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Bilder: Noëlle Guidon
Freitag, 09. Juni 2017

Es war ein sehr ehrlicher Eintrag, den Jrene Rolli am 19. Februar dieses Jahres auf ihrem Blog veröffentlichte. «Kirchensteuer finanziert meinen Egoismus», lautete der Titel. Rolli schrieb über «das Klönen der Leute» beim alljährlichen Ausfüllen der Steuererklärung, über ihre eigenen Motive, warum sie eben doch noch Kirchensteuern zahlt, obwohl sie für ihren Glauben weder Kirche noch Pfarrer benötige. Mit ihren Worten wollte sie aufzeigen, dass die Kirchensteuern zu mehr nütze sind als zur Finanzierung von «Traubensaft und Bibelpsalmen».

Jrene Rolli gehört zu jener Gruppe von Menschen, die innerhalb der reformierten Kirche als «Distanzierte» bezeichnet werden. Mitglieder, die zwar nach wie vor Kirchensteuern zahlen, ansonsten aber kaum Berührungspunkte mit ihrer Kirchgemeinde haben. Sie gehen nicht in den Gottesdienst, schicken ihre Kinder nicht zur Sonntagsschule und besprechen ihre Probleme lieber mit Freunden als mit dem reformierten Seelsorger. Etwa siebzig Prozent der Mitglieder sollen gemäss Schätzungen zu dieser Gruppe gehören. Innerhalb der Kirche wird viel darüber diskutiert, wie mit diesen Distanzierten umzugehen sei. Einen Konsens hat man bisher noch nicht gefunden. Nur eines ist allen klar: Ohne die Distanzierten wäre die Kirche zumindest finanziell am Ende.

Doch wie ticken eigentlich diese Distanzierten? Warum geben sie ihr Geld für etwas aus, das sie selber gar nicht in Anspruch nehmen? Und was bedeutet es für eine Organisation, wenn siebzig Prozent ihrer Mitglieder zwar dabei sind, aber eigentlich abwesend?

Jrene Rolli sitzt in einem grossen bequemen Sessel im Café Lesbar mitten in der Berner Altstadt und nippt an ihrem Ingwer-Zitronen-Tee. Gerade ist die 31jährige aus den USA zurückgekommen, wo sie die letzten drei Monate verbracht hatte. Hier in der Schweiz arbeitet Rolli als Kommunikationsspezialistin für einen grossen Detailhändler. «Ich habe weder ein gutes noch ein schlechtes Verhältnis zur Kirche», sagt sie. «Ich habe schlicht gar kein Verhältnis zu ihr.» Das war nicht immer so.

Lieber Disco als Gottesdienst

Als Kind lebte Jrene Rolli in Düdingen im Kanton Freiburg in einer reformierten Bauernfamilie. Am Abend wurde vor dem Einschlafen gebetet – «für den Tag gedankt» –, und an Feiertagen wie Ostern oder Weihnachten besuchte die Familie den Gottesdienst. Ab und zu nahmen die Kinder am Samstagnachmittag an Spielanlässen der Kirchgemeinde teil. Als Rolli älter wurde und in den Konfirmationsunterricht ging, verstärkte sich das positive Bild, das sie von der Kirche hatte. «Unser Religionsunterricht war im Gegensatz zu dem der Katholiken viel freier. Wir lasen mit einem sympathischen Pfarrer Bibeltexte und interpretierten sie. Die katholischen Mitschüler mussten beichten gehen. Bei vielen von ihnen spürte ich eine stärkere Ablehnung gegenüber der Kirche», sagt Rolli.

Mit 21 zog sie aus dem Elternhaus in eine eigene Wohnung in der Stadt Bern, wo sie ihre KV-Lehre absolvierte. Neue Freunde, neuer Job, neue Kirchgemeinde. Hier entfernte sich Rolli von der Kirche – und bis heute fand keine Annäherung mehr statt. «Als 21jährige unternahm ich lieber etwas mit Freunden, als in den Gottesdienst zu gehen.»

