewisse Zeit engagiert, wohnten in eigens eingerichteten Eremitagen und mussten sich zu bestimmten Besichtigungs­zeiten zeigen — dies zur Belustigung des Parkeigentümers und seiner Gäste.

H wie Hilarion von Gaza. Der frühchristliche Einsiedler bleibt unübertroffen in seiner Bescheidenheit: Nur ein Kleid aus Sackleinen und bei extremer Kälte ein Tierfell soll er getragen haben. Einmal im Jahr, vor Ostern, schnitt er sich die Haare. Auf Körperhygiene verzichtete er gänzlich, um seinem Leib nicht viel Gewicht beizumessen. Die Geringschätzung seines Fleisches galt für ihn als Zeichen der irdischen Selbstaufgabe und sollte ihm den Weg in den Himmel sichern.

I wie Ida von Toggenburg. Der Legende nach lebte sie im 12. Jahrhundert und war mit einem Grafen verheiratet. Als ein Rabe ihren Ehering stahl und dieser von einem Jäger gefunden und an den eigenen Finger gesteckt wurde, glaubte der Graf, von seiner Frau betrogen worden zu sein. Er liess den Jäger töten und stiess Ida aus dem Fenster seiner Burg. Wie durch ein Wunder überlebte sie und ging als Einsiedlerin in den Wald. Ihr neues Leben widmete sie nun ganz Gott. Der reuige Graf liess später beim Kloster Fischingen im heutigen Thurgau eine Klause errichten, wo Ida auch starb.

J wie Judentum. Das Judentum kennt die Askese kaum, da es die Welt als Gottes Schöpfung bejaht. Der antike Autor Flavius Josephus berichtet allerdings von der Gruppe der Essener. Deren Anhänger lebten abgeschieden, ehelos, im beständigen Fasten, und am Sabbat hielten sie gar ihre Notdurft zurück.

K wie Kasteiung. Die Kasteiung oder Selbstkasteiung gehörte im Mittelalter zu den freiwilligen Leiden um eines höheren Gutes willen. In der Nähe von Jerusalem wurde bei Ausgrabungen das Skelett eines jungen Asketen gefunden, der sich offenbar mit einer Eisenkette selbst gefesselt hatte und so verhungert sein muss.

L wie Lykow. So lautet der Nachname einer sechsköpfigen Familie, die sich 1936 in die sibirische Taiga, ohne jeglichen Kontakt zur Aussenwelt, zurückzog. Die Lykows waren streng religiös und lehnten alles Weltliche ab. 1978 wurden sie zufällig durch ein Team von Geologen entdeckt. Diese schenkten ihnen Salz — ein Luxus, auf den die Familie 42 Jahre verzichtet hatte.

M wie Michael Daum. Er ist der meistbesuchte Eremit der Schweiz. Seit bald drei Jahren bewohnt Bruder Michael die Einsiedelei in der Verenaschlucht bei Solothurn. Täglich ausser montags öffnet er die Kapellen St. Martin und St. Verena um 10 Uhr und empfängt Besucher.

N wie Nolde. Der expressionistische Kunstmaler Emil Nolde schuf gleich zwei Gemälde, die die Eremitin Maria von Ägypten darstellen. Diese lebte 17 Jahre als Prostituierte in Alexandria. Aus Reue über ihren Lebenswandel zog sie sich danach in die Wüste zurück, wo sie 46 Jahre später starb. Ein Löwe soll ihr mit seinen Tatzen ein Grab ausgeschaufelt haben. Der Maler verewigte Maria als barbusige Orientalin mit dunklem wallendem Haar, einmal vor ihrer Bekehrung, einmal leblos an der Seite des Löwen.

O wie Offenbarung. Die Mystikerin Juliana von Norwich verbrachte einen Grossteil ihrer Tage eingeschlossen in einer kleinen Zelle und empfing darin die Offenbarungen der göttlichen Liebe. Die Isolation schien ihr wohl zu bekommen. Von ihr stammt die vielleicht optimistischste Vision, die eine je Heilige hatte: «Alles wird gut sein und alle werden gut sein, und aller Art Dinge wird gut sein.»

