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Autor: Oliver Demont
Bilder: Ruben Hollinger
Freitag, 06. Juli 2018

Wenn 1 für «keine Krise» steht und 10 für «sehr grosse Krise», welchen Wert würden Sie den reformierten Kirchen geben?

Lassen Sie mich überlegen. Eine 3.

Ein tiefer Wert.

Ich will nichts schönreden. Natürlich haben die reformierten Kirchen Probleme. Aber wenn ich die letzten zweihundert Jahre überblicke, dann finden sich darin zahlreiche Krisen, die weitaus grösser waren als jene von heute.

Der starke Mitgliederschwund ist aber sehr real.

Das Gesamtbild ist allerdings nicht so eindeutig, wie es gerne dargestellt wird – sei es von den Medien oder auch immer wieder mal von Kirchenvertretern. Ich plädiere dafür, die Studien und Zahlen sorgfältig zu interpretieren. So verlieren Städte wie Basel, Zürich und Bern tatsächlich viele Mitglieder. Das hängt unter anderem auch damit zusammen, dass viele bei der Gründung einer Familie ins Umland ziehen. Also Birsfelden statt Basel, Zollikon statt Zürich oder Bremgarten statt Bern. Umgekehrt zieht es junge Leute oder Studenten in die Stadt, wo sie oftmals schlank mit dem Umzugswagen aus der Kirche austreten. Die Kirchenmitgliedschaft wird dann bei der Anmeldung auf der Einwohnerkontrolle gar nicht mehr angegeben.

Das Umland gleicht also die Situation in den Städten aus.

Zumindest lässt sich das aus den Zahlen schliessen. Im Kanton Bern puffert das Land die Entwicklungen in der Stadt etwas ab. Was im aktuellen Krisendiskurs in Vergessenheit gerät: Der Ursprung dieser Krise, wenn es sie denn in diesem Ausmass überhaupt gibt, ist nicht neu, sondern ziemlich alt. Genaugenommen ein halbes Jahrhundert. Die gewaltigen Wellen, die von den 68ern ausgingen, erfassten damals auch die Kirchen. Es dauerte nicht lange, da legten viele Pfarrerinnen und Pfarrer den Talar ab. Sie wollten nicht mehr die Gemeinde von oben herab abkanzeln. Dialog war gefragt, nicht Monolog. Das Zentrale an der Predigt war nicht mehr der Bibeltext, sondern das Leben derer, die zuhören. Viele Theologinnen und Theologen fanden, dass die Kirche konsequent von der Gemeinde her, also von unten gedacht werden müsse. Augenhöhe wurde gesucht, ebenso Selbsterkenntnis.

Worin zeigte sich das?

Viele Pfarrer machten eine Psychoanalyse mit dem Ziel, mit der eigenen Geschichte versöhnt, authentisch und befreit von einem alten Pfarrbild für die Gemeinde da zu sein. Für die eher rückwärtsgewandte Kirche der Nachkriegszeit waren das gewaltige Umbrüche. Die feministische Theologie und auch die Befreiungstheologie entstanden in dieser Zeit, sie sind eigentliche Krisentheologien. Auch die Seelsorgebewegung, die aus Amerika nach Europa herüberschwappte, steht für diesen Umbruch. Die Devise war: Die Menschen ins Zentrum. Spezialpfarrämter wurden im Gefängnis, am Flughafen oder im Spital geschaffen. Die Umbrüche prägen bis heute die Kirche; deren Grundlinien von damals sind bis heute erkennbar: eine starke Diakonie und viel Freiheit im Glauben.

Aber was haben die Ereignisse von damals mit der Krise von heute zu tun?

Errungenschaften von damals, auf welche die Kirchen zu Recht stolz sind, werden heute auch als Problem gesehen. So ist es Stärke und Charme der Volkskirche, dass sie keine deutliche Kontur hat. Ihre Ränder sind offen und unsauber. Ganz unterschiedliche Frömmigkeiten, Theologien und damit verbundene Welt- und Kirchenbilder finden darin Platz. Zugleich wird heute die Kirche als unsichtbar und nicht lesbar kritisiert, weil so viel Freiheit herrscht.