So banal wie bei Rolli sind oft die Gründe für die Distanzierung. Die Menschen wissen Besseres anzufangen, als in die Kirche zu gehen – gerade auch dann, wenn sich das soziale Umfeld nicht im kirchlichen Milieu befindet. «Ich habe vierundzwanzig Stunden pro Tag zur Verfügung. Sonntagmorgens gehe ich lieber mit Freunden brunchen und rede mit ihnen über Gott und die Welt als im Rahmen eines Gottesdienstes», sagt Jrene Rolli. Auch stört sie, dass bei einem Gottesdienst der Pfarrer vorne steht und man sich berieseln lassen muss. «Ich will nicht einfach nur zuhören. Ich will mich austauschen können.»

Christian Schibler fand etwas Göttliches in der Natur, als er mit seiner Frau den Jakobsweg entlangpilgerte. Dafür brauche es keine Kirche, meint er.

Der Pfarrer beim Brunch

Denn gläubig ist Rolli schon. Sie glaubt an einen Gott, an etwas Übergeordnetes. Und manchmal ertappt sie sich dabei, wie sie ein Stossgebet zum Himmel schickt. Aber auch an die Kirche als Institution glaubt sie: «Die Kirche ist nach wie vor für viele ein Zufluchtsort. Die Seelsorge für Menschen in Not finde ich wichtig.» Sie habe in Düdingen gesehen, wie ihre Kirchgemeinde Mittagstische für Senioren organisierte, sich für Kinderbetreuung einsetzte oder Arbeitslosenprojekte startete. «Deshalb zahle ich nach wie vor Kirchensteuern. Auch wenn ich mir bewusst bin, dass es egoistisch ist, das soziale Engagement mit Geld sozusagen zu delegieren. Ich könnte mich ja auch selbst einbringen und helfen.»

In ihrem Umfeld, das sie als «liberal-urban» bezeichnet, würden einige gar keine Kirchensteuern zahlen, sagt Rolli. «Vielleicht müsste die Kirche noch offensiver zeigen, wofür genau sie das Geld einsetzt.» Ginge es nach ihr, müssten die Kirchenvertreter mehr raus zu den Menschen. «Darauf warten, dass die Leute in den Gottesdienst kommen, wird sicher nicht funktionieren.»

Nur noch Angebote für jene anzubieten, die die Mehrheit innerhalb der Kirche repräsentieren, halte ich für falsch. Francesco Cattani, Pfarrer

Wo die Pfarrerinnen hingehen sollen, um die Menschen abzuholen, kann Rolli nicht genau sagen. «Klassische Standaktionen werden kaum funktionieren. Aber vielleicht könnte man neue Formate ausprobieren, wie einen unterhaltsamen Poetry-Slam oder einen Brunch, der verschiedene Kulturen einander näherbringt.»

Eine Trauerfeier ohne Gott?

Doch genau das macht die Kirche schon längst. Erst kürzlich fand in Bern ein Poetry-Slam unter dem Namen «Preacher vs. Poets» statt. Andere Kirchgemeinden bieten Yogakurse an, Meditationen, freies Malen, Tänze. Viel wird versucht, um die Menschen dort abzuholen, wo sie sind – und das ist bei den Distanzierten nun mal ziemlich weit weg von der Kirche.

Daran stört sich etwa Francesco Cattani, reformierter Pfarrer in der Zürcher Gemeinde Albisrieden. «Nur noch Angebote für jene anzubieten, die die Mehrheit innerhalb der Kirche repräsentieren – die Distanzierten –, halte ich für falsch», sagt Cattani. Geht es nach ihm, sollten sich die Pfarrerinnen auch bei Kasualien wie Hochzeiten oder Taufen nicht zu sehr von kirchlichen Inhalten distanzieren – auch wenn das immer wieder gewünscht wird. «Ich kenne Kollegen, die an solchen Feiern möglichst ‹neutral› auftreten. Die wenig Kirchliches reinpacken», sagt Cattani. «Damit habe ich Mühe. Ich habe mich schon gefragt, wie ich reagieren würde, wenn mich jemand bei einer Hochzeit bäte, Gott oder die Bibel nicht zu erwähnen. Ich glaube nicht, dass ich das machen würde.» Auch eine Bitte für eine unchristliche Abdankungsfeier würde er wohl ausschlagen. «Wenn ich plötzlich anstatt von ‹Gott› von einer unpersönlichen ‹höheren Macht› sprechen müsste … das könnte ich nicht. Das wäre mir theologisch eine zu grosse Verbiegung.»