P wie politische Verfolgung. Unter dem aufklärerischen Kaiser Joseph II., Angehöriger des Hauses Habsburg-Lothringen und Mitregent seiner Mutter Maria Theresia, waren die Eremiten und das kontemplative Klostertum zahlreichen Repressionen ausgesetzt. Der Kaiser löste die Orden auf und verbot das Eremitentum — und dies gegen den Widerstand der Bevölkerung. Die Eremiten flohen in die Schweiz.

Q wie Quantität. Das Einsiedlertum war schon immer etwas für wenige. Schweizweit gibt es zwischen 7 und 10 Eremiten, wie Laurin Sarbach 2016 nach intensiver Recherche in seiner Maturarbeit herausfand. In Deutschland leben immerhin rund 80 — und in Italien an die 1200 Eremiten. Das Bel Paese ist damit europäischer Spitzenreiter in Sachen Weltabkehr.

R wie Reformatoren. Die Reformatoren haben das Eremitentum abgeschafft. Auf dem Schiff, das sich Gemeinde nennt, gibt es keine Robinson Crusoes, die auf einer einsamen Insel abgesetzt werden. Evangelisch sein heisst: in Gruppenarbeit zu Gott finden.

S wie Säulenheiliger. Als Säulenheilige oder Styliten gingen jene Mönche ein, die in der Ostkirche ab dem 4. / 5. Jahrhundert ihr Leben auf einer Säule zubrachten. Der erste Säulenheilige war Symeon Stylites der Ältere. Auf seinem Säulenabsatz war eine Platte angebracht, auf der er sich in Ruhe ausstrecken konnte. Essen und Eucharistie wurden ihm über Leitern in die Höhe gereicht.

T wie Tasawuf oder Sufismus. Die frühen islamischen Sufis waren oftmals Eremiten. So auch die Mystikerin Rabia aus Basra im heutigen Irak. Als Kind wurde sie von ihren verarmten Eltern als Sklavin verkauft. Eines Nachts bemerkte ihr Herr einen hellen Lichtschein über dem Kopf des frommen Mädchens. Darüber erschrocken liess er sie frei. Sie begann in der Wüste ein abgeschiedenes Leben. Auch wenn sie später in die Stadt Basra zurückkehrte, blieb sie ihr restliches Leben asketisch. Rabia wurde einmal gefragt: «Hasst du den Teufel?» Sie antwortete: «Nein. Meine Liebe zu Gott lässt mir keine Zeit, den Teufel zu hassen.»

U wie Ursprung. Das christliche Eremitentum geht auf die sogenannten Wüstenväter des 3. Jahrhunderts zurück. Ihr Vorbild war Moses, der nach 40 Tagen Umherirren in der Wüste auf dem Berg Sinai von Gott die Gesetzestafeln erhielt. Die frühen Eremiten sahen sich als radikale Nachfolger Christi. In den Dünen Ägyptens, Syriens und Palästinas suchten sie den Dialog mit Gott.

V wie Versuchung. Die Versuchung des heiligen Antonius ist ein sehr häufig dargestelltes Motiv in der Kunst­geschichte. Von Bosch bis Dalí: Die Anfechtungen der Fleischeslust und die Peinigung durch Dämonen gelten als schwere Herausforderung — nicht nur für Einsiedler.

W wie Weltabkehr. Ein Leben in Klausur ist kein Muss. Es gibt auch wandernde Eremiten wie Franz von Assisi. In Goethes Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahren findet dieses Motiv in die klassische Literatur Eingang. Die jüdische Literatur kennt Ahasver, den ewigen, zum Wandern verdammten Juden.

X wie Xerophilie. Mit dem Fremdwort ist die Eigenschaft von Lebewesen gemeint, trockene Lebensräume zu bevorzugen. Historisch gesehen haben die meisten Eremiten ihre Weltabkehr in der Wüste gesucht. Sie können also durchaus als xerophil bezeichnet werden.