Schärft die Kirche ihr Profil zu sehr, dann geht das auf die Kosten der Vielfalt – und bohrt damit den Kern der Volkskirche an.

Ein Dilemma.

Ja. Denn schärft die Kirche ihr Profil zu sehr, dann geht das auf Kosten der Vielfalt – und bohrt damit den Kern der Volkskirche an. Eine weitere Folge könnte sein, dass sich die Kirche immer stärker aus der Öffentlichkeit zurückzieht und sich einigelt. Als Kirchenmitglied und erklärter Anhänger der Volkskirche würde ich das bedauern.

Das Profil schärfen, hin zu einem profilierten theologisch-christlichen Diskurs, will auch der Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes.

Ich finde es wichtig, dass Gottfried Locher das Gespräch sucht mit freikirchlich-evangelikalen Gruppen. Er hat da keine Berührungsängste, im Gegenteil. Die Volkskirche ist eben nicht nur für den Zweifler offen, sondern auch für den Frommen. Die Ecclesiola in der Ecclesia, also das Kirchlein in der Kirche, gehört zu den Reformierten. Das bringt Schub in die Kirche, so wie die «Stündeler», die im 19. Jahrhundert nach dem Sonntagmorgengottesdienst noch zusätzlich mit oder ohne Pfarrer ihre Stunde abhielten. Was mir in diesem Zusammenhang zu denken gibt, ist die Frage der Sprache. Wird wirklich ausreichend darüber nachgedacht, wie die Übersetzung einer erkennbar religiösen und theologischen Sprache in eine säkulare Öffentlichkeit hinein gelingen kann?

Wie meinen Sie das?

Sich einzig die Verkündigung des Evangeliums auf die Fahne zu schreiben, damit ist noch nichts gesagt. Was heisst denn das? Man muss weitergehen und jene mit realen Erfahrungen im Leben verbinden. Wer sich in der Kirche auf diese Formel beruft, macht sich oft nicht die Mühe, sie zu übersetzen. Aber genau das ist wichtig. Es reicht nicht, nur an Orten zu verkehren, wo diese explizite Sprache verstanden wird. Vielmehr muss die Kirche dorthin gehen, wo sie auf Kritik stösst oder einen Diskurs provoziert. Das ist aber Knochenarbeit, man wird nicht mit offenen Armen empfangen.

Diskutiert wird nicht nur die Form der Verkündigung, sondern auch die Frage, wer denn eigentlich die Kirchenbasis bildet. Wie lautet Ihre Definition?

Die Kirchenbasis besteht aus allen getauften Mitgliedern, die wir theologisch dem allgemeinen Priestertum zurechnen. So viel zur Definition. Jetzt ist die Frage, wie wir mit dem realen Teilnahmeverhalten aller Mitglieder umgehen, also mit der Wirklichkeit.

Rund 70 bis 80 Prozent zählen zu den distanzierten Kirchenmitgliedern.

Der Begriff der «Distanzierten» suggiert eine einheitliche Gruppe, die einem kleinen Anteil an frommen Mitgliedern gegenübersteht. Das ist aber nicht der Fall. Es gibt Leute, die sehr bewusst Kirchensteuern zahlen, weil sie sich der Kirche verbunden fühlen und sie als Kitt der Gesellschaft verstehen. Für andere sind die Diakonie und das Vermitteln von kulturellem und religiösem Wissen an die nächste Generation sehr wichtig. Dann gibt es Menschen, die aus diffusen Gründen Mitglieder bleiben oder anführen, dass sie wegen des Vaters oder der Grossmutter nicht aus der Kirche austreten. Wiederum andere verstehen ihre Mitgliedschaft als eine kulturelle Identitätsfrage, beispielsweise in Abgrenzung zum Islam. Und dann gibt es die sogenannte Standby-Mitgliedschaft: Die Kirche ist für die anderen da – und ich nutze sie erst dann, wenn ich sie benötige. Wie einen Schalter, den man umlegen kann.