Cattani betont, dass er nichts gegen Distanzierte habe. Aber er findet, dass die Kirche authentisch bleiben müsse. «Sonst kommt schnell mal die Mentalität auf: Ich zahle Kirchensteuern, also kann ich befehlen, wie meine Hochzeit aussieht.» Er warne davor, hier zu marktwirtschaftlich zu denken.

Für Pfarrer sei das Thema der Distanzierten ein schwieriges. «Wir ringen noch darum, die richtige Balance zu finden.» Damit die reformierte Kirche nicht zu distanziert zu ihrer Kerngemeinde sei und trotzdem nahe bei den Distanzierten.

Flottieren im spirituellen Raum

Christian Schibler, 65 Jahre alt, Allgemeinmediziner aus St. Gallen, hat für die Beziehung zu seiner Kirche ein schönes Wort gefunden: Flottieren. Gemäss Duden bedeutet es: «In einer Flüssigkeit frei beweglich schwimmen. Beispiel: Der Fetus flottiert im Fruchtwasser.» Schibler dagegen flottiert im spirituellen Raum um die Kirche herum, wie er selber sagt. «Ich habe keinen direkten Kontakt zu meiner Kirchgemeinde, interessiere mich aber durchaus für religiöse Themen.» Das Neue Testament findet er «wahnsinnig spannend». Den personifizierten Gott hält er für eine Erfindung des Menschen, glaubt aber an das Göttliche, an eine höhere Macht.

Schibler sitzt im Klosterbistro mitten in St. Gallen, gleich gegenüber der weltberühmten Stiftsbibliothek. An den Wänden ist der alte St. Galler Klosterplan aufgemalt, der hausgemachte Schokoladenkuchen wird wärmstens empfohlen. Draussen peitscht der Regen auf das Kopfsteinpflaster nieder, drinnen ist es angenehm ruhig. Schibler bestellt sich einen Cappuccino.

«Als Institution halte ich die Kirche für wichtig. Unsere Gesellschaft fusst im Christentum. Die Kirche als Basis für gemeinsame Werte braucht es», sagt der Distanzierte. Und nicht nur das: «Es ist ja nicht so, dass die Menschen aufgehört hätten, spirituelle Erfahrungen zu suchen. Sie finden sie heutzutage einfach eher woanders», sagt Schibler. Diese Menschen könnten die reformierten Kirchen durchaus wieder abholen. «Vielleicht mit etwas mehr Bodennähe und kleineren Anlässen auch unter der Woche, bei denen man zusammenkommt, um zum Beispiel gemeinsam innezuhalten.» Dann würde sicherlich auch seine eigene Distanz geringer werden, glaubt er.

Wie Schibler pflegen viele Distanzierte ein ambivalentes Verhältnis zur Kirche. Als Sohn eines Komponisten und einer Geigerin wuchs er in Zürich auf, in einem Haushalt, der zwar reformiert, der Religion gegenüber jedoch kritisch eingestellt war. «Mein Vater begegnete bestehenden autoritären Strukturen immer skeptisch. Das drückte er auch in seiner Musik aus.» Trotzdem habe in der Familie eine spirituelle Auseinandersetzung mit grossen Themen wie Geburt, Liebe oder Tod stattgefunden. «Gespräche darüber führten wir aber am Küchentisch und nicht im Sonntagsgottesdienst», sagt Schibler.

Trotz der frühen Distanz zur Kirche ging er als Bub in den Konfirmandenunterricht – und wurde dort das erste Mal enttäuscht. «Ich dachte, dass bei der Konfirmation irgendwas Aussergewöhnliches passiert, das mich berührt. Dass eine Begegnung mit Gott stattfindet. Doch nichts geschah. Das Leben ging ganz normal weiter.» Ernüchtert durch das Ausbleiben einer spirituellen Erfahrung blieb Schibler der Kirche nach der Konfirmation fern. Erst als er im Alter von 21 seine spätere Frau kennenlernte, kam es wieder zu einer Annäherung. Diesmal jedoch nicht zur reformierten, sondern zur katholischen Kirche. «Meine Frau war Katholikin. Keine Strenggläubige, und doch begleitete ich sie ab und zu in den Sonntagsgottesdienst.»