Y wie Yoga. Auch in Indien hat der Abstand von der Welt Tradition. In der Schrift Bhagavad Gita, die die Philosophie des Yoga vermittelt, heisst es: «Der Yogi soll beständig sich mühen in der Einsamkeit — allein, bezähmend Sinn und Selbst, nichts hoffend, ohne Besitz.»

Z wie Zelle. Den vollständigen Rückzug von der Umwelt praktizierten jene frühen Eremiten, die sich in Zellen einmauern liessen und nur durch eine kleine Öffnung Nahrung gereicht bekamen. Auch aus dem mittelalterlichen England sind an Kirchen angebaute Klosterzellen bekannt, deren Eingangstür zugemauert war. Sie hatten ein kleines, zum Altar der Kirche hin sich öffnendes Fensterchen, um die heilige Messe zu hören und die Kommunion zu empfangen.

Der erste Vorgänger von Bruder Stan bezog die Klause im Jahr 1664, ein Franziskanermönch namens Thomas Pichler. Das erzbischöfliche Konsistorium hatte ihm die Erlaubnis erteilt, eine kleine Kapelle zu bauen. Fünfunddreissig Jahre lebte er in der Klause, doch es nahm kein gutes Ende mit ihm. Weil er in einem verbotenen Buch gelesen haben soll, geriet er in «schwere Betrübnis» und nahm sich mit einem Fenstersprung das Leben. Er ist nicht der Einzige, dem die Abgeschiedenheit nicht wohl bekam. Von einem der Einsiedler von Saalfelden heisst es, er habe sich mit Geld davongemacht, ein anderer soll mehrere Kinder mit Frauen aus der Umgebung gezeugt haben.

Bruder Stan hält nicht viel von einem Eremitentum, das die gänzliche Abkehr von der Welt verlangt. Lieber möchte er seinen Besuchern zeigen, dass die Einsiedelei weder mit Menschen- noch mit Technikfeindlichkeit zu tun hat. Er hat Photovoltaikzellen auf einem Vordach installiert für sein Handy und seinen Laptop. Und im Winter verbringt er einige Monate in Belgien mit seinen Kindern und Enkelkindern. Trotzdem ist er bemüht, die Einsiedelei als einen Ort der Stille zu bewahren. Einen Ort, zu dem Menschen kommen können, um etwas über die Geschichte der Einsiedler zu lernen, um Ruhe und Kraft zu finden. Es gibt heute zu wenige solche Orte, findet er.

In seiner ersten Saison als Einsiedler war das Medieninter­esse riesig. Die BBC, das französische und das belgische Fern­sehen, deutsche und österreichische Zeitungen – alle wollten sie den neuen Einsiedler sehen. Unzählige Male sei er mit Öllampe die Holztreppe seiner Klause hoch- und runtergestiegen, bis Regisseur und Kameramann zufrieden gewesen seien. Habe mit seiner Pfeife vor der Hütte gesessen, Gebete in der Kapelle gesprochen, den Ofen angeheizt und Lebensmittel den Berg hinaufgetragen, bis auch die letzte Kreiszeitung ihr Bild und ihren Bericht hatte.

Heute versucht er Grenzen zu setzen: Seelsorgergespräche nur zu den offiziellen Bürozeiten, ein Vorhang, der die Sicht in die Klause verwehrt, und ein Gartentor, das sich nur mit Gewalt öffnen lässt, gehören dazu. Im Winter hat er sich sogar seinen langen weissen Bart abrasiert, letzte Woche eine elektrische Pfeife bestellt. Und Journalisten will Bruder Stan nur einen Monat im Jahr empfangen. Er spiele sonst nur noch den Einsiedler, statt auch einer zu sein.

Anne-Sophie Balzer arbeitet als freie Journalistin, u.a. für die ZEIT, mare und Deutschlandfunk Kultur. Sie lebt in Berlin.
Der Fotograf Oliver Fiegel lebt in New York und München.