Den Glauben an die anderen delegieren.

Es gibt tatsächlich das Phänomen, dass Menschen, die nichts am Hut haben mit Kirchen, erwarten, dass die Kirchenglocken jeden Sonntag läuten und Gottesdienste gefeiert werden – das soll aber ohne sie stattfinden. Trotz ihrer Abwesenheit finden sie es also irgendwie gut, dass Kirche regelmässig und mitten im Dorf oder in der Stadt stattfindet. Religion hat für überraschend viele Menschen eine stellvertretende Funktion. In Israel war das übrigens auch so: Die Priester haben im Tempel regelmässig Opfergottesdienste gefeiert, aber die meisten Menschen sind nur zu den grossen Festen nach Jerusalem gepilgert und nicht wöchentlich.

Soll sich die Kirche um ihre distanzierten Mitglieder bemühen?

Ist das jetzt eine ernsthafte Frage? Natürlich soll sie das. Wenn die Volkskirche aufhört, sich um diese Menschen zu bemühen, dann ist das der Anfang vom Ende. Auch wären dann die öffentlichen Gelder, die sie erhält, nicht mehr zu legitimieren. Es reicht nicht, einzig die Kerngemeinde zu bespielen. In einem kürzlich erschienenen Büchlein schlägt der deutsche Autor Erik Flügge als Massnahme gegen die Selbstmarginalisierung vor, dass die Kirche einfach wieder mal rausgehen soll, die Leute besuchen. Klingt banal und ist keineswegs originell, aber meiner Ansicht nach bedenkenswert. Ich war selbst als Spitalseelsorger tätig und war überrascht, wie gut die meisten Menschen auf die Besuche reagiert haben. Selbst bei einer zu Beginn ablehnenden Haltung haben sich eindrückliche Gespräche ergeben.

Die Säkularisierung schreitet voran, heisst es oft. Wo zeigt sich das für Sie am meisten?

Zum Beispiel daran, dass heute sogar Theologinnen und Theologen unsicher sind, wie sie mit ihren Kindern die Frömmigkeit pflegen sollen. Da ist offensichtlich eine Selbstverständlichkeit brüchig geworden. Man will niemandem etwas aufzwingen, auch nicht den eigenen Kindern. Die Zurückhaltung gegenüber einer klar erkennbaren, religiösen und theologischen Sprache ist ein Phänomen von Säkularisierung, die weit in die Kirche hineinreicht. Ein zweites Beispiel: Vor 15 Jahren hat die Berner Kirche ein Pfarrleitbild publiziert. Darin wird versucht, die Bedeutung des Pfarramts für eine breitere Öffentlichkeit möglichst plausibel und relevant zu machen. Das hatte zur Folge, dass von Verkündigung, Evangelium, Predigt, Gottesdienst oder Seelsorge nichts zu lesen war. All diese Begriffe wurden vermieden.

Das Leitbild wurde also mit dem säkularen Hochdruckreiniger behandelt.

Das ist zu hart formuliert. Die Autoren wollten die Bedeutung des Pfarramts einer breiten Öffentlichkeit möglichst verständlich vermitteln. Sie übersetzten die religiöse und theologische Sprache so, dass sie allgemeinverständlich wird. Das ist legitim und eine Kernaufgabe der Theologie. Der Glaube und die religiöse Sprache sind nichts anderes als Interpretationen von menschlichen Grunderfahrungen in einem christlich-religiösen Rahmen. Ich bin aber überzeugt davon, dass diese Erfahrungen und Ambivalenzen deutlich gemacht werden müssen.

Was heisst das konkret?