Diese Besuche haben bei Schibler Eindruck hinterlassen. «Als Reformierter war mir vieles fremd. Das Niederknien, das Kreuz schlagen. Und insbesondere das sehr rituelle Feiern des Abendmahls.» Doch Schibler fand Gefallen an dieser Form des Gottesdiensts. «Das hat mich irgendwie berührt. Diese Rituale sprechen die Emotionen an. So etwas habe ich früher in der reformierten Kirche immer vermisst. Bis heute macht mir ihre Kopflastigkeit Mühe.» Für eine Annäherung an die katholische Kirche war Schiblers Begeisterung dann allerdings doch nicht gross genug. Er und seine Frau heirateten ökumenisch. «Danach wurden wir zu typischen Religionstouristen. Wie viele andere besuchten wir die Kirche an Feiertagen wie Ostern oder Weihnachten.»

Erst als ein befreundetes Paar mit Begeisterung von seinen Erlebnissen auf dem berühmten Jakobsweg erzählte, wurde das Thema Kirche in Christian Schiblers Leben wieder präsenter. Seine Frau und er beschlossen, selber den Pilgerweg abzulaufen. «Wir gingen weniger aus religiösen Motiven, sondern mehr, um durch die Wanderung persönliche, vielleicht spirituelle Erfahrungen zu machen», sagt Schibler.

Die letzten zehn Jahre liefen er und seine Frau den gesamten Jakobsweg etappenweise – von zuhause bis zur Kathedrale in Santiago. Die erwarteten spirituellen Erlebnisse blieben nicht aus. «Man merkt, dass das Göttliche nicht auf die Kirche beschränkt ist. Wenn man nach Stunden des Wanderns am Weg anhält und plötzlich wahrnimmt, wie das Korn auf dem Feld reift, wenn man dieses leise Knistern hört, dann ist das berührend, weil man die göttliche Kraft des Lebens spürt.»

Falsche Erwartungen seitens der Kirche

Wie sollen die reformierten Kirchen umgehen mit solchen Aussagen? Mit dieser grossen Masse von Menschen, die irgendwie da und doch nicht da sind, die mitunter diffuse Wünsche an die Kirchgemeinden haben – und die manchmal vielleicht gar nicht so genau wissen, was diese schon alles anbieten? Lange Zeit ignorierten die Kirchen Distanzierte wie Rolli oder Schibler bestenfalls. Schlimmstenfalls versuchten sie ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen, weil sie sich nicht aktiver innerhalb der Kirchgemeinde engagierten.

Für Frank Worbs, Pfarrer, ausgebildeter Marketingmanager und Kommunikationsverantwortlicher der Landeskirche Aargau, ist klar, dass sich das ändern muss. «Viele haben falsche Erwartungen an die Distanzierten. Manche Pfarrerinnen fühlen sich beleidigt, wenn diese Mitglieder nicht zum Gottesdienst erscheinen – doch das liegt in der Regel weder an den kirchlichen Angeboten noch an der Pfarrerin.» Es sei utopisch, die Distanzierten zu geselligen Anlässen wieder in die Kirche bekommen zu wollen. Und diese Feststellung sei wichtig, da sie Druck vom Pfarrer nehme.

Worbs sitzt an einem runden Holztisch in seinem Büro in Aarau. An der Wand hängt das Bild eines Buddhas, vor ihm liegt eine viereckige kleine Kartonbox, darin Spielfiguren, wie man sie von «Eile mit Weile» kennt. Zehn Stück an der Zahl, weisse, rote, rosafarbene und schwarze Figuren, die jeweils für Menschengruppen mit unterschiedlicher Nähe zur Kirche stehen. Das Spiel wurde im Rahmen des Projekts «Lebenslang Mitglied bleiben» der Aargauer und der Zürcher Landeskirche entwickelt, das den Kirchgemeinden dabei helfen soll, Beziehungen mit distanzierten Mitgliedern zu pflegen und Austritten vorzubeugen.

In der Box befinden sich auch Broschüren mit zahlreichen Tipps und Illustrationen über «die Kontaktlosen», wie die Distanzierten hier heissen. Die Aufmachung ist professionell. Genauso gut könnte sie von einer Firma wie der Swisscom oder der Sunrise stammen.

Die Aargauer Landeskirche hat die Beziehungen zu ihren Mitgliedern einmal so angeschaut wie Firmen ihre Kundenbeziehungen. Quasi wie ein Fitnessstudio seine Mitglieder, die zwar regelmässig ihr Abo erneuern, jedoch selten bis gar nie trainieren gehen. Bei der Ausarbeitung ihres Konzepts hat die Kirche mit einem Fachmann für Dialogmarketing zusammengearbeitet. «Wir hatten dabei zwei grosse Aha-Erlebnisse», sagt Frank Worbs. «Zum einen wurde uns bewusst, wie wenig Wertschätzung wir den Distanzierten entgegenbringen. Zum anderen, dass in kaum einer Organisation so viele Mitglieder einen Beitrag bezahlen, ohne konkret etwas für sich selbst zu erwarten.»

Besonders bei der Wertschätzung gebe es noch enorm viel Nachholbedarf, glaubt Worbs. Zuhause in seiner Kirchgemeinde beispielsweise gehört er selber zu den Distanzierten. Einmal jährlich, in der Adventszeit, bekommt er Post von den Reformierten. «Und was ist drin? Ein schwarzweiss kopiertes Blättchen mit der Spendenbitte eines Hilfswerks.» Es könne ja nicht sein, dass der einzige Kontakt der Kirchgemeinde zu ihren distanzierten Mitgliedern darin bestehe, um noch mehr Geld zu bitten, findet Worbs.

Deshalb seien die Tonalität und die Botschaften in der schriftlichen Kommunikation ein wichtiges Thema beim Projekt «Lebenslang Mitglied bleiben». Worbs nennt ein Beispiel: «Wenn sich jemand dazu entschliesst, aus der Kirche auszutreten, sollte das Schreiben der Kirchgemeinde nicht nur mit Bedauern beginnen. Und schon gar nicht mit Drohungen, welche Leistungen man dann nicht mehr bekommt. Dieses Schreiben soll mit einem Dankeschön anfangen. Denn die meisten Mitglieder haben in der Regel während Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, Geld in die Kirche gezahlt, ohne irgendwas für sich selbst bekommen zu haben.»

Kaum Daten vorhanden

Um beim Projekt dabei sein zu können, müssen Verantwortliche der Kirchgemeinden an einem Einführungsabend teilnehmen und ein Login zu einer Website beantragen, auf der alle Bedienungsanleitungen und Vorlagen für die empfohlene Korrespondenz hinterlegt sind: Geburtstagsgrüsse oder Erinnerungsschreiben an die Konfirmation sind dort zu finden. Bis jetzt haben allein im Aargau 80 Personen am Einführungsabend teilgenommen; von den 75 Aargauer Kirchgemeinden verfügen seit Ende März 40 über ein Login.

Worbs ist mit dieser Zahl zufrieden. Inzwischen sind neben Zürich und Bern vier weitere Landeskirchen eingestiegen. Einen grossen Schwachpunkt hat das Projekt allerdings: «Wir wissen wahnsinnig wenig über die kirchlichen Kontakte unserer distanzierten Mitglieder.»

In kaum einer Organisation bezahlen so viele Mitglieder einen Beitrag, ohne konkret etwas für sich selbst zu erwarten. Frank Worbs, Kommunikationsverantwortlicher bei der Aargauer Landeskirche

Eine gemeinsame Datenbank gibt es nicht. Wenn ein Kirchenmitglied einmal die Kirchgemeinde gewechselt hat, ist sein kirchlicher Werdegang in der Regel nicht mehr nachvollziehbar. Das heisst: Ob diese Person beispielsweise getauft oder kirchlich getraut wurde, weiss die Kirchgemeinde nicht.