Ich habe ein Jahr in Paris gelebt und besuchte dort regelmässig reformierte Gottesdienste – und diese wurden immer mit einem liturgischen Schuldbekenntnis eröffnet. Das ist in ganz Frankreich der Fall, aber auch in der Romandie. Als Deutschschweizer Reformierter reagierte ich zu Beginn mit Irritation. Muss das sein? Mit der Zeit fand ich Gefallen daran. Es füllte sich mit Inhalten: Ein liturgisches Schuldbekenntnis hilft einen guten Umgang mit dem Scheitern zu finden. Jeder Mensch bewirkt mit seinen Handlungen Dinge, die er so nicht wollte. Oder es stellen sich Missverständnisse ein, die sich nicht mehr aufklären lassen. Oder Beziehungen gehen auseinander, ohne dass es einen Schuldigen gibt – weil beide irgendwie schuldig sind. Das sind Grunderfahrungen des Menschseins. Ich glaube, dass die Reformierten in der Deutschschweiz der theologischen Deutung und liturgischen Gestaltung dieser grossen Themen wieder mehr Raum schenken sollten.

Warum fremdeln die Reformierten damit?

Da sind wir wieder beim Anfang: Die Schuld am Verschwinden einer erkennbaren christlichen Sprache und überlieferter liturgischer Formen – wir haben gerade vom Schuldbekenntnis gesprochen – sind die Entwicklungen, die vor fünfzig Jahren begannen. Ich bin landeskirchlich aufgewachsen und kann mich nicht erinnern, dass ich in meiner Kindheit oder als Jugendlicher im Gottesdienst ein Schuldbekenntnis gesprochen hätte. Verständliche und ansprechende liturgische Vorlagen sind auch in neueren Gottesdienstbüchern kaum zu finden. Schuld und Sünde, auch wenn das zwei unterschiedliche Dinge sind: darüber wird in evangelikalen Kreisen gesprochen. Befreiende Deutungen und Formen des Christentums, die nicht gelebt und weitergegeben werden, schleifen sich mit der Zeit aus.

Sie sind selbst Vater. Wie haben Sie solche Themen Ihren Kindern weitergegeben?

Indem meine Frau und ich uns zuerst abgestimmt haben, was wir wollen. Ich habe keine Mühe zu beten, zu singen oder Geschichten aus der Kinderbibel vorzulesen. Meiner Frau waren diese expliziten Formen eher fremd. Gemeinsam als Familie haben wir dann immer wieder geschaut, was noch passt und was nicht. Und auch die heranwachsenden Kinder äussern sehr klar, wenn für sie etwas überhaupt nicht mehr stimmt. Aber nur schon, dass man darüber diskutiert, hält Themen präsent.

Wären Sie enttäuscht, wenn Ihre Kinder später nichts von Religion oder Glaube wissen wollten?

Enttäuscht nicht. Aber ja, mir bedeutet der christliche Glaube viel, und wenn meine Kinder aus freien Stücken einen Zugang dazu finden, dann freut mich das. Wichtig ist uns als Eltern, dass sie sich mit den Grundfragen des Lebens auseinandersetzen und sich auch im Christentum auskennen. Ich bin immer wieder überrascht, wie wenig Wissen über Religion und Christentum selbst bei gebildeten Kolleginnen und Kollegen an der Uni vorhanden ist. Dafür sind ihre Vorurteile umso grösser. Meine Frau und ich bemühen uns, unseren Kindern ein Denken zu vermitteln, das über den eigenen Tellerrand hinausreicht. Der Ältere zeigt derzeit wenig Interesse an der Kirche. Aber er engagiert sich politisch und macht sich Gedanken über das Leben und die Zustände auf dieser Welt. Das gefällt mir.

David Plüss, 54, studierte nach einer Bauzeichnerlehre auf dem zweiten Bildungsweg in Basel, Berlin und Paris Theologie. 2001 wurde er mit einer Arbeit über das Messianische bei Emmanuel Lévinas promoviert. Vier Jahre später habilitierte er in Basel mit einer Arbeit über Gottesdienst und Theater. Heute ist er Professor für Homiletik, Liturgik und Kirchentheorie am Institut für Praktische Theologie an der Universität Bern. Seine aktuellen Forschungsschwerpunkte sind unter anderem der reformierte Gottesdienst in Geschichte und Gegenwart, die empirische Religionsforschung und Liturgiedidaktik. Plüss wohnt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Burgdorf. dem