«Um mit den Distanzierten gezielt in Kontakt treten zu können, brauchen wir aber solche Daten», sagt Worbs. Deshalb arbeiten mehrere Landeskirchen daran, eine solche Datenbank auf die Beine zu stellen.

Doch das allein genügt nicht für den Umgang mit den abwesenden Mitgliedern. Worbs glaubt auch, dass sich die Kirche ihrer Stärken mehr bewusst werden sollte. «Oft gibt es Berührungspunkte bei besonderen familiären Ereignissen wie einer Hochzeit. Hier können wir mit den Distanzierten ungezwungen in Kontakt treten, wenn sie das wollen, und unsere Kompetenz ausspielen.» Geht es nach Worbs, sind die Distanzierten kein Problem für die Kirche – sie sind eine Chance. Zu diesen Mitgliedern müsse Sorge getragen werden. Ohne Vorurteile. Ohne Skepsis.

Pfarrerssohn und heute trotzdem distanziert: Marc Roy

Der distanzierte Pfarrerssohn

Wie vielschichtig die distanzierten Mitglieder sind, zeigt auch das Beispiel von Marc Roy. Näher an der Kirche als er kann man eigentlich gar nicht aufwachsen, schliesslich war sein Vater ein reformierter Pfarrer. Trotzdem zählt sich der 51jährige heutzutage zu den distanzierten Mitgliedern der Kirche.

Um zu erklären, wie es dazu gekommen ist, lädt Roy zu sich nach Hause ein, in ein umgebautes Bauernhaus im schaffhauserischen Hallau. Hier wohnt er zusammen mit seiner Partnerin. Ein Künstlerpaar, Roy malt in seinem Atelier im obersten Stock Bilder, seine Partnerin fotografiert. Neben der Kunst arbeitet Roy zu fünfzig Prozent als Betreuer in der Drogenarbeit in der Stadt Zürich. «Mein Vater war kein sehr frommer, dafür ein politischer Pfarrer», erinnert sich Roy bei Kaffee und Zigarette auf der sonnigen Terrasse. «Als Pfarrer im Zürcher Kreis 5 hat er während der Jugendunruhen Demonstranten in die Kirche rein- und, als die Polizei vorne anklopfte, beim Hinterausgang wieder rausgelassen.» Ihm habe dieses politische Engagement immer imponiert. Wie der Vater sich für die Umwelt einsetzte, gegen die Atomenergie kämpfte, für die Sozialdemokraten im Gemeinderat sass. «Daneben bekamen wir natürlich auch viel von seiner seelsorgerischen Arbeit zuhause mit. Bedürftige gingen in unserem Haus ein und aus, in der Küche fanden Vorbereitungsgespräche zu Taufen oder Hochzeiten statt», sagt Roy.

Als Kind empfand er dieses Umfeld als etwas Gutes, als etwas Sinnvolles. Anders erging es Roy, als er den Gottesdienst besuchen musste. «Der war mir immer zu steif. Ich wollte nicht stillsitzen und zuhören, ich wollte raus, mich bewegen, spielen.»

Als junger Erwachsener habe er viel mit seinem Vater über politische Themen, aber auch über Geschichten aus der Bibel diskutiert. «Ich erinnere mich an ein Gespräch über Abraham, der seinen Sohn opfern wollte. Das fand ich eine furchtbare Geschichte. Ich sagte meinem Vater, dass man heutzutage den Notfallpsychiater für Abraham holen würde.» An einen Gott, der von einem Menschen verlangt, dass er seinen Glauben durch das Opfern seines Kindes beweist, wollte Roy nicht glauben. «Mein Vater liess mir meine Meinung. Das schätzte ich sehr.»

Gemeinsame Ratlosigkeit

Roy hatte als junger Erwachsener andere Prioritäten, als die Kirche zu besuchen und sich in der Kirchgemeinde des Vaters zu engagieren. «Ich wollte Geld verdienen. Fing eine Lehre als Förster an, die ich jedoch abbrach. Arbeitete in einem Kino in Zürich, in der Gastronomie und liess mich schliesslich zum Psychiatriepfleger ausbilden.» Das seien alles Jobs gewesen, an denen man am Wochenende arbeiten musste. «Und an den Sonntagen, an denen ich frei hatte, wollte ich mich lieber mit Freunden treffen, als in die Kirche zu gehen.»

Die Kirche müsste sich politisch mehr einmischen. Schliesslich war Jesus ein Revoluzzer. Marc Roy

Trotzdem habe er das Zahlen der Kirchensteuer nie in Frage gestellt. «Es gibt Leute, für die ist die Kirche ein fundamentaler Pfeiler, ein Leuchtturm im Leben. Sie gibt ihnen Orientierung. Es wäre fatal, wenn es sie nicht mehr gäbe.»

Auch sonst hat Roy, der die Sozialdemokraten in Hallau präsidierte, an der zentralen Botschaft der Kirchen, der Nächstenliebe, nichts auszusetzen. «Sie übernehmen viele soziale Aufgaben, für die es keine staatliche Organisation gibt. Wo Pfarrer mit ihrer theologischen Ausbildung Beistand leisten können, beim Tod beispielsweise.» Geht es nach Roy, könnte sich die Kirche politisch mehr einmischen. «Sie müsste sich mehr für ihre Werte starkmachen. Schliesslich war Jesus ein Revoluzzer.» Für Roy ist Pfarrer Ernst Sieber ein gutes Beispiel, wie sich die Kirche sozial und politisch engagieren kann. «Schafft es die Kirche, die reformierte Kirche insbesondere, vermehrt die Menschen auch politisch abzuholen, glaube ich, dass es sie noch lange geben wird.»

Er selber wird sich der Kirche wohl nicht so schnell wieder nähern. Roy wendet sich lieber an seine engsten Freunde, wenn seine Seele betrübt ist. «Die kennen mich besser als der Pfarrer.» Manchmal frage er sich aber schon, was wäre, wenn er selber mit dem eigenen Tod konfrontiert würde. «Habe ich dann das Recht, einen Pfarrer aufzusuchen, nur weil ich Kirchensteuern zahle? Obwohl ich sonst nie mit der Kirche zu tun hatte?» Eine Antwort auf diese Fragen hat Roy noch nicht gefunden.

In dieser Ratlosigkeit gegenüber dem anderen stehen sich Distanzierte und Kirche unverhofft nahe.

Andreas Bättig ist Redaktor bei bref.
Die Fotografin Noëlle Guidon lebt in Zürich.

Die Evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Zürich hat im Jahr 2011 eine Milieustudie zum Thema «Lebensweltliche, religiöse und kirchliche Orientierungen im Kanton Zürich» durchführen lassen. Ein Ergebnis der Untersuchung: Die Kirche war 2011 nur in zwei bis drei von insgesamt zehn Milieus fester Bestandteil des Lebens. Traditionell-Bürgerliche, genügsame Traditionelle und Arrivierte (beruflich erfolgreiche) waren mit dem christlichen Glauben und mit der Kirche aufgewachsen. «Für die traditionellen Milieus ist Kirche gleichbedeutend mit Gemeinschaft und Beheimatung. Arrivierte fühlen sich aus Familientradition in die Kirche eingebunden, auch wenn sie nicht in allen Punkten mit ihr übereinstimmen», heisst es in der Studie.

In allen anderen Milieus dagegen sei die reformierte Kirche keine unangefochtene Institution (mehr), sondern müsse sich in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen bewähren, um mit Milieuangehörigen in Kontakt zu kommen. Am wenigsten würden Experimentalisten und Eskapisten sowie konsumorientierte Arbeiter von der Kirche angesprochen. «Angehörige der jungen, unkonventionellen Milieus der  Experimentalisten und Eskapisten wollen sich nicht an eine Gemeinschaft binden, sondern frei entscheiden, woran sie sich jeweils für eine begrenzte Zeit beteiligen. Konsumorientierte Arbeiter sind von der Kirche grundsätzlich enttäuscht, wenn sich das soziale Engagement in Beratung und Sachspenden erschöpft, aber keine handfeste, finanzielle Unterstützung damit verbunden ist», stellte die Studie fest. bat